Der Forschungsstand

El Quijote

Moderator
Teammitglied
Je nach Grad einer Belegarbeit die man schreibt -
  • Facharbeit in der Schule
  • Proseminararbeit
  • Hauptseminararbeit
  • Bachelor-Thesis
  • Master-Thesis/Diplomarbeit/Examensarbeit/Magisterarbeit
  • Dissertation
  • Habilitation
- wird die Darstellung des jeweiligen Foschungsstands unterschiedlich gewichtet. Während dieser in der schulischen Facharbeit und auch in der Proseminarsarbeit (12 - 15 pp) oft eine sehr untergeordnete Rolle spielt - je nach Anforderungen des einzelnen Lehrers oder Dozenten, sollte er spätestens in der Hauptseminarsarbeit (15 - 20 pp) in der Einleitung thematisiert werden. Die Einleitung steht zwar am Anfang der Arbeit, man schreibt sie idealerweise aber erst am Schluss, also wenn der Rest der Arbeit (weitegehend) fertig ist, denn die Einleitung dient auch der Leserlenkung. Dies aber nur (als Tipp) am Rande.
In der Masterthesis - oder, so noch möglich, in Diplom-, Examens- oder Magisterarbeiten - sollte dem Forschungsstand ein eigenes Kapitel gewidmet werden, das natürlich relativ zu Anfang der Arbeit steht. Je nachdem wie die Arbeitsweise des Einzelnen ist, würde dieses Kapitel vor oder parallel zum Rest der Arbeit geschrieben.
Oft ist dieses, den Forschungsstand behandelnde Kapitel ein Abriss der Forschungsgeschichte zu einem bestimmten Gegenstand.

Was ist der Nutzen einer solchen Darstellung des Forschungstandes bzw. Abrisses der Forschungsgeschichte?

der Nutzen für den Verfasser der Arbeit selbst
Der Verfasser verschafft sich einen Überblick über den Forschungsstand, er sieht so, wo frühere Forscher ihre Meinungen revidiert haben und kann sich so den einen oder anderen Irrweg ersparen. Wichtiger aber noch ist, dass er ein Forschungsdesiderat (also ungelöste Fragen) identifiziert, dem/denen er - sofern es/sie ihn interessiert/en nachspüren kann.

der Nutzen für Prüfer
Der Prüfer sieht nicht nur, welche Literatur der Prüfling verwendet und welche er übersehen hat (dafür würde ein Blick ins Literaturverzeichnis* ausreichen), sondern auch, wie der Prüfling die einzelne Literatur bewertet. Ob er sie für eher wichtig oder eher unwichtig hält, ob er ihr folgt oder nicht folgt und warum.

der Nutzen für Rezipienten
Spätestens die Dissertation wird veröffentlicht - man darf den Dr.-Titel erst dann tragen, wenn die Diss. (in der eingereichten Variante mit allen Rechtschreibfehlern etc.) veröffentlich ist. Die Rezipienten, ob nun Fach- oder Laienpublikum (für das der Forschungsstand mitunter langweilig oder auch verwirrend sein kann) können aus der Diskussion des Forschungsstandes bzw. dem Abriss der Forschungsgeschichte die Irrungen und Wirrungen derselben ablesen, aber auch sehen, welche Literatur noch dem Stand entspricht und welche hoffnungslos veraltet ist, bzw. welche Werke man zusätzlich konsultieren sollte.
Dabei sollte man natürlich einen Unterschied zwischen alt und veraltet machen. Karl Erdmanns Entstehung des Kreuzzugsgedankens ist zwar von 1935 aber - mal abgesehen davon, dass die Schrift sprachlich aus der Zeit gefallen wirkt (nicht heute, sondern 1935) und daher sehr angenehm zu lesen - immer noch Standardwerk, das man guten Gewissens auch in einer Arbeit - und nicht bloß als forschungsgeschichtliche Kuriosität - zitieren kann, ja, sogar zitieren sollte.


Jüngste Publikation = Forschungsstand?
Natürlich gibt es keinen Automatismus, dass die jüngste Publikation zu einem Thema den Forschungsstand widerspiegelt. So kann jemand - aber auch dazu ist ein Überblick über den Forschungsstand ja gut(!) - eine wissenschaftliche Debatte übersehen oder im schlimmeren Fall bewusst ignorieren. Oder auch mit einer These ins Klo greifen. Einen Überblick darüber, ob eine Publikation dem Forschungsstand entspricht oder nicht erhält man auch darüber, ob sie rezipiert wird und wie.

