Der Slawenaufstand 983

Dieses Thema im Forum "Das Heilige Römische Reich" wurde erstellt von balticbirdy, 23. August 2010.

  1. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Eigentlich eine Parallele zur "Hermannsschlacht", aber dürftig überliefert und in der deutschen Geschichte sträflich vernachlässigt.
    Danach war erst mal für 200 Jahre Ruhe - nix mit Unterwerfung und Taufe.
    Zwischenzeitlich plünderten die Slawen Hamburg, Ribe und die dänischen Inseln. Was die Wikinger machten, war also im Ostseeraum keine einseitige Sache.
    Slawenaufstand von 983 ? Wikipedia
    Erst 1168 fiel die letzte "heidnische" Festung Arkona auf Rügen nach Belagerung durch eine dänische Invasion. Die Umgebung (Polen, Schweden, Dänemark) war da schon längst christianisiert.
    Wir sollten dieses Kapitel der Geschichte hier ruhig mal diskutieren, das Wendland ist nicht nur Gorleben samt Polizeieinsätzen und hört nicht an der Elbe auf.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. August 2010
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  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die slawischen Völker jenseits der Elbe-Saale-Linie hatten rund 200 Jahre Zeit, ihre Macht zu konsolidieren und ein kräftiges slawisches Reich zu gründen, das wie ihre slawischen Nachbarn in Polen und Böhmen bis in die Neuzeit hätte lebensfähig sein können. Dann würde Deutschland heute an der Elbe enden und jenseits davon hätten wir den slawischen Staat Abodritien! :D

    Warum ist das nicht so gekommen? Es ist möglicherweise nur eine Laune des Schicksals, doch ist auch zu bedenken, dass das Land zwischen Elbe und Oder sehr stark dem Einfluss des mittelalterlichen Reichs ausgesetzt blieb - selbst in seiner Schwächephase - und auch die dänischen Könige im Norden dieses Gebietes militärische Interessen hatten.

    Dennoch müsste man mal intensiver untersuchen, warum es - im Gegensatz zu Polen und Böhmen - nicht zu einem lebensfähigen Einheitsstaat kam. Bekannt ist natürlich der Zwist unter Abodriten, Liutizen, Heverllern usw., doch warum konnte das nicht überwunden werden? Zumindest der mächtige Stammesbund der Liutizen hätte das Zeug dazu gehabt und eine gute staatliche Ausgangsbasis geboten.

    So müssen wir mit Mecklenburg und Pommern vorlieb nehmen, die immerhin unter einheimischen Slawendynastien (!) zu deutschen Reichsfürstentümern aufstiegen, auch wenn die slawische Bevölkerung im Zuge der Ostsiedlung rasch von deutschen Zuwanderern assimiliert und überschichtet wurde. Doch ist die slawische Geschichte noch allerorten sichtbar (Burgwälle, Kietze, Ortdnamen usw.)
     
  3. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Komischerweise waren die Obotriten und Lutizen "Erbfeinde von alters her".

    Bei den Obotriten und dem Reich eigentlich ein Beispiel, dass "friedliche Koexistenz" auf Dauer in die Hose geht. Die Lutizen waren radikaler, dort konnte sich kein Mönch blicken lassen - es sei denn er hatte Sehnsucht nach dem Martyrium ala Christi.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. August 2010
  4. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Sagte mir ein westdeutscher Kollege kurz nach dem Mauerfall: Wann schafft ihr endlich die russischen Ortsnamen wieder ab?
    Alles was auf -ow oder -in endet.
    Sorry, Berlin ist auch dabei.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. August 2010
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  5. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das hat ihren Untergang besiegelt. Sie hätten klugerweise wie die Polen und Böhmen das Christentum annehmen sollen, was ihren Staat vor Wendenkreuzzügen und ähnlichem bewahrt hätte. Sie hätten vermutlich - wie die Polen um das Jahr 1000 - den Kaiser als Oberlehnsherrn akzeptieren müssen, doch das wäre nur ein formaler Akt gewesen. Das Land hätte seine slawische Bevölkerung bewahrt und hätte sich autonom entwickeln können.

    Natürlich kann niemand wissen, ob es so gekommen wäre, doch die Wahrscheinlichkeit hätte durchaus bestanden - siehe Polen und Böhmen.

