Die griechische Tragödie

Dieses Thema im Forum "Antikes Griechenland" wurde erstellt von Alexandros, 24. Januar 2005.

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  1. Alexandros

    Alexandros Neues Mitglied

    Das Spiel in Verkleidung und Maske gehört von jeher und überall zu den Formen menschlicher Äußerung. Es hatte am Beginn der Kulturen einen bevorzugten Platz im kultischen Bereich. Auch die uns bekannte, literarisch reich entfaltete attische Tragödie hatte dort ihren Ursprung und eine veränderungsreiche Vorgeschichte. Als deren Elemente sind vor allem zu nennen die maskierten, tanzenden Satyrn; diese Fruchtbarkeitsdämonen wurden mit Dionysos zusammengebracht, dem Maskengott, der Menschen in selbstvergessener Ekstase zu anderen werden lässt. Umstritten ist, auf welchen Ursprung das Wort Tragödie verweist. Man geht unter anderem von den Tragodoi, den „Sängern beim Bocksopfer“, aus und verweist auf Opfersituationen in den erhaltenen Tragödien. Dagegen entstand nach Ansicht des Philosophen Aristoteles die Tragödie aus Stegreifliedern der Sänger, die den Dithyrambos, das Chorlied im Dionysoskult, anstimmten, und wandelte sich von unerheblichen Stoffen und Gelächter auslösender Sprache, was zum Satyrhaften gehöre. Erst spät zur Erhabenheit. Die Komödie dagegen wurde zu einer der Tragödie zwar benachbarten, aber doch eigenen Gattung. Sie hatte nach Aristoteles ihren Ursprung in Umzügen. Bei denen Phallosträger in ihren Liedern auch Spott über die Zuschauer ausgossen; freilich kann man dabei noch an andere Formen des Possenspiels denken.

    Aischylos, Sophokles und Euripides

    Als eigentlicher Schöpfer der Tragödie galt in der Antike Thespis, der im 6. Jahrhundert v. Chr. dem Chor einen Schauspieler mit Sprechversen gegenübertreten ließ. Ihm folgten Choirilos, Phrynichos und Pratinas. Aischylos führte den zweiten Schauspieler ein und ermöglichte so den Widerstreit der Schauspieler vor dem Chor, der seinerseits wie ein Schauspieler reagieren, aber auch stellvertretend für die Zuschauer das von den Schauspielern Verhandelte deuten kann. Sophokles erhöhte durch die Einführung des dritten Schauspielers noch die Vielfalt spannungsreicher Kombinationen der Schauspieler mit dem Chor. Sie wurden von Euripides weiterentwickelt. Bei ihm tritt der Chor zwar als Mitspieler zurück, immer stärker wird aber seine Funktion, dem Zuschauer eine Deutung des Geschehens zu vermitteln.

    Im öffentlichen Leben der Stadt Athen hatten die Tragödienaufführungen, besonders die an den „Großen Dionysien“ im März/April eine zentrale Bedeutung; die Tragödie ist ein athenisches Gewächs. Eine antike Nachricht ordnet die drei Dichter chronologisch dem Jahr der siegreichen Seeschlacht von Salamis gegen die Perser 480 v. Chr. zu; Aischylos kämpft ein ihr mit, Sophokles war als sehr junger Mann Vorsänger im Siegesgesang, und Euripides wurde in diesem Jahre geboren.
    Die Stadt Athen etablierte sich nach diesem Sieg als griechische Vormacht. Die folgenden ungefähr 50 Jahre bis zum Beginn des von 431 bis 404 v. Chr. währenden Peloponnesischen Kriegs waren Athens hohe Zeit. Sophokles und Euripides, die beide 406 v. Chr. starben, erlebten aber noch diesen Krieg. Der durch ihn bewirkte politisch moralische Umbruch bestimmte stark das Schaffen des Euripides in diesen Jahren.
    Die Handlungen der Tragödien spielten sich innerhalb eines einzigen Tages an einem einzigen Ort ab. Ihre Themen entstammten meist dem Mythos. Hier nun zeigt Aischylos eindringende theologische Reflexion; an seinen großen Dramengestalten wird ein Miteinander von göttlichem, mit ursächlichem Wirken und menschlicher Verblendung und Verfehlung sichtbar. Die Menschen bleiben verantwortlich für ihre Taten und werden so tragisch schuldig. Schuld kann aber durch göttliche Gnade wie in der „Orestie“ aufgehoben werden.
    Die Tragödien des Sophokles kennzeichnet eine mit unerbittlicher Konsequenz verlaufende dramatische Handlung. In tragischer Ironie erfüllen sich Aussagen in unerwartetem Sinne, die Menschen können wegen ihrer übermäßigen Größe an der furchtbaren, nicht zu verstehenden Übermacht der Götter scheitern; allerdings findet im Alterswerk „Ödipus auf Kolonos“ der Held eine Erlösung.
    In den Dramen des Euripides stehen Frauengestalten im Vordergrund, so Medea, die sich an Jason, der sie verlassen hatte, durch die Ermordung ihrer Kinder rächt. Oft lässt er eine überraschende Lösung durch das Erscheinen des Deus ex Machina eintreten: Ein Schauspieler sprach in der Rolle eines Gottes von einer Art Kran herab auf Spieler und Zuschauer. Allerdings erscheinen Götter bei Euripides moralisch nicht selten in zweifelhaftem Licht; hier wirkt die rationale und moralische Götterkritik der Sophisten. Der ältere Euripides will das Interesse des Zuschauers daran wecken wie Menschen mit ihrer jeweiligen Situation fertig werden. Freilich zeigt sein Alterswerk „Die Bakchen“, in dem die zerstörerische dionysische Raserei alles überrennt, die Weite der Visionskraft dieses Tragikers.
    Innerhalb von vier Jahrzehnten erlebte somit die Tragödie von Aischylos bis zu Euripides starke Veränderungen konnte bei dem Letzten unter Wegfall dessen, was wir heute als tragisch verstehen, zum bloßen dramatischen Spiel werden. In dieser Entwicklung traf sie sich mit der „Mittleren“ und der „Neuen Komödie“, die anders als die „Alte Komödie“ des Aristophanes statt der spottenden Kritik an Personen und Themen der politischen und kulturellen Öffentlichkeit den versöhnlich-ironischen Umgang mit allgemein menschlichen Problemen in den Vordergrund rückten.

