Deutsche und englische Industrialisierung

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von saurezitrone, 21. Februar 2008.

  1. saurezitrone

    saurezitrone Neues Mitglied

    hallo,


    ich habe ein frage zur industrialisierung, nämlich was ist den anders bei der entwicklung in england als in deutschland? könnte mir jemand wenigstens einen text geben, der mir weiter helfen könnte?

    gruß saurezitrone
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ein bisschen was, kann man vielleicht hier entnehmen: http://www.geschichtsforum.de/f59/die-textilindustrie-als-als-leitfaden-fuer-andere-sektoren-17532/
    Gemeinsam zwischen den Verhältnissen im HRR und England war sicherlich die hohe Bedeutung der Textilherstellung für die Entwicklung der industriellen Revolution. Hier wurden die ersten weitreichenden Erfolge erzielt.
    Die Verbreitung der Neuerungen war in Deutschland aber weit weniger homogen als in England, da Deutschland in viele Staaten zersplittert war, in denen die Herrschenden auf ihre Weise die Wirtschaft förderten. So gab es im Heiligen Römischen Reich wichtige Schwerpunktgebiete mit vielen Manufakturen wie Sachsen, während Preußen erst zur Aufholjagd diesbezüglich im 18.Jh. ansetzte. Dies sind sicherlich wesentliche Aspekte, dann auch für die Entwicklung im 19.Jh., da die staatliche Zersplitterung in Deutschland nur begrenzt überwunden werden konnte, indem kleinere Staaten nach dem Ende des Alten Reiches wegfielen, also von größeren Nachbarn geschluckt wurden.
    Wohl nicht zu vernachlässigen dürfte sein, dass in Frankreich und England die großen Erfindungen wie z.B. auf dem Gebiet der dampfbetriebenen Fahrzeuge (Nicolas Cugnot in F., Richard Trevithick in E.) erzielt worden sind. Derweil profitierte Deutschland eher von diesen Entwicklungen. Ein bisschen kommt das auch im Wikipediaartikel dazu zur Geltung.
    Industrielle Revolution - Wikipedia
     
  3. TGDarmstadt

    TGDarmstadt Neues Mitglied

    Die Stichworte zur Industrialisierung in Deutschland sind:

    Deutscher Zollverein
    Eisenbahnen
    Technische Hochschulen
    Staatliche Industrieförderung.
     
  4. Köbis17

    Köbis17 Gast

  5. Lien

    Lien Neues Mitglied

    Die deutsche Industrialisierung begann z.Bsp. später.
    Unter anderem aus folgenden Gründen:

    --> Zu wenig Arbeiter durch späte Aufhebung der Leibeigenschaft, was bedeutet, dass die Bauern an ihre Landbesitzer gebunden waren und nicht ihr Land aufgeben und in die Städte gehen konnten, um zu arbeiten.

    --> keine so günstige Lage der Rohstoffe Eisen und Kohle

    --> Fehlen von Transportwegen.
    In England gab es sehr viele Kanäle, die den Transport vereinfachten, das gab es in Deutschland nicht.
    Der Transport wurde erst durch den Bau der Eisenbahn (im großen Stil) möglich.

    --> niedriges Bildungsniveau

    --> Einfuhrzölle (wurde ja schon von vielen erwähnt)

    --> Mangel an Kapital
    Wie sollte man eine Fabrik bauen ohne Geld??
     
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  6. Repo

    Repo Neues Mitglied

  7. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Richtig.
    War auch einer der Gründe, warum die Engländer das "Made in Germany" erzwungen haben, damit die schlechten Plagiate auffliegen.
    Und zum Qualitätssiegel konnte das erst werden, als die solcherart geouteten Produzenten sich mit der Qualität mehr Mühe geben mußten.

    Völlig richtig.

    Von einigen altertümlichen Formulierungen abgesehen ähneln sich englische Darstellungen über die "unfairen" Deutschen, die mit Billiglöhnen und weniger Auflagen den ehrbaren Engländern Konkurrenz machten verblüffend den heutigen Pamphleten à la attac gegen die böse Globalisierung.

    Und bei den Deutschen lief es eben wie später bei den Japanern und wohl bald bei den Chinesen, daß es eine klare Entwicklungslinie gab: Zuerst der Start mit billigsten Waren (minderer Qualität), dann allmählich besser und teurer werdend, um schließlich auf ziemlich demselben Niveau (auch intern bei Löhnen etc.) zu landen wie die etablierte Konkurrenz.
     
  8. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    So ganz verstehe ich diesen Beitrag nicht.
    1. Das ist extrem unterschiedlich natürlich von Gegend zu Gegend. Erzvorkommen gab es natürlich auch. Als England im 18.Jh. zur Industriellen Revolution ansetzte waren auf einmal die Klingenherstellungen von Solingen etc. also deutschen Standorten weltberühmt.

