Die Frauenbewegung der späten Sechziger

Dieses Thema im Forum "Die Jahre 1968 und 1989 als Schlüsseljahre für Eur" wurde erstellt von Anne Boleyn, 7. Juli 2006.

  1. Hallo. :winke:

    ich habe eine Frage zum Thema der "Frauenbewegung".

    Wenn mann davon ausgeht, dass die Frauenbewegung in Deutschland ungefähr zeitgleich mit den Studentenprotesten in Deutschland zusammenfiel, stellt sich mir folgende Frage: Warum begann die Frauenbewegung in Deutschland erst so spät?
    Gab es vorher keine nennenswerten Kämpfe für die Rechte der Frauen? Und warum nicht.
     
  2. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Die Frauenbewegung in Deutschland begann bereits 1848/49, vor allem die soziale Not unter den Arbeiterinnen und Dienstmädchen war der Ausschlag für die erste Frauenbewegung. Die erste Frauenorganisation entstand 1865, das war der Allgemeine Deutsche Frauenverein. Dieser Verein war ein Verbund von Frauenbildungs- und Erwerbsvereinen. Frauenführerinnen forderten die Reform der Mädchenschule und der Lehrerinnenausbildung und sie strebten verbesserte Bedingungen für das Studium von Frauen an Hochschulen an. Die Radikaleren Gruppierungen setzten sich für die Gleichstellung lediger Mütter und nichtehelicher Kinder ein. 1888 riefen sie den Verein Frauenwohl ins Leben, dieser Verein setzte sich für das Frauenwahlrecht ein.

    Dieses Frauenwahlrecht war das zentrale Thema der Frauenbewegung, die sie nachdem Krieg 1918 bekamen, bis zum Jahr 1933. In diesem Zusammenhang muss man sicher Rosa Luxemburg und Clara Zetkin erwähnen, die für die Rechte der Frauen gekämpft haben.

    1968 entstand ohne an die etablierten Frauenverbände anzuknüpfen die autonome Frauenbewegung. Diese entstand aus den Studentenbewegungen heraus. Es rückten neue Themen in den Vordergrund, im 19. Jahrhundert waren es die Arbeitsbedingungen und die Ausbildung, war es jetzt die Gesundheitssituation von Frauen und ihre Sexualität, Gewalt gegen Frauen, die Situation von Frauen in Forschung und Lehre und ausserhalb der Hochschulen und Frauen in der Kultur. Es entstanden in dieser Frauenbewegung Frauenzeitschriften, Frauenbuchläden usw. Auch die ersten Frauenhäuser wurden eröffnet.

    Die Frauenbewegung begann also viel früher, die Themen waren unterschiedlich. So mussten die Frauen im 19. Jahrhundert um ganz andere Werte kämpfen, wie die Frauen des 20. Jahrhunderts.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Juli 2006
  3. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Hier findest du eine Publikation der Politischen Bildung Niedersachsen über die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland.

    http://www.politische-bildung.de/niedersachsen/frauenbewegung.pdf

    Ab Seite 39 steht die Geschichte der neuen Frauenbewegung ab den Studentenbewegungen 1967/68
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Juli 2006
  4. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Es hat durchaus schon früher eine Bewegung zur Gleichstellung der Frauen in Deutschland gegeben.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Frauenrecht

    http://www.dadalos.org/deutsch/Menschenrechte/Grundkurs_MR3/frauenrechte/woher/frauenbewegung1.htm

    Ich sehe die Frauenbewegung als langfristige Entwicklung, die oft mit anderen sozio-politischen Reform- und Protestbewegungen in Erscheinung treten konnte. Die Stellung der Geschlechter hing dabei natürlich immer vom Zeitgeist ab, und somit auch die Forderungen und Erfolgsaussichten. Während im 19. Jhdt. nichteinmal deutsche Männer wählen konnten, war das Frauenwahlrecht im 20.Jhdt. ein essentiell wichtiges Thema.

