Der staufisch-welfische Gegensatz im Zusammenhang mit F. Barbarossa

Dieses Thema im Forum "Das Heilige Römische Reich" wurde erstellt von joogie19, 13. August 2012.

  1. Götz

    Götz Neues Mitglied

    1) Von einer absoluten Frontstellung war bisher auch nicht die Rede.
    Zumindest wenn "absolut" im Sinne von total oder ausschließlich definiert wird.

    2) Zahlendreher oder ?
    Welf IV. war schon ein paar Tage tot, bevor H.d.L. geboren wurde.

    Götz zum Gruß
     
  2. tela

    tela Aktives Mitglied

    Als absolut wurde er in der Forschung aber lange verstanden. Und dagegen hat sich Hechberger mit vielen guten Argumenten gewendet.

    Und ja, sollte Welf VI. sein. Zahlendreher passieren.
     
  3. Götz

    Götz Neues Mitglied


    1) Also von einer "Absolutheit" wird man tatsächlich nur für recht überschaubare Zeiträume ausgehen können, z.B. 1138 bis 1140 plus/minus oder aber 1198 ff.
    Ansonsten eher permanent/immanent/unter der Oberfläche etc.

    Selbst nach 1180 kam es zwischen den jetzt verfeindeten Vettern nicht zu einer "totalen Fehde" (die Formulierung "Krieg" ist dann doch zu vorbelastet).
    Zwar zog Barbarossa mit recht großer Mannschaft nach Sachsen Richtung Braunschweig, doch war dann die vom Löwen erhoffte Unterstützung ausgeblieben bzw. zu schwach, um ernsthaft gegenzuhalten.
    Kurze Zeit später erhielt er ja dann auch seine Eigengüter zurück - was rein taktisch (wenn man so will unter Vorwegnahme machiavellistischer Vorstellungen) ziemlich riskant war - der Löwe hätte sich während des Asyls bei seinem Schwiegervater durchaus wieder militärisch "berappeln" können - sein Schwager wäre eventuell auch nicht abgeneigt gewesen.

    Also bei einer absoluten Frontstellung wäre der Kaiser besser beraten gewesen, den Löwen endgültig zu vernichten (im wahrsten Wortsinn).

    2) Das mit dem Zahlendreher wollte ich jetzt auch nicht an die große Glocke hängen....

    Aber gerade bei der "Figur" Welfs VI. muss die Rückfrage erlaubt sein, welcher Zeitraum konkret gemeint sein soll.
    a) Um 1140 (als Welf VI. auf eigene Faust, sein "Recht" in Bayern durchsetzen wollte) ? Und wie alt war da der Löwe ?

    b) Nach 1152 (als der junge Kaiser seine möglichen Widersacher - trotz verwandschaftlicher Beziehungen - irgendwie unter Kontrolle bringen musste - teile und herrsche) ?

    Götz zum Gruß
     
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Aber Barbarossa hat Heinrich den Löwen vernichtet, wenn man einmal davon ausgeht, dass er ihn nicht hinrichten konnte.

    Auf dem Hoftag in Gelnhausen 1180 und etwas später auf dem Hoftag in Altenburg wurden ihm die Herzogtümer Sachsen und Bayern aberkannt. Die Gelnhäuser Urkunde vermeidet in diesem Zusammenhang den korrekten sächsischen Herzogstitel des Löwen und nennt ihn vielmehr "ehemals Herzog von Bayern und Westfalen". Die Aufspaltung der alten Herzogtümer Sachsen und Bayern gelang nur durch die Begünstigung von regional bereits verankerten Dynastenfamilien bzw. Herrschaftsträgern: die Erzbischöfe von Köln und die Askanier im Norden, die Wittelsbacher und die steirischen Ottokare im Südosten des Reichs.

    Dem Kaiser blieb, neben dem süddeutschen Welfenerbe, eine offenere und darum leichter gegeneinander auszuspielende Welt von Fürsten. Die gingen freilich als Sieger aus den Auseinandersetzungen des 12. Jh. hervor.

    Durch den Verlust seiner Reichslehen war Heinrich in der Hierarchie von fürstlichem Stand und herzoglichem Amt auf den Rang eines bloßen Edelfreien gesunken. Doch diese Neuordnung musste und wurde erst in einem Reichskrieg gegen den Welfen durchgesetzt. In Bayern brach seine Herrschaft rasch zusammen, aber in Sachsen verfügte er anfangs noch über starken Rückhalt. Im Frühjahr 1180 eröffnete Heinrich Kampfhandlungen gegen die staufische Pfalzstadt Goslar. Beim anschließenden Feldzug Friedrichs I. nach Sachsen im Sommer erwies sich jedoch die Brüchigkeit der Macht des Löwen.

