Churchill und die Hungersnot in Bengalen 1943 - Hintergründe

Dieses Thema im Forum "Indien | Ferner Osten" wurde erstellt von jschmidt, 18. September 2010.

  1. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Threads zu Indien sind hier im Forum - ähnlich wie zu Afrika - auch Mangelware. Ich weiss halt zu wenig über diesen Subkontinent, als dass ich das ändern könnte.

    Immerhin bin ich eben auf ein neues und sensationelles Buch gestoßen, welches sich mit Indien im zweiten Weltkrieg befasst -und zwar auf dem Umweg über eine Rezension"Sensationell" ist das Buch für mich deshalb, weil es behauptet und belegt, dass nicht nur zwei Millionen (!) indische Soldaten seinerzeit in britischen Diensten standen, sondern dass

    • 1943 in einer Hungersnot in Bengalen zwei bis drei Millionen Menschen starben,
    • diese Hungernot z.T. Menschenwerk war und dass es insbesondere Churchill selbst war, der die Hungersnot nicht nur hinnahm, sondern Hilfe für Indien bewusst verhinderte.
    Ich habe mit dem - einschlägig ausgewiesenen [1] - Rezensenten Kontakt aufgenommen, und er bestätigte mir, dass die Erkenntnisse der Autorin Mukerjee zum letzten Punkt tatsächlich neu sind.

    Allein von den Opferzahlen her ist da ja ein ganz ungeheuerlicher Vorgang, und irgendwie will mir nicht in den Kopf, dass das 60 Jahre lang im Verborgenen geblieben ist. Frage in die Runde: Was wisst Ihr über die Situation von damals? Wer hat weiterführende Informationen? [2]


    [1] http://www.geschichtsforum.de/150088-post2.html
    [2] Siehe auch die Semesterarbeit http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/savifadok/frontdoor.php?source_opus=205&la=de S. insb. 12 f.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. September 2010
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  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Da müßte ich mich erst wieder tiefer einlesen. Den Birma-Indien-Komplex hatte ich mal vor ein paar Jahren angelesen.

    Den reinen Mengenbetrachtungen und angeblichen Prioritäten würde ich sehr skeptisch gegenüber stehen, aus folgenden Gründen:

    1. Ostindien war in der Vorkriegszeit zu einem erheblichen Teil auf birmesische Reiszufuhr angewiesen. Neben der Versorgungsquelle, die 1942 entfiel, ist der belastete Versorgungsweg wichtig: Küstenschifffahrt und Eisenbahnen Birma-Ostindien (beides entfiel im Verlauf 1942)

    2. Das Jahr 1943 sah eine Transportkrise im ostindischen Bereich, da die
    a) Eisenbahnkapazitäten nach Ostindien
    b) die Schiffskapazitäten und Fährenkapazitäten am Brahmaputra
    über Belastungsgrenze beansprucht waren. Das führte auch dazu, dass die militärisch für die Front angeforderten Mengen nicht geliefert werden konnten.

    3. Die indische Kriegsgesellschaft befand sich im Spätsommer 1943 an der Belastungsgrenze, industriell teilweise vor dem Kollaps. Das Land hatte zuvor rd. 10% des Lokkapazitäten und 15% des Waggonmaterials an die Kriegsschauplätze abgegeben. Auch die Schiffskapazitäten waren erschöpft bzw. schon in Friedenszeiten am Limit.

    4. Im Spätsommer 1943 griff aufgrund des sichtbar bevorstehenden/erwarteten Transportkollapses massenhaft und regional in den noch versorgten Gebieten das Bunkern von Vorräten um sich (Hamsterverhalten). Bzgl. Ostindien wurde eine militärische Abteilung eingesetzt, um das mit Repressalien und militärischer Macht zu brechen, da es die transportbedingten Engpässe noch verschärfte.

    5. Auf die geschilderten Engpässe traf zusätzlich die erhöhte militärische "Nachfrage" nach Transportkapazität an die birmesisch-indische Front. Das verstärkte die Überlastungen.

