Die "Illusion des kurzen Krieges" und der deutsche Generalstab vor 1914

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von Gil-galad, 18. Oktober 2012.

  1. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    Diesen Aspekt finde ich vor einem anderen Hintergrund hochinteressant. Spätestens nachdem der Schlieffenplan gescheitert war, oder an der Ostfront die Zangenbewegung von von Rennenkampf und Samsonow nicht klappten gingen der Generalität aller Länder die Ideen aus. Gegen einen technisch gut gerüsteten Gegner war ein Bewegungskrieg auf Dauer nicht möglich (siehe Westfront 1914) und saßen die Gegner erst einmal in den Gräben, brachte man sie nur schwer und selten dauerhaft wieder heraus. Die technische Entwicklung hatte die alten Taktiken obsolet werden lassen und neue hatte man noch nicht entwickelt.

    Dann kommt von Falkenhayn auf die Idee der "Blutpumpe" (schon das Wort an sich ist grausig). Nur dass eine Abnutzung der gegnerischen Truppen eben auch von der industriellen Kapazität und leider der Verfügbarkeit von Soldaten (damals meist Menschenmaterial genannt). Aus heutiger Sicht ist es völlig widersinnig den Gegner an der stärksten Stelle der Front anzugreifen um ihn zum Gefecht zu zwingen. Aber wie gesagt, den Herren gingen einfach die Ideen aus. Mit den traditionellen Konzepten konnte dieser Krieg nicht gewonnen werden.

    Dann kommt mir noch das oft sinnlose Halten von Gelände in den Sinn. An der Somme hatten sich die Briten am ersten Tag der Schlacht eine furchtbar blutige Nase geholt. Hätte man hier die erste Linie aufgegeben und sich auf die zweite zurückgezogen oder zumindest dann auf die folgenden Angriffen von Haig so reagiert, hätten sich die deutschen Verluste sicher deutlich geringer gestaltet. Von den verlustreichen Gegenangriffen ganz zu schweigen.

    ME hatte im WK I die Generalität aller beteiligten Nationen kaum eine Idee, wie man den Krieg hätte gewinnen können, nachdem die anfänglichen Pläne alle gescheitert waren.
     
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  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    In der Tendenz, sofern die Optionen im Rahmen der "Grand Strategie" betroffen sind, stimme ich Dir zu!

    Einschränken möchte ich es insofern, als Ludendorff gerade im Rahmen von "Michael" neue taktische Konzepte durchspielte und einsetzte, die durchaus operative Erfolge mit sich gebracht haben. Und ihm im Rahmen seiner damaligen Generals-Kollegen durchaus eine herausragende Rolle sicherten.

    Und, und das ist wohl wichtiger für die Bewertung von Ludendorff nur !! als Militär, bereits eine wichtige Abkehr vom linearen Denken mit sich brachte.

    Dieses Denken, basierend auf den Überlegungen für die Infantrie, ist m.E. ein Baustein für die Entwicklung der deutschen Panzerdoktrin in den 30er und 40er Jahren.

    Und deswegen würde ich den operativen Denker "Ludendorff" durchaus eine wichtige und originelle Rolle bei der Entwicklung der deutschen militärischen operativen Doktrin zuweisen.

    Wohlgemerkt, diese "Laudatio" bezieht sich sehr punktuell auf den militärischen Denker, absolut nicht auf den "politischen General" Ludendorff.
     
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  3. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Und dabei spielte deutsche Oberstleutnant Georg Bruchmüller, auch Durchbruchmüller genannt, eine ganz entscheidende Rolle.

    Er war es, der die Artillerietaktik entscheidend weiterentwickelte. Seiner zutreffenden Meinung nach kam es darauf an, den Feind innerhalb weniger Stunden mit einem Geschosshagel dermaßen zuzudecken, das dieser kaum noch handlungsfähig war. Bruchmüller ließ auf einer Länge von 80 Kilometer fast 100 Geschütze je Kilometer auffahren. Man kann sich gar nicht vorstellen, was da für ein Granatenregen auf den Feind herabkam. Mit dieser Taktik hatte er in Riga und Caporetto Erfolg gehabt.

    Ludendorff holte diesen fähigen Offizier an die Westfront und es gelang erstmals seit Jahren an der Westfront einen Durchbruch zu erzielen.
     
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  4. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Etwas überspitzt, aber m.E. sehr o.k. Was hätte die Generalität auch im taktisch-operativen Bereich Ende 1914 unternehmen sollen?

    Strategisch waren die Kernbündnisse der kriegsführenden Staaten beschlossen und die politische Führungen hatten sich committed und sie waren unumkehrbar.

    Die Heere der kriegsführenden Parteien haben sich gegenseitig paralysiert, die Flotten ebenfalls.

