Die Einführung von gebrannten Ziegeln als tragenden Mauerelementen

Dieses Thema im Forum "Technikgeschichte" wurde erstellt von Gegenkaiser, 13. Februar 2010.

  1. Gegenkaiser

    Gegenkaiser Gesperrt

    Lehmziegel waren seit alters her in den vorderorientalischen Stromkulturen das Baumaterial für den Hausbau schlechthin. Im steinlosen Schwemmland Mesopotamiens wurden sie zudem seit Anbeginn in der Monumentalarchitektur massenhaft verbaut.

    Gebrannte Ziegel kamen dagegen erst sehr viel später auf (von Dachziegeln soll hier nicht die Rede sein). Zwar wurden glasierte Kacheln bereits seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. zu Dekorationszwecken verwendet, aber erst im Zuge des grandiosen Ausbaus Babylons durch Nebukadnezar im frühen 6. Jh. v. Chr. wurden auch gebrannte Ziegeln großflächig vermauert.

    Dabei - und das ist meine Frage - ist aber nicht ganz klar, ob diese Ziegel lediglich als witterungsbeständige und wasserfeste Verschalung eines Mauerkerns aus Lehmziegeln verwendet wurden, oder ob sie auch als tragendes Mauerwerk zum Einsatz kamen. Leider drückt sich selbst Fachliteratur in dieser wichtigen Frage um eine klare Aussage.

    Und zu Babylon heißt es:

    Meine Frage ist: Wer kann eindeutig sagen, ob das Mauerwerk der babylonischen (oder auch anderer vorgriechischer Monumente) Bauten zur Gänze aus gebrannten Ziegeln bestand oder nur die äußere Verkleidung so aufgemauert wurde? Insbesondere gilt meine Frage dem Ishtar-Tor, den Hängenden Gärten, der Doppelmauer, aber auch dem sogenannten 'Vorwerk', einer Wasserschutzmauer am Euphrat. Ich habe nämlich den Verdacht, dass erst zu Zeiten der Römer die Massivbauweise aus gebrannten Ziegeln eingeführt wurde
     
  2. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Obwohl ich es nicht genau weiß, kann es eigentlich nur Verschalung gewesen sein.

    1) Die Ruinenhügel Mesopotamiens müssten sonst unzählige intakte Ziegel enthalten. In Wahrheit sind sie zerbröselte Lehmhaufen.

    2) Woher bitte schön sollten in dieser baumlosen Gegend die Unmengen des zur Herstellung benötigten Brennmaterials kommen?
     
  3. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Hoi zäme

    Die einfachen Lehmziegel aus "Naturlehm" wurden/werden bei relativ niederen Temperaturen gebrannt und sind deswegen nicht sehr witterungsbeständig. So gesehen ist die heute brösmelige Konsistenz kein zwingender Hinweis auf ungebrannte Ziegel...

    Gruss Pelzer


    .
     
  4. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Einspruch, Euer Ehren !
    Wenn ich mich recht entsinne, wurden die einfach an der Luft bzw. in der Sonne getrocknet.
    Und was sagt Tante Wiki?:
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich war vor einigen Jahren am Tell Mari an der syrisch-iraqischen Grenze. Es stimmt, die Mauern neigen zur Erosion und die Ziegel sind bröselig. Aber man kann Fugen und Ziegel trotzdem noch erkennen.

    Aus Spätmittelaltergrabungen hierzulande (Stadtarchäologie) weiß ich zudem, dass auch durchgebrannte Ziegel durchaus nach einigen Jahrhunderten in der Erde dazu neigen "weich" zu werden. Den Grund möge aber jemand anders erklären.
     
  6. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Den Grund weiß ich zwar nicht, aber diese Beobachtung kann ich bestätigen. Im Backsteinmauerwerk der hiesigen Kirchen (ca. 700 Jahre alt) sieht man immer wieder einzelne Ziegel, die ziemlich beschädigt sind, andere sind noch völlig intakt. Die Qualität der Chargen beim Brand fiel offenbar recht unterschiedlich aus.
     
  7. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Hoi balticbirdy

    Ich meine schon gebrannte Ziegel, nicht luftgetrockneten! :winke:
    Lehmziegel (Backsteine) müssen je nach der Lehmqualität verschieden hoch gebrannt werden. Und entsprechend stabil werden sie dann. Guter Ton - hohe Brenntemperatur - hohe Festigkeit/Witterungsbeständigkeit.

    Bei der altersbedingten "Verwitterung" der Ziegel sind oft Salze beteiligt. Diese werden von der aufsteigenden Feuchtigkeit transportiert und verursachen Abplatzungen der Oberfläche. Vor allem wenn schlechter Lehm zu hoch gebrannt wurde und sich an der Steinoberfläche eine Sinterschicht gebildet hat. Die ist dann härter/spröder als das Innere des Ziegelsteines und kann abplatzen. Erkennbar ist solches zum Beispiel an den weissen Ausblühungen...



    Gruss Pelzer


    .
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Februar 2010
  8. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Ich glaube, da ist erstmal eine Definition fällig.

    getrocknet = Lehmziegel
    gebrannt = Backstein
    hart gebrannt = Klinker

    Oder ist das jetzt zu simpel? Hier kann @flo doch mal fachlich glänzen.
     
  9. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    ... deiner Definition kann ich zustimmen! :friends:
    Ich verwende im Alltag die Bezeichnung "Adobe" für die Ungebrannten, Backstein für die gebrannten und Klinker für die gesinnterten. Wobei ich meine "Backstein" ist auch ein regionaler Begriff?


    Gruss Pelzer


    .
     
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  10. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Also gut, das hätten wir. Aber woraus bestand denn, um auf die Ausgangsfrage zu kommen, das Kernmauerwerk der Bauten im Alten Orient? Ich meine aus Lehmziegeln.

    Glaube ich nicht. Der ganze mittelalterliche Baustil im Norden nennt sich Backsteingotik. Besser wäre Klinkergotik, solche Steine in dieser Qualität gibt es heute gar nicht mehr.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Februar 2010
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wobei Adobe ein aus dem Spanischen kommender Begriff ist, ein Arabismus im Spanischen, ursprünglich aṭ-ṭūb. Im Spanischen ist damit der 'luftgetrocknete Ziegel gemeint', im Arabischen wohl auch, wobei mein WB nur 'Ziegel' angibt, die arabische Wikipedia unterscheidet in طوب (ṭūb, 'Lehmziegel') und طوبة (ṭūbah, 'Backstein').
     

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