    Dass die Frauenbewegung kein singuläres, historisches Phänomen war, sieht man daran, dass wir auch heute noch über die Rechte und Vorrechte der Geschlechter streiten (Abtreibung, häusliche Gewalt, Frauen beim Bund, usw.). Und die Themen Frauen im 3. Reich und Frauen im Sozialismus sind Themenkomplexe, die ich dazu mehr als spannend finde und zur Recherche wärmstens empfehle.

    Generell würde ich sagen, dass sich anfangs die Frauenbewegung mit der demokratischen Sache verband, um formal-politische und juristische Rechte/Freiheiten einzufordern (Wahlrecht, Versammlungsrecht, Erbrecht, usw.). Im 20 Jhdt. kam die Froderung nach gesellschaftlich-politischer Gleichberechtigung dazu (Anerkennung der Leistung, Berufwahl, Ausbildungsmöglichkeit). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese Forderungen ergänzt durch ideelle, psycho-soziale Aspekte: Aberkennung einer "natur- oder gottgegebenen Geschlechterhierarchie", Modernisierung der Rollenverteilung, neues Familienbild, etc.. D.h. dass sich mit dem Umbruch der Gesellschaft eben auch die Geschlechterbilder gewandelt hatten/ wandeln mussten. Die "Linken 68er" waren dafür der perfekte Nährboden, denn sie stellten sämtliche konservative Vorstellungen in Frage, wie etwa Verweigerung des Militärdiensts, hemmungsloser Sex oder die Möglichkeit der gleichgeschlechtlichen Beziehungen.

    http://www.dadalos.org/deutsch/Menschenrechte/Grundkurs_MR3/frauenrechte/woher/frauenbewegung2.htm
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Juli 2006
  5. Anish

    Anish Aktives Mitglied

    Es gibt sicher bedeutende Daten an denen man/ frau eine Frauenbewegung festhalten kann. Und sicher kann man Ursi zustimmen. Rosa Luxemburg und Clara Zetkin sind ganz sicher auch die bedeutendsten Vertreterinnen. Ich denke aber, dass man eine FrauenBewegung schon sehr viel früher feststellen kann. Eigentlich ab da, wo Frauen sich aus ihrer traditionellen Rolle (die da hieß Kirche Küche Kinder) herausbewegt haben, vor allem versucht haben, an Bildung zu kommen, sich den Wissenschaften zuzuwenden, Bücher zu schreiben, eben nicht ihren Sinn des Lebens über Heiraten und Kinder bekommen realisierten.
    Sicher waren das anfangs sehr wenige und es war auch nicht ständiges Gesprächsthema in der Gesellschaft, sie wurden von ihr eher übersehen oder ausgegrenzt, aber sie haben den Grundstein gelegt für eine "Frauenbewegung", die Anfang des 19.Jh. nicht mehr zu übersehen war. Schließlich war Clara Zetkin nicht mal nur irgendwer im Parlament, sondern Alterspräsidentin.
    Heute ist unbestritten, dass z.B. ein Jean-Henry Dunant zwar als Gründer des Deutschen Roten Kreuz benannt wird, dass aber viele Dinge, die es ausmachen auf Florence Nightingale zurückzuführen sind.
     
  6. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Wobei man anmerken muss, dass Florence Nightingale in England tätig war und nicht in Deutschland.

    In England gründete sie 1860 die Nightingale School and Home for Nurses und legte so den Grundstein für die professionelle Ausbildung in der Krankenpflege. Sie erhielt 1907 den ersten britischen Verdienstorden, als erste Frau.

    Aber wie Nightingale gab es viele Frauen.
     
  7. Anish

    Anish Aktives Mitglied

    Sorry, an das Deutschland habe ich mich im Laufe der Schreiberei nicht mehr erinnert. Mit ein wenig nachdenken, fällt mir bestimmt auch ein Beispiel für Deutschland ein. Ich werde es nachliefern.
     
