Das Heilige Land im 11. Jahrhundert

Dieses Thema im Forum "Rittertum und Kreuzzüge" wurde erstellt von Misanthrop, 1. Dezember 2015.

  1. Misanthrop

    Misanthrop Gast

    Welche Repressionen waren die "Ungläubigen" (also nicht-Moslime) im 11 Jahrhundert im Heiligen Land ausgesetzt?
    Stimmt es, dass dort Christen beispielsweise keine Waffen tragen durften und auch bestimmte Kleidungsvorschriften bestanden?
     
  2. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Juden und Christen waren als Anhänger einer Buchreligion keine "Ungläubigen". Vom Standpunkt des frühen 21. Jhds aus war der Status der "Dhimmies" im Nahen Osten nicht gleichberechtigt mit Muslimen, gemessen an der Praxis des Mittelalters und der frühen Neuzeit hatten Juden oder Christen aber weitaus mehr Rechte, als Juden in irgendeinem beliebigen europäischen Land des Mittelalters oder der Neuzeit genossen. https://de.wikipedia.org/wiki/Dhimma
     
  3. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Es gab schon seit dem 3. Jahrhundert ein Pilgerwesen ins Heilige Land. Die Auffindung des heiligen Kreuzes durch die Kaisermutter Helena gab dem Ganzen nochmals einen Schub. Und der Ablaßglaube öffnete im 11. Jahrhundert dann alle Schleusen. Die geplagten Gläubigen ächzten unter der Last ihrer Sünden. Mit einer Pilgerfahrt nach Jerusalem hatte man unzählige Möglichkeiten einen zeitlichen Ablaß zu erhalten. Wer das Glück hatte, ein Bad im Jordan zu nehmen, bekam sogar den vollkommenen Ablaß durch die Berührung durch eine mit dem menschlichen Körper Gottes geheiligte Reliquie.

    Den ersten Ablaß gab es im 15. Jahrhundert sogar gleich nach der Landung in Jaffa. Nach Ablegung aller Waffen durfte man an Land gehen. Man verbrachte die erste Zeit in drei riesigen, aber unsagbar schmutzigen und stinkenden Gewölben in den Ruinen. Die Erduldung wurde durch einen Ablaß belohnt.

    Die Muslime waren Herren aller heiligen Stätten und die Pilger wurden so oft und oft um den Inhalt ihrer Geldbeutel erleichtert, daß ihnen die Tränen kamen.
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Mancher kam aber auch als wohlhabender Mann zurück oder beladen mit Grundlagen für ein Vermögen: mit Reliquien. Ein Splitter vom wahren Kreuz, ein Stück Vorhaut oder Gott weiß was für skurile Überbleibsel heiliger Männer und Frauen waren schnell gefunden, und wie im modernen Antiquitätenhandel gab es Werkstätten wo so etwas angefertigt wurde, und mancher Geistliche fertigte für die (Leicht)Gläubigen daheim Expertisen an.

    Italienische Kaufleute aus Bari ließen aus Myra, dem heutigen Demre die Gebeine von St. Nikolaus mitgehen und begründeten einen lukrativen Pilgertourismus. Nichtsdestotrotz ist auch heute noch Demre/Myra das Ziel frommer Reisender aus der Ukraine und Russland. Kostbare Reliquien konnten einer Stadt einen gewaltigen wirtschaftlichen Impuls geben. Gar so heilig und fromm ging es auf manchen Pilgerfahrten nicht zu. Manchmal schreckten geistliche und weltliche Obrigkeiten vor der Vollstreckung von Todesurteilen zurück und vergatterten Delinquenten zu einer Pilgerfahrt in der Hoffnung, ihn nie mehr wiederzusehen. Manche Reisende finanzierte ihre Wallfahrt mit Prostitution. Tiefe Volksfrömmigkeit, das gab es schon im Mittelalter, aber nicht wenige Gläubige betrachteten die Kirche als eine Art Versicherungsunternehmen. Alles hatte seinen Preis, selbst die Sünden, und um Sünden vergeben zu bekommen, gehörte nicht nur Reue dazu, man musste erst einmal welche begehen.
     
  5. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Das nahm Formen an, die die Kirche zum Bremsen veranlaßte. Gregor von Nyssa: Ihr, die ihr den Herrn fürchtet, lobt ihn an den Orten, wo ihr seid. Ein Ortswechsel bringt euch Gott nicht näher... und Thomas a Kempis beobachtete: die viel pilgern, werden selten heilig.

