Das gescheiterte Niederwald-Attentat von 1883

Cranzahler

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Im Schatten der Germania: Das geschDas gescheiterte Niederwald-Attentat von 1883eiterte Niederwald-Attentat von 1883
Am 28. September 1883 versammelte sich die politische und militärische Elite des Deutschen Kaiserreichs oberhalb von Rüdesheim am Rhein. Anlass war die feierliche Einweihung des Niederwalddenkmals, eines monumentalen Symbols der deutschen Reichseinigung nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Inmitten der dicht gedrängten Festmenge befanden sich Kaiser Wilhelm I., Kronprinz Friedrich Wilhelm, Reichskanzler Otto von Bismarck sowie zahlreiche Bundesfürsten. Was die Festgesellschaft und die jubelnden Zuschauer nicht ahnten: In der Straßenentwässerung direkt unter dem Prozessionsweg lag ein brisanter Sprengsatz verborgen.
Die Frankfurter bzw. Elberfelder Anarchisten August Reinsdorf, Emil Küchler und Max Rupsch hatten den Plan gefasst, die gesamte Reichsleitung auf einen Schlag zu vernichten. Reinsdorf, der geistige Kopf der Gruppe, sah in der feierlichen Enthüllung die Gelegenheit für einen verheerenden Anschlag, der als Fanal für einen allgemeinen Umsturz dienen sollte.
Der Sprengsatz bestand aus rund zwei bis drei Kilogramm Dynamit. Küchler und Rupsch hatten die Masse am Vorabend der Festlichkeiten in zwei einfache Gefäße – eine große Glasflasche und eine Steinkruke – gefüllt und tief in das Rohr der Entwässerungsdrainage geschoben. Die Ausführung scheiterte jedoch an einer verhängnisvollen Einsparung: Aus Geldmangel hatte Küchler auf die teurere, wasserfeste Kautschuk-Zündschnur verzichtet und stattdessen eine gewöhnliche, geteerte Hanfschnur erworben. Das anhaltende Regenwetter und das durch das Drainagerohr fließende Wasser durchweichten die Schnur vollständig. Als Rupsch die Zündschnur ansteckte, erlosch der Funke nach wenigen Zentimetern. Der Kaiser und sein Gefolge passierten die Stelle völlig unbeschadet.
Das Komplott flog erst Monate später durch die polizeilichen Ermittlungen nach einem weiteren Sprengstoffanschlag in Elberfeld auf. Im Dezember 1884 wurden Reinsdorf, Küchler und Rupsch vom Reichsgericht in Leipzig wegen Hochverrat zum Tode verurteilt. Reinsdorf und Küchler wurden im Februar 1885 in Halle an der Saale hingerichtet, während Rupsch von Kaiser Wilhelm I. zu lebenslanger Zuchthausstrafe begnadigt wurde, wo er 1918 starb.
- Das Niederwalddenkmal: Triumphgeste und Nationalheiligtum am Rhein
Das Niederwalddenkmal zählt zu den gewaltigsten Werken der Regierungszeit Wilhelms I. Der Beschluss zum Bau erging bereits im Herbst 1871, um die Schaffung des Deutschen Reiches und den Sieg über Frankreich dauerhaft im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Nach einem mehrstufigen Wettbewerb setzte sich der Entwurf des Bildhauers Johannes Schilling durch, während die architektonische Ausführung in den Händen von Karl Weißbach lag. Die Bauarbeiten erstreckten sich über sechs Jahre von 1877 bis 1883 und verschlangen erhebliche finanzielle Mittel, die weitgehend durch nationale Spendenaufrufe aufgebracht wurden.
Das insgesamt 38 Meter hohe Monument wird von der über zwölf Meter hohen Bronzefigur der Germania dominiert. Mit der erhobenen Kaiserkrone in der Rechten und dem gesenkten, umkränzten Reichsschwert in der Linken, blickt sie gen Westen über den Rhein – eine symbolische Wacht an der Reichsgrenze gegen den Gegner der letzten Jahrhunderte. Der mächtige Sockel ist reich mit Reliefs und Inschriften versehen. Das Hauptrelief zeigt Kaiser Wilhelm I. hoch zu Ross, umgeben von Truppenführern, Fürsten und Soldaten aller deutschen Kontingente, was die neugewonnene nationale Einheit unter preußischer Führung verbildlichen sollte. Darunter prangt der vollständige Text des populären Patriotismus-Liedes „Die Wacht am Rhein“.
Schilling schuf mit diesem Ensemble ein Bildprogramm, das die sakrale Überhöhung des Staates mit monarchischer Legitimation verband und das Areal binnen kurzer Zeit zu einem zentralen Wallfahrtsort des deutschen Nationalismus machte.
- Die Anarchisten und das gesellschaftliche Klima der 1880er Jahre
Das Attentat vom Niederwald war kein einzelner Akt, sondern das Ergebnis einer von tiefen sozialen Verwerfungen und politischer Repression geprägten Epoche. Seit Ende der 1870er Jahre beherrschte das sogenannte Sozialistengesetz die innenpolitische Landschaft des Kaiserreichs. Das von Bismarck initiierte Gesetz verbot alle sozialdemokratischen, sozialistischen und anarchistischen Vereine, Druckschriften und Versammlungen. Anstatt die Bewegung zu zerschlagen, trieb die staatliche Verfolgung extremistische Kräfte in den Untergrund und nährte die Überzeugung, dass dem Obrigkeitsstaat nicht mit parlamentarischen Mitteln, sondern nur mit gewaltsamem Widerstand beizukommen sei.
Innerhalb des internationalen Anarchismus formulierte sich in diesem Klima das Konzept der „Propaganda der Tat“. Theoretiker wie Johann Most propagierten über Untergrundschriften, dass spektakuläre Attentate auf Repräsentanten der Herrschenden die Massen aus ihrer Lethargie aufrütteln und die Verwundbarkeit des Staates offenlegen könnten. August Reinsdorf handelte strikt nach dieser Ideologie. Für ihn und seine Mitverschworenen waren die Monarchen und Generäle auf dem Niederwald nicht bloß politische Gegner, sondern die Unterdrücker des Proletariats. Das gescheiterte Attentat verstärkte allerdings die staatliche Reaktion: Die Justiz nutzte den Prozess gegen die Niederwald-Verschwörer zu einer beispiellosen Härte, und Bismarck versuchte die Ereignisse politisch zu instrumentalisieren, um die Repressionsgesetze gegen die gesamte Arbeiterbewegung noch weiter zu verschärfen.

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