    6. Aus Birma war 1942 eine Flüchtlingswelle von mehreren Millionen Menschen nach Ostindien erfolgt, die bereits "en passent" fast eine Million Tote verursachte (auf den Wegen, Hunger+Unterversorgung in den Camps). Die teilweise in Friedenszeiten schon unterversorgten Bevölkerungsteile stiegen nochmals an.

    Wenn das Buch nicht auf diese Problemkreise eingeht, sind die Schlußfolgerungen höchst angreifbar, weil die Darstellung des Kontext selektiv vorgenommen worden wäre (potentielle Mengen, Lieferprioritäten).

    Man könnte es auf folgenden Punkt bringen: selbst wenn die Mengen in Auslieferungshäfen und in anderen indischen Regionen verfügbar gestanden hätten, wäre zweifelhaft, wie diese hätten transportiert werden sollten. Das durch Getreidetransporte nach Ostinidien etwa die Fronttransporte beschränkt worden wären, was bei der Versorgungskrise 1943 an der "indischen Haustür" auch den Zusammenbruch der Front nach sich ziehen konnte, kann ich mir nicht ernsthaft vorstellen.
     
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  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Woodburn Kirby, The War against Japan 1939/45, Band III, listet in Anlage 24 einen Report des Transport-Kommitttes im Spätsommer 1943 auf. Das festgestellte Jahres-Defizit bei den Transportmengen betrug etwa 6210 Mio. Meilen-Tonnen.

    Dafür gab es mehrere Gründe:

    1. die Priorität von Kohlentransporten, durch den Ausfall eines großen Teiles der Küstenschifffahrt bzw. Mangel an Schiffsmaterial
    2. Das Flugplatz-Ausbauprogramm (für die Front an der indischen Grenze sowie die Aufstockung der Luftversortgung für China), "immense tonnages of construction material"
    3. die Belegung durch das Öl-pipeline Entwicklungsprogramm, und die Belegung mit der Strecken "tank waggons"
    4. die Belegung mit Militärzügen
    5. den Aufbau zahlreicher großer Depots im Hinterland der Front

    und besonders erwähnt:
    6. "Food shortages: the incidence of food shortages in many parts of India, and actual famine conditions in certain areas in Eastern and Southern India, had forced a reorientation of food distribution throughout the country. Large tonnages of essential foodstuffs had to be carried from surplus to deficit areas, which often involved hauls over 1000 miles and cross-running of different types of staple foods".

    Das Bahn- und Straßensystem wird als inadäquat für diese Beanspruchungen beschrieben. Die Küstenschifffahrt war 1943 außerdem auf 150.000 Monatstonnen eingebrochen (Vorkrieg: ca. 300.000 Monatstonnen), wobei nunmehr ein Teil der Resttonnage außerdem mit militärischen Frachten belegt war.


    Konsequenzen: Das Kommittee forderte die zusätzliche Bereitsstellung von 310 Breitspur- sowie 70 Meterspur-Lokomotiven mit zusätzlich 18.000 Breitspur- und 4000 Meterspur-Waggons, um den Transport-Engpaß aufzulösen. Unter Berücksichtigung von Reperaturen und steigender Fracht bis 1944/45 beträgt die zusätzliche Anforderung:
    996 Breitspur-Lokomotiven mit 32.600 Waggons
    258 Meterspur-Lokomotiven mit 6.520 Waggons

    Probleme "am Rande": im Juli 1943 wurden sämtliche Bahnlinien-Verbindungen mit Anschluß an Calcutta (das war der Haupthafen für Bengalen/Arakan/Versorgung China) durch die Überflutung des Damodar unterbrochen. Die gesamten Assam-Verbindungslinien wurden damit auf 3.400 Tagestonnen zivil und militärisch reduziert. "Full traffic could not be restored till December 1943". Aus dem Grund mußte zB auch der Fronttransport der 5. und 7. Indischen Division sowie der 81. Westafrikanischen Division, die bis Jahresende in Arakan konzentriert werden sollten, auf die Küstenschiffahrt umgelegt werden. Der Kohlenmangel aufgrund der Streckenunterbrechungen führte dazu, dass Kohlenladungen für Indien aus Südafrika angefordert wurden. Das Frontdefizit an Transportladung betrug im August allein 128.000 Tonnen, dementsprechend wird der Zustand der übrigen Versorgung schlecht ausgesehen haben.


