Despotischer Absolutismus oder reiner Absolutismus mit despoten Zügen?

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von geschichtsfan07, 27. Januar 2008.

  1. elysian

    elysian Neues Mitglied

    ad 1)
    Ein aufgeklärter Herrscher ist, wer nach diesen Erkenntnissen herrscht. Der Kauf einer Bibliothek ist keine Herrschaftshandlung.

    ad 2)
    DIE Forderung der Aufklärung in staats- und rechtspolitischer Hinsicht war eine Kodifizierung des Rechts. Eine erfolgreiche Reorganisation der Verwaltung und eine Steigerung der Effizienz kann auch jeder Despot erreichen.
    Daß die Aufklärung auch in Rußland Früchte trug, das mag ja sein. Aber die Frage muß dann doch lauten: welchen Anteil daran hatte Katherina?

    ad 4)
    Welche denn? Sie fabulierte zwar gern von der Befreiung der Bauern, aber in ihrer Regierungspraxis ist davon nichts, aber auch gar nichts geblieben.
    Auch kam Katherina nicht zuletzt dadurch an die Macht, daß sie russischer als ihr russischer Gemahl war. Soll heißen, sie rührte die bestehenden Verhältnisse nicht an, während der Gemahl, westlichen (vornehmlich preußischen) Einflüssen zugeneigt, Veränderungen anstrebte. Sie verstand sich dann auch nicht als erste Dienerin des Staates. Die Kommission zur Erstellung eines Strafgesetzbuches wurde ergebnislos aufgelöst.
    Versteh mich nicht falsch, sie war sicher eine bedeutende Herrscherin. Aber eine aufgeklärte war sie nicht.
    Oder um es so zu sagen: der aufgeklärte Absolutismus trägt den Keim der Überwindung des Absolutismus und damit seiner selbst in sich (übrigens gab es diese Zwischenstufe in Frankreich nicht; da ging man direkt zur Revolution über). Ein solcher Keim entstand in Rußland nicht.
     
  2. geschichtsfan07

    geschichtsfan07 Neues Mitglied

    Deine Meinung ist durchaus nachvollziehbar, aber, was denkst du, welchen Regierungstil Katharina dann ausübte?
     
  3. elysian

    elysian Neues Mitglied

    Nicht ganz einfach einzuordnen. Weitgehend absolutistisch, allerdings mit starker Berücksichtigung der Adelsinteressen und -rechte. Sie war von diesen zu sehr abhängig, als daß man von einem reinen Absolutismus reden könnte.
    Interessant ist allerdings das Schicksal ihres Nachfolgers in diesem Zusammenhang: Paul I. (Russland) - Wikipedia
    Ein Vergleich mit der Regierung seines Vaters lohnt sich: Peter III. (Russland) - Wikipedia
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Februar 2008
  4. geschichtsfan07

    geschichtsfan07 Neues Mitglied

    Ja, durchaus Monarchen, die die Aufklärung angestrebt haben.
    Schade, dass sie ihr Werk nicht vollenden konnten.
    Du hast Recht, dass sie eher als aufgeklärte Herrscher zu sehen sind, aber trotzalledem bin ich der Ansicht, dass Katharina sich ebenfalls um eine aufgeklärte Regierung bemühte.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass sie wusste, dass es aber in Russland nicht einfach war, diese Ansichten zu verbreiten, was die Ergebnisse Peters (und Pauls) zeigen.

    Joseph II. ist das Paradebeispiel für den österreichischen, aufgeklärten Monarchen. Abschaffung der Leibeigendschaft, zentrale Bürokratie, Verkündung der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, "Toleranzpatent". Aber damit lud er den Streit mit der Katholischen Kirche auf sich, die habsburgische Niederlande sagt sich wegen der Zentralverwaltungsreform los, Widerstand der Bevölkerung Österreichs und Ungarns entsteht.

    In Preußen atmet das Volk auf als der Alte Fritz stirbt. In Russland werden die Zaren ermordet.

    Ist es dann nicht irgendwo verständlich, dass Katharina sich auf die Förderung und die Sympathie gegenüber der Aufklärung beschränkt?

    Zwar gestehe ich mir selbst ein, dass sie weniger die Aufklärung im russischen Zarenreich verbreitete als ihr Mann und ihr Sohn, aber die Schuld dafür gebe ich ihr nicht vollständig.
     
