Definition: Soziale Frage

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von pumaner, 14. November 2008.

  1. pumaner

    pumaner Gast

    hey !

    wir hatten ein paar hausaufgaben auf, und möchte gerne wissen, was ihr zu meinen lösungsansätzen so denkt.

    also 1. sollten wir die "soziale frage" definieren:
    Die „Soziale Frage“ im Zeitalter der Industriellen Revolution umfasst die schlechten und unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen, unter denen die Proletarier litten. Die Soziale Frage wurde vom Volk selbst aufgerufen und ist laut Karl Marx und Friedrich Engels auf die Klassengesellschaft und dem Kapitalismus zurückzuführen, wodurch es den Kapitalisten ermöglicht wurde, ihre Arbeiter auszubeuten.

    denkt ihr, diese definition ist vollständig und korrekt, oder sollte sie noch einmal überarbeitet werden?

    2. sollten wir uns gedanken machen, ob es in der geschichte vergleichbare situationen gab, wie damals zur zeit der industriellen sozialen frage.

    ich dachte dabei an die leibeigenschaft, wo die leibeigenen ohne ende gearbeitet haben für keinen lohn - ähnlich wie die proletarier.
    auch die französische revolution, wo die untere schicht von der oberen ausgebeutet wurde, seelisch wie auch körperlich.

    wie findet ihr das alles & habt ihr eventuell welche ergänzungen?
    wäre nett, da ich bald auch eine klausur schreibe in der 11. :O

    mfg
    pumaner
     
  2. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Also prinzipiell gefallen mir deine Antworten. Ich frage mich aber
    - Was meinst du mit "seelischer Ausbeutung" in der zweiten Antwort?
    - Was meinst du damit, daß die soziale Frage "vom Volk selbst ausgerufen [wurde]"?

    p.s.: Wir hatten hier ja schonmehrmals - allerdings je sehr unterschiedliche Fragen zur "sozialen Frage" und ich muß zugeben: Man lernt immer wieder dazu, denn ich fand es zunächst seltsam, daß du gleich Karl Marx erwähnst und fand das unangemessen. Beim Nachlesen der anderen Threads mußte ich aber feststellen, daß ich damit falsch liege: http://www.geschichtsforum.de/304183-post15.html
    Deswegen verstand ich damals auch diese Diskussion um http://www.geschichtsforum.de/f59/karl-marx-und-die-soziale-frage-15413/ nicht. Man lernt immer dazu!
     
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  3. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Marx und Engels lieferten eine sehr populäre Erklärung und bekannten Lösungsansatz, eine Erwähnung ist daher ganz angebracht, sollte aber klarmachen, dass es auch andere Interpretation gab und dies nur eine davon ist.
    Wichtig für die soziale Frage ist auch, dass es wirtschaftlich immer besser lief und daher viel merkwürdiger erschien, dass es trotzdem noch solches Elend gab.

    Gibt es eigentlich eine Formulierung der "sozialen Frage", die auch wirklich eine Frage ist? Also mit Fragezeichen. Mir kommt es so vor, als ginge man dem aus dem Weg.
     
  4. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Eine von diesen "anderen Theorien", die sich zweifellos auch schon bewährt hat, ist hier nachzulesen: http://www.geschichtsforum.de/f142/...l-potsdamers-hermann-schulze-delitzsch-23381/
     
  5. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Nun ja, dachte ich zuerst: Es ist halt wie bei der Bildungsfrage, der Frauenfrage usw. - Aber die Antwort wurde schon gegeben:
    Marx verwendet den Topos "soziale Frage" selten und bisweilen eher abschätzig wie z. B. in seiner Kritik des Gothaer Programms: "An die Stelle des existierenden Klassenkampfes tritt eine Zeitungschreiberphrase - 'die soziale Frage', deren 'Lösung' man 'anbahnt'." (MEW 19, S. 26)

