Deutsche Juden im ersten Weltkrieg

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von Tutti, 29. Januar 2020.

  1. Tutti

    Tutti Neues Mitglied

    Hallo,

    Ich habe neulich durch Zufall ein Interview mit Avi Primor gelesen, der sich intensiv mit den Juden im Kaiserreich während des ersten Weltkrieges beschäftigt und über das Thema einen Roman geschrieben hat.

    Er sagt dort, dass die deutschen Juden sich nahezu ausnahmslos freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet haben. Die Kriegsbegeisterung bei den deutschen Juden sei total gewesen. Sie brannten darauf für ihren Kaiser und ihr Vaterland in den Krieg zu ziehen. Sie sahen es wohl auch als die Chance endlich ihren Patriotismus unter Beweis zu stellen und entgültig als gleichwertige deutsche Patrioten anerkannt zu werden. Den Satz des Kaisers "Ich kenne keinen Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche" hätten die Juden auch auf sich bezogen.

    Irgendwo habe ich auch mal gelesen, dass viele jüdischen Soldaten des ersten Weltkrieges später im 3. Reich nicht emigriert sind, weil sie überzeugt waren, ihnen könne nichts passieren, weil sie schliesslich für Deutschland an der Front gestanden und tapfer gekämpft haben. Eine fatale Illusion.

    Ich würde gerne mehr darüber erfahren. Hat jemand sich mit dem Thema mal näher beschäftigt? Kann mir jemand Literaturtipps dazu geben?

    Ich finde es schade, dass man über die deutsch-jüdische Geschichte jenseits des alles überschattenden Holocaust heute kaum etwas weiss oder erfährt.
     
  2. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Ich habe vor Jahren ein Heft von Geo Epoche zur Geschichte des Judentums in Deutschland gelesen: https://www.geo.de/magazine/geo-epoche/13848-geo-epoche-nr-20-11-05-die-geschichte-des-judentums

    Ich meine, da war auch etwas zum 1. Weltkrieg im Heft.

    Ansonsten findet man im Web doch einiges zu dem Thema:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Judenzählung (mit weiterführender Literatur)

    https://www.dw.com/de/juden-im-ersten-weltkrieg/a-17808361

    usw.

    Ich habe vor Jahren beim Besuch eines deutschen Soldatenfriedhofs (1. Weltkrieg) in Frankreich auch den ein oder anderen Grabstein mit Davidstern gesehen.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    100 Jahre Erster Weltkrieg - Sammlung
    Gesellschaft im Kaiserreich
    etc. (zB im Kontext der Gründer- und Börsenkrise)

    Es gibt dazu umfangreiche Publikationen und Forschung.

    Dass das Thema nicht im Brennpunkt Neuer Medien, TV-"Dokumentationen" etc. steht, liegt vermutlich an der Nachfrage.
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die komplizierte Beziehung zwischen einer nationalen Identität und dem Hintergrund eines jüdischen Glaubens kann man an Rathenau exemplarisch verdeutlichen (vgl. Literatur). Eine andere Person wäre Albert Ballin, in dem sich dieses komplizierte Verhältnis ähnlich rekonstruieren läßt.

    Das beschreibt aber nur eine Ebene. Maximilian Harden wurde mit dem Hintergrund eines jüdischen Glaubens als antisemitisch angefeindet. Harden hatte bestimmte Auswüchse des Kapitalismus kritisiert und in Person auf eine Reihe von jüdischen Unternehmern gezielt.

    Diese zweite Ebene bezieht sich auf die Auseinandersetzung der Intellektuellen insgesamt und im besonderen der jüdischen Intellektuellen mit der Wirtschaft, aber auch mit der Politik von KW II. und der Reichskanzler.

    Aus diesen komplizierten Rahmenbedingungen für die politische Identität resultierten unterschiedliche Formen von Kompensationsverhalten. Zum einen drückte es sich in der deutlichen Ablehnung der jüdischen Kultur bzw. Glaubens aus und zum anderen illustriert es den Kampf um Anerkennung und Integration der Preußen / Deutschen mit einem jüdischen Glaubensbekenntnis seit der Zeiten von Moses Mendelsson (gest. 1786)

    Insgesamt erscheint es mir angesichts des sehr heterogenen Milieus von vollständig, teilweise oder gar nicht assimilierten Personen mit jüdischem Glauben von einer "Die Kriegsbegeisterung bei den deutschen Juden sei total gewesen" zu sprechen. Es wird wie bei den meisten Deutschen sehr unterschiedlich und ambivalent gewesen sein.

