Der parteipolitische 'Sonderweg' des Bundeslands Brandenburg

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Roger, 28. Dezember 2020.

  1. Roger

    Roger Gast

    Traditionell ist die CDU in den ostdeutschen Flächenländern seit der Wiedervereinigung die stärkste Partei gewesen.

    Ausnahme: Brandenburg. Dort ist die SPD von Anfang an die stärkste Fraktion im Landtag gewesen und hat diese Position auch bei allen nachfolgenden Landtagswahlen bis heute halten können.

    Wodurch läßt sich dieser politische Sonderweg erklären?

    Ist das einer Sololeistung von Manfred Stolpe zu verdanken, oder gibt es in Brandenburg strukturelle Gründe, die die Vormachtstellung der SPD erklären können? Ist Brandenburg 'natürliches' sozialdemokratisches Land, so wie die längste Zeit das Ruhrgebiet, nur auf seine eigene Weise? [Mod: Der letzte Satz wurde aufgrund der tagespolitischen Bezüge herausgenommen.]
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 28. Dezember 2020
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die klassischen Erklärungsansätze zur Bindung von Parteiaffinität an bestimmte Milieus, wie die Arbeiterschaft oder das katholische Milieu greifen immer weniger. Die Ursache für diese Entwicklung ist in hohem Maße durch den sozialen Wandel zu erklären, der den Trend zur Individualisierung beschleunigt und damit auch die individuelle Wahlentscheidung begünstigt.

    Ansonsten gab es in den Neuen Bundesländern viele Sonderkonstellationen wie beispielsweise auch Stolpe, aber prägnanter "König Kurt" (Biedenkopf) in Sachsen. Aber an Sachsen wird auch deutlich, dass die ursprünglich starke Position der Linken stark erodierte in der Phase der DDR.

    Einen Zugang zum Thema und zu den Konzepten bietet der Beitrag von Oscar W. Gabriel.

    Portal für Politikwissenschaft - Anmerkungen zu einem paradoxen Wahlergebnis

    Was insgesamt aber auch deutlich wird, die bisherige Modelle zur Erklärung von Wahlverhalten greifen nicht mehr zuverlässig, die "Parteiidentifikation", "rationale Wähler-Modelle" oder andere Ansätze werden zunehmend in Teilen der Republik mit der Situation konfrontiert, dass ein Teil der "Nicht-Wähler" erneut zur Wahl gehen und Anti-System bzw. anti-demokratische Parteien wählen. Aus "Überzeugung" - einzelne Issues - oder aus Protest.

    Erstaunlich ist, dass neben den zentrifugalen Kräften extrem starke integrative Kräfte wirken, die eine erhöhte Festigkeit des politischen Systems aus "Wählern" und "Gewählten" hervorgebracht haben.
     
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  3. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Bei diesem Thema muss man aufpassen.
    Man rutscht da sehr schnell in die Tagespolitik.
    Ich hoffe die Kurve gekriegt zu haben. :)

    Von einem Sonderweg der Landes Brandenburg würde ich auch nicht sprechen.
    Ich habe mehr den Eindruck, Wahlen sind sehr stark auch auf die Person gerichtet die da zur Wahl stehen.

    Brandenburg! Lassen wir mal Reinald Grebe beiseite... :)

    1990 stand ja Herr Manfred Stolpe (SPD) und Herr Michel Distel (CDU) von den beiden großen Parteien zur Wahl.

    Die Mehrheit der Wähler entschied sich für Herrn Stolpe.

    Das Gespann Manfred Stolpe – Regine Hildebrandt (genannt auch Mutter Courag) erschien offensichtlich der Wählerschaft vertrauenswürdig.

    An die Bundestagsrede von R. Hildebrandt erinnere ich mich immer noch. Und auch an das Gesicht von Frau A. Renger während dieser Rede.

    Ins Koalitions - Kabinett Stolpe kam dann Her W. Hirche (FDP) , Herr H. Enderlein (FDP), der Parteilose H.-O. Bräutigam und Frau M. Birthler und Herr R. Resch von den Grünen.

    Herr Hirche, ein gebürtiger Leipziger, kam aus Niedersachen.
    Und noch aus dem alten BL. die Minister der SPD K.-D. Kühbacher, J. Linde.

    Das lief in jedem neuen BL anders.