    Ergo:
    - gewaltige zusätzliche Belastungen durch militärische Transporte auf Bahn und Wasser
    - Zusammenbruch des innerindischen Transportsystem zum Ausgleich der Überschuß- und Defizitgebiete, was nicht einmal mehr den Ausgleich an Überschüssen im Lande gestattete, geschweige denn die Bewältigung von außen zugeführte zusätzlicher Tonnage
    - Flutschäden im Sommer 1943 auf den West-Ost-Verbindungsstrecken und Unterbrechung der abfließenden Tonnage aus dem Haupthafen Calcutta


    1941 umfaßte die Indische Armee insgesamt 900.000 Mann, wovon unmittelbar 300.000 in den Nordafrika, Mittleren Osten inkl Irak, Malaya verschickt waren. Ein Kontingent von 150.000 stand an der Nordwestgrenze, rd. 300.000 befanden sich in Rekrutenausbildung, der Rest war in Indien verteilt.

    Bis 1945 wurde die Armee auf 2,67 Mio. Mann aufgestockt.

    Die Angaben sind den HMSO-Publikationen 1957-1960 entnommen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. September 2010
  4. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Ich habe leider nicht mehr die leiseste Ahnung wo ich es gelesen habe, erinnere mich aber wage an einen Artikel, der die wiederholten Hungersnöte in Indien unter britischer Herrschaft behandelte. Das bemerkenswerte war dabei, dass vor der britischen Eroberung die Landwirtschaft im Indischen Subkontinent von europäischen Zeitzeugen als sehr effizient gepriesen (vor allem die hoch entwickelten Bewässerungssyteme) und gerade die Abwesenheit von Hungersnöten verzeichnet wurde und auch dass relativ kurze Zeit nach dem Abzug der Briten keine so katastrophalen Ereignisse mehr eintraten.

    Es kann sein, dass dieser Artikel im Geiste des Antikolonialismus geschrieben wurde, fakt ist jedoch, dass die britische Kolonialherrschaft keineswegs so ein großer Segen war wie so häufig bis heute dargestellt.
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Nahrungsmittelimporte für Indien 1933-39 waren absolut vernachlässigbar. Die Bevölkerungsschätzungen bewegten sich zwischen 1911 auf 303 Mio. und 1947 mit 414 Mio. (Indien 342 und Pakistan 72 Mio.).

    Die Nahrungserzeugung im Land war ungleichmäßig verteilt, Hunger somit auch eine Transportfrage. Für einzelne Jahre ist der Monsunverlauf prägend (Überschwemmungen), egal wie hochentwickelt die Technik ist.

    Das Eisenbahnnetz 1933/39 sowie die beförderte Tonnage hatte quantitativ etwa das Niveau von Kanada, mit 12 Mio. Einwohnern.
     
  6. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Diese Landwirtschaft war ja auch die Basis für Indiens Reichtum und einige Jahrtausende Hochkultur.

    Da haben die Beobachter eben gerade gute Jahre erwischt - d.h. die Abwesenheit von Hungersnöten war wohl eher Zufall.

    Grundsätzlich hat ja selbst die bestorganisierte Landwirtschaft Produktionsschwankungen. Und wenn es mal schlecht läuft (zuviel oder zuwenig Regen, Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Schädlingsbefall), dann kommt es in vor-industriellen Gesellschaften regional eigentlich immer zu Hungernöten - weil die Bevölkerungsanzahl sich nach den guten Jahren richtet und die Möglichkeiten tendenziell voll ausnutzt.

    Wobei diese Hungersnöte eben meist nur regional waren, hundert Kilometer weiter kann es schon ganz normale Ernten oder Überschüsse geben.

