Das Wettrennen um Emin Pascha (1886)

Dieses Thema im Forum "Die großen Kolonialreiche" wurde erstellt von Arne, 30. September 2005.

  1. Arne

    Arne Premiummitglied

    Ein kurzer Bericht über die bizarre Rettung eines verschollenen Deutschen in ägyptischen Diensten

    Vorgeschichte
    Während des "Mahdi-Aufstandes" im Sudan (1881 - 1898) gerieten auch Europäer in Gefahr. Zwei Namen sind durch intensive Presseberichte in den Heimatländern damals sehr populär geworden. Einmal der Brite Charles George Gordon Pascha (sicher vielen bekannt durch den Film mit Charlton Heston "Khartoum") und andererseits der Deutsche Eduard Schnitzer, besser bekannt als Emin Pascha.
    Beide waren zum Zeitpunkt des Aufstandes Gouverneure in ägyptischen Diensten, kannten sich und hatten mehrfach miteinander zu tun. Als die Lage nach 1883 immer kritischer wurde und eine ganze ägyptische Armee vernichtet wurde, stieg der öffentliche Druck auf die Regierungen etwas für die Rettung ihrer Landsleute zu tun.
    Das Schicksal General Gordons, Gouverneur des Sudans, sei hier nur kurz angerissen. Die zögerliche Hilfe kam zu spät, da die britische Regierung die Truppen mehr oder weniger absichtlich zurückhielt und sie erst nach dem Fall Khartoums und der Ermordung Gordons dort eintrafen.
    Zur Rettung des im Süden von der Aussenwelt abgeschnittenen Provinzgouverneuers Emin Pascha wurde 1886 eine englische Expedition unter Fischer ausgesandt, doch diese mußte wegen Schwierigkeiten in Uganda erfolglos umkehren.


    Die Teilnehmer am Rennen
    Eine zweite Expedition unter dem dubiosen Abenteurer und Schriftsteller Henry Morton Stanley wurde ausgesandt, der zu diesem Zeitpunkt in Diensten des belgischen Königs Leopold im Kongo stand. Stanley hatte bereits Erfahrung in solchen Unternehmen: Im Jahr 1871 rettete er Dr.Livingstone.
    Stanley konnte aber den englischen Auftrag nur annehmen, in dem er König Leopold Zugeständnisse machen. Erstes mußte er auf seiner Expedition "nebenbei" noch einen kaum bekannten Bereich der Kongo-Kolonie erforschen und zweitens sollte er versuchen Emin Pascha dazu zu bewegen, daß er die unter seiner Hoheit stehenden Gebiete belgischer Hoheit unterstellen sollte. König Leopold wird dem Betrachter also seinem Ruf als gewissenloser Ausbeuter der afrikanischen Kolonien wieder gerecht.

    Stanley plante seine Expedition sehr gründlich und traf dabei auch fremdartig anmutende Entscheidungen, die sich aber schnell erklären lassen. Wikipedia erläutert dazu:
    "Stanley bereitete die Reise gut vor, einige Aspekte muten geradezu skurril an. Die mitreisenden Offiziere mussten sich verpflichten, keine Bücher über die Expedition zu veröffentlichen. Das Dampfschiff, das die Gruppe auf dem Unterlauf des Kongo transportierte, hatte die Fahne des Yachtklubs von New York gehisst, auf Wunsch des Verlegers James Gordon Bennet."
    Scheinbar war Stanley von vornherein an einer optimalen publitzistischen Verwertung seiner Expedition gelegen. Warum durfte sonst niemand darüber schreiben und ein Verleger hatte auch schon die Finger an der Geschichte...

    Doch in Europa hörte man in den kommenden Monaten nichts mehr vom Verlauf der Expedition und wenn keine Nachrichten kommen, wachsen Gerüchte. Plötzlich hieß es Emin Pascha wäre vom Mahdi gefangen genommen und Stanleys Expedition gescheitert.

    Weitere Teilnehmer im Rennen kommen auf den Spielplan
    Die USA schickten Leutnant Shufeldt los (der im folgenden aber keine Rolle mehr spielt) und in England wurde die dritte Expedition unter Leutnant Swaine geplant. Auch in Deutschland brach nun das Rettungsfieber aus. Eine spendenfinanzierte Rettungsexpedition unter dem fanatischen Kolonialpionier Carl Peters, die "Deutsche Emin-Pascha-Expedition", wurde losgeschickt.