Ein Beispiel: Heinz Halm (Islamwissenschaftler, Uni Tübingen) hat 1988/89 eine These vorgelegt, dass der Name al-Andalus aus dem Gotischen käme: *landhalauts. Dem hat Volker Noll (Romanist, Uni Münster) einige Jahre später widersprochen und versucht darzulegen, dass ein Fugenvokal a im Gotischen nicht existiere und versuchte mit dem Umweg über das Griechische zu der mittelalterlichen Volksetymologie al-Andalus < *al-Wandalus zurückzukehren. In einer Festschrift für Theo Vennemann veröffentlichte wiederum Georg Bossong (Romanst, Uni Zürich) eine Zurückweisung sowohl von Halm als auch von Noll um im Sinne Vennemanns waskonischer Hypothese eine baskoide (= waskonische) Herleitung von al-Andalus zu propagieren. Der spanische Arabist Federico Corriente y Córdoba griff diese deutschsprachige (Halm hat denselben Artikel auf Deutsch und Englisch publiziert) Debatte auf und propagierte stattdessen eine ägyptische Hypothese.

Ginge man nach Alter der Publikationen, müsste man dem renommierten spanischen Romanisten Federico Corriente den Forschungsstand zugestehen. Oder doch zumindest Bossong, der explizit Halm und Noll widerspricht. Ich für meinen Teil sehe die besten Argumente allerdings (wer sich dafür interessiert, es gibt einen Thread hier im Forum, in dem ich das genauer darlege) bei Halm, also der ältesten der vier genannten Publikationen. Weder kann Federico Corriente wirklich mit seiner ägyptischen Herleitung (emend res > al-Andalus, soll heißen 'der Süden im Westen'**) überzeugen, noch wird Bossong seinen eigenen Kriterien gerecht, die er auf Noll und Halm anwendet, er wirft diesen nämlich vor, dass in den 200 bis 300 Jahren zwischen arabischer Eroberung der PI und dem Durchzug der Vandalen bzw. der Herrschaft der Westgoten kein einziger Beleg für ein *Landhalauts oder *wandalus existiere. Das Problem ist: Für das angeblich baskoide Toponym, das er propagiert, gibt es in den 900 Jahren vor der arabischen Eroberung keinen einzigen Beleg.

Opinio communis
Ob ein Werk dem Forschungsstand entspricht (oder ihn ggf. sogar definiert - in der Regel ist es nicht ein Werk eines einzelnen Forschers, der den Forschungsstand definiert, sondern die Summe von mehreren Werken verschiedener bestensfalls voneinander unabhängiger Forscher), kann man daran ablesen, wie das das Werk im Peer Review weg kommt, wie es zitiert wird - zustimmend oder ablehnend. Wenn verschiedene Forscher unabhängig voneinander zu denselben Forschungsergebnissen kommen bzw. diesen als korrekt akzeptieren und als Grundlage ihrer eigenen Forschung nehmen (einzelne Ausreißer ausgenommen) spricht man von der opinio communis, der allgemein geteilten Meinung (auch communis opinio).




*man muss natürlich die Diskussion des Forschungsstandes von der benutzten Literatur trennen, nicht alles, was im Literaturverzeichnis steht, muss auch im Kapitel über den Forschungsstand auftauchen. Wenn man in einer Arbeit über das römische Germanien Paul Zankers Standardwerk Augustus und die Macht der Bilder benutzt oder Fellmeths Pecunia non olet, werden diese Bücher kaum bei der Diskussion des Forschungsstandes Platz finden, da sie etwas ganz anderes zum Thema haben. Dennoch ist es durchaus realistisch, dass man sie in einer solchen Arbeit an der einen oder anderen Stelle braucht und ggf. paraphrasiert/zitiert.
**ich gebe emend res jetzt aus der Erinnerung wider, das kann geringfügig anders lauten. Für mich ist diese Herleitung weder phonetisch, noch sinnhaft ('der Süden im Westen') irgendwie plausibel. Warum sollten die Ägypter - zumal in der koptischen Bibel Spanien als Iberia (Apostelgeschichte, Paulus' Plan nach Spanien zu reisen) bezeichnet wird - zur Zeit der arabischen Eroberung Ägyptens das Nordufer der Straße von Gibraltar als Süden bezeichnen?
 
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