    Die Generalität und die Stäbe sahen sich einer Kriegsführung gegenüber, die sie nicht "eingeübt" hatten, die ihnen aber gleichsam aufgezwungen wurden.

    Ende 1914/Anfang 1915 bedurfte es nur Rechenschiebern, um die Potentiale zu berechnen und da sahen die Mittelmächte sich einem Potentialdilemma gegenüber. Auch ein Herr Rathenau konnte da nicht helfen, da die strategischen Vorgaben gesetzt waren, lindern konnte er wohl. Daher auch m.E. der "Risikogedanke" bei den deutschen Militärs und die "Risikobereitschaft".

    Wenn us-amerikanische Truppen taktisch-operative Schwächen zeigten, die hätten diese Schwäche mit ihrem Potential wettgemacht.

    Meiner unmaßgeblichen Beurteilung nach wurde der I. WK nicht in Schützengräben entschieden, sondern an Werkbänken.

    M. :winke:
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Sehe ich auch so.

    Hier vollzog sich im industrialisierten Krieg der Massenheere eine "Revolution": durchlaufende, geschlossene, befestigte Fronten über hunderte Kilometer, die zwar noch "taktische Einbrüche" ermöglichten, aber keine Ausweitung und Ausnutzung derselben zum "operativen Durchbruch". Das hatte keiner auf dem Papier geprobt, es hätte auch mangels operativer Möglichkeiten ("gepanzerter Mobilität") nichts genutzt. Das drehte sich erst in den 30er Jahren.

    Anm: die britische Flotte war nicht paralysiert, sondern sicherte - nicht zu beseitigen, sozusagen unschlagbar - die weite Blockade, die beachtliche rüstungsökonomische Folgewirkungen auf das Deutsche Reich hatte. Insbesondere musste man sich in Berlin zwischen Dünger und Munition entscheiden, was dann drastische Folgen hatte, die zur späteren Kriegsmüdigkeit beitrugen. Auch wenn der Glorious 1st of June im Jahr 1916 versagt blieb. Jellicoe war der Mann, der den Krieg hätte abkürzen können. Auch er versagte.
     
  6. DerGreif

    DerGreif Mitglied

    Tatsächlich glaube ich - nach allem was ich so dazu gelesen habe - dass der deutschen Militärführung, insbesondere hier Moltke, aber auch anderen wie von der Goltz, es durchaus klar war, wie der nächste Krieg aussehen wird. Sowohl mit dem amerikanischen Bürgerkrieg als auch mit dem Russisch-Japanischen Krieg 1905 hat es ja klare Hinweise darauf gegeben, wie das aussehen wird. Auch wenn häufig in Geschichtswerken zu lesen ist, dass die Militärführung von einem kurzen Bewegungs(-krieg) ausging, so war das keinesfalls die reallistische Einschätzung aller Entscheidungsträger. Denen war zu großen Teilen sehr wohl bewusst, dass es einen langen Massenkrieg, einen Volkskrieg, geben wird. 1905 schrieb zB Moltke an seine Frau:

    „Es wird ein Volkskrieg werden, der nicht mit einer entscheidenden Schlacht abzumachen sein wird, sondern ein langes, mühevolles Ringen mit einem Land sein wird, das sich nicht eher überwunden geben wird, als bis seine ganze Volkskraft gebrochen ist, und der auch unser Volk, selbst wenn wir Sieger sein sollten, bis aufs äußerste erschöpfen wird.“[1]
    Zutreffender hätte diese Formulierung im Rückblick kaum sein können, denn auch die Entente hat trotz "Sieg" sich nie mehr wirklich von den Folgen erholt. Förster (Fn. 1) hat im Übrigen sehr überzeugend herausgearbeitet, dass maßgebliche Entscheidungsträger in Deutschland dieser Ansicht Moltkes zustimmten. Dazu kommt, dass im deutschen Generalstab auch in den Planspielen bereits mehr oder weniger deutlich geworden war, wie gering die Chancen für einen Erfolg des Schlieffenplans waren, selbst wenn er zunächst nach Plan verlaufen wäre. Auch die Defizite hinsichtlicher der Hochseeflotte waren durchaus bekannt, insbesondere dass sie zur Beseitigung einer weiten Blockade nicht im mindestens geeignet war, sie aber allein durch ihre Existenz GB gerade zu einer solchen zwang.

    Was mich an dieser Stelle am meisten irritiert, ist die Tatsache, dass aus diesen Erkenntnissen keinerlei Konsequenzen gezogen worden sind. Statt dessen hat man sich jeglicher Alternativen erledigt, sei es die eher defensiv orientierten Vorstellungen eines von der Goltz oder der Aufmarsch Ost. Und auf der Seite des Kriegsministeriums und der zivilen Militärführung kam noch hinzu, dass man sich in weiten Teilen der Modernisierung des Militärs verweigerte. Angefangen über die skeptische Einschätzung des Flugzeugs (hier war Frankreich schon viel weiter), der Maschinengewehre oder zB im Falle Frankreichs des Nutzens einer weniger auffälligen Uniformfarbe.

