Die französische Revolution und die Sklaverei?

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von Leser, 6. März 2010.

  1. Leser

    Leser Gast

    Hallo, diesmal nur 3 schnell formulierte kurze Fragen, die mit einer kurzen Antwort erschöpft sein werden:

    Die französische Revolution brach bekanntlich 1789 aus, die Monarchie verschwand und der Gedanke der Menschenrechte kam auf und wurde in definierten Bürgerrechten umgesetzt.
    Nun habe ich aber gehört, erst 1794 wurde die Sklaverei abgeschafft und dann wurde sie 1802 durch Napoleon wieder eingesetzt.

    1. Wie konnte die Beibehaltung der Sklaverei ideologisch mit der Einführung der Bürgerrechte verbunden werden?
    2. Welche praktischen Auswirkungen hatte das überhaupt? Auf dem Kontinent gab es doch nur wenige Sklaven und auf Übersee war Frankreich zu diesen Zeit doch keine Macht mehr (sonst hätte sich die Kontinentalsperre kaum gelohnt).
    3. Wie wurde die Wiedereinführung der Sklaverei durch Napoleon wahrgenommen? Wurde das überhaupt noch registriert?
     
  2. pitbull

    pitbull Gesperrt

    Zur Info: Joséphine bewog Napoleon, die Sklaverei 1802 wieder einzuführen, da die Zuckerrohrplantage ihrer Eltern auf Martinique ohne Sklaven nicht mehr betrieben werden konnte.

    Vier Nationen setzten sich heftig gegen die Aufgabe des Sklavenhandels zur Wehr: Spanien, Portugal, Brasilien (nach seiner Unabhängigkeit) und Frankreich. Großbritannien nutzte jedes Mittel, diese Nationen zum Gehorsam zu bewegen. Portugal und Spanien, die bei Großbritannien nach den Napoleonischen Kriegen verschuldet waren, willigten erst allmählich nach großen Zahlungen ein, den Sklavenhandel einzustellen. 1853 hatte die britische Regierung an Portugal über drei Millionen Pfund und an Spanien über eine Million zur Beendigung des Sklavenhandels gezahlt. Brasilien willigte jedoch nicht ein, den Sklavenhandel zu stoppen, bis Großbritannien militärische Maßnahmen gegen seine Küsten ergriff und 1852 mit einer Blockade drohte.
    Für Frankreich suchten die Briten zuerst eine Lösung während der Verhandlung am Ende der Napoleonischen Kriege, aber Russland und Österreich willigten nicht ein. Die Franzosen und die Regierung hegten große Befürchtungen hinsichtlich eines Zugeständnisses an Großbritannien. Großbritannien verlangte nicht nur, dass andere Nationen den Sklavenhandel verbaten, sondern verlangte auch das Recht, dieses Verbot polizeilich zu überwachen. Die königliche Marine verschaffte sich die Legitimation, alle verdächtigen Schiffe zu untersuchen und die festzunehmen, die als Sklaventransporter entdeckt oder für diese Zwecke ausgerüstet waren. Während es sich formal einverstanden erklärte, den Sklavenhandel 1815 zu verbieten, erlaubte es Großbritannien nicht die polizeiliche Überwachung, noch tat es viel, um es selbst zu erzwingen; so erfolgte ein ausgedehnter jahrelanger Sklaven-Schwarzmarkthandel. Während die Franzosen den Sklavenhandel ursprünglich mehr als die Briten abgelehnt hatten, machten sie ihn nun zum Gegenstand des nationalen Stolzes und lehnten britische Vorschriften rundweg ab. Solche reformerischen Impulse wurden durch die konservative Gegenreaktion nach der Revolution in ihr Gegenteil verkehrt. Aus diesen Gründen hielt Frankreich so lange am Sklavenhandel fest, und der französische Sklavenhandel kam folglich erst 1848 zum vollständigen Erliegen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. März 2010
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  3. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Vor allem in Haiti hatte Frankreich eine Menge Sklaven, die allerdings einen letztlich erfolgreichen Aufstand machten.
     
  4. Rheinländer

    Rheinländer Aktives Mitglied

    Bürgerrechte gibt es ja auch nur für den Bürger, wer kein Bürger ist, hat diese Rechte nicht.
     
