Bedeutenster lebender deutschsprachiger Wissenschaftler Nationalsozialismus?

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Golo-Mommsen, 20. Januar 2020.

  1. Golo-Mommsen

    Golo-Mommsen Neues Mitglied

    Guten Tag,

    bin neu hier und brauche etwas Nachhilfe:
    Wer sind die bedeutesten deutschsprachigen lebenden Historiker, die sich mit dem Nationalsozialismus und dem Dritten Reich wissenschaftlich und publikatorisch auseinandergesetz haben?
    Würde gern etwas von diesen Personen lesen und ev. mit ihnen kommunizieren...es geht um eine ev. neue Theorie.
    Bitte nicht falsch verstehen...bin Humanist und verabscheue die dunkelste Zeit der Weltgeschichte...

    Danke
    Mommsen
     
  2. Golo-Mommsen

    Golo-Mommsen Neues Mitglied

    Eugen Kogon oder Ernst Klee o. a. kann ich nicht mehr kontaktieren...
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein bedeutender Historiker für diese Epoche ist zwangsläufig "deutschsprachig", da seine "Bedeutung" aus der Kenntnis und Nutzung der entsprechenden deutschsprachigen Dokumente herrührt.

    Und zu dem Thema lassen sich problemlos 50 relevante nennen. Nicht zuletzt weil das Thema auch den 2. Weltkrieg umfaßt.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Kommt auf den näheren Gegenstand an. Die Erforschung des Nationalsozialismus ist äußerst facettenreich, da gibt es massenweise Spezialgebiete. Da gibt es Makro- und Mikrogeschichte, Lokalgeschichte, Regionalgeschichte, Verbandsgeschichte, Personengeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte... was in einem Jahr an Literatur zum Nationalsozialismus veröffentlicht wird, ist fast unüberschaubar.
     
    hatl gefällt das.
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Trotz aller Problematik der Auswahl, dennoch ein paar Bücher als "Einstieg" in das Themenfeld NS-Staat.

    Genereller Überblick:
    Evans, Richard J. (2005): Das Dritte Reich. Bd I Aufstieg, Bd II/1 & 2 Diktatur, Bd III Krieg. 3 Bände. München: Dt. Taschenbuch-Verl.
    Kershaw, Ian (1999): Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
    Sösemann, Bernd (Hg.) (2002): Der Nationalsozialismus und die deutsche Gesellschaft. Einführung und Überblick. Stuttgart: Deutsche Verlags Anstalt.

    Ein Klassiker zu dem Thema:
    Neumann, Franz (2004): Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag
     
  6. hatl

    hatl Premiummitglied

    Wie EQ und thane bemerkten, es gibt einen großen Umfang an seriöser Literatur zum Thema.

    Hat jemand Görtemaker (lebend, aber Historikerin ;)) - Hitlers Hofstaat - gelesen?

    Über diese gewalthuldigende Gruppe, von Haupttätern bis hinab zur kleinen Hofschranze,
    die schließlich ihre eigene gemeinsame Lebenslüge im 'Geschichtsverständnis' der Nachkriegsdeutschen verankert?
    Dies im Rahmen einer "Erinnerungsliteratur".
    S. 343ff und 367ff.
     
  7. Golo-Mommsen

    Golo-Mommsen Neues Mitglied

    Der Sösemann und Bethemoth sind bereits als neuere Auflagen erschienen (und kommen als solche noch diese Woche postalisch in mein Heidelberger Büro).
    Vielen Dank für die Anregungen!!!
     
  8. Golo-Mommsen

    Golo-Mommsen Neues Mitglied

    Gibt es eine ISBN oder eine Spezifikation (wie bei #5)?
    Auch danke.
     
  9. hatl

    hatl Premiummitglied

    Görtemaker, Heike B. (2019): Hitlers Hofstaat. Der innere Kreis im Dritten Reich und danach. 1. Auflage. München: C.H.Beck.
    ISBN 978 3 406 735271
     
  10. Golo-Mommsen

    Golo-Mommsen Neues Mitglied

    Ja, vielen Dank!!!
    Soeben bei Amazon :) bestellt (wird ein langer Winter 2020 der Recherche...)
     
  11. Golo-Mommsen

    Golo-Mommsen Neues Mitglied

    Der Sösemann ist sehr sehr gut aber auch grauenvoll (für mich als Newbie der NS-Forschung).
    "Der" Görtemaker ist fast ein Krimi aber auch sehr interessant und informativ.
    An den Bethemoth habe ich mich noch nicht heran gewagt, kommt aber noch...

