Bibel-Aramäisch

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Carena, 1. September 2021.

  1. Carena

    Carena Neues Mitglied

    Kann mir jemand "ich war es nicht" auf Altaramäissch oder aramäiscch übersetzen?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Lâ hawâ.
    Ohne Gewähr.
     
  3. Carena

    Carena Neues Mitglied

    Danke, EL Quijote!
    Kannst Du das etwas erklären?
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Also (לָא, auch lâh לָה) ist 'nein', auf Hebräisch lautet es (לֹא, hier ist das Vokaluzeichen der kaum sichtbare "Punkt" über dem lamed ל, das Vokalzeichen ḥōlem [auch chōlem] = o, beim Aramäischen ist es ein pata[patach], das entspricht einem "langen" a) und auf Arabisch (wobei die Verneinung der Vergangenheit im Arabischen lam mit Apokopat wäre, aber das willst du ja nicht wissen.

    So, es gibt in den semitischen Sprachen i.d.R. drei Radikale, aus denen ein Wort gebildet wird. Manchmal sind es auch nur zwei Radikale (wobei sich dann meist herausstellt, dass es eigentlich geminierte Radikale sind, also zwei aufeinanderfolgende Radikale sind identisch), selten auch vier und noch seltener mehr.
    Bei sein liegen die Radikale HWH oder HJH vor. (W und J sind jeweils als Halbvokale zu lesen, die können sowohl konsonantisch als auch vokalisch gebraucht werden, eben als Gleitlaut [w] bzw [j] oder als langer Vokal [ô/û] oder [î]

    Dann gibt es - ich benutze hier jetzt mal die deutsche Sprechtradition der bibelhebräischen Grammmatik AK- und PK-Formen. Aformative und präformative Formen. Im Arabischen ist das Präformativ i.d.R. die Gegenwartsform (und von dieser werden Futur, Apokopat und Konjunktiv abgeleitet) und das Aformativ die Vergangenheitsform.

    Was heißt präformativ und aformativ? Die grammatischen Morpheme, welche Person (Numerus und Genus) und Zeit angeben werden vorne vor die Radikale vorgestellt bzw. hinten an die Radikale angehängt.

    Im Bibelhebräischen und den anderen altsemitischen Sprachen ist es so, dass man nicht von Vergangenheits und Gegenwartsform spricht, sondern von Perfekt und Imperfekt. Das AK ist Perfekt (also eine abgeschlossene Handlung) und das PK ist das Imperfekt (also eine nicht abgeschlossene Handlung). (Im Neuhebräischen als einer auf dem Althebräischen und europäischen Sprachen basierenden Kunstsprache verwendet man AK und PK nicht mehr.)

    Vergleicht man das mit europäischen Grammatiken, wo wir auch Perfekt und Imperfekt kennen, so ist das letztlich so, dass das Perfekt eine "abgeschlossene Handlung in der Vergangenheit" ist während das Imperfekt eine "unabgeschlossene Handlung in der Vergangenheit ist". Im Deutschen ist diese Unterscheidung nicht mehr so richtig präsent. Ob wir sagen ich ging oder ich bin gegangen macht im Deutschen im Prinzip keinen Unterschied. In romanischen Sprachen schon.
     
  5. Carena

    Carena Neues Mitglied

    Phantastisch, Herzlichen Dank!

    Würdest Du jmdn. für das Hebraicum vorzubreiten?

    Viele Grüße
     
  6. Carena

    Carena Neues Mitglied

  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das kann ich nicht. Die semitischen Sprachen sind bei mir nur Hobby. Ich habe angefangen, Arabisch zu lernen, um Quellen zur andalusischen* Geschichte im Original lesen zu können. Von meinen Arabischkenntnissen ausgehend habe ich mir zunächst autodidaktisch Hebräisch erschlossen und als ich da an meine Grenzen stieß, fachfremd einen Bibelhebräisch-Kurs belegt. Ich bin aber sehr weit entfernt davon irgendeine semitische Sprache so zu meistern, dass ich jemanden ernstlich unterstützen könnte. Stell dir vor, du benötigst einen Sprachnachweis für das Englische (TOEFL, IELTS) und bittest einen Sechstklässler, der gerade ein Jahr Englisch hinter sich hat, dir zu helfen. Das wäre etwa das Niveau, was ich bieten könnte.

    *gemeint ist mehr al-Andalus als Andalucía
     
  8. Carena

    Carena Neues Mitglied

    Ich kann verstehen, wenn Du das nicht möchtest, wegen des Aufwands oder wg. des Gefühls von Verantwortlichkeit, glaube aber dass Du sehr bescheiden bist und viel qualifizierter bist, als Du meinst, selbst wenn Sprachen "nur Hobby" sind, erwirbst Du durch ihr Studium eine beachtliche Kompetenz, vor allem bei Deiner Motivation, und gewinnst irgendwann einen Überblick über das Wesentliche.
    Mich interessiert seit langem das Aramäische Vater Unser.
    Gruss Carena
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Es gibt mehrere Vorschläge zur Rekonstruktion.
     
  10. Carena

    Carena Neues Mitglied

  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Unter ܨܠܘܬܐ ܡܪܢܝܬܐ - ܘܝܩܝܦܕܝܐ
    findest du die Versionen nach Matthäus (ܕܡܬܝ) und Lukas (ܕܠܘܩܐ). Es handelt sich dabei aber natürlich um Übersetzungen aus dem Griechischen. Also: Jesus hat mutmaßlich mindestens einmal oder wahrscheinlich auch mehrfach*, dieses Gebet mutmaßlich auf Aramäisch (oder doch auf Hebräisch?**) gesprochen. Dies wurde von den Evangelisten ca. 40 Jahre nach Jesu Tod auf Griechisch aufgezeichnet und für syrische Christen wieder ins Aramäische übersetzt. Wie alt diese Übersetzungen sind - also wie nah das Aramäische der Übersetzungen am Aramäischen ist, das Jesus sprach - weiß ich nicht.


    *der biblische Narrativ erzählt nur von einem Mal, aber man sollte davon ausgehen, dass die Evangelisten hier zur Vereinfachung ihrer Botschaft chronologisch geglättet haben. Man sollte auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Jesus selbst - wenn die Überlieferung denn an sich historisch ist - "das" Vaterunser in mehreren Varianten vorsprach und die biblisch überlieferten Varianten gewissermaßen eine Zusammenführung der oral überlieferten jesuianischen Varianten sind.
    **Umgangssprache dieser Zeit war im Nahen Osten Aramäisch, das das Hebräische als Alltagssprache verdrängte. Aber als Ritualsprache blieb Hebräisch aktiv. Insofern kann man mutmaßen, dass Jesus evtl. auch das Gebet als dem Bereich der Ritualsprache zugehörig auf Hebräisch gesprochen hat. Gemeinhin wird aber angenommen, dass die Originalsprache des Gebets Aramäisch war.
     

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