    Die meisten welfischen Burgen im Harzraum fielen dem Staufer sogleich zu (Ilfeld, Scharzfeld, Herzberg, Staufenberg, Heimburg, Blankenburg, Regenstein, Lauenburg), andere Festungen wie Lichtenberg wurden zerstört. Diese raschen Erfolge erzielte das Reichsheer, weil Heinrichs alte Anhänger scharenweise ihren Herrn verließen, sodass die neiderregende welfische Herrschaft innerhalb weniger Wochen zusammenbrach.

    Auf dem Hoftag in Erfurt unterwarf sich Heinrich der Löwe bedingungslos und er hatte nun alle vom Reich ausgehenden Territorien, Ämter und Titel verloren. Was ihm blieb waren die Allode - also das Eigen- bzw. Erbgut - , was üblicherweise und trotz lehnsrechtlicher Verfehlungen stets im Besitz der Dynastenfamilien blieb.

    Dass Barbarossa die Niederlage Heinrichs des Löwen als unumstößlich ansah und einen Wiederaufstieg der Welfen ausschloss, zeigt ein Bericht Arnolds von Lübeck über die Begegnung zwischen Friedrich und Heinrich auf dem Erfurter Hoftag:

    "Der [Friedrich] hob ihn vom Boden auf und küsste ihn nicht ohne Tränen, weil ein solcher Gegensatz zwischen ihnen so lange gedauert habe ... Ob die Tränen wahrhaftig waren, steht zu bezweifeln, denn er scheint sich nicht wirklich über ihn erbarmt zu haben, weil er ihn nicht in den Stand früherer Würde zu bringen versuchte ... Zuvor, als alle Fürsten auf seine Absetzung drängten, schwor ihnen der Kaiser beim Thron seiner Herrschaft, dass er ihn niemals in seine früheren Positionen einsetzen werde." (Arnold von Lübeck, II 22, S. 66)

    Nachdem Heinrich der Löwe somit auf den Stand eines begüterten Edelherrn herabgedrückt war, musste er das Reich verlassen und ging ins englische Exil. Damit war seine Niederlage komplett und sein Fall unermesslich tief.
     
  5. Götz

    Götz Neues Mitglied


    Ich habe jetzt mal vorherigen Beitrag aufs Wesentliche zusammengestutzt.

    1) Nach welchem Reichsgesetz war es dem Kaiser verwehrt, einen Aufrührer mit dem Tod zu bestrafen ?
    Die Tatsache, dass H.d.L. den Tatbestand des "Landfriedensbruchs" erfüllt hatte, wird ja wohl keiner abstreiten - letztlich hätte sich auch hierfür noch ein weiterer "Kläger" aus dem Lager der zahlreichen Löwen-Gegner gefunden.
    Außerdem - welcher der "Kriegsgewinnler" hätte denn ein Interesse gehabt, dem Kaiser bei einem solch "finalen" Abschluss der gesamten Auseinandersetzungen einen Vorwurf zu machen, falls tatsächlich die Reichsacht publikumswirksam vollstreckt worden wäre ?

    Dem Löwen wurde kein Haar gekrümmt, nach Demutsbezeugung erhielt er "sein" Eigentum zurück, er durfte ungehindert ins Exil, hatte Zeitvorgaben für eine rechtmäßige Rückkehr und war frei während des Exils tun und lassen zu können, was er wollte - sieht so eine Vernichtung aus ? Also (Achtung, kleiner Zeitsprung) da war Wilhelm-Zwo nach 1918 stärker vernichtet.

    2) Wenn schon soviel Akribie verwendet wird, warum fehlt dann die Erwähnung, dass sich der Löwe trotz bereits verhängter Acht gegen die "Kleinigkeit" von 5000 Mark Silber hätte "freikaufen" können - und zwar noch Mitte 1179 unter Beibehaltung seiner Reichslehen (von sonstigen Gütern ganz abgesehen). Es war nicht Barbarossa, der sein eigenes Angebot zurückgezogen hätte, sondern der Trotz des Welfen hinderte diese "Lösung".

