CarnifexUltra
Aktives Mitglied
Ein paar Absätze aus einem Buch das ich unlängst gelesen habe und das sicherlich der eine oder andere sehr spannend finden wird:
Die Außenbeziehungen des Königreichs Jerusalem im 12. Jahrundert - Eric Böhme - 1. Aufl. 2019 - S. 250-253 255-257 schrieb:Einen besonderen Faktor für die Außenbeziehungen des Königreiches Jerusalem in Nordsyrien stellten die Assassinen dar. Sie waren Angehörige einer heute als Nizārīya bezeichneten, ismāʿīlītisch-schiitischen Sekte, die unter ihrem persischen Gründer und Führer Ḥasan-i Ṣabbāḥ in den Jahren 1078–1094 im Namen des fāṭimidischen Kalifen al-Mustanṣir eine religiöse Revolution im sunnitischen ʿAbbāsiden-Kalifat von Bagdad entfachen wollte. Nachdem al-Mustanṣir, der als einzig legitimer Imam mit Anspruch auf die geistliche und weltliche Oberherrschaft über die gesamte muslimische Welt verehrt worden war, 1094 gestorben und sein rechtmäßiger Nachfolger Nizār entmachtet worden war, sagte sie sich von der neuen Führung in Kairo los. In den folgenden Jahrzehnten konstruierten die Sektenführer die Legende, dass sich ein Enkel des verstorbenen Imams, von ihnen vertreten, in ihrem Hauptquartier, der Festung Alamūt im Nordosten Persiens, versteckt halten und auf den geeigneten Zeitpunkt für seine Wiederkehr warten würde.
Schon früh legte die Sekte, um die eigene Autorität durchsetzen zu können, ihr Augenmerk auf Missionierung (daʿwa), was ihr eine wachsende Anhängerschaft vor allem unter der ländlichen Bevölkerung, die verstreut in zahlreichen Siedlungsgebieten zwischen Persien und Nordsyrien lebte, verschafft hatte. Seitens der mehrheitlich sunnitischen Bevölkerung schlug diesen als Häretikern angesehenen Konvertiten jedoch zumeist Ablehnung entgegen, die sich in unregelmäßigen Abständen in Form von spontanen, bisweilen aber auch durch die jeweilige Führungselite gezielt organisierten Pogromen niederschlug. Da die Sekte nur über wenige regulär bewaffnete Kräfte verfügte, die vor allem als Garnison der Festungen eingesetzt wurden, konnte sie sich nicht mit herkömmlichen militärischen Mitteln gegen die Verfolgungen wehren, weshalb ihre Führer zumeist die Verständigung mit den politischen und religiösen Autoritäten der sunnitisch dominierten Herrschaftskomplexe suchten. Wenn dies misslang, nutzten sie jedoch gezielte Mordanschläge als Druckmittel, um ihre Verhandlungsposition zu stärken. Für diese Aufgabe bildeten sie, unter Versprechung von ewiger Belohnung im Paradies, Elite-Kämpfer (fidāʾiyyūn) aus und schleusten sie als Vertraute in das Umfeld der Zielpersonen. Handelte es sich bei diesen um hohe Würdenträger wie die Kalifen und Wesire von Kairo oder Bagdad, so mussten die Attentäter mitunter mehrere Jahre damit verbringen, deren Vertrauen zu gewinnen, bis sie vom Imam schließlich den Befehl zum Angriff erhielten. Die Möglichkeit des Überraschungsangriffs in Kombination mit ihrer religiösen Entschlossenheit und der intensiven Ausbildung im Umgang mit Waffen verschaffte ihnen dabei eine hohe Erfolgsquote. Diese und die Breitenwirkung, die die urplötzliche Ermordung einer öffentlich bekannten Führungsfigur zumeist entfachte, ließen die Furcht vor der Sekte wachsen, was wesentlich dazu beitrug, ihr Fortbestehen zu sichern. Um die Attentäter bildete sich bald ein Nimbus von unbesiegbaren und tödlichen Gegnern, der mit der Zeit immer legendenhaftere Züge annahm. [...]