    Dass man sich im späteren Kriegsverlauf dann wieder innovativer zeigte, war auch nicht unbedingt das Verdienst Ludendorffs oder Hindenburgs, die ich tendentiell auch im militärischen Bereich für überschätzt halte. Da war Mackensen/von Seeckt und von der Goltz mE doch die besseren. Oder von Huttier. Von GB ganz zu schweigen, die mit dem Panzer eine echte Innovation geschaffen hatten. Und die bereits in A-U seit langem ignoriert wurde. Auch D hatte es nicht geschafft, ernsthaft auf diesen Zug aufzuspringen.

    [1]zitiert nach Förster, Der deutsche Generalstab und die Illusionen des kurzen Krieges, 1871 – 1914, Metakritik eines Mythos, in Burkhardt/Becker/Förster/Kronenbitter, Lange und kurze Wege in den Ersten Weltkrieg, S. 144.
     
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  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    „Ehe noch die Blätter fallen, seid ihr wieder zu Hause“, rief Wilhelm II. seinen Soldaten zu.

    Wilhelm II. und auch Bethmann gingen davon aus (Prinzip Hoffnung auf eine Lokalisierung des Krieges), das Russland sich nicht in dem Krieg zwischen Serbien und Österreich-Ungarn einmischen würde. Die zweite fatale Fehleinschätzung war, das man hoffte, dass Großbritannien neutral bleiben könnte.

    Moltke d.J. war sich darüber klar, dass Frankreich schwer zu besiegen war und hat trotzdem während seiner ganzen Amtszeit an den angeblichen vermeintlichen Siegesrezept namens Schlieffenplan festgehalten. Der Schlieffenplan sah eine schnelle Entscheidung im Westen gegen Frankreich, den stärkeren Gegner, um sich dann gegen Russland zu wenden. Der Krieg sollte schnell beendet werden.

    Wenn sich also nun der deutsche Generalstab darüber klar gewesen sein soll war (mir ist so noch nicht bekannt geworden), welche enormes Risiko der Schlieffenplan bedeutete, dann stellt sich für mich die Frage, weshalb er dann nicht schon in der Vorkriegszeit alles dafür getan hat, um zumindest seine rüstunspolitischen Voraussetzungen zu verwirklichen?

    Immerhin betrug die Friedensstärke des deutschen Heeres im Jahre 1911 „nur“ 506.000 Mann. Und im gleichen Jahre wurde lediglich eine Erhöhung auf 515.000 Mann beschlossen. Auch in den Jahren seit 1905 sah es nicht besser aus. Erst 1913 wurde beschlossen die Wehrkraft um 117.000 Soldaten zu erhöhen. Die lange relativ passive Haltung des Generalstabes in dieser Frage ergibt doch nur Sinn, wenn die Herren von einem kurzen Krieg ausgingen.

    Und wenn man dann sich den Schlieffenplan nur etwas näher ansieht, tun sich so einige Fragen auf. Der Plan war quasi eine minutiöse Planung und sah doch den belgischen Widerstand nicht vor? Komisch, hat Schlieffen und sei Nachfolger geglaubt, es handele sich um einen friedlichen Durchmarsch? Dann ist der Faktor des erstklassigen und sehr leistungsfähigen französische Eisenbahnnetzes zu erwähnen, was sehr schnelle Truppenverlegungen erlauben würde. Dann die bekannten Kommunikationsprobleme bei der Führung eines Millionenheeres. Wie sollten die Armeen eigentlich wie ein Uhrwerk funktionieren? Dann die vorgegebenen Marschleistungen für die 1. Und 2. Armee bis zu 50 Kilometer je Tag und das im Hochsommer und schweren Gepäck. Und weshalb meinte man, dass die Franzosen nicht aus die Idee kommen könnten, die deutschen Armeen auf dem rechten Flügel überflügeln zu können? Und dieser Plan war die Siegesgarantie. Das hätte doch den Profis auffallen müssen und dann, das ist die Körnung, die Verletzung der Neutralität Belgiens und zu meines, Großbritannien hält die Füße still.
     
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  8. DerGreif

    DerGreif Mitglied

    Tatsächlich war der berühmte "Kriegsrat" am 8. Dezember 1912 eine Reaktion auf den Hinweis von Lichnowsky, dass GB im Falle eines Krieges D gegen F nicht neutral bleiben würde:

    "Haldane hat als Sprachrohr Greys Lichnowski erklärt, daß England, wenn wir Frankreich angriffen, unbedingt Frankreich beispringen würde, denn England könne nicht dulden, daß die balance of power in Europa gestört werde. S. M. begrüßt diese Mitteilung als erwünschte Klärung der Situation denjenigen gegenüber, die sich von Pressefreundlichkeiten der letzten Zeit Englands sicher fühlten."