    3) Zum Thema "Prozessrecht" - bezogen auf das spezielle Verfahren gegen den Löwen - gibt es jedoch zwischenzeitlich neuere Deutungsansätze (s. mein Verweis auf die jüngste Arbeit v. Patzold, der wiederum Fachkollegen rekuriert). Aber selbst wenn die tradierte Auffassung zum "Gesamtprozess" gg. den Löwen Bestand hat, warum wurde dann von Barbarossa als Verkörperung der "Gerechtigkeit" mit zweierlei Maß gemessen ?

    4) Richtig ist, dass der Kaiser später die Aufhebung der gg. Heinrich verhängten Acht/Oberacht bewirkte - auch ohne die 5000 Mark (im Sinne einer Gewichtseinheit).
    Nachdem er seine machtpolitischen Ziele - aus seiner Sicht - erreicht hatte.

    5) Die kriegerischen Auseinandersetzungen 1179 - 1181 lassen sich nicht auf ein paar Sätze reduzieren und waren im Übrigen recht wechselvoll.
    Ich habe ja auch darauf hingewiesen, dass sich der Löwe mehr Unterstützung versprochen hatte. Weniger von (ehemaligen) Untertanen oder Vasallen, die waren nach Aberkennung der Lehen zu keiner Unterstützung mehr verpflichtet - doch erfolgte diese tw. dennoch.
    Nein, der Löwe erhoffte sich mehr Engagement vom Schwiegerpapa.

    6) Auch insoweit wiederhole ich mich: Woher konnte Barbarossa sicher wissen, dass sein Widersacher im Exil, das aber nicht auf der Insel erfolgte, sondern in der Normandie, nicht doch die große Trommel rühren würde ? Der Löwe war mitnichten ein gebrochener Mann.
    Vielleicht auch alterbedingt war einfach sein Elan etwas erloschen bzw. dachte er (trotz Stolz u. Trotz) als intelligenter Mann an die Zukunft seiner Familie !
    Ohne die Eigengüter als feste Basis, wäre sein Sohn Otto (später IV.) nach 1198 nicht einmal ansatzweise in die Position gekommen, Barbarossas Abkömmlingen die Stirn zu bieten !
    Daher noch einmal: Vernichtung/totale Niederlage ???

    Götz zum Gruß
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. August 2012
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Eine Hinrichtung des Welfen wegen seiner lehnsrechtlichen Verfehlungen stand im 12. Jh. überhaupt nicht zur Debatte. Dazu hätte es schon eines Anschlags auf das Leben des Kaisers bedurft und selbst in einem solchen Fall hätte der Kaiser wohl Milde walten lassen, weil das seinem Ansehen Glanz verliehen hätte.

    Der Prozess gegen Heinrich den Löwen wird bis in jüngste Zeit kontrovers beurteilt. Fest steht: Der Herzog wurde zum einen landrechtlich, zum anderen lehnsrechtlich angeklagt und verurteilt. Damit verlor er alle Ämter, Titel und vom Reich ausgehende lehnsrechtliche Territorien.

    Der Prozess stellte somit zahlreiche Territorialmächte zufrieden, besonders die Askanier, Wittelsbacher, die Erzbischöfe von Köln und die Ottokare.

    Der Löwe erhielt überhaupt nichts zurück, sondern verlor alles: seine beiden Herzogtümer und sein Aufenthaltsrecht im Reich. Es blieben ihm lediglich seine Allode, über die er nur noch als "Edelfreier" gebieten konnte. Das Allod wurde traditionell nicht angetastet. Mehr Vernichtung geht nicht! Was hätte man ihm sonst noch nach den Usancen jener Zeit nehmen können?

    Welche Pläne der Kaiser und die Reichskanzlei im Vorfeld auch erwogen haben: Verwirklicht wurde die Aberkennung aller reichsrechtlichen Gaben. Verantworten sollte sich Heinrich bereits im Januar 1179 in Worms und später in Magdeburg. Das war der Beginn einer raffinierten Strategie, mit welcher der Kaiser seinen Rivalen zur Strecke brachte. Angesichts der Kräfteverhältnisse im Reich war es für die Staufer von existientieller Wichtigkeit, die Macht der Welfen zu brechen, die gegenüber staufischer Macht gleichwertig geworden war.

    Und dazu ist es unverzüglich gekommen!