    Vor allem aber gegen die Teilnahme von Frauen an Pilgerfahrten haben Kirchenmänner im Mittelalter immer wieder gekämpft. Dabei spielte nicht nur die Sorge um das Heil der Pilgerinnen selbst, sondern auch um das der mit ihnen reisenden männlichen Pilger eine gewichtige Rolle.
     
  6. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Die Frage nach dem Zeitpunkt ist nachvollziehbar, denn "im 11. Jh." bedeutet nichts anderes als kurz vor dem ersten Kreuzzug.

    Aber ich bin mit der sehr reduzierten Fragestellung nicht glücklich, denn sie blendet zu viel aus: sie blendet zu viel Geschichte aus. Das so genannte "heilige Land" war vereinfacht gesagt seit Kaiser Augustus Bestandteil des römischen Imperiums. Als in der Spätantike nach der Teilung des Imperiums in eine westliche und eine östliche Hälfte das weströmische Reich zerbrach, verblieb immerhin das oströmische Reich: Byzanz. Das "heilige Land" war dann lange genug sozusagen byzantinische Provinz. Wir betreten an dieser Stelle die byzantinische Geschichte, die (wiederum vereinfacht gesagt) von starkem äußeren Druck geprägt war: Byzanz befand sich jahrhundertelang in einem Abwehrkampf gegen Druck aus dem Osten und dem Süden. War es anfangs die Konkurrenz zum persischen Großreich, so erbten "die Muslime" diese Rolle und drängten in die kleinasiatischen und afrikanischen Provinzen des oströmischen Imperiums - nicht anders, als germanische Kriegsverbände und Steppenreiter (Hunnen, Alanen, Avaren) seinerzeit ins weströmische Reich drängten.

    Ähnlich (oder vergleichbar) wie sich die Transformation des untergehenden weströmischen Reichs in frühmittelalterliche Feudalstaaten vollzog, gestaltete sich Ablauf der arabisch-muslimischen Annexionen byzantinischer Provinzen. (vgl. hierzu H. Wolfram in "das Reich und die Germanen")

    Interessant oder bemerkenswert im Vergleich ist: während die diversen "germanischen" Annexionen weströmischer Provinzen letztlich darauf hinausliefen, dass die "Eroberer" (teils heidnisch, teils arianisch) die Religion der Eroberten ("katholisch") und deren Verwaltungsstruktur annahmen, legten die arab.-musl. Eroberer der byz. Provinzen Wert darauf, zwar die Verwaltungsstrukturen der eroberten Provinzen zu übernehmen, aber selber keinen Religionswechsel zu vollziehen.

    Je nach politischer Großwetterlage gestaltete sich das Miteinander der Religionen mal eher tolerant, mal eher repressiv. Hier aber bringt es nichts, die Historie mit Scheuklappen zu betrachten, denn extrem repressive Zustände herrschten zeitweilig bei den langobardischen und vandalischen Eroberern.

    An dieser Stelle lohnt sich, diese Frage zu betrachten:
    Dergleichen war im Frühmittelalter üblich!
    Die eroberten Provinzialen z.B. im Ostgoten-, im Westgoten-, im Franken-, im Vandalen- und im Langobardenreich durften per Gesetzgebung keine Waffen tragen. Ja verrückterweise galten in manchen der frühmittelalterlichen Staaten auf vormals weströmischem Territorium unterschiedliche Gesetze je nach ethnischer Zugehörigkeit (die romanische Bevölkerung des Burgunderreichs unterlag dem römischen Gesetz, die burgundische militärische Oberschicht dem lex burgundorum - in anderen "Ländern" war es zeitweilig nicht anders)

    In Kenntnis dieser Relationen erhält deine Frage einen ganz anderen Stellenwert: es war in frühmittelalterlichen Gesellschaften schlichtweg üblich, die militärische Macht zu monopolisieren. Völlig folgerichtig durfte der italische Romane unter ostgotischer Herrschaft keine Waffen tragen (das änderte sich erst notgedrungen, als Gotenkönig Totila seine schrumpfende Armee durch Rekrutierung aus romanischer Unterschicht aufstockte) - - genau dieselbe damals normale Praxis der militärischen Monopolisierung praktizierten die arab.-musl. Eroberer der byzantinischen Provinzen.

    Mit anderen Worten: dass die byzantinische Provinzbevölkerung nach der Eroberung durch arab.-musl. Kriegsverbände keine Waffen tragen durfte, war keine böse fiese Repressalie, sondern sowohl gängige Praxis überall (!) als auch realpolitisch gerechtfertigt.
     
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