    =)=)=)
     
  6. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Welchen Einfluß hatten die ottonischen Grenzmarken auf die Angliederung der slawischen Gebiete an das HRR? Die wurden in jenen 200 Jahren eingerichtet, Gero und der Billunger waren doch zeitweise erfolgreich. Mark (Grenzmark - Mittelalter Lexikon)
     
  7. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Die Sorben blieben friedlich und beteiligten sich nicht am Aufstand. Die Obotriten machten, soweit es ging, ihr eigen Ding. Wirklich bissig waren die Lutizen. Das HRR erdreistete sich sogar, sich mit ihnen (samt "heidnischen Götzenbildern") gegen das christliche Polen zu verbünden.
     
  8. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Lustiger Spekulatius, aber nicht so ganz fern. Die alten preussischen Adelsgeschlechter sind fast alle nach dem Namen slawisch.
     
  9. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Zum Stichwort "vernachlässigt": Im neuen "Gebhardt" widmet Hagen Keller dem Slawenaufstand schlappe zwei Seiten [1] und macht auf ein Deutungsproblem aufmerksam:
    "In der neueren, vor allem deutschen Historiographie wird der Slawenaufstand als die eigentliche Katastrophe der letzten Regierungsjahre Ottos II. gewertet - das 'Aufbauwerk' Ottos I. war zerstört... [Die Zeitgenossen] registrierten das Unerhörte der Auflehnung und die Dimension des Aufstandes... Wenn man aber die wechselnden Beziehungen zwischen dem sächsischen Adel und den Slawenfürsten sowohl vor 983 wie in der Zeit danach verfolgte, wenn der Abrodritenfürst Mstivoj schon 984 wieder zum Hoftag in Quedlinburg erschien, wird man die Veränderungen in der östlichen Nachbarschaft des Reiches nicht als Katastrophe wahrgenommen haben, in der etwas schon Gesichertes wieder völlig verloren ging."
    Der eingangs angesprochene Stellenwert des Slawenaufstands wird offenbar unterschiedlich bewertet: War es eine "Schicksalswende" [2] oder "nur" eine Art von Betriebsunfall? Hat er, wie die "Hermannsschlacht", einen nachhaltigen Einfluss auf die deutsche Geschichte gehabt und woran könnte man das ablesen? Ist es dabei zweckmäßig oder sogar notwendig, weltliche und kirchliche Aspekte zu trennen? usw.


    [1] Band 3: Die Zeit der späten Karolinger und der Ottonen 888-1024, Stuttgart 2008, S. 269 f.
    [2] So der in der Wikipedia erwähnte Aufsatz von Fricke.
     
  10. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Natürlich war es nur ein "Betriebsunfall", der 160 Jahre später im Jahr 1147 durch den Wendenkreuzzug repariert wurde. Er war der Ausgangspunkt für die Expansion der Askanier in die Mark Brandenburg und der Eroberung der Gebiete zwischen Elbe und Oder.

    Die slawische Identität ist in der darauf folgenden Ostsiedlungsbewegung völlig unter die Räder gekommen, sieht man einmal von einigen exotischen Resten wie den Sorben oder einigen noch im 18. Jh. wendisch sprechenden Menschen im Hannoverschen Wendland ab. Und von der im Ursprung slawischen Dynastie der mecklenburger Herzöge, die immerhin bis heute im Mannestamm überlebt haben. Die "Greifen" in Pommern leider nicht, Diese slawische Dynastie starb schon 1634 aus. nachdem sie bis dahin das Reichsfürstentum Pommern regiert hatte,
     
  11. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Da sehe ich eigentlich wenig Parallele.
    Es fehlt ja nicht nur eine Führungsfigur à la Hermann, es fehlt vor allem die Schlacht. Der Aufstand bestand wohl in einer Reihe von Scharmützeln und Plünderzügen - aber ein ernsthaftes militärisches Potential hatte er nicht. Das kann man wohl kaum vergleichen mit der militärischen Katastrophe, die das römische Reich drei Legionen kostete.