    Was die 5000 Mark Silber zur Konfliktbeilegung angeht, so war das lediglich eine Geste, die nach den Spielregeln der Zeit üblich war und die Heinrich prompt ablehnte. Früher wurde diese Episode unter Historikern als eine Prämisse von Habgier und Geiz verbucht. Heute ist die Ansicht, dass der Welfe das Geld wohl hätte erübrigen können, aber keine Chance sah, den Konflikt friedlich beizulegen.

    Heinrich wurde sowohl land- als auch lehnsrechtlich verurteilt. Was die Gerechtigkeit betrifft, so konnte der Kaiser darauf verweisen, dass er den Löwen bereits auf dem Hoftag zu Worms und dem von Magdeburg gebeten hatte, wo er nicht erschien. Ferner hatte er Heinrich in einer Form um Hilfe gebeten, wie es demütiger nicht sein kann. Das erfüllt dann im Verein mit den Klagen der sächsischen Großen mehrfach den Tatbestand des Ungehorsams gegenüber dem Reich und seinen Fürsten.

    Der Kaiser hatte also - im Angesicht der Öffentlichkeit - mehrfach die Hand ausgestreckt, die der Löwe stets hochmütig zurückwies. Somit hatte Barbarossa "freie Fahrt" und konnte sich auf Milde berufen, die ausgeschlagen worden war.

    Der Reichskrieg gegen Heinrich ist gut dokumentiert. An seinem Ende stand die überraschend schnelle militäriache Niederlage des Löwen, die durch den raschen Abfall seiner Lehnsleute und Verbündeten erklärbar wird, die unter Heinrich oft genug zu leiden hatten. Vermutlich sahen sie, dass der Kaiser die besseren Karten im Spiel hatte.

    Das halte ich für ein ganz haarspalterisches Argument. Heinrich der Löwe wurde aus dem Reich verbannt und war aller Herzogtümer ledig - das war doch Strafe genug.

    Ob man das ganze Schauspiel nun unter "Vernichtung" oder "Niederlage" einordnet, halte ich für entbehrliche Liebesmüh. Die Macht der Welfen war restlos vernichtet und dass das Allod um Braunschweig und Lüneburg den Kern eines Territorialfürstentums hätte bilden können, war nach der Entmachtung der Welfendynastei nicht absehbar. Das ist dann auch glücklichen machtpolitischen Konstellationen geschuldet.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. August 2012
  7. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Richtig benannt wurde Welfenstolz(Welfentrutz, eine Krankeheit nicht nur der Welfen, sondern auch ihres Umfelds ...

    Dazu kommen die innenpolitischen Probleme des Löwen mit den nachrangigen Großen, die ja zu den späteren Gewinnern wurden.

    Heinrich wollte über die Förderung von Städten und deren Freiheiten sowie über die "Altfreien" (niederer Adel) wohl einen "modernen Staat " schaffen, in dem allerdings für Grafen und Bischöfe wenig übergeblieben wäre. Das ganze gab dann mit der Ostexpansion schon so eine für HdL gefährliche Mischung.

    Was Barbarossa nicht sah, für Italien hätte der sächsische Heerbann die Heerfolge verweigert. Die dem Lehnsmann Heinrich heerfolgepflichtigen Großen unter Vorwand, der größere Rest war dem gewählten Herzog heerfolgepflichtig, der aber in Italien nicht dem Kaiser ...., somit die nicht HdL. Und Angesichts der Großen hätte sich kein kleinerer auf ein längeres Abenteuer eingelassen. Außerdem ging denen auch wohl hundert Jahre nach dem "Sachsenaufstand" das Reich ziemlich am A rm vorbei., man schmollte, s.o. .
    So in etwa sächsische Größe und "zu Kreuze kriechen". Und ein einiges Land mit einem in der Stellung , nicht in der Person, schwachen Herzog ohne die Großen wäre wohl nach dem Geschmack der Mehrheit der freien Bevölkerung.

    Das der Rotbart tatsächlich irgendwann ernst macht, und zwar massiv, hat wohl keiner geglaubt.
     
