Bürgerlich in der Spätaufklärung

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von Biedermayer, 27. Mai 2017.

  1. Der "Biedermeier" hat heute keinen guten Ruf mehr: Er wird (in Mitteleuropa) als post-napoleonische Restaurationsepoche betrachtet, in der sich die Bürgerlichen wieder ins Private zurückzogen und die Fürsten die ersten Polizei-Staaten gründen ließen, betrachtet.
    Sie wurde erst durch den Vormärz und endlich die bürgerlichen Revolutionen um 1850 herum abgelöst.

    Doch: Der Biedermeier ist die erste Zeit, von der ich auch nur eine minimale Ahnung über das private Leben der Menschen zu haben glaube. Hatten die Menschen um 1790 oder gar davor kein Privatleben?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Mit dem Rückzug ins Private ist im Grunde die (oberflächliche) Entpolitisierung des Bürgertums gemeint, welches mit den revolutionären Bestrebungen zwischen 1789 und 1815 Hoffnungen verbunden hatte, die es nun enttäuscht sah. Gewissermaßen handelt es sich um eine Form der Resignation. Vgl. auch den Begriff Idiot, der im klass. demokrat. Athen denjenigen Bürger meinte, der sich aus der Politik heraushielt und mit 'Privatmann' zu übersetzen ist.
    Der Rückzug ins Private hat also zunächst einmal nichts damit zu tun, dass es jetzt erstmals so etwas gab wie das, was wir heute als Privatleben bezeichnen. Aber auch das hat sich in dieser Zeit allmählich entwickelt, nur dass wir es hierbei nicht mit einem polit- sondern mit einem sozialhistorischen Phänomen zu tun haben.
    Im Grunde genommen lebten alle, Bürger wie Bauern, in der Vordmoderne unter einem Dach. Man spricht dabei auch vom Ganzen Haus. Herr und Knecht, Frau und Magd, alle lebten unter einem Dach, ob das nun der Bauernhof war oder der Handwerksbetrieb in der Stadt. Eine Trennung von Wohn- und Arbeitsräumen gab es nur bedingt. Das änderte sich mit der Industrialisierung. Mit den Manufakturen und später Fabriken kam es erstmals zu einer strikteren räumlichen Trennung von Arbeits- und Wohnräumen, was eben zur Folge hatte, dass Unternehmer und Angestellte nicht mehr unter einem Dach lebten. Das war ein Prozess, der bereits vor der Biedermeierzeit begonnen hatte, mit dieser aber nicht abgeschlossen war, also letztlich sind der Rückzug ins Private und das Aufkommen des Privatlebens zwar parallel zu sehen aber doch zwei verschiedene Paar Schuh.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die politische Phase des Biedermeier ist durch die Repression von politischen Bewegungen gekennzeichnet gewesen. Das erklärt mehr als ausreichend die kritische Beurteilung der Periode.

    Ansonsten hatten Menschen natürlich auch vor dieser Phase ein "Privatleben". Die Formen des Privatlebens waren allerdings entsprechend der gesellschaftlichen Position sehr unterschiedlich.

    Insgesamt verstärkte die Säkularisierung in Kombination mit der Industrialisierung die Tendenz zur Auflösung von Normen. Die Migration vom Land in die Stadt veränderte die Sozialstruktur der Gesellschaft. Und bewirkte eine Veränderung von Lebensstilen, die auch durch eine zunehmende Auflösung traditioneller sozialer Lebensformen gekennzeichnet waren.

    Auf der einen Seite erhöhte sich der Spielraum für die Ausgestaltung von Normen und somit auch der individuellen Gestaltung der Biographie. Auf der anderen Seite gab es neue Formen von "kollektiven sozialen Lagen", die vor allem zunehmend das anwachsende Proletariat in den Städten betraf. (vgl. z.B. Hegemann, Das steinerne Berlin). Ähnliche Entwicklungen gab es in Paris oder Manchester.

    Eine gute Analyse hat R. Sennett (Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität) vorgelegt, in der er das Verhältnis von "öffentlichem Raum" und der "Privatspäre" beleuchtet hat.

    Und der Trend zu Individualisierung, der im 19. Jahrhundert zunehmend eingesetzt hat, setzte sich im 20. Jahrhundert deutlich fort.

    Und ist ein wichtiger Anknüpfungspunkt für die Erklärung politischer Phänomene wie das Aufkommen totalitärer Bewegungen.
     

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