    Gibt es Abhandlungen im Sinne von "Das präventive Erbe/Geschenk der NS-Zeit an die moderne Gesellschaft" o. ä.?
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Januar 2020
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das Buch von Bavyj hat vermutlich die höhere Reputation. Prinz und Zitelmann wird dagegen eine gewisse "Nähe" zu ihrem Thema zugesprochen.

    Im Kern geht es bei der Frage des Übergangs von monarchisch geprägten Gesellschaften in post-monarchische um die Frage der "Richtungsentscheidung". Diese vollzogen die Gesellschaften auf ihrem Weg in die "Moderne" auf unterschiedliche Art.

    Eine Variante der "Modernisierung" war die "sozialistische Gesellschaft", die sich im "Kriegs-Kommunismus" in ihrer wohl schlimmsten Variante manifestierte.

    Eine andere Form der gesellschaftlichen "Modernisierung" war der Weg von Gesellschaften in den Faschismus.

    Beide Variante waren radikale Antworten, da die evolutionäre Anpassung der Gesellschaften an das politische und wirtschaftliche System nicht geleistet worden ist. Das trifft als Kritik sowohl den Zarismus wie auch das deutsche Kaisertum oder die italienische Monarchie.

    Im Gegensatz dazu erfolgte in manche westlichen Ländern eine evolutionäre Anpassung an die komplexen Bedingungen der Moderne, wie in den skandinavischen Ländern, der USA, GB oder Frankreich

    Im Vergleich dieser beiden Richtungsentscheidungen folgerten eine Reihe von Historikern, dass Deutschland eine "verspätete - demokratische - Nation" sei und im Vergleich zu den westlichen europäischen Staaten einen "Sonderweg" in der Entwicklung vollzogen hat.

    Eine Auffassung, der widersprochen wurde, da es keine "normativen" historischen Vorgaben über "Standardwege" oder "Sonderwege" gibt. Jede Nation hat die Geschichte, die zu ihr paßt. Falsch oder richtig sind keine historischen Kategorien, sondern subjektive normative Vorstellungen. Die durchaus im sozialen Kontext als normativer Wert als "richtig" angesehen werden können.

    Bavaj, Riccardo (2003): Die Ambivalenz der Moderne im Nationalsozialismus. Eine Bilanz der Forschung. München: Oldenbourg.
    Prinz, Michael; Zitelmann, Rainer (Hg.) (1991): Nationalsozialismus und Modernisierung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
     
  13. Golo-Mommsen

    Golo-Mommsen Neues Mitglied

    Vielen Dank! Diese Werke werde ich lesen (soweit es meine Zeit erlaubt...).
    Insgesamt suche ich aber eher/auch nach einem metaphysischen Abriss der Thematik... ("Prävention des Grauens" o. ä)...
     
  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Der wohl bekannteste Versuch sowohl einer philosophischen wie soziologischer Erklärung des NS-System wurde von Horkheimer und Adorno mit der "Dialektik der Aufklärung" vorgelegt.

    Und die Lehre aus der Geschichte:
    Sternhell, Snajder und Asheri zeichnen das Porträt einer fest umrissenen historischen Epoche. Ableiten lässt sich einiges aus ihr. Vor allem wohl dieses: Politik muß nüchtern, ideologisch enthaltsam bleiben. Ihr abstraktes Regelwerk, so langweilig es bisweilen erscheinen mag, eignet sich besser zur Organisation der Massengesellschaft als missionarischer Eifer, messianistische Besessenheit. Dies im Kopf zu behalten, ist wohl die klügste Lehre, die man aus der katastrophalen Geschichte totalitärer Bewegungen ziehen kann.

    https://www.deutschlandfunk.de/die-...on-sorel-zu.700.de.html?dram:article_id=79633

    Sternhell, Zeev; Sznajder, Mario; Ashéri, Maia (1999): The birth of Fascist ideology. From cultural rebellion to political revolution, Princeton, N.J.: Princeton University Press.
     
  15. hatl

    hatl Premiummitglied

    Versteh ich nicht. Was bedeutet "metaphysisch"?
     
  16. Golo-Mommsen

    Golo-Mommsen Neues Mitglied

    Wikipedia (als basaler Einstieg): ...die Beschreibung der Fundamente, Voraussetzungen, Ursachen oder „ersten Begründungen“, der allgemeinsten Strukturen, Gesetzlichkeiten und Prinzipien sowie von Sinn und Zweck der gesamten Realität bzw. allen Seins. Konkret bedeutet dies, dass die klassische Metaphysik „letzte Fragen“ behandelt, beispielsweise: Gibt es einen letzten Sinn, warum die Welt überhaupt existiert?...