  8. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das ist in der Forschung Jahrzehnte kontrovers deskutiert worden; heute wird die Frage, ob Heinrich der Löwe einen "modernen Staat" schaffen wollte, in der Regel negativ beantwortet.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. August 2012
  9. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    HdL war nun mal einer , wenn nicht gar der , mächtigste Fürst Mitteleuropas und hatte in Sachsen eben das Problem , Lehnsnehmer, Lehnsherr (nicht soo ganz anerkannt), gewählter Fürst und auch noch "Aufsicht im weitesten Sinne" über nicht untertänige Große zu sein ( Investitur)
    Ich denke:

    Gewählter Fürst wäre für ihn wohl das geringste Übel gewesen, denn gegen Lehnsherr aller stand eben der "Welfenstoz" der anderen.
    Genau in dieser schwierigen Phase will Barbarossa Ruhe im Reich und Italien zurück. Außerdem , ein gewählter Sachsenherzog ohne Lehnsanbindung oder nur mit einfacher Anbindung an den Kaiser ohne andere beigeordnete kaiserliche Lehnsnehmer wäre im Endeffekt ein unabhängiges Sachsen bzw ein Sachsen, das auf Dauer den Führungsanspruch im Reich beansprucht hätte. Heinrich hätte die sächsischen Großen auf dem Reichstag zu seinen "Hintersassen" degradiert und dadurch diesen dominiert.

    Im Ende hätte der Herzog von Sachsen sagen können:
    Laß andere Kaiser sein, was ich sage, wird gemacht.
    Und da liegt, glaube ich, der Hase im Pfeffer bei dem Streit.
    Nicht umsonst soll Barbarossa auf einem sächsichen Landtag auf der Werla von ihrem Eid entbunden haben.
     
  10. Götz

    Götz Neues Mitglied

    Habe ich von einer Hinrichtung als Sanktion aufgrund lehnsrechtlicher Rechtsgrundlagen gesprochen ?
    Wenn - dann wäre dies als Rechtsfolge der Ächtung (Landrecht - "allgemeines" Strafrecht nach heutiger Rechtsdogmatik) möglich gewesen.
    Etwas mehr Detailtreue wäre der Diskussion sicherlich nicht abträglich; kleiner Tipp eines ehemaligen Rechtsanwalts.

    Von dem Glanz + Ansehen für den Kaiser zu sprechen...
    Wie war das mit der Haarspalterei ?
    Es ging um Machtpolitik, da wäre eine Machtdemonstration legitim gewesen.
    Und im Übrigen hätte von den angeführten "Kriegsgewinnlern" keiner den Kaiser "angeklagt" - s. bei den Klassikern z.B. Fritz Kern, Recht u. Verfassung im Mittelalter o. Gottesgnadentum und Widerstandsrecht im Mittelalter.

    Fortsetzung folgt - Götz zum Gruß
     
  11. Götz

    Götz Neues Mitglied


    Wenn das sog. Eigengut traditionell nicht angetastet worden wäre (wo existiert ein solcher Rechtssatz), warum wurde es aber oft trotzdem mitentzogen ? Unabhängig, ob, wann und unter welchen Bedingungen eine Rückübertragung erfolgte.

    Also selbst nach Gewohnheitsrecht gab es eine solche zwingende Ausnahme nicht.

    Im Übrigen wurde nicht die ganze Familie "rausgeworfen", es gab eine klare Absprache zur Rückkehrfrist - und eine Verbannung ins Kloster wäre ja wohl für ein Alpha-Tierchen wie H.d.L. noch demütigender gewesen.
    Soviel zum Thema "Höchststrafe".

    Im Übrigen wird sich der Kaiser nebst Gefolge auch die Außenwirkung z.B. in England mitüberlegt haben.

    Noch eine Fortsetzung folgt - Götz zum Gruß
     
  12. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Eine Machtdemonstration war das ganze ja auch so ...
    Nur einen edelfreien Sachsen (eigentlich ja Schwabe oder so, aber die Mutter war hochedel und frei) so zu behandeln, (totale Acht) hieße für die anderen , Sachsen wäre in die Acht getan, das hätte den letzten Bördebauern in den Sattel gehoben.

    Sein Allodal hat HdL ja auch nicht nur aus Gutmütigkeit des Kaisers erhalten , sondern auch wegen der zu befürchtenden "Unregierbarkeit" durch andere. Ist das doch genau die Region, die hauptsächlich gegen Heinrich IV aufgestanden ist.

    Also den Löwen soweit ruhig stellen, die Augen schließen, wenn er "zu Hause nach dem Rechten sieht" und gut.

    Denn HdL. war ja wohl auch während seiner Verbannung des öfteren heimlich in Braunschweig.
     