  5. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    1789 wurden in Frankreich aber Menschen- und Bürgerrechte (Déclaration des Droits de l'Homme et du Citoyen) deklariert. Menschenrechte gelten für alle. In Artikel 1 hieß es: "Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es. Soziale Unterschiede dürfen nur im allgemeinen Nutzen begründet sein." Vom Wortlaut her hätten also eigentlich auch die Sklaven erfasst sein müssen. Allerdings galten sie de facto auch nicht für die Frauen.
     
  6. Rheinländer

    Rheinländer Aktives Mitglied


    Richtig, ihnen wurde das Menschenrecht schlicht abgesprochen.
     
  7. Azazel

    Azazel Neues Mitglied

    Das mit den Menschenrechten ist so eine Sache...
    Eigentlich galten sie damals ja schon für alle aber da man Sklaven häufig als "Untermenschen" angesehen hat hat man bei ihnen leider eine Ausnahme gemacht.
     
  8. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Frag doch mal die Gründerväter der USA, die hatten da wenig Probleme mit, dass Sklaverei in der Hälfte des Landes Normalität war...

    Es lief und läuft in der Neuzeit immerdarauf hinaus, bestimmten (meist dunkelhäutigen) Bevölkerungsgruppen zu entmündigen und für lebensunfähig zu erklären, vergleichbar Kindern. (Wobei die meistens schlechter behandelt wurden als die eigenen Sprößlinge...)

    Das hatte nur für die frz. Kolonien und Sklavenhändler Auswirkungen, bes. in der Karibik, bspw Haiti:

    Haiti – Wikipedia

    Autor zu Haitis Kolonialgeschichte: "Die letzten Tage der Sklaverei" - taz.de
     
  9. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Diese Frage kann man variieren: Wie wurde denn die Abschaffung der Sklaverei durch die Nationalversammlung wahrgenommen?

    Antwort: Gar nicht! Es handelte sich um ein reines Bekenntnis, dem überhaupt keine Taten folgten! Das Dekret vom 4.2.1794 sah vor, dass für die Entlassung der Sklaven bestimmte Ausführungsbestimmungen gelten sollten, und die wurden niemals erlassen. Für die Sklaven in den französischen Gebieten änderte sich also de facto überhaupt nichts; wer frei sein wollte, musste darum kämpfen wie die Haitianer seit 1791.

    Ein interessanter Artikel in diesem Zusammenhang:
    Code Noir – Wikipedia
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Allerdings war mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte auch die Abschaffung der Sklaverei vorgesehen, wenn sie auch - wohl aus Gründen der Durchsetzbarkeit - selbst im französischen Machtbereich nicht durchgesetzt wurde. In der Debatte der Nationalversammlung vom 1. August 1789 äußerte sich Marquis Boniface de Castellane so:

    "Blicken wir doch auf die Oberfläche unseres Erdballs, und Sie werden mit mir erbeben, wenn sie sehen, wie wenig Nationen keineswegs im Vollumfang ihrer Rechte, sondern nur einige Ideen, einige Reste ihrer Freiheit bewahrt haben. Ohne hinwiesen zu müssen auf ganz Asien und auch nicht auf die unglücklichen Afrikaner, die auf den westindischen Inseln eine viel härtere Sklaverei erdulden müssen als in ihrer eigenen Heimat, ohne, sage ich, aus Europa hinauszugehen, sehen wir da nicht ganze Völker, die sich als Eigentum einiger Herren betrachten? Sehen wir nicht, dass sie sämtlich sich einbilden, sie seien Gesetzen Gehorsam schuldig, die von Despoten gemacht sind, denen diese selbst sich aber nicht unterwerfen?"
    Nicht ganz vier Wochen später wurde die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte offiziell verabschiedet und veröffentlicht.
     
  11. sunshine0610

    sunshine0610 Neues Mitglied

    Hallo Zusammen,

    ich brauche dringend eure Hilfe, ich suche verzweifelt eine Quelle, die sich zur Zeit der Französischen Revolution FÜR den Fortbestand der Sklaverei einsetzt, bzw. eine Quelle die durch ihre Aussage im direkten Widerspruch zur Erklärung der Menschenrechte in Frankreich steht. Da ich selbst leider kein französisch spreche ist die Suche sehr mühselig.

    Es gibt natürlich das Dekret "Code Noir", dass im Widerspruch zur Erklärung steht, ich möchte allerdings als Quelle eine Person zitieren, die zur Zeit der Französischen Revolution lebte. Bitte keine Quellen zur Amerikanischen Revolution, es sollte jemand aus Frankreich sein.