    Und auch die Folgen sind sehr unterschiedlich.
    Die Hermannsschlacht steht für die dauerhafte Aufgabe Germaniens durch die Römer - und damit wurde später umgekehrt die Eroberung des weströmischen Reichs durch die Germanen möglich.
    Der Slawenaufstand sorgte aber nur für eine Verzögerung (wenn auch für eine längerdauernde), am Ende waren dann doch Aufstandsgebiete erobert, christianisiert und kulturell/sprachlich voll assimiliert.
     
  12. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Es ist halt nicht überliefert, aber irgendjemand muss die an sich verfeindeten Stämme geeinnt haben. Und 200 Jahre Aufschub ist schon was - durchaus vergleichbar.

    Mich kotzt es an, wenn man im Mittelaltermarkt "beim Slawen" nur den überteuerten Honig kaufen kann.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. August 2010
  13. Repo

    Repo Neues Mitglied

    In "Am grünen Strand der Spree" von Scholz, (gab Ende der 50er auch mal eine gleichnamige Fernsehreihe) heißt einer der märkischen Romanhelden "Hans-Wratislaw von Zehdeniz-Pfuell"
    Hinweis auf die "duale Herkunft" des märkischen Adels.
     
  14. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Der slawische Lutizen-Bund war auf jeden Fall ein starker kriegerischer Kultbund, zu dem die Kernstämme der Zirzipanen, Kessiner, Tolensanen und Redarier zählten, die beiderseits der Peene siedelten. Leider hat man ihre Tempelburg Rethre/Riedegost bis heute nicht sicher lokalisieren können. Zur dezentralen Führung der Lutizen-Föderation schreibt das Lexikon des Mittelalters: "Die effektive Organisierung der Aktionen von 983, erschließbar aus ihrem durchschlagendem Erfolg, überrascht um so mehr, als dem Bund ein starkes Führungsorgan fehlte."

    Es gab nach Thietmar von Merseburg eine Volksversammlung, bei der die Führung lag, und an der breite Bevölkerungsschichten teilnahmen. Ein erstaunlich demokratisches Verfahren, das ein wenig an die Things der germanischen Frühzeit erinnert.

    Leider brachen 1056 Streitigkeiten unter den lutizischen Teilstämmen aus, die zum Niedergang führten. Die Redarier riefen laut Helmold sogar ein gegen die Zirzipanen aufmarschierendes Heer aus Sachsen, Dänen und slawischen Abodriten (!) herbei, das zu einer völligen Passivität der Lutizen führte. Um 1125 zerstörte der Sachsenherzog Lothar die Tempelburg Rethre.

    Ich sagte oben bereits, dass aus den slawischen Stämmen zwischen Elbe und Oder in der rund 160jährigen Ruhephase zwischen 983 und 1147 ein stabiler slawischer Staat hätte hervorgehen können. So ist es dann nicht gekommen, da Uneinigkeit, Zwietracht und mangelnder politischer Weitblick das verhinderten.

     
  15. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Retra wurde am südlichen Ende des Tollensesees (Neubrandenburg) lokalisiert.
    Ich stamme aus Wismar (Obotriten), meine Frau aus Tessin (Lutizen) -deshalb streiten wir oft. LOL.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. August 2010
  16. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das sieht man es wieder: Der Zwist zwischen Obodriten und Liutizen setzt sich bis in die Gegenwart fort! Kein Wunder, dass Herd und Heim zu Bruch gingen. :weinen:
     
  17. Tekker

    Tekker Aktives Mitglied

    Tatsächlich?
    :grübel:
     
  18. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Soweit ich weiss, sitzt unser uralter Grossherzog noch auf senem Gut in Holstein.
     
  19. Silli

    Silli Neues Mitglied

    Da kann ich als Lesestoff die Baltischen Studien empfehlen. Digital fast komplett von Band 1 (1832) an in der digitalen Bibliothek der Uni Greiwswald zu lesen Digitalisierte Bestnde der UB Greifswald links in der Navi auf Digitale Bibliothek/Pomeranica/Baltische Studien gehen. Die Beiträge sind über die einzelnen Ausgaben verteilt.
    Aber auch geeignet für den 30-jährigen Krieg,Adelsgeschlechter in Pommernm das späte Mittelalter - u.a.
     
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  20. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Da fällt mir doch das Bismarck-Zitat ein:
    "Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später." :pfeif:

    Der uralte Großherzog hat einfach noch nicht mitbekommen, daß er im Mannesstamme längst ausgestorben ist ...
     

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