    Wo ich z.B. zu Hause bin hatte die CDU ein riesen Vertrauensvorsprung, der nach m. M. aber mit Herrn Duchač (1. MP) nicht zu halten gewesen wäre.
    Mit Herrn Bernhard Vogel aus BL RP hatte man dann einen guten Griff getan. Er war ja auch m.W. in Thüringen bekannt (Westfernsehen usw.). Mir z.B. als Politiker und auch, er saß immer neben Jockel Fuchs in "Mainz..."

    Und in Sachsen Herr K. Biedenkopf. Er war ja gleichnach der Wende Hochschullehrer in Leipzig an der Uni.

    Den Titel König!?
    Vielleicht weil die Sachsen ihren letzten König Friedrich August III. geliebt hatten! Zu seinem Tod im Februar 1932 kann ja eine ½ Million Menschen.
    Eventuell gibt es da eine Affinität zu ihm.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Dezember 2020
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  4. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Wobei Kurt Biedenkopf in NRW vorher in der CDU-Spitze war. NRW hatte auch eine Besonderheit bei der CDU, es gab damals 2 Landesverbände. Die sich zum Teil bis aufs Messer bekämpft haben. Und König Kurt war eigentlich schon auf dem Abstellgleis.

    Bernhard Vogel war eigentlich auch ein Mann von gestern gewesen, als der Anschluss der DDR an die BRD ihm wieder Oberwasser gab und nun in Thüringen in einem 2. Bundesland Ministerpräsident wurde.

    1976 - 1988 Rheinland-Pfalz
    1992 - 2003 Thüringen
     
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  5. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied


    Das ist bekannt. Da waren ich und viele meiner Bekannten durchs Westfernsehen immer auf den Laufenden.

    Aber in Thüringen kam mit B. Vogel Ruhe in die politische Szene rein.
    Ich glaube mit Herrn Biedenkopf auch in Sachsen.

    Jedenfalls sein Nachfolger in Thüringen musste aus bekannten Ursachen den Dienst quittieren.
    Die Dame die es dann übernahm war recht gut, wurde aber nach m. M. demontiert.

    Sie saß mal am Nachbartisch währen einer Schiffsfahrt auf der Moldau – Höhe Prag - hinter mir. Sie redete ohne Unterlass. :cool:

    Und so kam dann die >Linke< erneute zum Zug.
    Dem voraus ging ein Machtspielchen mit einem inakzeptablen Clou.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Dezember 2020
  6. Pausanias

    Pausanias Mitglied

    Die CDU in Niedersachsen hat heute noch mehrere Landesverbände (Hannover, Braunschweig, Oldenburg), auch wenn es seit 1968 de facto einen Landesverband Niedersachsen gibt. Aber insbesondere die Oldenburger beharrten auf ihre Eigenständigkeit, sodass die NAmen weiter geführt werden (das Konstrukt Niedersachsen war in Oldenburg nie sonderlich beliebt, 1975 votierten 81,2% für eine Wiederherstellung des Landes Oldenburg. Leider lehnte dies im Bundestag die sozialliberale Koalition ab (die CDU stimmte geschlossen dafür)).
     
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  7. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Wovon 81,2 % ? Der Bewohner Niedersachsens oder des ehemaligen Landes Oldenburg?
     
  8. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    81,2% derer, die an der Abstimmung teilgenommen haben.

    Stimmberechtigt waren die Wähler im ehemaligen Freistaat Oldenburg.

    "So kam es erst kurz vor Ablauf der Frist, 31. März 1975, zu einem Volksentscheid. Der fand am 19. Januar 1975 statt und brachte ein erstaunliches Ergebnis zustande: 81,2 Prozent der Bürger, die an der Abstimmung teilgenommen hatten, votierten für ein selbstständiges Oldenburg. Das entsprach der Zahl von 31 Prozent der Wahlberechtigten, und diese Zahl lag deutlich über dem gesetzlich festgelegten Wert von 25 Prozent."
    Föderalismus: Nur ein paar Stimmen fehlten

    Gleichzeitig gab es auch einen Volksentscheid über die Wiederherstellung des Landes Schaumburg-Lippe.

    Siehe auch: VOLKSENTSCHEIDE : Was Napoleon respektierte - DER SPIEGEL 5/1975
     
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