    So zitiert nach dem Tagebucheintrag von Georg Alexander von Müller, Chef des Marinekabinetts.

    Und Moltke ließ ja auch die Invasion der Niederlande (noch Teil des ursprünglichen Schlieffenplans) gerade deshalb fallen, um für die erwartete britische Blockade der deutschen Häfen eine "Luftröhre" zu haben, über die Güter eingeführt werden konnten. Auch in den Denkschriften wird die BEF durchaus als Faktor erwähnt, mit dem man aber schon fertig werden würde. Und Tirpitz hatte schon sehr früh versucht zu erreichen, dass von Ministeriumsseite Vorratshaltung bei Nahrungsmitteln betrieben wird. (Da kann man sich auch fragen, wieso fand er das notwendig, wenn seine Flotte doch GB in Schach halten kann?) Also zu behaupten, man ging bei der deutschen Militärführung bei der Kriegsplanung von einer britischen Neutralität aus, ist übertrieben.

    Reaktion darauf: Alternativen für eine defensive Haltung im Westen (der große Ost-Aufmarsch) wurden nicht mehr aktualisiert und damit vollständig fallen gelassen! Hier verlor man jeden Bezug zur Realität. Vermutlich dachte man folgendermaßen:

    1. Ein Krieg gegen die anderen europäischen Großmächte ist unvermeidlich.
    2. Wenn dieser Krieg also unvermeidlich ist, dann müssen wir ihn bald möglichst führen, solange uns vor allem Russland in der Rüstung nicht überholt, wir Russland also noch besiegen können.
    3. In einem Krieg gegen Russland wird diesem immer Frankreich zur Hilfe kommen.
    4. Diesen Zweiforntenkrieg können wir nur gewinnen, wenn wir einen der beiden Gegner sehr schnell besiegen.
    5. Es ist unmöglich Russland schnell zu besiegen.
    6. Also muss Frankreich schnell besiegt werden.
    7. Frankreich kann nur schnell besiegt werden, wenn wir den Festungsgürtel an der deutschen Grenze umgehen.
    8. Das geht nur durch Belgien.
    9. Ergo müssen wir schnellst möglich einen Krieg gegen Russland und Frankreich beginnen, und in Frankreich über Belgien einmarschieren. Selbst wenn die Chance auf diese Weise zu gewinnen minimal ist, ist es die einzige Chance um überhaupt zu gewinnen.

    So ungefähr sehe ich die Überlegungen, die Moltke und Teile der Militärführung angestellt haben. Wohlgemerkt waren das nicht alle. Es gab durchaus andersdenkende Personen wie zB von der Goltz, der während seiner Amtszeit 1898 bis 1902 als Chef des Pionierkorps und Inspekteur des Festungswesens gerne im Westen die Festungen weiter ausgebaut und dort auf die Defensive gesetzt hätte. Diese haben sich nur leider nicht durchgesetzt.

    Tatsächlich hätte man eben noch ein bißchen weiter denken müssen: Krieg ist unter diesen Umständen um jeden Preis zu vermeiden! Aber dieser rationalen logischen Schlussfolgerung stand dann ein falsch verstandenes Ehrgefühl (Mut <> Feigheit) und der aufkeimende Sozialdarwinismus (wenn wir nicht in der Lage sind zu gewinnen, dann haben wir die Auslöschung verdient) im Weg.

    Sinnvoller wäre es auf jeden Fall gewesen, zumindest einen Krieg mit GB um jeden Preis vermeiden zu wollen. Und das ließ eigentlich nur der große Ost-Aufmarsch zu. Aber den hatte man ja aufgegeben. Im Juli 1914 gab es absolut keine Alternative zum Schlieffenplan!

