Bismarck und Frankreich

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von Lizz, 28. Januar 2006.

  1. Lizz

    Lizz Neues Mitglied

    Hallo!
    Ich hab in einem dieser schlauen Geschichtsbücher gelesen, dass Bismarck zw. 1881 und 1885 halbherzige Annährungsversuche Richtung Frankreich unternommen hätte. Natürlich fehlt es mal wieder an jeder Erklärung! Zwei sachen die ich dazu gern wissen wöllte: 1. Wie passt das in den ewigen Konflikt mit dem Erbfeind Frankreich? Und 2. Was genau soll Bismarck, denn da unternommen haben?
    Danke
    Lizz
     
  2. ponzelar

    ponzelar Neues Mitglied

    leider kann ich dir dazu leider keine wirkliche auskunft geben, nur ein hinweis:

    bismarck dachte sicher nicht in den dumpf/dummen "erbfeind"schablonen. seine nachfolger schon, wie ihre "nibelungen"treue beweist.
     
  3. LeoJogiches

    LeoJogiches Neues Mitglied

    Davon habe ich noch nie gehört. :confused: Bismarcks gesamte Außenpolitik zielte ja darauf hinaus, Frankreich zu isolieren. gelang ihm ja auch. erst durch die aggressive politik wilhelms II. gelang es frankreich sich aus der isolation befreien. das bündnissystem bismarcks zerfiel und die mächte, wie russland und GB näherten sich an frankreich an. (entente cordiale und später tripel entente)

    mfg, leo
     
  4. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    "Rapprochement" mit Frankreich

    Der ehemalige preußische Frankreichbotschafter Bismarck war viel zu schlau als dass dieser in so einfachen Kategorien wie die der "Erbfeindschaft" gedacht und auf dieser seine Aussenpolitik aufgebaut hätte. Freilich hinderte ihn dies nicht, die im Volk gut ankommende Erbfeindschaftsrhetorik anzustimmen, wenn es denn sein musste.

    Bismarck war gegenüber Frankreich viel beweglicher als zum Beispiel Moltke, der eigentlich bei jeder diplomatischen Krise einen "Präventivkrieg" gegen Frankreich forderte. In der "Periode der kontinentalen Hochspannung" (1875-1879) nutzte Bismarck die Krieg-in-Sicht-Krise (1875), um die außenpolitischen Optionen des Reiches auszuloten. Das "Lehrstück für die Zukunft" (Bismarck) endete mit dem Ergebnis, dass die anderen europäischen Großmächte (Engalnd, Rußland, Österreich-Ungarn) eine weitere Schwächung Frankreichs nicht tatenlos hinnehmen werden. Konsequenterweise lehnte Bismarck die angeblich so einfache und im Generalstab und Volk durchaus populäre Lösung eines Präventivkrieges entschieden ab.

    In dem "Jahrfünft verhältnimäßiger Entlastung" (1879-1885/85) unterhielt das Deutsche Reich eigentlich zu allen europäischen Staaten gute bis sehr gute Beziehungen - mit Ausnahme zu Frankreich. Diese Stellung nutzte Bismarck keineswegs zu dessen Demütigung aus, sondern er unternahm den Versuch, dem Geburtsfehler des Reiches, der deutsch-französischen Entfremdung (Annexion von Elsaß-Lothringen 1871), beizukommen und eine Verständigung für die Zukunft zu finden. Die Schmach von Sedan sollte für Frankreich erträglich gestaltet werden. Schließlich sei Waterloo, so Bismarck, den Briten auch vergeben worden.

    Rhetorisch kleidete Bismarck diesen Versuch mit der Idee ein, dem europäischen Gleichgewicht auch das "Gleichgewicht der Meere" im Sinne einer globalen Balance zuzufügen. Im Kern ging es ihm darum, die Franzosen in die europäische "Friedens-Assekuranz" einzufügen. So wie die Österreicher als Gegengewicht zur russischen Weltmacht dienten (Zweibundvertrag, 1879) sollten die Franzosen das Gegengeicht zur britischen Weltmacht halten. London sollte isoliert werden, damit es sicherheitspolitisch vom Reich abhängig würde und nicht umgekehrt das Reich von Großbritannien.

    Als im Februar 1883 Jules Ferry, ein Befürworter französischer Weltpolitik, der sich der Idee vom größeren Frankreich in Übersee verpflichtet fühlte, sein Amt als französischer Ministerpräsident antrat, nutzte Bismarck die Gunst der Gelegenheit für die antibritische Rochade der deutschen Außenpolitik. Er machte an Frankreichs Seite demonstrativ Front gegen England und ging mit Paris eine Kolonialehe ein:
    • Berlin förderte die französischen Bestrebungen, ein koloniales Weltreich zu schaffen, nach Kräften. Die Franzosen sollten durch ihr Kolonialreich von Elsaß-Lothringen abgelenkt werden, sich mit England verhaken und in einen Gegensatz zu England geraten.
    • Zudem trug er den völlig überraschten Briten mit unverbindlicher Barschheit, die bis dahin im deutsch-britischem Verhältnis ungewöhnlich war, seine überseeische Forderungen vor: Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Togo, Kamerun, Kaiser-Wilhelm-Land, Bismarck-Archipel, Salomonen, Marschall-Inseln.
    Ein Höhepunkt dieser Annäherung stellte die Berliner Kongo-Konferenz vom 15.12.1884 bis zum 26.02.1885 dar. Auf dieser Konferenz arbeiteten Paris und Berlin eng zusammen. Großbritannien fand sich in der Tat in einer gar nicht zu übersehenden Bedrängnis wieder: in Afrika wurde es durch Frankreich und in Asien durch Rußland herausgefordert.

    ABER diese Annäherungsversuche hatten auch ihre Grenzen: Bismarck gelang es nicht, Frankreichs Blicke von Elsaß-Lothringen dauerhaft abzulenken. Zu unsicher war die innenpolitische Basis der Regierung von Ministerpräsident Ferry. Schon vor Ferrys Sturtz (30.3.1885) hatte Bismarck begonnen, gegenüber den Briten einzulenken. Bismarcks Interesse an Kolonien erlosch. Seine Erwerbungen wurden nun seiner Politik gar hinderlich.

    Bismarcks Versuch über den afrikanischen Umweg zu einem dauerhaften für Deutschland güstigen Bündnissystem zu gelangen, das alle Großmächte inklusive Frankreich umfasste, war gescheitert. Wie zuvor kam es nun darauf an mit Hilfe überlegener Staatskunst Frankreich zu isolieren und hierzu bedurfte das Reich zumindestens indirekt des englischen Gegengewichts. Haushoch türmten sich nach Ferrys Sturtz in Frankreich die Wellen aus Deutschenhaß und Revanchismus auf, die feindlich gegen Deutschlands Westgrenzen schlugen. Bald darauf kam auch noch im Balkan neue Unruhe auf, die Deutschland an seiner östlichen Flanke bedrohte. Nachdem der Versuch gescheitert war, die deutsche Außenpolitik auf eine verbesserte Grundlage zu stellen, musste das Reich die west-östliche Doppelgefahr mit den bewährten Mitteln der Diplomatie bekämpfen. Sie zu handhaben wurde schwieriger; ihr provisosrischer Charakter stieß auf Kritik; schon bald lehnte mancher Zeitgenosse das "System der Aushilfen" ab.

    Literatur:
    Klaus Hildebrand, Das vergangene Reich, 1995, S. 90 ff.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Januar 2006

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