    Die Briten versuchten die anderen Expeditionen, ganz im Stil eines Wettrennens mit allen erlaubten Mitteln zurückzuhalten. Sie drängten die deutsche Regierung Peters die Expedition zu verbieten, doch der hörte nicht darauf. Als er mit seinen Leuten dann von Sansibar zum ostafrikanischen Festland übersetzen wollte, behinderten englische Kriegsschiffe den Transport. In einer Sturmnacht brachte er die Expeditionsteilnehmer und Träger mit einer Dhau an die Küste.

    Das Ziel
    Eduard Schnitzer ging als Arzt nach seinem Studium in Breslau 1865 in das Osmanische Reich. In wechselhaften Positionen und Aufgaben arbeitete er in der Türkei, Syrien und Arabien, lernte Französisch, Englisch, Italienisch, verschiedene slawische Idiome, Türkisch, Arabisch und Persisch. Nach etlichen Jahren im Orient hatte er sich Sitten und Gebräuche so angeeignet, dass niemand ihn mehr für einen Mitteleurpäer hielt.
    1876, inzwischen hatte er auch seinen Namen geändert, trat er in ägyptische Dienste. Er wurde Chefarzt, machte Forschungsreisen und wurde schließlich Gouverneur der Äuatorialprovinz, die er bis zum Mahdi-Aufstand nicht nur erforschte und vergrößerte sondern auch geschickt verwaltete.

    Der Gewinner
    Nach fast zwei Jahren erreichte Stanleys Expedition Emin Pascha. Doch die Situation war merkwürdig: Nur abgekämpfte, halb verhungerte Reste seiner ehgemals 389 Mann erreichten das Ziel und trafen auf einen überraschten, gesunden Mann in "blütenweißer, frisch gebügelter Uniform" (Bericht von Stanley), der sie erstmal aufpäppeln ließ. Mit großer Mühe konnte Stanley ihn überhaupt nur überreden seinen Posten zu verlassen und mit ihm auf dem kürzesten Weg nach Bagamoyo, an der deutschostafrikanischen Küste, zu kommen, wo sie 1889 endlich eintrafen. Allerdings konnte er ihn nicht dazu bewegen seine Provinz Belgien zuzuchancen.

    In Bagamoyo kam es dann noch zu einem tragischen Unglück, einem "kolonialen Fenstersturz". Bei der Willkommensfeier stürzte Emin Pascha aus einem der oberen Fenster eines Hauses und verletzte sich schwer.
    Nach offizieller Version hatte der stark kurzsichtige Mann ein Fenster mit einer Balkontür verwechselt, aber nach inoffiziellen Zeugenberichten, war er so angetrunken, daß er den richtigen Weg nicht mehr fand....

    Nach der Genesung trat er in deutsche Dienste und machte sich auf den Weg zurück in seine Äquatorialprovinz. Auf dem Weg sollte er noch einige Aufgaben für die Deutsche Regierung erledigen. Emin traf dabei übrigens auf die Peters-Expedition, die noch auf dem Weg in den Südsudan war...

    Emin Pascha sollte dann aber sein Wirkungsfeld im Sudan nie wieder sehen. Wegen diverser Probleme seiner Expedition wurde er immer weiter nach Westen gedrängt und geriet in Unruhen zwischen Arabern und Belgiern im Kongo. Von gedungenen Mördern wurde die Kehle durchgeschnitten und sein Kopf in einer Kiste zum Auftraggeber des Mordes gebracht, dem arabischen König Kibonge.


    Quellen und Literatur:

    Wikipedia
    http://de.wikipedia.org/wiki/Emin_Pascha
    http://de.wikipedia.org/wiki/Mahdi-Aufstand
    http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Morton_Stanley

    "Der heilige Nil" Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924
    http://www.jaduland.de/afrika/nil/index/mahdismus(8).html
    http://www.jaduland.de/afrika/nil/index/befreiung(9).html

    "Koloniallexikon" Dr. H. Schnee 1920 (Eintrag Emin Pascha)
    http://www.ub.bildarchiv-dkg.uni-frankfurt.de/dfg-projekt/Lexikon-Texte/e/Emin_Pascha.html

    "Die deutsche Emin-Pascha-Expedition" Carl Peters München und Leipzig 1891
    "Von Khartum zum Kongo. Emin Paschas Leben und Sterben". Berlin, Stollberg, (1932).