    Was waren und sind die "positiven" Wirkungen und Folgen der NS-Zeit?: Eine größtmögliche Warnung an die Menschheit: "So etwas darf niemals wieder geschehen". Das "Opfer" hierfür ist beispiellos in der gesamten Geschichte.
    Die meisten haben es bereits begriffen...aberrante Ausnahmen (mehr als wünschenswert) werden heute vehement und effektiver denn je negiert...
     
  17. Golo-Mommsen

    Golo-Mommsen Neues Mitglied

    Ich will es einmal pragmatisch versuchen:
    Eine Anekdote aus meinem kleinem Leben:
    Vor 20 Jahren versuchte ich, eine attraktive Immobilie in Deutschland zu kaufen. Als ich Druck machte, sagte mir der damals 60-jährige Verkäufer öffentlich ins Gesicht: "Wir wollen doch keine jüdische Hektik aufkommen lassen". Ich zeigte diese Person an, die Justiz verkroch sich, nichts geschah. (Ich kaufte das Haus letztlich nicht...). Heute würde diese Angelegenheit ganz anders ablaufen (was ich aus eigenen Erfahrungen weiß...).
    Ist aber ein banales Beispiel, schlimmeres habe ich zum Glück noch nicht selbst erlebt...
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Januar 2020
  18. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Naja, vielleicht ist die Einordnung der totalitären Regime in die Entwicklung der Modernisierung und ihrer Folgen nicht richtig verstanden worden. Ich sollte meine didaktische Darstellung optimieren. In der Zwischenzeit sind vielleicht die Bücher von Zygmunt Baumann (Modernity and Ambivalence, Modernity and the Holocaust etc.) hilfreich, das "Erbe" des NS-Systems im Kontext der Moderne (vgl. #12) zu verstehen.

    Ebenso scheint die einschneidende Bedeutung der "Dialektik der Aufklärung" für das Projekt der Aufklärung und damit teilweise für die "Moderne" nicht angemessen von mir kommuniziert worden zu sein. Es erfolgte absolut keine Reaktion von "Golo-Mommsen", obwohl ja nach einer "metahphysischen" Einordnugn explizit gefragt wurde. Aus philosophischer bzw. metaphysischer Sicht haben sie - Horkheimer und Adorno - den linearen Fortschrittsglauben der Aufklärung in Frage gestellt, veranlasst durch den Holocaust, und damit die Möglichkeit des philosophischen Anschlusses nachfolgender Sozialphilosophen erschwert, wie Habermas völlig zu Recht konstatiert und kritisiert.

    Und letztlich wird die Arbeit bzw. auch die Schlußfolgerung von "The birth of fascist ideology" nicht gewürdigt. Vermutlich weil "deutschsprachige" Autoren von "Golo-Mommsen" gesucht wurden. Und er schon Evans ignoriert hatte. Sofern Probleme beim Verstehen eines englischen Textes vorhanden sind, können diese hervorragend mit Hilfe von "Deepl" - sehr gutes Übersetzungsprogramm - umgangen werden.

    Und jetzt viel Spass beim Lesen.
     
  19. Golo-Mommsen

    Golo-Mommsen Neues Mitglied

    Liebe(r)? "thanepower", ich bedanke mich ausdrücklich für all die wertvollen Anregungen und Literatur-Empfehlungen, die Du zu diesem Thema erlassen hast!
    Den Evans habe ich keinesfalls ignoriert; dieses Werk steht auf meiner to do-Liste, die englische Sprache ist für mich "no problem" :). Horkheimer, Adorno und Habermas werden auch noch gelesen...ebenso Sternhell, Zeev; Sznajder, Mario; Ashéri, Maia (1999): The birth of Fascist ideology. From cultural rebellion to political revolution, Princeton, N.J.: Princeton University Press. U. a..
    Leider kann ich dieses "Privatvergnügen" täglich erst ab ca. 19:00 Uhr vollziehen (vorher muss ich Kranken helfen und Studierende unterrichten, siehe mein Profil...).
     
    thanepower gefällt das.
  20. Golo-Mommsen

    Golo-Mommsen Neues Mitglied

    Worum es mir hier u. a. geht, hat F. W. Steinmeier in den letzten Tagen relativ gut verbal und non-verbal thematisiert...
    (Th. Heuss war freilich viel früher dabei...)
     

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