    Dass GB eventuell im Juli 1914 doch neutral bliebe (entgegen der bisherigen Annahmen) ergab sich zunächst aus einem Missverständnis zwischen Grey und Lichnowsky heraus, dass GB neutral bliebe und Frankreichs Neutralität garantieren würde, wenn Deutschland nicht im Westen angreift. Das führte dann auch zu dem Befehl Wilhelms II. den Aufmarsch im Westen zu stoppen, was Moltke für unmöglich erklärte - mit Wilhelms berühmter enttäuschter Antwort, dass "ihm sein Onkel eine andere Antwort gegeben hätte". Es wird ja vermutet, dass Moltke daraufhin sogar einen kleinen Schlaganfall bekommen hat. Erst als sich dieses Missverständnis klärte (dass GB Fs Neutralität nicht garantieren könne), wurde im Westen weiter mobilisiert. Dabei bestand tatsächlich eine reale Chance auf zumindest britische Neutralität, wenn man Belgien in Ruhe gelassen und von Anfang an das auch entsprechend kommuniziert hätte. Hätte man die Neutralität Belgiens von Anfang an uneingeschränkt garantiert, auf eine Kriegserklärung gegen Frankreich verzichtet und sich nur auf Russland konzentriert, halte ich eine Neutralität GBs für wahrscheinlicher als einen Kriegseintritt. Für das autokratische Russland zu kämpfen, war man in GB einfach nicht bereit im Gegensatz zu dem demokratischen Frankreich, mit dem man mehrere informelle militärische Abkommen hatte und sich in der liberalen Tradition verbunden fühlte. Und selbst hier sah man sich allenfalls moralisch verpflichtet, Frankreich zu unterstützen, wenn es angegriffen wird, aber nicht wenn es selber angreift, um ein "unvernünftiges" Russland zu verteidigen. Wenn man sich mal die öffentliche britische Meinung, die der Wirtschaftsvertreter, im Kabinett und bei den Parteibasen anschaut, dann war - bevor Belgien ein ernsthaftes Gesprächsthema wurde - eine Bereitschaft für einen unbedingten Kriegseintritt GBs nicht zu erkennen von wenigen Ausnahmen wie Churchill abgesehen.

    Nur gingen sie eben nach neueren Forschungserkenntnissen nicht wirklich von einem kurzen Krieg aus. Siehe hierzu neben Förster auch nochmal Herwig, Germany and the "Short-War" Illusion: Toward a New Interpretation?, in: The Journal of Military History, Vol. 66, No. 3 (Juli 2002), S. 681 ff. (über jstor abrufbar).

    Zum Risko des Schlieffenplans: Es wurde in einer Studie der 3. Abteilung des deutschen Generalstabs von Mai 1910 - basierend auf Informationen des Geheimdienstes und aus französischen Militärpublikationen - festgestellt, dass die französischen Gegenmaßnahmen höchstwahrscheinlich einen schnellen Vormarsch noch vor dem Erreichen von Paris gestoppt hätten (Förster, aaO, S. 145 f.). Tatsächlich war auch völlig unklar, wie die Truppen, die die französischen Truppen hinter dem Festungsgürtel einschließen sollten gegen Flankenangriffe, insbesondere auch durch die Pariser Geschütze, hätten verteidigt werden können.

    Dass man hier rüstungstechnisch nicht bereit gewesen ist mehr durchsetzen zu wollen, lag auch an der fehlenden Kooperation zwischen ziviler Reichsleitung und der Militärführung.

    Es ist nicht so, dass man überhaupt kein Geld gehabt hätte, um hier entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Leider war es aber so, dass man insbesondere im Kriegsministerium der Flottenrüstung mehr oder weniger bereitwillig den Vorrang einräumte und entsprechend bereit war selber auf Rüstungswünsche aus Gründen der Budgeträson zu verzichten. Die Finanzlage des Deutschen Reiches war alles andere als entspannt und ja auch Grund für die Reichsfinanzreform von 1909. Wermuth hatte ein rigoroses Sparprogramm durchgesetzt, nach dem neue Militärvorlagen nur noch eingeführt werden durften, wenn auch neue Einnahmen zu ihrer Deckung geschaffen wurden. Hieran hatte sich das Kriegsministerium (auch zugunsten der Flotte) zunächst gehalten. Das war also ein innenpolitischer Verteilungskampf knapper Geldmittel, der noch durch die gesellschaftspolitische Brisanz der Frage, welche Steuern zu erheben seien, um neue Einnahmequellen für das Reich zu erschließen, verschärft wurde.