     
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  2. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    @ Arne: ich finde, Emin Pascha ist eine sehr interessante Figur - und das nicht nur als Pionier der Entdeckungen in Afrika. Nach dem, was ich weiß, war ohne irgendeine Rückendeckung durch deutsche Institutionen sehr stark in die Politik der moslemischen Staaten im nördlichen Zentralafrika involviert und unternahm auch einiges auf einige Faust. Weiß man denn genaueres über seine Persönlichkeit? Ist er eigentlich auch zum Islam konvertiert?
     
  3. Arne

    Arne Premiummitglied

    Ich habe die Biografie von Georg Schweitzer "Von Khartum zum Kongo" (Berlin, 1932), die gibt eigentlich ein recht umfassendes Bild über ihn.
    Zu seiner Religion: Er war ein Kind jüdischer Eltern, wurde aber wohl christlich erzogen, was zu der Zeit keine Seltenheit war.
    In einem Brief im Februar 1872 schrieb er seinen besorgten Eltern um Ihnen zu versichern, er wäre weiter ein guter Christ:

    "Weil aber das ganze Land hier türkisch ist und nur wenige Christen existieren, die alle sehr untergeordneten Ranges sind, habe ich den türkischen Namen adoptiert, um nicht durch allerlei Fragen fortwährend belästigt zu werden."

    Dies war aber offenbar nicht von Dauer, denn er berichtet später vom Treffen mit dem König (Sultan) Mtesa in Uganda (wohin ihn Gordon Pascha entsandt hatte) im Juli 1877:

    "Kurz vor 4 Uhr brachte der Sekretär des Sultans einen Brief in sehr verständlichem Englisch, in dem "dem teuren Freunde" erklärt wird, der Sultan sei Christ und wünsche sein Volk christlich zu sehen. Da Antwort gewünscht wurde, schrieb ich einfach, ich sei gekommen, nicht um über Religion zu disputieren, sondern der Geschenke halber; im übrigen stehe ich zur Verfügung des Sultans, selbst wenn meine sofortige Abreise gewünscht werde, da ich Mohammedaner sei."
    (Emin wurde mit Geschenke ausgesandt um Beziehungen anzuknüpfen)

    Emin Pascha war also inzwischen Mohammedaner geworden. Der gewählte Vorname Mehmed war ja schon ein Indiz dafür.
     
  4. Arne

    Arne Premiummitglied

  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter




    Soweit die deutsche koloniale Sicht und die von Peters zu den Briten, die in deutschen Literatur verbreitet ist.

    Hintergrund war der Wettlauf um die afrikanischen Kolonien, und hier die britische Positionierung bzgl. Ägyptens und Oberlauf des Nils. Die Einflusssphären waren nur vage abgegrenzt, die Expeditionen dienten auch dem Abstecken von Gebietsinteressen.

    Hier hatte sich Bismarck gegenüber den Briten verbindlich festgelegt, und die Frage des Upper Nile, der Red Sea und der Straits (Dardanellen) vermengten sich 1887/88/89, in einem unruhigeren deutsch-britischen umfeld als 1885. Bismarck überließ den strittigen Bereich der Expeditionen der britischen Einflußsphäre, wonach Deutsche dort absprachegemäß nichts zu suchen hatten. Das Verhältnis wurde später zusätzlich angespannt durch die Berliner Protektoratserklärung über die Benadir-Küste 1889. Die Küsten-Beschlagnahme wurde nach deutscher Sicht regelmäßig dazu benutzt, um Hinterland als Interessensphäre einzubeziehen.

    Aber zurück zur deutschen und britischen Expedition:
    Emin stand 1888 in Briefkontakt mit der britischen Seite, u.a. der Imperial British East Africa Company, die ihm eine Übernahmeangebot machte. Nach dem Briefwechsel hatte er sein Gebiet noch unter Kontrolle, und damit aufgrund der Verbindungswege "den Schlüssel zum Sudan". Soweit zu Stanley-Expedition, die parallel startete. Den Briten war bekannt, dass die Emin-Einflusssphäre noch kontrolliert wurde, was nicht konträr zur "Rettungsexpedition" steht, die im Kern eine "take-over"-Expedition von Stanley darstellen sollte. Dass die deutsche Heroen-Literatur (natürlich neben der zeitgenössischen britischen, bezogen auf ihre Expeditionen) von 1890 bis 1945 etwas von den historischen Untersuchungen abweichen, überrascht mich nicht wirklich.