    Elektra

    Beispielhaft erkennen kann man die Beziehung der drei Tragiker untereinander und ihre jeweilige Eigenart an ihrer Darstellung der Elektra beim Vollzug der von Apoll gebotenen Rache durch Orest: Aus der Fremde nach Argos heimgekehrt, erschlug dieser seine Mutter Klytämnestra und deren Geliebten Ägisth, die seinen Vater Agamemnon, den Sohn des Atreus und König von Argos, ermordet hatten; dabei machte sich Orest mit dem Muttermord seinerseits wieder schuldig. Aischylos handelt davon im mittleren Stück seiner „Orestie“, die aus den drei Tragödien „Agamemnon“ „Choephoren“ und „Eumeniden“ besteht. Er stellte dar wie sich an Orest der Geschlechterfluch, der an den Atriden hing, von neuem erfüllte; erst im dritten Stück befreit der Spruch des Areopags, des höchsten Gerichts von Athen Orest von der Verfolgung durch die Rachegöttinnen. Beim Vollzug der Rache in den „Choephoren“ hatte Elektra nur eine Nebenrolle gespielt. Das wurde in den »Elektra«-Tragödien des Sophokles und des Euripides anders, die die „Choephoren“ des Aischylos umgewichtend und auch im Detail umgestaltend, die Elektragestalt in den Mittelpunkt stellten und den Geschlechterfluch zurücktreten ließen. Bei Sophokles ist Elektra eine Person, die, angestoßen durch das Verhalten der skrupellosen Klytämnestra, in ihrem leidenschaftlichen Kampf gegen die Mutter das dem Menschen gesetzte Maß durchbricht. Bei Euripides hingegen wird
    Orest durch Apolls Gebot, vor allem aber durch Elektras Anstiften zum Mörder seiner Mutter, obwohl diese ihrerseits unter ihrer Schuld leidet. Nach dem Muttermord aber brechen Elektra und Orest unter der Last der Tat zusammen. Diese euripideischen Gestalten sind schuldige und erbärmliche Menschen.

    Das Fortwirken des tragischen Dramas

    Die drei Dichter wurden auch vom Komödiendichter Aristophanes miteinander in Beziehung gesetzt. Er lässt den Theatergott Dionysos in der Unterwelt Schiedsrichter über die drei verstorbenen Dichter sein; es siegt der konservative Aischylos. Man sah sie also schon im Jahre 405 v. Chr. Als die dreigroßen Tragiker an. In dieser Zeit gewann das tragische Drama seine feste literarische Form. So konnte es Aristoteles in seiner „Poetik“ beschreibend definieren; nach ihm wirkt es durch „Mitleid und Furcht“. Seine Theorie wurde weitergeführt, wie später die „Ars poetica“ des römischen Dichters Horaz zeigt. In der Neuzeit steht Lessing mit seiner „Hamburgischen Dramaturgie“ in dieser Theorietradition. In der Dichtung stellten die Tragödien des römischen Philosophen Seneca ein wichtiges Bindeglied zu den Dramen der europäischen Literatur dar. Von den antiken Dramengestalten sind besonders Medea und Elektra bis heute lebendig.

    von HANS ARMIN GÄRTNER & HELGA GÄRTNER
    aus: "Meilensteine der Menschheit"
    F.A. Brockhaus GmbH, Leipzig/Mannheim 2003
     
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