  5. elysian

    elysian Neues Mitglied

    Ich würde nicht sagen, daß die Kategorie Schuld hier angebracht ist.
    Wir sollten uns darauf beschränken, objektivierbare Erkenntnisse festzustellen.
    Damit wird eine sichere Antwort, ob Katherina den aufgeklärten Herrschern zuzuordnen ist, möglich.
    Ob man ihre Regierung nun gut oder schlecht wertet, steht auf einem anderen Blatt. Da könnte man schon bei den zu wählenden Kriterien das schönste Hauen und Stechen veranstalten.
     
  6. geschichtsfan07

    geschichtsfan07 Neues Mitglied

    Na dann los!
    Was hast du denn im Angebot?

    Ich bleibe nach dem Stand der Dinge dabei, dass Katharina eine absolute Monarchin war, die die Aufklärung schätzte und versuchte diese in Russland zu verbreiten, was jedoch durch die Stärke der Macht der dortigen Partikulargewalten sich als schwierig erwies.
     
  7. elysian

    elysian Neues Mitglied

    Du wirfst zwei Dinge durcheinander. Aufgeklärt regieren und Aufklärung verbreiten sind zweierlei Ding.
    Mit den Erkenntnissen ist gemeint, weshalb andere Herrscher als aufgeklärte Regenten anerkannt sind und andere nicht. Einige Beispiele, welche Kriterien dabei angelegt werden, habe ich weiter oben ja genannt. Ich denke jedoch, daß Schuld in diesem Zusammenhang keine objektive Erkenntnis, sondern eine subjektive Bewertung ist. Ich möchte also die Schuldfrage dahingestellt bleiben lassen.
     
  8. geschichtsfan07

    geschichtsfan07 Neues Mitglied

    Meine Meinung, dass Katharina eine aufgeklärte Monarchin war, wurde anhand der Tatsachen widerlegt. Wobei ich sagen muss, dass mehrere Dokus und Literatur direkt vermittelten, dass sie eine aufgeklärte Herrscherin war. Nun gut, vielleicht hat man es auch so gemeint, dass sie eine Monarchin zur Zeit der Aufklärung war.

    Jedenfalls steht bei mir nun die Frage im Mittelpunkt, ob Katharina II. nur Sympathien für das neue Gedankengut hatte oder ob sie offen danach strebte die Aufklärung zu unterstützen.
    Danach hatte ich eigentlich in meinem letzten Beitrag gefragt:

     
  9. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Katherina II. war eine Monarchin, die sich wie kaum eine andere, Friedrich II. nicht ausgenommen so sehr den Ideen der Aufklärung verpflichtet fühlte. Sie war bestens mit den Werken Voltaires, Diderots und Montesquieus vertraut, mit denen sie auch korrespondierte. Dass sie die Leibeigenschaft nicht abschaffte und in ihren späteren Jahren die Pressezensur verschärfte, sollte nicht den Blick darauf verstellen, dass Katherina sehr viele Reformen verabschiedete. Der bedeutende Prozess der Europäisierung Russlandsa wurde eigentlich erst unter ihr abgeschlossen. In den ersten Familien Petersburgs und Moskaus wurde seit Katherina Französisch gesprochen. wie sicher diese Aristokraten sich in der französischen Sprache bnewegten, zeigt ja noch tolstois Roman Krieg und Frieden. In der Bildungspolitik hat Katherina durchaus viel getan und Kranken-, Waisenhäuser und Schulen bauen lassen. Obgleich juristisch ungeübt, wurde unter Katherina erstmals das gesamte russische recht gesammelt, modernisiert und kodifiziert. Das war durchaus eine Leistung, vergleichbar dem Allgemeinen Landrecht für Preußen. Katherina las zeitlebens viel und interessierte sich für die geistigen Strömungen ihrer Zeit.

    Dass die Reformen in vielem spärlich ausfielen, dass die Lage der Bauern vielerorts sich kaum von Sklaverei entschied, und in der Justiz und Rechtspflege, in den Mißständen des Militärwesens und der skandalösen Behandlung des "gemeinen Mannes" zwischen dem Anspruch der Aufklärung und der Realität himmelweite Unterschiede klafften, dass von der Gleichstellung der Religionen, von einer wirklichen Emanzipation der Juden keine Rede sein konnte,, das hatte Katherina mit vielen Monarchen, nicht zuletzt mit dem Preußenkönig gemein.

    nicht zuletzt mit Friedrichs Preußen
     
  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1.
    Schon eine spannende Zeit. Während Joseph II. in Österreich die Revolution von oben praktizierte und in seiner Politik im krassen Gegensatz teilweise zu seiner Mutter stand, brach in Frankreich die Revolution von unten (Revolution der Bauern, als eine Phase der Franz. Rev.) aus.