  13. Götz

    Götz Neues Mitglied

    1) Wurde zum Thema "Prozessstrategie" etwas anderes behauptet ?
    Natürlich war das ganze geschickt aufgezogen - egal wer die treibende Kraft war bzw. ob dies "kunstgerecht" (soll heißen, getreu den Prozessmaximen - sofern vorhanden) oder mit Hilfe norditalienischer Juristentricks (Bologna) verhandelt wurde.

    2) Gut dass die Kräfte- u. Machtverhältnisse so schön herausgearbeitet werden- ich hatte schon die Befürchtung, dass sich die Meinung herausbildet, es hätte keinen derartigen Gegensatz gegeben.

    3) Die Höhe der Summe ist wohl nicht unbedingt üblich gewesen; von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit o. Vermögensverhältnissen als "Bemessungsgrundlage" des Löwen abgesehen.

    Wer behauptet, der Löwe habe damals den Schwanz einziehen wollen ?
    Fakt ist und bleibt, dass es die Option hohe Geldzahlung dafür Verfahrenseinstellung gegeben hat.

    Götz zum Gruß
     
  14. Götz

    Götz Neues Mitglied


    1) Wahrscheinlich war mein Hinweis auf die "Gerechtigkeit" von Friedrich I. zu subtil.
    Konkret: In den Jahren 1152 - 1156 hat sich der damalige Markgraf v. Österreich ebenfalls mehrfach der Ladung zu Gerichts-/Hoftagen ohne ausreichende Entschuldigung widersetzt.
    Außerdem hat er sowohl die Wahl Barbarossas als auch die anschließenden protokolarischen Ehren mit seiner Abwesenheit beehrt.
    Welche Konsequenzen wurden aus dieser Mißachtung gezogen ? Keine - er wurde dann bekanntlich auch noch befördert - zu sehr guten Konditionen.

    Das nenne ich messen mit zweierlei Maß - die taktischen Gründe sind erstmal unerheblich.

    2) Der Ausgang der kriegerischen Auseinandersetzungen 1180/1181 - wobei ins Gesamtbild auch noch die Überfälle von H.d.L. aus 1179 gehören - wurde ebenfalls nicht bestritten. Daher kann ich nicht nachvollziehen, warum so getan wird, als habe ich etwas Gegenteiliges behauptet.
    Witzig ist nur, dass auf die eigentliche Argumentation nicht eingegangen wird. Nur nebenbei: Als der Kaiser in Lübeck einmaschierte und daraufhin der Löwe seinen Widerstand förmlich beendete, erhielt er freies Geleit nach Lüneburg. Der Ort, der Herzogin Mathilde als Heiratsgut übertragen wurde - vgl. K. Jordan, H.d.L. (Biographie), S. 208f.

    3) Den letzten Absatz betrachte ich nun als Lehrstück einer Haarspalterei - und wenn alles nichts mehr hilft, ist es dann halt das "Glück" gewesen.

    Götz zum Gruß
     
  15. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Was hätte die Verfahrenseinstellung dem Löwen gebracht ?
    Den Status quo ante, also nichts. Er hätte weiterhin kaiserliche Läuse im sächsichen Pelz gehabt, die Silbervorkommen des Harzes wären nicht seine gewesen und er hätte weiterhin direkt neben seinem Hauptsitz Braunschweig auch noch erstarkte Bischöfe in Magdeburg Halberstadt und Hildesheim gehabt. Und da sind nun mal die besten Böden der Welt, auch damals. Und das dann außerhalb seines direkten Herrschaftseinflusses :-(. Und ohne die "Schatzkammern " Harz und Börde werden die Mittel für den "mächtigsten Fürsten" eben knapp.

    Er hätte ja vorher schon nur die Privilegien bestätigen müssen und alles wäre gut gewesen.Als Lehnnehmer "Herzog in Sachsen" kein Problem, als " dank Gottes Gnade Herzog der Sachsen" unmöglich
     
  16. Götz

    Götz Neues Mitglied

    Er wäre damit nicht der einzige "Kandidat", der sowohl von seinem eigenen Lager als auch von der "Opposition" unterschätzt worden ist.

    Zur Frage, wo Barbarossa seine Lehren gezogen hat, s. o. # 20 (mein Hinweis auf den franz. Autor Pacaut).