    Gall, Lothar (2009): Walther Rathenau. Portrait einer Epoche. München: C.H. Beck.
    Kessler, Harry (2007): Walther Rathenau. His life and work.:Beston Press
    Volkov, Shulamit (2000): Die Juden in Deutschland 1780-1918, München: De Gruyter.
    Volkov, Shulamit (2006): Germans, Jews, and antisemites. Trials in emancipation. Cambridge, New York: Cambridge University Press.
    Ṿolḳov, Shulamit (2012): Walther Rathenau. Ein jüdisches Leben in Deutschland 1867 bis 1922. München: Beck.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Januar 2020
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  5. corto

    corto Aktives Mitglied

    Zu Beginn der Judenverfolgung wurden tatsächlich Ausnamen für aktive oder ehemalige Soldaten bzw ihre Angehörigen gemacht. Am traurigen Ende stand aber dennoch Deportation und Mord.
    Göring prägte ja den Satz "Wer Jude ist bestimme ich"
     
  6. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ich wäre da sehr vorsichtlig damit "die deutschen Juden" als eine homogene Gruppe zu sehen, weil das eigentlich hochgradig unlogisch ist. Faktisch konnten die Juden in Deutschland auf die antisemitischen Zumutungen, die an sie herangetragen wurden auf zweierlei Weise reagieren.

    Zum einen durch übermäßige Anpassung und den Versuch deutscher zu sein, als die nicht jüdischen Deutschen.

    Die andere Möglichkeit zu reagieren bestand darin in Fundamentalopposition zu den gesellschaftlichen Verhältnissen in Deutschland zu treten. Das meint im Vorfeld des ersten Weltkrieges, sich auf die Seite der Sozialdemokratie zu schlagen oder Anschluss an den historischen Zionismus (nicht mit dem zu verwechseln, wozu dieser Begriff dieser Tage mitunter von rechter Seite her verunglimpft wird) zu suchen.

    Insofern polarisierte die antisemitische Haltung der deutschen Gesellschaft sicherlich die jüdische Gemeinde. Es gab reichlich Juden oder als jüdisch aufgefasste Personen, die sich für die nationale Sache im Sinne Deutschlands einsetzten, teilweise, siehe Rathenau, auf den thane schon hinweis, es gab auf der anderen Seite auch hinreichend viele, die eine entgegengesetzte Position bwzogen. Ich würde hier als prominentes Beispiel etwas Paul Levi anführen, der als der SPD-angehöriger Strafverteidiger bereits vor dem Krieg Rosa Luxemburg verteidigte und sich später an der Gründung der KPD beteiligte, zeitweise ihr Vorsitzender wurde:

    Paul Levi – Wikipedia

    Insofern war der Gedanke, durch die Teilnahme am Krieg persönliche Annerkennung zu erwerben in Teilen der jüdischen Gemeinde sicherlich nicht minder verbreitet, als auf dem rechten Flügel der Sozialdemokratie, es aber für "die Juden" per se, für allgemeinverbindlich zu erklären, halte ich wirklich für übertrieben.




    Das ist aus mehreren Gründen, würde ich meinen etwas komplexer:

    1. Waren viele Juden zunächst mal überhaupt nicht vermögend genug sich eine Emigration auch leisten zu könnenaußerdem musste sich ja auch erstmal ein Land finden, das bereit gewesen wäre sie aufzunehmen.
    2. Gingen die Nationalsozialisten ja auch schnell zur Konfiskation des Vermögens auswandernder oder ausgewisener Juden vor, was dann für die vermögenderen Juden sicherlich eine zusätzliche Hemmschwelle darstellte und möglicherweise dazu verleiten konnte zu bleiben und auf bessere Zeiten zu hoffen.
    3. Änderten sich durch die Nazis ja auch die Definitionen dessen, was unter einem "Juden" denn zu verstehen sei. Personen, die nach den Nürnberger rassegesetzen auf einmal als "Halbjuden", "Vierteljuden" oder "Geltungsjuden" galten, wären zuvor mitunter überhaupt nicht auf die Idee gekommen, sich selbst als Juden zu verorten.
    4. Zu beginn der Judenrepression im NS-Regime wurden bei Teilen der Maßnahmen im Weltkrieg ausgezeichnete jüdische Veteranen in der Tat mitunter ausgespart, so dass es sich dabei zunächst einmal nicht nur um eine aus der Luft gegriffene Illusion handelte. Das Problem ist nur, dass spätestens mit Anlauf des Holocaust sich diese Politik änderte, wie sich die "Judenpolitik" des NS-Regimes damit insgesammt änderte. Nur gab es zu diesem Zeitpunkt dann auch kaum noch eine Möglichkeit dem zu entkommen.