    Ich hoffe mir kann jemand helfen.

    LG
    David
     
  12. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    o là là, ein wenig speziell (zumindest für mich).

    Laut Wiki ist die Sklaverei in Frankreich erstmalig durch Beschluss des Nationalkonvents am 04. Februar 1794 aufgehoben worden, nach Wiedereinführung unter Napoleon (I) wurde sie endgültig 1848 aufgehoben.

    Du könntest ggf. in den Protokollen der Nationalversammlung nachsehen, ob es da eine Debatte gegeben hat. Ich bezweifele allerdings, ob diese auf Deutsch oder Englisch vorliegen. Also ohne Französischkenntnisse wird's ein wenig schwierig.

    Auf Französisch findet man sie hier: https://github.com/StanfordUniversityLibraries/ap_tei

    mit Inhaltsverzeichnis: https://fr.wikipedia.org/wiki/Convention_nationale
     
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  13. frau_sunshine

    frau_sunshine Neues Mitglied

    Hallo, wenn auch etwas spät, wollte ich fragen ob Du derartige Quellen gefunden hast. Ich bin gerade auch an diesem Thema dran und würde mich über einen Tipp freuen. Falls Du noch etwas zu ersterem brauchst, kann ich Oliver Gliech "Saint-Domingue und die Französische Revolution" (Böhlau Verlag) empfehlen, S. 292 hat eine Quelle, die die Sklaverei verteidigt. Etwas, das im Widerspruch zu den Menschenrechten steht, würde mir gerade auch sehr weiterhelfen.

    Viele Grüße
     
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  14. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    @frau_sunshine ganz kurios: in einem Fischlokal auf Fehmarn waren Reprints im Treppenhaus aufgehängt, Karten/Bilder aus der späten Kolonialzeit (vermutlich Ende 19.Jh.), darunter eine gezeichnete Karte von Martinique mit einer Darstellung von Sklavenarbeit (ein Kolonialist mit Tropenhelm-Outfit überwacht einen farbigen "Wilden", der Fässer herumwuchten muss) Leider sagt die Forensoftware, dass sogar ein verkleinerter screenshot des Fotos zu groß zum hochladen ist, schade (ich bin noch Neuling am Mac, am Android Smartfone hat es auch nicht geklappt)

    Da ich es nicht sicher weiß: kann es sein, dass auf so mancher Übersee-Insel Frankreichs die Sklaverei weit ins 19. Jh. hinein fortbestand?
     
  15. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Screenshot_20220420-201057_Gallery.jpg

    Screenshot_20220420-201004_Gallery.jpg
    (ich musste den Screenshot zweiteilen, weil er auch auf dem Smartefone zu groß war - seltsam)
     
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  16. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    In den französischen Kolonien wurde die Sklaverei 1848 mit diesem Gesetz abgeschafft: Décret du 27 avril 1848 abolissant l’esclavage - Wikisource

    Nebenbei: Der geistige Vater der Abschaffung der Sklaverei war ein gewisser Victor Schoelcher. 2020 wurden seine beiden Statuen auf Martinique dennoch gestürzt, weil damit nur weiße Männer gefeiert würden und der Widerstand der Sklaven selbst negiert würde.
     
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  17. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Dann scheinen sich dort nach diesem Gesetz sklavereiähnliche Verhältnisse vergleichbar mit den deutschen Kolonien etabliert zu haben? Das Bild erinnert mich sehr an Bilder/Fotos aus deutscher Kolonial"literatur" um 1900
     
  18. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Bis 1848 galt in Frankreich und seinen Kolonien der Code Noir, der die Sklaverei reglementierte.
    Ab 1875 galt dann der Code de l’indigénat, der eine Zweiteilung in den Französischen Kolonien festschrieb: Auf der einen Seite die französischen Staatsbürger (citoyens) auf der anderen Seite die "Eingeborenen" (indigènes) mit verminderten Rechten.

    Edit: "Rechtlosigkeit" für die "Eingeborenen" dürfte zutreffender sein als "verminderte Rechte". Die Sklaverei war zwar formell aufgehoben aber die Kolonialverwaltungen konnten den "Eingeborenen" Zwangsarbeit und Ausgangssperren auferlegen, willkürliche Hausdurchsuchungen waren möglich. Somit waren die Kolonisierten zwar nicht Sklaven eines Herren. Man könnte aber sagen, sie waren Sklaven eines Verwaltungssystems.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. April 2022
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