    2. Kanäle werden künstlich angelegt. Hier fehlt mir die Ausführlichkeit in diesem Beitrag. Natürlich gab es auch in Flächenstaaten wie Brandenburg-Preußen den Bau von Kanälen wie unter dem Großen Kurfürst unternommen. Durch die staatliche Zersplitterung wurde dies aber lange Zeit im 18. und beginnenden 19.Jh. verhindert. Bezeichnenderweise begannen dann mit der Bereinigung der Gebiete im Zuge der napoleonischen Vorherrschaft auch umfangreichere Projekte, wie die bayerische Landesvermessung etc..

    3. Auch hier ist dieser Einwurf verallgemeinernt. Das Bildungsniveau differierte enorm zwischen den einzelnen Staaten innerhalb des HRR.

    4. Klar ein Grund der Kleinstaaterei. Teilweise wird der Aspekt aber auch überschätzt.

    5. Was willst Du uns hiermit sagen? Wer hatte einen Mangel an Kapital? Richtig ist, dass z.B. in Preußen das reiche Bürgertum wenig entwickelt war. Deswegen waren die Manufakturen zum großen Teil dort Staatsbetriebe.
    Völlig anders verhielt es sich in anderen Regionen mit einem hoch entwickelten und in Europa berühmten starken Finanzbürgertum. Dort haben wir zuerst die Einführung neuer Maschinen und die Errichtung der Fabriken nach englischem Muster. Beispiele werden auf dem von mir verlinkten Artikel ersichtlich.
     
  9. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Wichtiger scheint mir hier der Fortschritt in der Geodäsie zu sein, z. B. durch Gauß.

    Solwac
     
  10. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Das ist heute noch ein Aspekt. Warum gibt es keine direkte Bahnverbindung Wismar-Lübeck, man muss über Bad Kleinen fahren. (*Das Kaff hat unter 4000 Einwohner, kein Stadtrecht und besteht fast nur aus Bahnanlagen. Bekannt durch den RAF-Skandal mit Grams Anfang der 90er*)

    Weil westlich von Wismar ein kleines Stück Land eigenartigerweise nicht zu Mecklenburg-Schwerin, sondern zu Mecklenburg-Strelitz gehörte und der dortige Potentat wollte keine Bahn.
     
  11. Knöpfchen

    Knöpfchen Neues Mitglied

    Dass der Beginn der Industrielle Revolution in England mit Jahr 1780 datiert wird, habe ich mehrfach gelesen. Aber warum? Aufgrund des beginnenden technischen Fortschrit oder gab es im diesem Jahr irgendetwas besonderes?
     
  12. Köbis17

    Köbis17 Gast

    Hallo Knöpfchen,

    schau mal hier, da steht es gut beschrieben, wie es mit der britischen Wirtschaft um und ab 1750 stand.

    Readertexte_Hobsbawm - Industrielle Revolution 1780-1840
     
  13. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

  14. Knöpfchen

    Knöpfchen Neues Mitglied

    Vielen Dank! :yes: Helden ;-)
     
  15. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Im Projektmanagement (im Englischen) spricht man gerne von den "6M":
    Men, Machine, Money, Material, Method and Market
    Im Deutschen müsste man dann statt "Geld" "Moos" sagen :)

    Das muss alles stimmen! Unter "Menschen" werden meist ungelernte Arbeiter verstanden, die nach einer vorgegebenen "Methode" arbeiten. Dies ist aber gerade der Clou der IR: Neue Methoden, neue Wege der Produktion (Chemie, Textil, Hüttenwesen, Maschinenbau,...).
    Dies erfordert "Ingenieure", und dieser Beruf ist relativ neu. In England konnte man sich schon frühzeitig naturwissenschaftlich-technisch schlau machen, in allen anderen Ländern entstanden nach 1800 Ingenieurakademien; Napoleon bildete Fachleute für seine Armeen aus, und in Preußen entstand im Rahmen der Stein/Hardenbergschen Reformen berufsbildenden und technischen Schulen.

    Ohne diese Fachleute keine IR.
     
  16. Plato

    Plato Neues Mitglied

    Hallo,

    Ich weiss nicht ob es in den einzelnen Links schon vorkam, aber auch die Denkweise mit der In England mit Geld umgegangen wurde ist anders als im Vergleich zu Deutschland. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass Locke seine Grundlagenphilosophie auf den freien Markt, indem sich der Staat raushällt auslegt.