    Ich bin morgen ohnedies in der Bibliothek, werde mal nach ein paar passenden Literaturtiteln schauen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Januar 2020
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  7. schaf

    schaf Mitglied

    Ha’avara-Abkommen – Wikipedia

    Haʿavara-Abkommen (hebräisch הֶסְכֵּם הַעֲבָרָה Heskem Haʿavarah, deutsch ‚Abkommen der Übertragung‘) bzw. Palästina-Transfer, auch Hoofien-Abkommen nach Sigmund Hoofien, dem damaligen Direktor der Anglo-Palestine Bank, war der Name einer am 25. August 1933 geschlossenen Vereinbarung, die nach dreimonatigen Verhandlungen zwischen der Jewish Agency, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und dem deutschen Reichsministerium für Wirtschaft zustande kam. Sie sollte die Emigration deutscher Juden nach Palästina erleichtern und gleichzeitig den deutschen Export fördern (u. a. als Gegenmaßnahme zum Anti-Nazi Boykott von 1933).

    Der Vertrag wurde von etwa 50.000 bis 60.000 jüdischen Deutschen genutzt, zum geschätzten Preis von 140 Millionen Reichsmark wurden Waren und Güter exportiert, wodurch entsprechende Zahlungen der Importeure in Palästina-Pfund zusammenkamen. Ab 1937 blockierten die britischen Behörden aufgrund des Aufstands der arabischen Bevölkerung zunehmend die Ausführung. Mit Kriegsbeginn 1939 war der Devisentransfer (obwohl formal zulässig bis 1941) nicht mehr möglich.
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    @schaf: Und was hat das mit dem Thema zu tun? Es geht um die Identität von Deutschen, die einen jüdischen Glauben haben und die Frage der Integration in die Gesellschaft.
     
  9. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Interessant evtl. in dem Zusammenhang: Am 11. Oktober 1916 ordnete der Kriegsminister die sogenannte "Judenzählung" im Militär an. Man wollte "beweisen", dass Juden sich vom Militärdienst drückten.
    Es gab eine Unmenge an Briefen an das Ministerium, die Juden als "Drückeberger" und "Kriegsgewinnler durch Wucher" diffamierten.
    Die Ergebnisse wurden bis Kriegsende unter Verschluss gehalten; sie besagten, dass Juden ihrem Anteil an der Bevölkerung gemäß an der Front standen (insgesamt ca. 100 000), ihrem Anteil gemäß mit Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet worden waren (ca. 35 000), ihrem prozentualem Anteil an der Bevölkerung entsprechend gefallen waren (ca. 12 000), aber bei den Freiwilligen ihr Einsatz prozentual gesehen sogar über dem Gesamtdurchschnitt lag (ca. 10 000). Jüdische Gesamtbevölkerung damals ca. 550 000 (ich hab aber gerade nicht greifbar, ob das "männliche Gesamtbevölkerung" ist oder tatsächliche Gesamtbevölkerung).
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Januar 2020
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  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das dürfte die Gesamtbevölkerung gewesen sein.
     
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  11. schaf

    schaf Mitglied

    Es ist eine Antwort auf Shinigam.
     
  12. schaf

    schaf Mitglied

    Liebknecht und Rosa Luxemburg waren selber Juden.
    Viele Juden standen Russland wegen der vielen Progrome feindlich gegenüber
     
  13. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Liebknecht wurde bereits als Kind evangelisch getauft, insofern ist die Behauptung er wäre Jude gewesen nur dann inhaltlich zutreffend (sollten unter den Vorfahren Personen jüdischen Glaubens gewesen sein, was mir jetzt nicht unmittelbar bewusst ist), wenn man Judentum rassistisch definiert, heißt die zeitgenössische Formel des "getauften Juden" bemüht oder gleich zu nationalsozialistischen Kategorien übergeht.