    Auf der anderen Seite wollte das Kriegsministerium aber auch gar keine zahlenmäßige Vergrößerung des Heeres und stand insofern seit jeher in Konflikt zu entsprechenden Forderungen des Generalstabes, der hier durchaus auch schon früher, jedenfalls seit 1911 eine drastische Vergrößerung des Heeres gefordert hatte. Das Kriegsministerium war aus verschiedenen Gründen dagegen gewesen. [FONT=Verdana, sans-serif]Stein, Oliver, [/FONT][FONT=Verdana, sans-serif]Die deutsche Heeresrüstungspolitik 1890 – 1914[/FONT][FONT=Verdana, sans-serif], Ferdinand Schöningh Paderborn 2007, hat recht gut herausgearbeitet, dass im Kriegsministerium vor allem eine Dichotomie zwischen Qualität und Quantität des Heeres gesehen wurde und man sich hier klar für ersteres entschied. Man sah im Kriegsministerium keine Möglichkeit einer schnellen Heeresvermehrung, die nicht gleichzeitig - mangels Ausbildung und einer entsprechenden Offiziersdecke - eine Verschlechterung in der Qualität bedeutet hätte. [/FONT]Und zum anderen gab es durchaus auch Befürchtungen, dass für die Erweiterung des Offizierskorps man auch auf vermehrt auf bürgerliche hätte zurückgreifen müssen, was dem (selbstverständlich irrationalen und obsoleten) aristokratischen Elitegedanken zuwieder lief. Und nicht zuletzt wollte man sich auch zumindest die theoretische Möglichkeit bewahren, das Heer im Inland gegen revolutionäre Bewegungen (wie man sie in der Sozialdemokratie sah) einsetzen zu können. Eine drastische Heeresvermehrung oder gar die tatsächliche Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht - ein Arbeiterheer - hätte das gerade auch mit bürgerlichen liberalen Offizieren wahrscheinlich unmöglich gemacht und zugleich den Arbeitern die Ausbildung zur Revolution an die Hand gegeben.

    Diese fehlende Zusammenarbeit zwischen Militärführung ziviler Reichsleitung wurde auch von Moltke bemängelt. So schrieb Moltke in einer Denkschrift an Bethman im Dezember 1911:

    “The leader of the military operations thus faces a task that can only be solved fruitfully if his preliminary work is in accordance with the political guidelines of the state.” zitiert nach Mombauer, [FONT=Verdana, sans-serif]Helmut von Moltke and the Origins of the First World War[/FONT][FONT=Verdana, sans-serif], Cambridge University Press 2001, S.[/FONT]154. Schon viel früher, nämlich 1909 war Moltke bereit damals noch Bülow bei dem Versuch eines Flottenabkommens zu unterstützen, weil er überhaupt keine Chance in der Flottenrüstung sah, Mombauer, aaO, S. 117. Das hatte sich aber wohl Bülow nicht getraut gegen Tirpitz aufzugreifen. Motlke hielt es immer wieder für essentiell zu erfahren, wer Freund und wer Feind sei. Es sei Aufgabe der politischen Entscheidungsträger, das in Erfahrung zu bringen, Mombauer, aaO, S. 119. Da gab es aber eben keine Rückkopplung. Bethmann hielt sich selbst in militärischen Dingen für zu unerfahren und arbeitete gar nicht mit dem GGS zusammen. Auf der anderen Seite war Moltke auch nicht gerade freigiebig mit Informationen (gerade der Handstreich zur Einnahme Lieges wurde stets verschwiegen). Nachdem Moltke schließlich gegenüber Bethmann den Schlieffenplan als einzige Möglichkeit den Krieg zu gewinnen bezeichnet hatte, nahm das Bethmann so hin. Selber wurde da nicht nachgedacht und auch gar nicht Alternativen eingefordert.

    Um es nochmal zusammenzufassen: Man hoffte auf einen kurzen Krieg, weil man glaubte, dass alles andere sowieso zur Niederlage des Reiches führen würde, insofern es also eh egal war. Das ist die einzige Erklärung, die ich habe.



    Tatsächlich war sowohl der belgische als auch der britische Widerstand einer möglichen Expeditionsarmee in Moltkes Denkschriften erwähnt worden. Moltke meinte dazu, dass man eben auf einen formidablen rechten Flügel hoffen müsste.

    Fazit: Allein schon die Prämisse, das ein Krieg unvermeidlich ist, zeigt, wie beschränkt die Denkweise mancher Entscheidungsträger gewesen ist. Der daraus und aus dem dringenden Wunsch nach einem kurzen Krieg gefolgerte Rest war entsprechend ebenso beschränkt. Wenn das Ergebnis dieses Wahnsinns nicht so wahnsinnig tragisch wäre, könnte man fast drüber lachen. So bleibt nur sprachloses Unverständnis und eine tiefe Traurigkeit über soviel sinnlos vergossenes Blut übrig.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Oktober 2012
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  9. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    1913 wurde in Rahmen der Wehrvorlage auch eine nicht unbeträchtliche, aber angesichts der tatsächlichen Kosten, viel zu geringe Erhöhung des Kriegsschatzes bewilligt und zwar von 120 Millionen auf 240 Millionen RM in Gold. Darüber hinaus wurde weitere 120 Millionen eine Beschaffung eines Silberbestandes in Wert von 120 Millionen beschlossen. Diese Fakten deuten auf die baldige Erwartung einer kriegerischen Auseinandersetzung hin und zum anderen auf , das man davon ausging,eine snicht allzu langen Krieges. Auch die Reichsbank war bemüht ihren Goldschatz, der sich 1912 nur noch auf 800 Millionen belief, zu erhöhen.