    Da hatten die Welfen genetisch bedingt weniger Überraschungspotential - Welfenstolz u. -trotz... sind bis heute im Erbgut =)

    Götz zum Gruß
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. August 2012
  17. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    OT
    Götz, nicht nur bei den mit den Welfen verwandten hiesigen Eingeborenen ist das im Erbgut ;-), anders : "Nur so darf sich mein Herzog verhalten"
    OT
    Off
     
  18. Götz

    Götz Neues Mitglied


    Nicht nur bei den Hannoveranern.... (also Ernst August und sein Clan etc.)

    Gewisse "Granden" in Bayern löcken auch noch heute mit größter Inbrunst wider den Stachel.
    Wildbad Kreuth lässt grüßen.

    Im selbigen Sinne Götz.
     
  19. Götz

    Götz Neues Mitglied


    1) Heute nennt man eine solche Taktik: "sich Zeit kaufen".
    Soll heißen, abwarten und (englischen) Tee trinken.
    Ich kann mir einfach nur schwer vorstellen, dass ein Politiker im Stile des Löwen (von allen Unzulänglichkeiten abgesehen), der in seinen "Hochzeiten" wie ein "king" aufgetreten ist und auch so auftreten konnte, ohne Plan B in diese "Verhandlungen" gegangen ist - dumm nur, dass seine Planung nicht aufging.
    Er wird mit Sicherheit auf mehr Unterstützung aus dem Hause des Schwiegervaters gehofft haben - ist doch auch für den Engländer machtpolitisch eine echte Option gewesen.
    Aber auch insoweit haben inner-familiäre Auseinandersetzungen eine andere Richtung genommen.

    2) Die Frage der Titulatur sei dahingestellt.
    Erinnert irgendwie an die Vorgänge kurz vor der Bismarckchen Formel im Spiegelsaal von Versailles....

    Götz zum Gruß
     
  20. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das langjährige Einvernehmen zwischen Friedrich I. und Heinrich dem Löwen zum beiderseitigen Nutzen überdeckte massive Strukturprobleme im Herrschaftsgefüge des Reichs. Warum es schließlich zum Bruch kam, lässt sich heute nicht mehr restlos entscheiden. Vielleicht, weil Heinrich der Löwe 1176 in Chiavenna Hilfe beim Italienzug verweigerte, vielleicht, weil die welfische Macht die Reichsordnung zu sprengen drohte.

    Ein Gegensatz von Kaiser und Herzog ist klar erkennbar, doch wurden die Ereignisse wesentlich von den Reichsfürsten bestimmt. Die erzwungene Reduktion welfischer Herrschaft auf die von den sächsischen Fürstentöchtern ererbten Allode um Braunschweig und Lüneburg machten Braunschweig zum Vorort und schließlich zum Zentral- und Erinnerungsort welfischer Herrschaft in Sachsen.

    Die Resignation Heinrichs des Löwen beschrieb Arnold von Lübeck mit den Worten: "Heinrich kehrte ins Land seiner Väter zurück, saß in Braunschweig, beschränkt auf seinen Erbbesitz, der freilich großenteils okkupiert war."

    Der Sturz Heinrichs des Löwen bedeutete zunächst das Ende aller raumgreifenden Konzeptionen der welfischen Dynastie. Somit prägte der Erhalt des Erbes die nächste Generation, was Heinrichs gleichnamiger Sohn sicherte, der später in die rheinische Pfalzgrafenwürde einrückte. Er urkundete seit 1196 als Herzog von Sachsen wie auch als Pfalzgraf bei Rhein. Ein neuer Aufstieg gelang nach der unglücklichen Herrschaft des Welfenkaisers Otto IV. mit der Errichtung des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg im Jahr 1235 durch Kaiser Friedrich II. durch Umwandlung des Allods im Gebiet beider Orte in Lehen.

    Wie ich oben schrieb, war das auch einer glücklichen Machtkonstellation zuzuschreiben. Die Brautwerbung des Stauferkaisers Friedrich II. um die englische Königstochter Isabella und ihre Hochzeit im Sommer 1235 veränderten traditionelle Bündniskonstellationen: Die gegeneinander stehenden Blöcke von Staufer/Kapetingern und Welfen/Plantagenets waren aufgebrochen. Der Streit mit dem eigenen Sohn Heinrich (VII.) führte Kaiser Friedrich II. nach 15 Jahren der Abwesenheit wieder einmal ins Reich; in den Fürsten suchte er seine Bundesgenossen gegen den Sohn. Die Vergabe eines Herzogtums Braunschweig-Lüneburg an die Welfen war sichtbares Zeichen einer Aussöhnung zwischen Staufern und Welfen.
     

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