    Karl Liebknecht – Wikipedia

    Bei Rosa Luxemburg sind die jüdischen Kontexte im Elternhaus schon etwas deutlicher, nur ist die Dame ja nicht im Kaierrreich aufgewachsen sondern hat weite Teile ihrer Jugend und ihrer politischen Sozialisation im damaligen Russland oder im sonstigen europäischen Ausland durchlaufen.
    Insofern kein wirklich tragendes Beispiel für die Sozialisation und die politischen Lebenswege derjenigen Juden, die in den Verhältnissen des Kaiserreichs aufgewachsen sind, außerdem stellte sich bei ihr als Frau ja auch die Frage des Kriegsdienstes nicht.

    Aus diesem Grund hielt ich beide nicht für passende Beispiele.

    Das ist zweifellos richtig. erscheint ja auch symptomatisch durch die Tatsache, dass die "Protokolle der Weisen von Zion", produkt einer zaristischen Fälscherwerkstatt waren. Zeigt sich dito an den Auswanderungswellen jüdischer oder von den Zeitgenossen als "jüdisch" betrachteter Personen in andere Europäische Länder und in die Vereinigten Staaten, zeigt sich ditto auch in der Zusammensetzung der russischen Sozialdemokratie und der SDKPiL, ebenso wie bei der Generation der Altbolschewiken und Funktionäre der ersten Stunde in der Sowjetunion.

    Nur waren Judenprogrome durchaus keine russische Spezialität. Vereinzelte Progrome, in Teilen sogar Prozesse wegen angeblicher Ritualmorde fanden auch in Österreich-Ungarn (siehe exemplarisch Tiszaészlar) und auch im deutschen Kaiserreich statt, siehe "Xantener Knabenmord, auch Buschoff-Prozess" und "Konitzer Mordaffäre" als einschlägige Beispiele.
    Im Hinblick auf Konitz findet sich in Ernst Tollers autobiographie "Eine jugend in Deutschland" in einem der ersten Kapitel eine Passage, die Aufschluss über die Verbreitung und die antisemitische Stimmung mindestens in weiten Teilen Westpreußens und des Netze-Distrikts gibt.





    Xantener Ritualmordvorwurf – Wikipedia
    Konitzer Mordaffäre – Wikipedia
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Januar 2020
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  14. schaf

    schaf Mitglied

    Liebknecht und Rosa Luxemburg waren selber Juden.
    Juden – Wikipedia
    "Laut Halacha, den jüdischen Religionsvorschriften, gilt eine Person als jüdisch, wenn sie eine jüdische Mutter hat, unabhängig davon, ob oder wie sehr sie die jüdischen Glaubensvorschriften befolgt oder nicht. Dabei ist Bedingung, dass die Mutter bei der Empfängnis Jüdin nach der Halacha war. Außerdem gilt als Jude, wer formell die Konversion zum Judentum (gijur) vollzogen hat."

    Wo steht das ?

    (Nur bedingt neben dem Thema wegen Liebknecht u. Luxemburg.
    August Bebel – Wikipedia
    „Dort im Osten steht unser wahrer und einzig gefährlicher Feind. Gegen ihn müssen wir auf der Hut sein und unser Pulver zu Lande trocken halten.“
    m Falle eines Krieges gegen Russland sei er als „alter Knabe noch bereit, die Flinte auf den Buckel zu nehmen und in den Krieg gegen Russland zu ziehen.)
     
  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Hat nicht das geringste mit dem Thema "Deutsch-jJüdische Identität" zu tun. Sondern betrifft ausschließlich die Frage des "Klassenkampfes" gegen ein absolutistisches und kulturell rückständiges zaristisches Russland. So die Frontstellung der SPD gegen den Zarismus.
     
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  16. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Liebknecht und Luxemburg waren ihrem Bekenntnis und ihrem Selbstbild nach keine Juden. Orthodoxe Auslegungen jüdischer religöser Rechtsvorstellungen, die nicht einmal von sämmtlichen Juden geteilt werden, sind nicht Konstituierend für das Selbstbild der genannten Personen oder ihre Sozialisation oder ihre religiösen oder areligiösen Praktiken. Ebenso sind sie nicht kontituierend für die Rezeption einer in ihrer überwiegenden Mehrheit nichtjüdischen Umgebung, für deren Leben und Weltanschauungen orthodox-jüdischen Traditionen ungefähr so viel meinungsbildende Bedeutung hatten wie ein Sack Reis, der irgendwo in Guangzhou oder Shanghai umgefallen ist.
    Zumal auch die von dir heranzitiert Betrachtungsweise eindeutig auf Erziehung gemünzt ist und nicht auf Abstammung per se, denn wenn es nicht um die Erziehung der Kinder im Rahmen jüdischer Traditionen ginge, würde eine auf die Mutter beschränkte Abstammung bei der Zuordnung überhaupt keinen Sinn ergeben.