Die von Persien aus in Auftrag gegebene Missionierung Nordsyriens hatte bereits um die Wende zum 12. Jahrhundert begonnen und war aufgrund der sozialen und politischen Umwälzungen durch die ersten Kreuzzüge, der territorialen Zersplitterung der muslimischen Welt in einzelne Herrschaftsgebilde und den daraus resultierenden, ständigen militärischen Konflikten auf fruchtbaren Boden gefallen. Dennoch war es der Sekte trotz intensiver Versuche erst in den Jahren nach 1132 gelungen, die dauerhafte Kontrolle über einige Festungen und das dazwischen liegende Gebiet auf dem westsyrischen Bergmassiv des Ǧabal Bahrāʾ (heute auch Ǧibāl al-Anṣārīya) nördlich des Libanongebirges zu erlangen, dessen Hauptsitz die 1141 eroberte Burg Maṣyāf am Südostrand wurde. Darauf Bezug nehmend bezeichneten vor allem die späteren lateinischen Chronisten den Führer der Sekte oft als „Alten vom Berge“ (Vetus de Montanis), während die frühen Quellen nur von senex oder vetulus schrieben und damit den bis heute gebräuchlichen arabischen Ehrentitel šaiḫ wörtlich übersetzten. Die genaue Ausdehnung ihres Herrschafts- und Einflussgebietes sowie die Größenordnung ihrer Anhängerschaft sind kaum festzustellen, doch schrieb ihnen Wilhelm von Tyrus in den 1180er Jahren in durchaus realistischer Schätzung zehn Festungen und mehr als 60.000 Gläubige zu. Das Wachstum ihres Siedlungsgebietes fand in unmittelbarer Nachbarschaft zu den nördlichen Kreuzfahrerstaaten Antiochia und Tripolis statt und griff teilweise auf diese aus, doch blieben die Beziehungen zu den Franken zunächst freundlich. Zuletzt hatten im Jahr 1148 Fürst Raimund von Antiochia (1136–1149) und der Assassinenführer ʿAlī b. Wafāʾ eine Allianz gegen Nūr ad-Dīn geschlossen und waren im Juni des folgenden Jahres gemeinsam in der Schlacht von Ināb umgekommen. Erst als im Jahr 1152 Graf Raimund II. von Tripolis das Grenzgebiet um Tortosa dem Templerorden übertrug, kam es offenbar zu gewaltsamen Grenzstreitigkeiten, in deren Folge die Sekte ihn und zwei seiner Begleiter noch im selben Jahr als erste bekannte Nichtmuslime ermorden ließ. In der Folge kam es, ähnlich wie in den sunnitisch dominierten Gesellschaften der islamischen Herrschaftskomplexe, zu gewaltsamen Pogromen gegen die Sekte, doch nach einiger Zeit normalisierten sich die Beziehungen wieder und die Assassinen zahlten dem Orden als Ausgleich für die Kontrolle eines vom ihm beanspruchten Territoriums jährlich 2.000 Byzantiner. Auch aus den folgenden Jahren gibt es nur wenige Informationen über die Beziehungen der Kreuzfahrerstaaten zu ihren nizārītischen Nachbarn, die nach der Eroberung von Damaskus 1154 zu den letzten von den Zengīden unabhängigen muslimischen Akteuren in der unmittelbaren Umgebung gehörten. Zwar belagerten Ende 1157 bekanntlich Truppen aus allen drei Kreuzfahrerstaaten die von der Sekte besetzten Ruinen von Šaizar, doch blieb das Unternehmen ebenso erfolg- wie konsequenzenlos.[…]
