Die Gesta Francorum

Dieses Thema im Forum "Rittertum und Kreuzzüge" wurde erstellt von Rafael, 31. Januar 2005.

  1. Rafael

    Rafael Aktives Mitglied

    Ein normannischer Ritter oder Priester verfasste um das 11. Jahrhundert nach Chr. die Gesta Francorum (frei aus dem Lateinischen übersetzt: Die Taten der Franken), die von den am 1. Kreuzzug teilnehmenden Franken berichtet.
    Es ist umstritten, ob der anonyme Autor ein Priester oder ein Ritter war, da für beide Mutmaßungen plädiert werden kann. Da er sehr detailliert von den Kämpfen berichtet, könnte es ein Ritter sein, doch der Autor verwendet sehr oft Bibelzitate, die dafür sprechen, dass er Priester war. Betrachtet man die Persönlichkeit des Verfassers der Gesta Francorum, so ist man sich einzig und allein darin einig, dass er wohl im Gefolge Boemunds I. am Kreuzzug teilgenommen hat. Er berichtet aus der Wir-Perspektive, wenn aus der normannischen Perspektive berichtet wird.

    Das spannende an der Gesta Francorum ist vor allem, dass nicht der Kampf um Jerusalem im Mittelpunkt des Buches steht, wie man es aus anderen Berichten über die Kreuzzüge gewohnt ist, sondern die Einnahme Antiochias.
    Die ersten 27 Textseiten in den Büchern I-III behandeln den Marsch von Süditalien nach Syrien in den Jahren 1095- 1098, danach folgen 44 Seiten (Bücher V-IX) mit der Thematik Antiochia. Auf diesen Seiten wird von der Belagerung und der Einnahme Antiochias berichtet. Danach folgen 26 Textseiten (Buch X), auf denen die Eroberung von Syrien und Palästina beschrieben werden.

    In der Gesta Francorum wird Boemund als der entscheidende Mann dargestellt, dem man den Sieg über Antiochia zu verdanken hat. Zudem findet man in der Gesta Francorum auch einen Bericht darüber, wie Boemund mit dem byzantinischen Kaiser Alexios Absprache hält und Antiochia zugesichert bekommt, wenn er dem byzantinischen Kaiser den Treueeid ablegte. Im Gegensatz zum gut dargestellten Boemund, kommt der französische Stephan von Blois schlecht weg, da der Verfasser der Gesta Francorum davon berichtet, dass er während der Belagerung von Antiochia die Rückreise nach Frankreich angetreten hat. Auch Raimund von Toulouse, der ein Gegenspieler von Boemund war, wenn es um die Anführerschaft während des Kreuzzuges ging, wird im Gegensatz zu Boemund in kein gutes Licht gerückt. Er habe sich nicht an die Abmachung mit Kaiser Alexios halten wollen, die Boemund aber, wie oben erwähnt, klugerweiser eingehen wollte.

    Von dieser Unterredung mit dem byzantinischen Kaiser erfahren wir aber aus keinen anderen bis jetzt bekannten Quellen.

    Die Gesta Francorum diente wohl als Propaganda für Boemund, der Hilfe in Antiochia brauchte, da der byzantinische Kaiser zu einer Gefahr für die normannische Herrschaft in Antiochia wurde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Januar 2005
  2. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Ja, mit der Gesta sollte man recht vorsichtig sein - eben wegen ihrer Nähe zu Bohemund. Glaubt man beinahe allen anderen Quellen, dann hat Raimund von Toulouse sich am standhaftesten geweigert, Alexios den Treueid zu leisten und sich hinterher als einziger daran gehalten. Bohemund dagegen hatte keine Skrupel, den Eid zu leisten, aber nie die Absicht, sich daran zu halten. Ich glaube nicht, dass Alexios ihm Antiochia zugesagt hatte - die Quellen bzgl. Bohemunds, des Verräters in der Stadt, den Bohemund kannte, den Reaktionen der anderen Kreuzfahrer und Byzanz' lassen etwas ganz anderes als wahrscheinlich annehmen.
     
  3. Rafael

    Rafael Aktives Mitglied

    Nach deinem Beitrag Papa Leo musste ich erkennen, dass ich etwas falsch gelesen hatte und es deshalb auch falsch wiedergab... Wir haben Quellen über die Unterredung mit Alexios, aber keine anderen Quellen über die Abmachung mit Boemund betreffend Antiochia
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Januar 2005
  4. Speaker

    Speaker Aktives Mitglied

    hallo, wenn es sich um die "Gesta Francorum Jherusalem Peregrinantium" handelt, dann hab ich in einem Buch die Angabe, daß der Autor Fulcher von Chartres ist.
    Er war ein zeitgenössischer Chronist, der schon den Aufruf zum 1. Kreuzzug durch Papst Urban "live" miterlebt haben will; und später im Gefolge des Grafen Stephan von Blois der "Schreiber vom Dienst" war.

    Quelle: R.Pörtner "Operation Heiliges Grab- Legende und Wirklichkeit der Kreuzzüge 1095 - 1187"

    ausserdem noch ein Link zu den ersten beiden Büchern der "Gesta Francorum" :yes:

    http://www.manfredhiebl.de/fulcher1.htm
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. März 2005
  5. Speaker

    Speaker Aktives Mitglied

    Also bezüglich der Angaben von Rafael, der Schreiber reiste im Gefolge von Bohemund (daher wird er wohl als entscheidene Kraft und Personlichkeit im 1.KZ dargestellt) hab ich noch einmal verschiedene Quellen durchsucht. Und tatsächlich wurde ich fündig und fand die Erklärung:
    Es gibt 2 verschiedene GESTA FRANCORUM !

    1. die von mir oben erwähnte Gesta Francorum Iherusalem Peregrinatium von Fulcher von Chartres

    2. die tatsächlich von einem Anonymus verfasste Gesta Francorum et Aliorum Hierosolimitorum, ein volkstümliches Werk, dass in den ersten Jahren des 12.JH erschien, von mehreren lateinischen Chronisten ausgewertet wurde und Bohemund von Tarent als Zentralfigur darstellt.
    Diese wurde 1109 von Guibert von Nogent umgeschrieben und mit Anleihen der "Gesta..." von Fulcher und eigenen persönlichen Informationen versehen

    In diesem Sinne bitt ich um Verzeihung, falls sich jemand zu Unrecht berichtigt fühlt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. April 2005
  6. Rafael

    Rafael Aktives Mitglied

    Danke, dass Du dir die Mühe gemacht hast. Wollte in die gleiche Richtung forschen, nachdem du mich darauf aufmerksam machtest. Meine Freundin und ich haben uns gedacht, dass es wohl eine zweite geben muss, da es ja schon Widersprüche mit der Person von Stephan von Blois geben würde.
    Wenn der Verfasser im Gefolge des Stephan gewesen wäre, dann wäre es seltsam, wenn er ihn als Feigling darstellt. :)

    Danke für die gute Frage und Recherche.
     
  7. Leopold Bloom

    Leopold Bloom Neues Mitglied


    Wurde er das nicht allein schon wegen seiner "Fahnenflucht" und der Tatsache, dass er eigentlich eher wegen der guten Adele und seinem Ansehen beim Schwiegervater dabei war denn aus wirklicher Überzeugung.....
     

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