  8. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    So richtig Fahrt auf nahm die Frauenbewegung erst im Zuge der Industrialisierung, die um 1840 einsetzte, und einen Strukturwandel in der Gesellschaft und der Familie einleitete. Damit verstärkte sich auch in der deutschen Frauenbewegung der Wunsch nach Überwindung des hergebrachten Frauenideals, das von Familie, Kindern und hausfraulichen Pflichten geprägt war. So wurden Frauen im Jahr 1835 erstmals als Kindergärtnerinnen "beruflich" tätig.

    Der politische und soziale Aufbruch der Revolution von 1848 führte zu einem emanzipatorischen Fortschritt. Die ersten Frauenbildungsvereine wurden gegründet, in Hamburg entstand 1848 der Plan einer "Frauenhochschule" und 1849 gab die Frauenrechtlerin Luise Otto-Peters (1819-1895) ihre "Frauen-Zeitung" heraus. Die Hauptforderungen zielten nun auf Erlangung der vollen politischen und bürgerlichen Rechte sowie auf Zugang zu allen Berufen und Bildungsinstituten.

    1856 gründete Luise Otto-Peters den "Allgemeinen Deutschen Frauenverein" (ADF). Er erklärte die Arbeit "für eine Pflicht und Ehre des weiblichen Geschlechts" und forderte, "dass alle der weiblichen Arbeit im Wege stehenden Hindernisse entfernt werden". Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit waren Hauptforderungen des ADF.

    Im Kampf gegen vielfältige männliche Einwände tat sich auch die Fabrikantentochter Hedig Dohm (1833-1919) hervor, die sich in verschiedenen Kampfschriften geistreich und witzig gegen Vorurteile hinsichtlich der Frauenarbeit, Frauenbildung und Frauenemanzipation wandte.

    Ende des 19. Jh. bildete sich eine bürgerliche und eine sozialistische Richtung innerhalb der Frauenbewegung heraus. Das bürgerliche Lager um Helene Lange (1848-1930) bemühte sich besonders um die Frauenbildung und erreichte 1901 die Zulassung von Frauen zum Hochschulstudium.

    Die sozialistische Richtung der Frauenbewegung vertrat Clara Zetkin (1857-1933), eine eindrucksvolle Persönlichkeit, die von 1920-1933 als Mitglied der KPD im Reichstag saß. Nach ihr sind noch heute unzählige Straßen und Plätze in der ehemaligen DDR benannt. Clara Zetkin ging es vor allem um die Verbesserung der Lage der Arbeiterinnen und um ihre gewerkschaftliche und politische Organisierung. Sie war der Meinung, dass nur eine sozialistische Gesellschaft die wahre Befreiung und Gleichstellung der Frauen verwirklichen könne.

    1894 schlossen sich die inzwischen zahlreich gewordenen Frauenvereine zum "Bund Deutscher Frauenvereine" (BDF) zusammen. Die Umwälzungen des 1. Weltkriegs brachten dann den Frauen das aktive und passive Wahlrecht sowie die formale Gleichberechtigung. Dass es im Beruf und der Politik sowie im Lohn- und Bildungssystem trotz rechtlicher Gleichstellung noch immer Defizite gibt, ist allseits bekannt.

    Soweit mein kleiner Exkurs zur frühen Frauengeschichte in Deutschland, der deutlich zeigt, dass es natürlich nicht erst nach 1945 losging, wie ganz oben angenommen.
     
  9. Anish

    Anish Aktives Mitglied

  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hier sollte man die technische (hier pharmazeutische) Entwicklung auch nicht außer acht lassen. Es ist ein historisches Phänomen, dass sehr häufig auftritt, dass technische Weiterentwicklungen die Weiterentwicklung der Gesellschaft auslösen oder verstärken können. Karl Marx hat das versucht mit dem historischen Materialismus zu beschreiben.
    Die allmähliche Durchsetzung der Pille in den sechziger Jahren ermöglichte erst die sexuelle Revolution. Die zuvor enge Verbindung zwischen Sex und Kinderkriegen war plötzlich nicht mehr da. Ein Umbruch, den sich nachgeborene Generationen kaum noch vorstellen können.
     

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