Nach der natürlich mit Vorsicht zu betrachtenden Darstellung des Chronisten [Wilhelm v. Tyrus] hatte der Meister der Assassinen die bereits erwähnte Abkehr von der „Irrlehre“ des Islams aus eigener Initiative vollzogen, nachdem er durch die Lektüre des Evangeliums das Christentum als einzig wahre Religion anerkannt und entschieden hatte, die Konversion seiner Anhänger zum Christentum vorzubereiten. In einem nächsten Schritt schickte er einen vertrauten Anhänger namens Abū ʿAbd Allāh (Boaldelle) als Gesandten mit einer geheimen Botschaft an König Amalrich, deren Hauptanliegen in der Bitte bestand, den von den Tempelrittern auferlegten „Tribut“ von 2.000 Goldstücken für die Siedlungsgebiete der Assassinen aufzuheben. Im Gegenzug, so berichtet Wilhelm weiter, habe er angeboten, sich und seine Anhänger taufen und endgültig zum Christentum konvertieren zu lassen. Der König war von der Aussicht auf neue christliche Verbündete natürlich hoch erfreut und erklärte sich umgehend bereit, die jährlichen Zahlungen an den Ritterorden aus seinen eigenen Einkünften zu bezahlen. Nach ausführlichen Gesprächen schickte er den Boten mit einem eigenen Gesandten als persönlichen Begleitschutz zurück nach Norden, um dort mit Sinān die Verhandlungen zum Abschluss zu bringen. Als das Duo bereits über Tripolis hinausgekommen war und kurz vor dem Übertritt in das Gebiet der Assassinen stand, geriet es unvermittelt in einen Hinterhalt von Templern, die aus dem nahe gelegenen Tortosa stammten. Diese griffen umgehend an und töteten den Boten der Assassinen ungeachtet seines königlichen Auftrages und Begleitschutzes. Als der König davon Kenntnis erhielt, rief er, außer sich vor Empörung über die Tat, die er auch als persönliche Beleidigung auffasste, die Haute Cour zusammen, um über die notwendigen Sanktionen zu beraten. Man kam darin überein, dass diese offene Sabotage einer Reichsangelegenheit nicht ungesühnt bleiben konnte, da durch sie die königliche auctoritas verletzt, fides und constantia des Christentums in Verruf geraten und der schon sicher erschienene Zuwachs der Kirche verloren gegangen seien. Zwei Gesandte, Soherius von Memedeo und Gottschalk von Torhout, wurden nun zum Ordensmeister Odo von St. Amand nach Sidon geschickt, um die Auslieferung des Haupttäters, angeblich ein einäugiger Ritter namens Walter von Maisnil (Mesnil), zu verlangen. Dies verweigerte der Meister mit Verweis auf die Unterstellung des Ordens allein unter päpstliche Jurisdiktion und ließ dem König ausrichten, dass er den Schuldigen bereits mit einer Buße belegt habe und für weiteres Urteil an die päpstliche Kurie schicken werde. König Amalrich reiste daraufhin persönlich in die Stadt, ließ den Gesuchten gewaltsam aus dem Templerquartier holen und in Tyrus inhaftieren. An den Meister der Assassinen richtete er eine neue Gesandtschaft, die sein Bedauern und seine Unschuld beteuern sollte und damit angeblich auch Glauben fand. Zu weiteren Forschritten sowohl in den Verhandlungen mit der Sekte als auch im Verfahren gegen die Templer, gegen die er nach der Darstellung des Chronisten umfangreiche Schritte plante, kam es jedoch nicht, denn der König erkrankte wenig später schwer und starb im Juli 1174.
Die Literatur zur Geschichte der Nizārīya ist überbordend. Als aktuelles Standardwerk kann die bereits zitierte Arbeit von Daftary, Ismāʿīlīs (2007) gelten, wobei die älteren Arbeiten von Hodgson, Secret Order (2005) und Lewis, Assassinen (1989) noch immer ergänzend heranzuziehen sind. Biblio-graphisch weiterführend sei auf Daftary, Ismaili Literature (2004) verwiesen.