    Grey hatte Lichnowsky aber bereits am 29.07. darüber informiert, das Großbritannien im Falle eines Kontnentalkrieges eingreifen, also nicht abseits stehen würde. Lichnowsky hatte auch schon in der Vergangenheit ausdrüclich davor gewarnt, beispielsweise im Dezember 1912, das Großbritannien sicher nicht neutral bleiben würde. Man gab sich deutscherseits m.E. nach Illusionen hin.

    Ja, aber da ging sicher nicht davon aus, das der Krieg lang anhalten würde und das Britsche Expeditionskorps so eine Größe annehmen würde, wie tatsächlich geschehen.


    Im Jahr 1912 erschien eine große Denkschrift, aus der unmissverständlich hervorgeht, das die deutsche Landwirtschaft im Kriegsfalle nicht in der Lage sei, die Ernäherung des Volkes zu sichern.(1) Dieser zustand könne auch nicht auf Sicht geändert werden. Das Reichsamt des Inneren setzte sich über diese Erkenntnisse souverän hinweg und beurteilte die Situation vollkommen anders. Immerhin gab es dann aber doch Überlegungen, wie man im Kriegsfalle Getreide in den Niederlanden oder Skandinavien einkaufen könnte. Zu konkreten Maßnahmen hat es dann aber bis zum Ausbruch des Kriege nicht mehr gereicht, da die Bürokratie zu weltfremd und behäbig gewesen war.

    Zu Tirpitz ist anzumerken, das er beispielsweise sträflicherweise den Ausbau des UBootbestandes, trotz kaiserlichen Befehls, schlicht nicht nachgekommen ist.


    (1) Fröhlich, Deutsche Volkernäherung im Kriegs in Schmollers Jahrbücher S.61
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Oktober 2012
  10. DerGreif

    DerGreif Mitglied

    Da scheinen die aktuellen Forschungsergebnisse doch deutlich dagegen zu sprechen. Ich kann nur nochmals auf die Beiträge von Förster und Herwig hinweisen, die ich bereits oben zitiert habe. Moltkes Briefe an seine Frau, interne Besprechungen des Generalstabs, insbesondere die ebenfalls bereits erwähnte Studie "Aufmarsch und operative Absichten der Franzosen in einem deutsch französischen Kriege," 3 . Abteilung PH3/256 Grosser Generalstab BA-MA, so als Quellenangabe entnommen aus Herwig, aao, S. 690, Fn. 38, zeichnen ein anderes Bild.

    Man war eben nicht bereit einzusehen, dass ein Krieg in diesem Zeitalter nicht mehr sinnvoll führbar war.

    Das hatte ich ja in meinem allerersten Satz genauso geschrieben:

    Meine Anmerkungen bezogen sich auf das bekannte und viel diskutierte "Missverständnis" zwischen Grey und Lichnowsky vom 1. August 1914, wo sich Grey tatsächlich dahingehend geäußert hatte, GB würde selber neutral bleiben und Frankreichs Passivität garantieren, sollte Deutschland Frankreich nicht angreifen. Sehr interessant ist hierzu der Aufsatz von Young, The Misunderstanding of August 1, 1914, in: The Journal of Modern History, Vol. 48, No. 4 (Dezember 1976), S. 644 ff. (abrufbar über jstor). Da wird auch nochmal dargelegt, dass durchaus ernsthaft darüber diskutiert wurde, unter welchen Umständen GB bereit gewesen wäre, sich aus einem Krieg in Europa herauszuhalten. Was immer klar war: dass GB sich eben nicht aus einem Krieg D gegen F raushalten würde, solange dieser von D provoziert worden war. Und GB war es eben auch nicht möglich, die Neutralität Frankreichs zu garantieren.

    Davon zu unterscheiden ist die Frage, die ich am Ende dieses Abschnitts angerissen hatte: hätte GB tatsächlich in einen Krieg D gegen R eingegriffen, auch wenn F sich daran aus eigenem Willen beteiligt hätte - dh ohne eine deutsche Kriegserklärung an F und ohne deutsche Kriegshandlungen über die französische Grenze. Und da meine ich gibt es klare Anzeichen dafür, dass es dafür in GB gerade keine Mehrheit gab. Man (die Politiker in D) hatte es sich insofern ja auch bereits sehr frühzeitig verscherzt, als man die Anfrage Goschens, ob man denn die belgische Neutralität achten werde, ausweichend und damit de facto mit "nein" beantwortet hatte. Ab da begann die Stimmung in GB gegen D umzuschwenken. Man kann natürlich diskutieren, ob das den Akteuern in D so tatsächlich bewusst war oder hätte sein können. ME hätte man das aber zumindest versuchen müssen. Sich von vornherein auf den Schlieffenplan festzulegen und zwar ausschließlich, alternativlos und wider besseren Wissens halte ich nach wie vor für ein Armutszeugnis deutscher Militärplanung.