    Der Schlüssel zur Vermeidung von Hungersnöten liegt also in der Transportkapazität, um diese regionalen Defizite rechtzeitig auszugleichen. Und da kann man davon ausgehen, daß VOR der Einführung der Eisenbahn durch die Briten in Indien die Transportmittel in der Regel nicht ausreichten, um Hungersnöte zu verhindern - das war ja in Europa genauso.

    Ich weiß nicht, wo es solche Darstellungen heute gibt (eigentlich lese ich immer nur gegenteilige ...).
    Aber die Eisenbahn wird man schon als positives Erbe der Kolonialzeit betrachten können.
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  9. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Medial taucht immer wieder ein ungenaues, Churchill zugeschriebenes Zitat zur Hungersnot in Bengalen auf.
    Churchill Aussage ist, dass die Hungersnot egal sei, da sich die Inder "wie Kaninchen vermehren" würden (breede / bredding like rabbits).


    Kennt irgendwer die Herkunft und den Kontext dieses fragmentierten Zitats?
    (Dass es polemisch und rassistisch ist, weiß ich schon.)
     
  10. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Um zu wiederholen, ist es für den Vorwurf "schwerster Verbrechen", "Preis bezahlen", oder gar einen Stalin-Churchill-Vergleich in Bezug auf das Bengal famine einzig relevant, ob Kausalketten von der Hungersnot eine vorsätzliche oder mindestens mal fahrlässige Führungs-Verantwortung belegen.

    Wenn das nicht der Fall ist, liegen solche Aussagen außerhalb jeder sachlichen oder ernsthaften Debatte.

    Im Rahmen der Diskussion muss die ICS ein solches Zitat in der scharfen Diskussion um Mukerjees Aussagen nicht bestreiten. Ebenso wie weitere Amery-Zitate von Churchill, etwa "I hate Indians, beasty people with beastly religion"

    Im Kontext von Amery sind die Kontroversen betreffend Indien zwar interessant, aber ebenso wenig relevant wie dieses:
    Der Mann hatte außerdem keinen Zugang zu den inneren Zirkeln, bei denen die brisanten Planungen und Engpässe ausgetauscht, diskutiert und entschieden wurden. Von der detaillierten Großlage der Alliierten und Ressourcenkämpfen hatte der keine Kenntnis, nur Ahnungen. Er gehörte aber den Gruppen an, denen die indischen Entwicklungen höchst relevant und nicht für das Empire gleichgültig waren. *

    Umso frustrierter wird gewesen sein, als die Ressourcenverteilungen nichts hergaben, und die Verhältnisse eskalierten, absehbar in die Hungerkatastrophen liefen. In seiner Blase war halt Churchill schuld, und ein Idiot.

    Parallel ist auch das Schicksal seines Sohnes nicht uninteressant, wenn auch hier ebenfalls irrelevant. Der verlas munter über Radio deutsche Propaganda in Großbritannien, gehörte dem britischen Freikorps an, war Faschist und versuchte, britische Kriegsgefangene ebenfalls zu überzeugen. Im November 1945 wurde er wegen Hochverrats gehängt.

    Aber das Stichwort Propaganda: da sind Intelligence-Berichte zu den Streiks, dem Chaos und der Hungerkatastrophe interessant. Dass nämlich die Anfang 1943 scharf begrenzten Ressourcen (auch Schiffskapazitäten) in der Katastrophe wieder hochgefahren wurden, lag auch an Lageanalysen über Achsenpropaganda, die sich das zu Nutze machte. Man verschob Prioritäten, lieferte Nahrungsmittel (noch wichtiger: Dünger in Mengen), und kürzte Transportraum zB für die SU-Versorgungs-Linien, Mittelmeer, Invasionsvorbereitungen.

    Dass und viel mehr sind natürlich alles Details, die "Geschichtchen" auf Basis von Zitate-Sammlungen nicht interessieren.