    Sicherlich grundlegend verschieden sind auch die Handels- bzw. Industriezweige. so wurde in in der Hauptschwerpunkt erstmal auf die Baumwoll- und Wolleindustrie gelegt, während in Deutschland verstärkt auf die Eisen- und Stahlindustrie hingearbeitet wurde.

    Für mich persönlich, ist eigentlich die Lösung von der Schule, die in England schon ziemlich früh statt gefunden hat einer der wichtigsten Faktoren, weil dadurch selbst Bauern über ein gewisses Kapital verfügten und so sich ihre Existenz auch in der Industrie aufbauen konnten.

    Solche Beispiele gibt es sicher auch in Deutschland wie mit Herrn Krupp der zu Anfang seiner Karierre mit 5 Mitarbeiter ziemlich wenig beschäftigte, doch bis zu seinem Tod ca. 40.000 Mitarbeiter hatte.
     
  17. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Das ist vielleicht etwas kühn formuliert.

    "Erst mit der Gründung des Gewerbeinstituts (1821) in Berlin erweiterte der Staat seinen gewerbeschulpolitischen Aktionsradius über die Beamtenschulung hinaus." Dies ging einher mit einem Abbau (!) der gewerbeschulischen Breitenförderung. Erst in den 1870er Jahren (!) wurden Fortbildungsschulen, die Vorläufer der heutigen beruflichen Schulen, staatlich subventioniert. (Harney, in: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. III, S. 281 ff.) Ein bißchen besser sah es bei den Fachschulen aus, die aber auch erst ab den 1820er Jahren stärker gefördert wurden (Lundgreen, aaO, S. 293 ff.).

    Das macht auch deswegen "Sinn", weil auch die schon 100 Jahre vorher progagierte Schulpflicht in weiten Bereichen nur auf dem Papier existierte. "Noch 1816 besuchten hier [in Preußen] nur 54,1 % aller schulpflichtigen Kinder die Elementarschule [...], wobei die Frage des regelmäßigen Schulbesuchs bei diesen Angaben außer Acht bleibt" (Friederich, aaO, S. 123 ff. [127]).

    Dass der Staat selbst hinterher alle möglichen Erfolge auf seine eigene weitschauende Politik zurückführte, steht auf einem anderen Blatt - das ist bei den heutigen Kultusministers nicht viel anders...:)
     
  18. TGDarmstadt

    TGDarmstadt Neues Mitglied

    Das deutsche System technischer Hochschulen, das im Laufe des 19. Jahrhunderts entstand, war zunächst einzigartig auf der Welt. Die Erfinder der frühen Industriellen Revolution in England waren oft gelernte Handwerker oder hatten sich ihr technisches Wissen selbst angeeignet.
    In Deutschland fand hingegen ab ca. 1820 eine gezielte staatliche Förderung von polytechnischen Schulen und technischen Hochschulen statt. Vielleicht aus deshalb galt um 1900 in England der wagemutige Unternehmer als der "Held" der Industriellen Revolution, während in Deutschland der Ingenieur in dieser Rolle gesehen wurde. Eine Spätfolge: Noch immer haben die Deutschen in der angelsächsischen Welt den Ruf, hervorragende Ingenieure zu sein.
     
  19. Ihr negativer Einfluss wird in Deutschland sehr überschätzt.
    Zur Zeiten des HRRDN wurden hohe Zölle zwischen den deutschen Staaten vermieden.
    Während der Deutsche Bund-Zeit fielen Zölle zwischen den meisten deutschen Staaten schon nach zwei Jahrzehnten.

    Im übrigen können hohe Einfuhrzölle unter den richtigen Vorraussetzungen sehr gut als Beschleuniger und nicht als Bremser von Industrialisierung dienen.

    Warum sollte das Bürgertum die einzige Quelle für Kapital sein?
    Oft war doch der Staat der Investor in die Schaffung neuer Industrien.
     
  20. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Ich muss da mal eine Lanze für meine französischen Nachbarn brechen: Die haben 1794/95 die erste "Ecole polytechnique" gegründet und waren insoweit maßgebend für andere Staaten, wohingegen das Berliner "Gewerbeinstitut" Vorbild für französische Schulen war. Französische Ingenieurkunst wurde jahrzehntelang für ebenso bedeutend gehalten wie deutsche und geriet erst im letzten Viertel des Jahrhunderts ins Hintertreffen.

    Was den "Unterbau" betrifft, also die die Fachstudien vorbereitenden Lehranstalten, blieb Preußen leider hinter dem Möglichen zurück. In Süddeutschland und in Österreich wurde dieser Bereich stärker gefördert, übrigens auch in Darmstadt, wo 1836 die Gewerbeschule entstand und ständig erweitert wurde.
     

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