    Man kann wohl begriffsgeschichtlich die "Arbeiterfrage" als Vorläufer der "sozialen Frage" ansehen, und es ist Hegel, der in seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts (§§ 242-245 = WA Bd. 7, S. 389) dazu die merkwürdigsten - und hochaktuellen - Hinweise gibt. Vom Problem der Armut ausgehend (§ 242), weist er darauf hin, dass die "ungehinderte Wirksamkeit" der bürgerlichen Gesellschaft
    "die Anhäufung der Reichtümer (vermehrt) [...] auf der einen Seite, wie auf der andern Seite die Vereinzelung und Beschränktheit der besonderen Arbeit und damit die Abhängigkeit und Not der an diese Arbeit gebundenen Klasse, womit die Unfähigkeit der Empfindung und des Genusses der weiteren Freiheiten und besonders der geistigen Vorteile der bürgerlichen Gesellschaft zusammenhängt." (§ 243)
    "Das Herabsinken einer großen Masse unter das Maß einer gewissen Subsistenzweise, die sich von selbst als die für ein Mitglied der Gesellschaft notwendige reguliert - und damit zum Verluste des Gefühls des Rechts, der Rechtlichkeit und der Ehre, durch eigene Tätigkeit und Arbeit zu bestehen -, bringt die Erzeugung des Pöbels hervor, die hinwiederum zugleich die größere Leichtigkeit, unverhältnismäßige Reichtümer in wenige Hände zu konzentrieren, mit sich führt." (§ 244)
    Zwangsabgaben "der reicheren Klasse" oder öffentliche Mittel, so Hegel weiter, lösen das Problem nicht.
    Zum einen würde zwar "die Subsistenz der Bedürftigen gesichert", jedoch "ohne durch die Arbeit vermittelt zu sein, was gegen das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft und des Gefühls ihrer Individuen von ihrer Selbständigkeit und Ehre wäre"; zum anderen käme zum Vorschein, "daß bei dem Übermaße des Reichtums die bürgerliche Gesellschaft nicht reich genug ist, d. h. an dem ihr eigentümlichen Vermögen nicht genug besitzt, dem Übermaße der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern." (§ 245)
    Hegel sieht das Problem mehrdimensional, eben "philosophisch". Man kann es aber auch so beschreiben, dass es im Grund mit "praktischer Sozialpolitik" in eins geht, etwa bei Lorenz von Stein (Verwaltungslehre, Bd. 3, S. 11):
    Die 'sociale Frage' entsteht immer erst mit der Selbständigkeit der Staatsgewalt gegenüber allen Unterschieden und Gegensätzen der gesellschaftlichen Interessen; sie enthält [...] die Frage nach demjenigen, was der Staat da zu tun hat, wo diese Interessen mit ihren Gegensätzen zur Aufgabe seiner Verwaltung werden.
    In Verbindung mit anderen Faktoren und Motiven führt dieses dann zur "Lösung der sozialen Frage per Gesetz", d. h. zur Bismarckschen Sozialgesetzgebung.
     
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  6. Wie lautet Die Soziale Frage

    Hey Leute...
    Ich schreib am Montag ein Geschi-Aufsatz über die Soziale Frage. So, an sich ist das ja gar nicht so schwierig. Ich kenne jetzt tausend verschiedene Antworten auf die Soziale Frage, die der Kirchen, der Unternehmen, von den Proletariern selbst, Marx und Engels,...
    ABER:
    WIE LAUTET EIGENTLICH DIE SOZIALE FRAGE???

    Wir reden ununterbrochen über die Antworten, aber keiner aus meiner Klasse kennt die Soziale Frage an sich...

    Wäre echt voll lieb, wenn mir da jemand helfen könnte..
    Tamara
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich glaube, Du unterliegst einem Denkfehler. Du scheinst zu glauben, die Soziale Frage sei von einem Philosophen gestellt worden, also es gäbe eine ausformulierte Soziale Frage. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr musst Du Frage hier als Problem bzw. als Bündel von Problemen verstehen. Es gibt im 19. Jahrhundert aufgrund unterschiedlicher Veränderungen, z.B. die Aufhebung traditioneller Gesellschaftsformen, die industrielle Revolution etc., einen erheblichen Gesellschaftswandel. Am augenscheinlichsten ist die Verelendung ganzer Bevölkerungsschichten.

    Was die Soziale Frage ist, ist aber auch eine Frage des Standpunkts dessen, der sie zu lösen versucht. Während der eine vielleicht aus dem Blickwinkel der Nächstenliebe die soziale Frage zu lösen versucht, meint der andere sie aufgrund von übergeordneten Prinzipien sie lösen zu wollen, während der dritte sie nur aus Gründen des Machterhalts seiner sozialen Klasse lösen möchte.
     
  8. Anselm

    Anselm Aktives Mitglied

    hey,

    eine gute Frage...

    Der Begriff "Soziale Frage" ist ja zeitgenössisch, also in der damaligen Zeit entstanden.

    Da sich die Soziale Frage darum drehte, wie mit den Arbeiterscharen umzugehen sei, wie sich diese einordnen könnten, wie ihre Grundversorgung gesichert werden könnte (Stichwort Pauperismus - Massenelend, würde ich die Frage mal so formulieren:

    - Wie können wir (also aus damaliger Sicht gesprochen) die aktuellen sozialen Probleme der Arbeitschaft unseres Landes lösen?

    - Aus Sicht der Arbeiter: Wie ist unsere Rolle im Staat? In was für einer Art Staat wollen wir leben?

    soweit erst einmal - sicher folgen weitere Vorschläge.

    mfg
     
  9. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Die Antwort ist 42, aber was ist eigentlich die zugehörige Frage? ;)

    Zur sozialen Frage wurde schon einiges gesagt; wenn man aber unbedingt eine Ausformulierung haben will ist diese sehr prägnant; Brecht hat das einfach drauf:

    Arbeiterlieder - Solidaritätslied

    Die Fragen stehen am Ende.
     

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