    * Amery im Oktober 1943:

    INDIA (FOOD SITUATION) (Hansard, 12 October 1943)

    zum Beispiel

    The Secretary of State for India (Mr. Amery) With the permission of the House, I should like with reference to this Question to make a further short statement on the food position in India, especially in Bengal. The House will naturally be concerned, first and foremost, with our own responsibilities in this anxious situation.
    At the beginning of the year His Majesty's Government provided the necessary shipping for substantial imports of grain to India in order to meet prospects of serious shortage which were subsequently relieved by an excellent spring harvest in Northern India. Since the recrudescence of the shortage in an acute form we have made every effort to provide shipping, and considerable quantities of food grains are now arriving or are due to arrive before the end of the year. We have also been able to help in the supply of milk food for children. The problem so far as help from here is concerned is entirely one of shipping, and has to be judged in the light of all the other urgent needs of the United Nations.

    The Central Government of India have been actively concerned from the first signs of possible dangers to the food situation. As far back as April, 1942, it inaugurated a "Grow More Food" campaign, which brought 8,000,000 new acres under food crops last year and will bring 12,000,000 this year.

    713 In a situation in which the difficulty was mainly, though not entirely, one of distribution, their efforts have been primarily directed to securing grain from surplus areas to meet the needs of the areas in deficit. In the six months since last April—against a normal annual net intake of 330,000 tonsa total of 375,000 tons of rice or other food grain has thus been delivered on Government account to Bengal by rail or coastal shipping from other Provinces. During September deliveries were 72,000 tons.
     
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  12. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Amery war zur der Zeit als "Secretary of State for India and Birma" Minister der Britischen Regierung. Dass er schlecht informiert gewesen sein soll, kann ich mir daher nicht so recht vorstellen.

    Problematischer erscheint mir, dass Amery als der für die Region zuständiger Minister selbst dafür verantwortlich gemacht werden könnte und seine Verhitlerung Churchills daher auch eine Schutzbehauptung sein könnte.Grund zur Sorge für Fehlentscheidungen in Indien verantwortlich gemacht zu werden, bestanden jedenfalls. Immerhin waren Demokratie und Rechtsstaat innerhalb Großbrittaniens schon so weit entwickelt, dass bereits 1944 eine Untersuchungskommision für Hungersnot in Bengalen eingerichtet wurde.

    Aus der von Amery überlieferten Melthusianische Kaninchen-Metapher lassen sich keine Kausalketten zu Schuld und Verantwortung ableiten. Trotzdem verdeutlicht es Churchills Sicht auf die Ereignisse. Im Kontext anderer grob rassistischer Äußerungen Churchills fällt es ansonsten auch nicht weiter auf.
     
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Mein Zitat oben bezieht sich - wie einfach nachzulesen - nicht darauf, ob Amery Kenntnisse der indischen Verhältnisse hatte oder allgemein "schlecht informiert" war.

    Es wäre daher nett, Zitate nicht zu verbiegen.

    Es ging darum, dass Amery keine Kenntnisse von den Ressourcenkonkurenzen der Gesamtlage und den Kapazitäten hatte.
    Etwas Anlesen von Literatur zum Thema ist hier nützlich:

    Er mokiert sich im Tagebuch über die abweisende Bemerkung "impractible" in der Lagebesprechung, auf die nach den Zusagen im Oktober/November hinaus weiter erhöhten Forderungen nach zusätzlichen Lieferungen und Transportkapazitäten.
     
  14. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Was ist dann aber nun die Erkenntnis daraus? Das Churchill Schoten losließ, die man so heute nicht mehr gutheißen könnte und dass er rassistische und imperialistische Implikationen hatte, hat doch nie jemand bestritten?
    Das ist bei jemandem, der letztlich noch ein Kind der victorianischen Zeit war und seine politische Karriere in den Reihen der Konservativen und der Rechtsliberalen absolvierte, auch nicht anders zu erwarten, wenn man bedenkt, dass die damit verbundenen Gesellschaftsmodelle außerhalb der äußersten Linken vor dem 1. Weltkrieg auch kaum infrage gestellt wurden.