    2.
    Hm, das ist aber zum guten Teil von Mirabeau suggeriert. http://www.geschichtsforum.de/305647-post67.html Den Zahn musste ich Rovere auch schon ziehen, leider blieb eine Antwort von ihm aus. :heul: Ansonsten trifft man das Phänomen, wenn es denn eines ist, bei vielen Herrschern an. Über die Jahrzehnte erschöpfte sich die Begeisterung seiner Untertanen, auch wenn sich der Herrscher selbst in seiner Regierungsweise eigentlich kaum oder nicht veränderte. Was wurde denn z.B. aus dem "Vielgeliebten" und das obwohl er sogar effektiver und noch pflichtbewusster arbeitete?

    3.
    Na viel verbreiteten Gemahl und Sohn auch nicht. Dazu hatte vor allen Dingen der Gatte kaum Gelegenheit. Ob sich der friderizianische Absolutismus auf Russland übertragen ließ, von den Ermordungen abgesehen, steht auf einem anderen Blatt. Sicherlich ist es aber so, wenn man besagtes Blatt betrachtet, dass sich auch für ein Scheitern eines solchen Plans ein Herrscher verantwortlich zeichnete.

    Ich schau mich nochmals um, aber ich glaube schon dass Katharinas Förderung der Aufklärung bzw. besser von deren Vertretern ganz ähnlich ausschaute wie in Preußen. Was Friedrich in den Kram passte, wurde gefördert. Ging etwas über seinen Horizont oder bewies ein anfänglicher Förderkandidat eigenen Kopf und Sinn, dann war er sich der Rache des durchaus auch engstirnigen Denkerkönigs gewiss.
     
  11. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Katharina die Große und Voltaire

    Was machte Katharina II. nicht so sehr zu der Herrscherin Russlands, der man nachsagte eine aufgeklärte Herrscherin zu sein wie der Kontakt zu den Aufklärern selbst? Auch mit dem geistreichsten Aufklärer, Voltaire, unterhielt sie eine umfangreiche Korrespondenz ab 1762/65. 80 Briefe der Zarin und 106 Voltaires sind erhalten geblieben. Dabei muss man natürlich berücksichtigen, dass Voltaire mit all den Großen v.a. den Herrschenden korrespondierte, wohl da er hoffte, sie dadurch zu bessern. Überdies wollte Voltaire wahrscheinlich zeigen, dass Friedrich II. nicht der einzige aufgeklärte Herrscher war. (Seit 1753 war deren Beziehung ja sehr getrübt und wurde erst später wieder deutlich besser.) In üblicher Art, wie er es auch Friedrich II. gegenüber getan hatte, lobte er Katharina II. überschwänglich mit Sätzen wie „Aus dem Norden erscheint uns heute das Licht“, was auf Katharina abzielte. Nicht ganz unerwähnt sollte im Bezug darauf die Arbeit Voltaires an seiner „Geschichte Peter des Großen“ bleiben, wozu Katharina meinte, sie habe etwas nützliches beisteuern können.

    Genau genommen war dieser Austausch aber auch von Augenauswischerei geprägt, wie es oft bei Voltaires Versuchen der Fall war. Zum einen erhob er sich zur moralischen Instanz, welche die Herrscher zu „Philosophen“ machen wollte, zum anderen schmückte sie sich damit mit einem Genie Westeuropas in Kontakt zu stehen, was zu ihrem Prestige in der gebildeten Welt beitragen sollte. Reale Früchte erzeugte der Briefwechsel kaum. Die Zarin ließ zwar sich und ihren Hofstaat wie es Voltaire in seinen „Lettres philosophiques“ empfahl, vor den Pocken impfen. Aber weder wurde die 1766 angekündigte verfassungsgebende Versammlung, welche Voltaire bejubelt hatte, tatsächlich einberufen, noch kann von einer religiösen Duldsamkeit die Rede sein, welche Katharina II. umzusetzen verkündete. Voltaire übersetzte einen Text zu dem Toleranzprojekt seinerseits ins Französische und bekam dafür einen Mantel von Zobelpelzen zum Geschenk.

    Wie schon bei seinen Versuchen am preußischen Hof, sollte sich aber letztlich zeigen, dass Voltaire zu sehr gejubelt hatte und die tatsächlichen Fortschritte durch seine Kontakte überschätzte. Das letzte Kapitel der Beziehung Voltaires zu Katharina II. stellt sicherlich den Aufkauf seiner Bibliothek durch die Zarin dar.
     

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