Das Reich und Polen vergleichbar?

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Brissotin, 21. Dezember 2006.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich habe mal wieder eine Frage zum Thema Reich, die aber diesmal nicht mit einer puren Lit.angabe befriedigend beantwortet werden kann.
    In dem Essayband zu "Das HRRDN - Altes Reich und neue Staaten" steht im Beitrag von Johannes Arndt "Deutsche Territorien im europäischen Mächtesytem" (S. 141):
    Arndt verweist auf "Zu den polnischen Teilungen Ceglieski 1988 bspw. (Tadeusz Ceglieski "Das alte Reich und die erste Teilung Polens" Stuttgart 1988)
    Trotz der Quellenverweise finde ich einfach den Vergleich wunderlich. Wenn ich mich recht ensinne, wollte der Kaiser durch den Gebietstausch mit Carl Theodor ins Reich, bzw. (da seine eigenen Gebiete auch zum Reich zählten) ins Kerngebiet des Reiches hineinwachsen. Zum anderen richtete sich der Fürstenbund gegen die Reformbestrebungen zur Straffung und Wiederbelebung des Reiches.
    Im Gegensatz dazu war die Teilung Polens aber eben gegen den reformwilligen amtierenden König gerichtet gewesen.
    Das finde ich ziemlich widersprüchlich. Soll der Fürstenbund eine Schwächung des Reiches verhindern? Wer sollte das Reich aufteilen? Das Reich hatte nach Außen nicht einmal die staatliche Einheitlichkeit Polens und ist auch in vieler anderer Hinsicht kaum mit Polen vergleichbar, schon durch die Geschichte bedingt. Das einzig einleuchtende für mich ist die relative zeitliche Nähe zur Teilung.:grübel:
     
  2. H. von Salza

    H. von Salza Neues Mitglied

    Das Beispiel Polens 1772 hatte der Welt - und insbesondere den kleineren deutschen Fürsten - vorgeführt, dass sie nichts gegen Expansionsabsichten der Großmächte ausrichten können, sofern sich diese einig sind. Ein weiteres Bestehen konnte nur dadurch garantiert werden, dass man sich miteinander verbündete und und zu England/Hannover und Preußen als scheinbare Garanten des Fortbestehens ins Boot stieg.
    Der Fürstenbund richtete sich gegen die Reformbewegungen des Kaisers und plädierte für die Wahrung der bestehenden Reichsverfassung sowie der Besitzverhältnisse, da die kleineren und mittleren deutschen Fürsten befürchteten, ihre errungene Quasi-Souveränität zu verlieren und Friedrich II. nutzte den Bund ganz klar, um seine eigene antiösterreichische Politik durchzusetzen.

    Österreich unter Joseph II. hatte schon lange - auch schon vor dem Bayerischen Erbfolgekrieg - die Absicht gehabt, das wittelsbachische Bayern zu schlucken. Einzig die Drohungen der preußischen Militärmacht verhinderten dies wieder und wieder, da man im Sinne des "Europäischen Gleichgewichts der Kräfte" jegliche Vergrößerung Österreichs im Reich zu verhindern suchte, das man als eigenen Expansionsraum betrachtete (Angliederung der Sekundogenituren Ansbach und Bayreuth und Annexion der wittelsbachischen Herzogtümer Jülich und Berg).


    Das Königtum vor der 1. Teilung kann kaum als reformwillig bezeichnet werden. Diese Bestrebungen resultierten erst aus den Folgen der Teilung und um weitere zu verhindern...um eigentlich das Gegenteil zu erreichen.


    Der Fürstenbund sollte in erster Linie verhindern, dass Österreich ins Reich hinein expandiert. Dabei ging es den kleineren und mittleren Fürstentümer eher um die eigene Haut und Preußen/Sachsen/England darum, eine Machtzunahme Österreichs zu verhindern.


    Ganz eindeutig fürchtete man sich am meisten vor einer Einigung der deutschen Großmächte, Preußen und Österreich, am meisten.
    In einem Fortbestehen des s.g. Dualismus sah man die einzige Garantie der eigenen Existenz.


    Ceglieski argumentiert für den Vergleich des Reichs und Polens (und bedingt auch Italiens) in Anlehnung an Karl Otmar v. Aretin folgendermaßen:
    "Die beiden feudalen Flächenstaaten in Mitteleuropa, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und die Adelsrepublik Polen, waren im 18. Jahrhundert offenkundig von einer politischen Krise erfaßt. Der Ursprung dieser Krise lag, allgemein formuliert, in dem politischen Sonderweg beider Staaten: Die Herausbildung und Festigung des absolutistischen Systems in Rußland, Österreich, Preußen und Frankreich sowie Dänemark und Schweden schuf eine Bedrohung für die beiden Monarchien, in denen die Stärke des ständischen Faktors einer neuzeitlichen Konsolidisierung im Innern mit allen ihren negativen und positiven Begleiterscheinungen erfolgreich entgegenwirkte. Die politischen Freiheiten und die ökonomische Macht der in beiden Staaten herrschenden feudalen Klasse wurden mit äußerer Schwäche bezahlt. Diese fand in der ersten Phase in einer politischen Infiltration durch die Nachbarn und in einem Zerfall in Einflußsphären ihren Ausdruck; in der zweiten Phase wurde die Rolle beider Monarchien auf die eines territorialen Residuums reduziert, auf dessen Boden der Kampf der europäischen Großmächte um neue Eroberungen und - in der Folge - um das "europäische Gleichgewicht" ausgetragen wurden."
    Tadeusz Cegielski, Das Alte Reich und die erste Teilung Polens 1768-1774. Stuttgart und Warschau 1988.
     
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Dankeschön für die Antwort.
    Ich hatte Stanislaus II. August (1732-1798) rundweg als reformwillig eingestuft, aber dabei vielleicht zuviel von den späten Jahren auf die darauf folgenden geschlossen.
    Da Friedrich II. selber (u.a. von Bernhard Rode) als Gründer des Fürstenbundes dargestellt wird, kann ich nicht ganz begreifen, wie dieser sich gegen die Ausbreitung der zwei Großmächte innerhalb des Reiches richten konnte, wenn sich eine der beiden zum Leiter dieses Bundes aufschwang.
     

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