    Inwiefern wirkte sich diese Geisteshaltung aber explizit in unnötiger Weise auf die Verschärfung der Zustände vor Ort aus?
     
  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Auf die Kausalkette bin ich ebenfalls sehr gespannt. Bislang Fehlanzeige.

    Der Beitrag auf der documenta14 war sich jedenfalls sicher:

    Während "indische Panzerdivisionen" das Mittelmeer "sicherten", Indien "schutzlos Japan ausgeliefert war", soll Churchill den perfiden Plan verfolgt haben, durch Aushungerung für Zerrüttung zu sorgen, um das geschwächte Nachkriegsindien dem Empire einzubetonieren.
    So viele Hunger: Die Hungersnot in Bengalen, 1943–1944

    Interessant daran ist, wie faktenfern zum Weltkriegsgeschehen nach 80 Jahren "Geschichten" funktionieren.
     
  16. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Da würde mich wirklich interessieren, wie man auf solche Gedanken kommt, zumal wenn man sich die einzelnen Regionen Indiens und ihre Geschichte mal ein Stück weit anschaut.
    Die betroffene Region Bengalen war ja nun eine, in der die britische Herrschaft mit am längsten bestand, die entsprechend weit in die britischen Herrschaftsstrukturen eingebunden war, relativ verkehrsgünstig lag und oebendrein durch die religiös gespaltene Bevölkerung keinen logischen für die indische Nationalbewegung abgeben konnte.
     
  17. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Auch Amery war nur ein Kind seiner Zeit, ungefähr ein Jahr älter als Churchill, hat im gleichen politischen Lager Karriere gemacht usw., trotzdem gelang es Amery sich schon damals über Churchills Hasskommentar zu empören.

    Tatsächlich gab es im 2. Weltkrieg indische Panzerdivisionen, die das Mittelmeer sicherten. Was haben die indischen Panzer denn sonst im Libanon gemacht?
    zum Beispiel: 31st Indian Armoured Division
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Juni 2020
  18. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Über den Hasskommentar. Aber auch über das dahinterstehende Weltbild?
    Inwieweit war denn Amerys Weltbild ein Antikoloniales und Egalitaristisches? Ich würde mal meinen, wenn es das gewesen wäre, hätte er in der politischen Partei, der er angehörte nichts zu suchen gehabt.

    Was also haben wir? Wir haben einen Churchill, der einige menschenverachtende Kommentare von sich gab und einen konservativen Secretary of Staate für Burma und Indien, der sich über jene Kommentare echauffierte, wobei dann fraglich ist, welcher Teil der Empörung dem Postulat und welcher dem Postulierenden galt und inwiefern er auch einfach die Unkenntnis der Lage wiedergibt, weil mit den indischen Problemen vertraut, aber nicht mit den Details der interalliierten militärischen Operationen und Kapazitäten, was möglicherweise denn auch zu einem Fehlschluss von besagten unsäglichen Kommentaren auf die reale Lage vor Ort geführt haben mag.

    Ich will hier Chruchills Ausfälle sicherlich nicht in Schutz nehmen. Ich sage nur, dass solche Denkungs- und Redensarten für einen Politiker seiner Generation und Sozialisation (leider) für sich genommen nicht ungewöhnlich waren, wie auch, dass solche Ausfälle sicherlich in die Kategorie "widerlich" gehören, aber widerliche Äußerungen eben kein Beleg für Kausalitäten im Hinblick auf schwerste Verbrechen darstellen.

    Entsprechend verstehe ich nicht so ganz, was du mir nun mit dem Verweis auf Amery sagen möchtest. Ich habe nirgendwo behauptet, dass der von Churchill angeschlagene Tonfall von jedem aus seiner Generation und Partei für angemessen empfunden werden musste.
    Ich habe lediglich geschrieben, dass es für jemanden aus dieser Generation und politischen Richtung keineswegs ungewöhnlich war, rassistische oder imperailistische Implikationen zu haben.
    Mindestens letztere hatte Amery ebenfalls oder warum lässte man sich noch gleich im Namen seiner Majestät und des Parlaments mit der Wahrnehmung und Verwaltung der britischen Interessen in Burma und Indien betrauen, wenn man die imperiale Herrschaft Großbritanniens und das damit einhergehende Modell der "mission civilisatrice" auf latent rassistischer Grundlage basierend ablehnt?