    Im Juli 1887 hatten sich London und Berlin verständigt, Aktivitäten im "Hinterland der Interessensphäre des jeweils anderen" zu unterlassen. Die deutsche Expedition verstieß nach britischer - unter Zugrundelegung der Absprache zutreffender - Auslegung, weswegen es eine offizielle Anfrage von Salisbury an Bismarck im Dez. 1888 wegen der deutschen Emin-Pascha-Expedition gab. Bismarck entzog der deutschen Expedition jede Unterstützung und gab dieses Salisbury zur Kenntnis. Die Peters-Aktion war damit eine deutscher Verstoss gegen die politschen Vereinbarungen. Daraus erklären sich die "Behinderungen", die man auch im Kontext der Absprachen sehen sollte. Als Peters am 17.6.1889 den Bereich nördlich Witu passierte, gab Bismarck nochmals die ausdrücklich Versicherung ab, dass "Uganda, Waselai und weiteres Gebiet östlich und nördlich des Victoria-Sees 'sich außerhalb der Sphäre deutscher Kolonisierung befinden' ".

    Als Stanley und Emin Pascha im Dezember 1889 (deutsche Berichte über die durchgeschlagene Expedition, die britischen Kenntnisse und den Zustand würde ich im Kontext sehen) die Küste erreichte, stieg der deutsche Zustand Enthusiasmus nochmals an, sehr zum Ärger der Briten. Salisbury und Bismarck standen hier wieder in Kontakt, um dieses zu dämpfen. Hinter Emin und Stanley war ein Chaos zrückgeblieben, ein Machtvakuum, dass anders als 1885 von den Großmächten nicht mehr toleriert wurde. Im Ergebnis der Expedition war die Möglichkeit einer Gebietsübernahme im Südsudan durch eine Privatgesellschaft zerschlagen, was die Konfrontation der Großmächte erst recht stimulierte. Dazu könnte man auch das italienische Engagement zählen, und weiter südlich die von den anderen wahrgenommene Schwäche Portugals. Aus britischer Sicht ist vielleicht wichtig: auch wenn es im Landesinneren rumorte, ging es eigentlich in dieser Wahrnehmung wieder einmal um die Indien-Route und damit um das Rückgrat des Empire.

    Dazu:
    Fröhlich, Michael: Von Konfrontation zur Koexistenz - die deutsch-englischen Kolonialbeziehungen in Afrika zwischen 1884-1914
    und ein/das Standardwerk für den Zusammenhang:
    Sanderson, G. N.: England, Europe & the Upper Nile 1882-1899


    Man kann das Ganze auch sehr in den Kontext von Bismarck Zielsetzung stellen, die Briten Ende der 1880er in ein Bündnis mit dem Deutschen Reich zu bringen bzw. zu zwingen. Die kleinen Manöver an der Peripherie waren Mosaiksteinchen dieser Strategie, weswegen er auch ohne Zucken sich von Peters Aktion distanzierte. Geschichten über die "men on the spot" sind natürlich interessanter, und wurden damals massenhaft vervielfältigt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Januar 2011
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  6. Arne

    Arne Premiummitglied

    Danke für die interessanten Hintergrunddetails!
     
  7. Arne

    Arne Premiummitglied

  8. Last_Gentleman

    Last_Gentleman Neues Mitglied

    Die Geschichte um Emin Pascha ist allgemein sehr interessant.
    Ich habe gerade meine Facharbeit über den Aufstand des Mahdi und die Rückeroberung des Sudans durch die Briten geschrieben. Dabei bin ich auf Pascha gestoßen und hab Teile des Buches - Herr von Äquatoria, Emin Pascha - gelesen.
    Dort wird auch der Wettlauf um seine Rettung beschrieben.
     
  9. Gorgulak

    Gorgulak Neues Mitglied

    Die Mahdi Revolt ist sehr interessant. Besonders, wie es sollte auch nicht bestanden haben. Die Ägypter 4000 Truppen geschickt, aber sehen, wie unvorbereitet sie waren, dauerte nicht senden Wachen. Am Morgen, des Mahdi angegriffen und getötet jedermann. Sie wurden dann gut bewaffnet und gekleidet. Niemand zweifelte daran, er war der Mahdi und die Revolte an Dynamik gewonnen.

    Winston Churchills "The River Way" beschreibt es gut.
     

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