    Schau dir einfach mal die Zusammensetzung dieser Kreise an:
    Nehmen wir die Altbolschewiken:

    - Trotzki
    - Sinowjew
    - Kamenew
    - Swerdlow
    - Radek
    - Litwinow

    Alles Charaktäre mit teilweise jüdischen Vorfahren, die deswegen auch entsprechend angefeindet wurden.

    Für die Ebene der sonstigen Funktionäre und in Teilen der Tschekisten der ersten Stunde, müsstest du etwa bei Thimothy Snyder: Bloodlands, fündig werden

    Darin kam durchaus eine Reaktion auf die verstärkte antijüdische Repression im zaristischen Russland zum Ausdruck.


    Was hat denn die Russophobie der Sozialdemokratie vor dem 1. Weltkrieg nun mit Liebknecht und Luxemburg zu tun?
    Die hat viel mehr etwas mit Russlands Rolle bei der Niederschlagung der 1848 Revolution in Österreich, der Niederschlagung der polnischen Aufstände, dem zaristischen Absolutismus, dem Petersburger Blutsonntag, der Niederschlagung der Revolution von 1905, der sehr repressiven innenpolitischen haltung Russlands danach und der notorischen Loyalität zwischen den europäischen Königshäusern, in diesem Fall derer der Romanows mit der der Hohenzollern, die weite Teile der Sozialdemokratie bekanntlich gerne schon früher losgeworden wären, etwas zu tun.

    Können wir dann zum Thema zurück kommen?
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Januar 2020
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  17. Nehrwert

    Nehrwert Gast

    Auch nach dieser Definition ist Liebknecht kein Jude... Jude war Liebknecht nur in den Augen der damaligen Rechten.
     
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  18. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Wieso war Karl Liebknecht Jude, wenn er christlich getauft wurde? Seine Mutter war Wilhelmine Natalie Liebknecht geborene Reh. Ihr Vater Theodor Reh war ab 1818 Mitglied einer christlich-teutschen Burschenschaft. Ihre Mutter, Karls Großmutter, Karoline Theodore Luise Weidig war eine Pfarrerstochter.
     
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  19. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

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  20. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Hier sollte auch Willy Cohn erwähnt werden. Als jüdischer Deutscher hat er jahrelang Tagebuch geführt:

    Darüber hinaus fanden sich im Nachlass auch 112 Hefte, in denen Willy Cohn zwischen 1907 und 1941 seine täglichen Eindrücke festgehalten hatte.
    https://www.zeit.de/2006/51/P-Willy-Cohn/komplettansicht

    Die Tagebücher sind in Jerusalem zu finden: http://cahjp.nli.org.il/webfm_send/688

    Allerdings sind bisher nur die Tagebücher für die Zeit von 1933 bis 1941 veröffentlicht worden (zumindest habe ich nichts über die Veröffentlichung der Jahre vor 1933 gefunden). Die Tagebücher in Jerusalem scheinen auch nur "off-line" verfügbar zu sein.

    In dem oben genannten Artikel aus der ZEIT werden einige Zitate aus den Tagebüchern erwähnt, die darauf hindeuten, dass er sich primär als Deutscher trotz der Diskriminierung im Dritten Reich gesehen hat.


    Und auch hier:

    Conrads: „Willy Cohn war ein Jude preußischer Herkunft und deutscher Herkunft. Er verehrte die deutsche Literatur, er war ein glühender Verehrer Goethes und Eichendorffs, er unterrichtete in der Schule Literatur und Geschichte. Willy Cohn ist in den Ersten Weltkrieg mit Begeisterung gezogen, hat dort an vorderster Front gekämpft, hat das Eiserne Kreuz erworben. Für ihn war es selbstverständlich, dass Deutschland seine Heimat war. Daher gibt es so viele erschütternde Aussagen von ihm, wie schwer es ihm fällt, dieses Deutschland zu verlassen.“
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/erschreckende-beobachtungen.986.de.html?dram:article_id=153720
     
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