    Das Amery, ohne Kenntnis der militärischen Gesamtlage, wie @silesia das rausgestellt hat und die indischen Angelegenheit vor Augen sich darüber empörte, weil er möglicherweise annahm, dass mehr Hilfe möglich gewesen sei, diese aus politischen Gründen jedoch blockiert wurde, halte ich für durchaus wahrscheinlich.
    Das aber sagt doch nichts über die tatsächlichen Möglichkeiten aus, die der britischen Regierung noch zur Verfügung standen.
     
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  19. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Grundsätzlich existieren drei völlig völlig unterschiedliche Ansätze zur Erklärung von Hungersnöten, vgl. BPB Christan Gerlach: Hunger in der Geschichte des 20. Jahrhunderts.
    Es kommt ganz darauf aus welchem Blickwinkel man die Hungersnot in Bengalen betrachtet.

    Konventionell werden Hungersnöte in erster Linie durch die Knappheit von Nahrungsmitteln erklärt, alternativ auch durch Überbevölkerung. Sie wären demnach unvermeidbare Katastophen.

    Nach Amartya Sen ist die Ursache für die Hungersnot immer Armut, d.h. ein Verteilungsproblem. (Beachtenswert ist sicherlich noch, dass die Hungersnot in Bengalen die wesentliche Grundlage für Sens Theorie ist.)

    Eine Perspektive die jedoch jede Hungerkatasprohe als politischen Verbrechen deutet, hat einen ganz entscheidenden Knackpunkt: "Freilich sitzen die Vertreter der These von den "Hungersnöten neuen Typs" der Fiktion auf, dass politische Akteure namentlich aus den Industriestaaten heutzutage soziale Vorgänge global beherrschen könnten."
    Das ist auch ein wesentliches Problem bei der Betrachtung der Hungesnot in Bengalen. Weder Churchill noch Amery waren dazu in der Lage die Vorgänge in Bengalen wirklich im Detail zu beherrschen.
     
  20. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Eine andere Frage ist, inwiefern man bei Britisch-Indien denn auch von einem industriellen Hintergrund sprechen kann?
    Meiner Ansicht nach. wäre die Hungersnot in Bengalen eigentlich eher den Agrarkriesen vorinstustrieller Gesellschaften gleichzusetzen, weil die Mangelerscheinungen nur in Teilen des Subkontinents, d.h. des politisch unmittelbar miteinender verknüpften Raums auftraten und somit das Problem in Transport und Distribution zu suchen ist.

    Ein, für die Einordnung von Hungerkrisen entscheidendes Kriterium müsste also das Vorhandensein nutzbarer Verkehrsinfrastruktur sein, mit denen die Ungleichgewichte zwischen Überschuss- und Defizitgebieten auszugleichen kann.

    - Eisenbahnsystem
    Im Hinblick auf das Eisenbahnsystem deutet sich durch die schnelle Einnahme weiter Teile Birmas im Frühjahr 1942 durch die Japaner an, dass die bis dato im ostindisch-birmesischen Raum stehenden britischen Truppen zur Abwehr eines Japanischen Ausgreifens nach Indien inadäquat waren und aufgestockt werden mussten, mit allen Konsequenzen für das Eisenbahnsystem.
    Das zu unterlassen hätte bedeutet einen japanischen Einfall nach Ostindien und den Verlust der Verbindungslinien nach Yunnan auf's Spiel zu setzen, hätte also die Möglichkeiten des chinesischen Widerstands geschwächt, im gleichen Maße Japan gestärkt und ob es der bengalischen Bevölkerung unter japanischer Fuchtel besser ergangen wäre, wird man durch die gleiche Problemstellung auf der einen und auch die japanische Behandlung der Zivilbevölkerung in den eroberten Gebieten Ost- und Südostasiens, wohl bezweifeln dürfen.

    - Seewege
    Durch die japanische Einnahme Singapurs, der malayischen Halbinsel, weiter Teile Niederländisch-Ostindiens und den faktischen Übergang Siams/Thailands in die japanische Einflussphäre, so wie dem japanischen Festsetzen in Birma, waren die japanischen Seestreitkräfte effektiv aus dem Golf von Bengalen nicht mehr heraus zu halten.
    Bengalen direkt anzulaufen und damit das Eisenbahnproblem zu umgehen, setzte demnach die Möglichkeit vorraus die Transporte militärisch zu sichern.
    Demnach waren die Kapazitäten dann nicht nur durch den verfügbaren zivilen Schiffsraum limitiert, sondern auch durch die militärischen Kapazitäten um einen einigermaßen effektiven Schutz tatsächlich gewährleisten zu können.

    Die wiederrum wären nur dann aufzustocken gewesen, wenn man sie aus anderen maritimen Einsatzgebieten abgezogen hätte, sprich vom Atlantik, aus der Nordsee-Ärmelkanal oder aus dem Mittelmeer.
    Ein Abzug aus Nordsee-Ärmelkanal oder Atlantik hätte die inzwischen durch stetig größer werdende US-Amerikanische Verbände ohnehin strapazierte Versorgung Großbritanniens gefährdet, ein Abzug der Marineverbände aus dem Mittelmeer bis Mai 1943 hätte die Versorgung des eigenen Vorstoßes gegen die Deutsch-Italienischen Verbände in Nordafrika gefährdet, zudem hätte ein weitgehender Abzug der Seestreitkräfte der Regia Marina wohl ermöglicht mindestens ansehnliche Teilkontingente der Achsen-Truppen aus Afrika zu evakuieren, was eine Invasion in Süditalien und Sizilien sicherlich nicht erleichtert hätte, mit möglichen Konsequenzen für den weiteren Kriegsverlauf und mit möglichen Konsequenzen für die weitere interalliierte Zusammenarbeit mit der Sowjetunion, da Stalin in Sachen zweiter Front ja bekanntlich bereits mit den Hufen scharrte.
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    Wenn wir jetzt also davon ausgehen, dass:

    - Das Eisenbahnsystem auf dem indischen Subkontinent für die Notwendigkeiten eines modernen Krieges ohnehin inadäquat war.
    - Der Wegfall der Versorgungsmöglichkeiten Bengalens von Osten her, aus Birma heraus, so wie Zustrom birmesischer Flüchtlinge, die vor den Japanern Reißaus nahmen, für zusätzliche Anspannung der Situation sorgten
    - In den Jahren 1942-1943 kein Missbrauch der verfügbaren Transportkapazitäten zu, an der Kriegslage gemessen, völlig unnötigen Zwecken, im großen Stil, betrieben wurde.

    dann würde ich meinen, dass man hier dem Zustand einer vorindustriellen Agrarkrise sehr nahe kommt, da:

    - Die kriegsbedingte Bindung von Ressourcen des Transportsystems im Hinblick auf den regionalen Ausgleich von Lebensmittelüberschüssen und -defiziten, den selben effekt haben musste, als wenn es dort überhaupt keine adäquate Infrastruktur gegeben hätte.
    - Der Zustrom von Flüchtlingen auf der einen und der Zustrom von militärischem Personal auf der anderen Seite in die Region, sofern letzteres im Bezug auf Nahrungsmittel die Transportkapazitäten im Hinblick auf Ferntransporte überlasstete und Lebensmittel demnach regional bezogen werden mussten um die Schienen für nicht regional produzierbare Kriegsgüter offen zu halten, ganz genau den gleichen Effekt haben musste, wie ein mehr oder weniger sprunghafter Anstieg der Bevölkerung im Rahmen der Systematik vormoderner Agrarkrisen (Malthusianische Falle).
     

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