    Ich bin relativ überzeugt davon, dass die Stärke der BEF im Laufe der Agadir-Krise auch in Deutschland bekannt wurde. Immerhin wurde das ja zu einem internen britischen Politikum, nachdem sich bestimmte Minister im britischen Kabinett von den CID-Treffen ausgeschlossen und entsprechend hintergangen fühlten. Da auch das Parlament nur unzureichend über diese Vorgänge - nämlich die Absprachen mit dem französischen Generalstab - informiert gewesen war, gab es dazu dann einige heftige Auseinandersetzungen, die in D sicher nicht ungehört blieben. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich bereits irgendwo gelesen habe, dass D die 6 Divisionen der BEF bekannt waren, kann dazu jetzt aber keine Literaturangabe machen. Moltke ging wie gesagt einfach davon aus, dass man damit schon klar kommen werde, aber bereits die Formulierung in der Denkschrift vom Dez. 1911 zeigt da - wenn ich das richtig in Erinnerung behalten habe - eine gewisse Unsicherheit.


    Was aber ein weiterer Hinweis auf die Vorbereitung auf einen längeren Krieg war. Um hier mal Herwig, aaO, S. 691 zu zitieren:

    Und Herwig, aaO, S. 692:

    Mich überzeugen jedenfalls Försters und Herwigs Beiträge. Beide sind gut mit Quellen belegt.

    Und zu Tirpitz wäre noch viel mehr anzumerken: Nämlich dass sein Plan nie die Chance hatte aufzugehen und dass er trotz nicht endenwollender Kritik aus den eigenen Reihen dieses sinnlosen Unterfangen fortgeführt und damit gleichzeitig der Armee wertvolle Ressourcen enthalten und D diplomatisch gegenüber GB in eine schwierige Situation gebracht hat. Da ist eine mangelhafte U-Boot-Rüstung mE zweitrangig zumal die Möglichkeiten des U-Boots im Handelskrieg damals noch gar nicht gesehen wurden. Und für den Küstenschutz war die vorhandene Menge ausreichend angesichts der Tatsache, dass die RN gerade wegen der HSF gar nicht auf die Idee gekommen wäre eine enge Blockade zu versuchen.
     
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  11. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ich weiß nicht, ob meine Literatur veraltet ist. Aber:
    Mir liegen diese englischsprachigen Werke nicht vor. Ich bin zwar durchaus des englischen so einigermaßen mächtig, aber an einem wissenschaftlichen Werk auf Englisch habe ich mich noch nicht versucht. Insofern werde ich dir hierzu nichts entgegnen.:winke:

    Interessant hierzu:
    Am 30.Juli zeigte Admiralstabschef von Pohl den Chef des Marinekabinetts Georg Alexander von Müller eine Depesche des Korvettenkapitäns Erich von Müller, Marineattachè in London, aus der hervorgeht, das Grey den deutschen Botschafter darüber informiert hatte, dass England in einem Krieg Deutschlands gegen Frankreich nicht neutral bleiben könne, sondern gleich mit der Flotte in Aktion treten würde. (1) Hopman notierte dazu:England wirft die Maske ab und treibt zum Krieg.“ (2)



    Das britsche Heer umfasste zu Beginn des Krieges 100.000 Soldaten. Auch wenn das Abkommen 150.000 Soldaten vorsieht, die zwischen dem 4. Und 12. Mobilmachungstag Le Havre, Boulogne und stromaufwärts in Rouen landen sollten, um dann mit der Eisenbahn in ein Sammelgebiet in der Gegend von Maubeuge gebracht zu werden und am 13. Mobilisierungstag kampfbereit zu sein..., sah die Wirklichkeit 1914 etwas anders aus. Weshalb glaubst du, das der deutschen Generalstab Kenntnis von dem Abkommen zwischen den britischen und französieren Generalstabes hatte?



    Nicht unbedingt, denn es wurden dafür ja definitiv viel zu wenige Vorräte eingelagert. Und auch für einen kurzen Krieg sind entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Schon vor der Marnschlacht gab es Probleme das die Armeen adäquat zu versorgen.


    (1) Müller, Tagebuch vom 30.07.14
    (2) Hopman, Tagebuch v. 28.06.-31.07.14, BA-MA NL Hopman N 326/11






     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Oktober 2012
  12. DerGreif

    DerGreif Mitglied

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    Klar, verstehe ich. Mein französisch reicht für sowas auch nicht. Aber wenn Du Dich dafür interessierst, schau Dir doch mal Försters Beitrag an. Der ist auf Deutsch. Und Förster hat sowieso die Basis für diese Theorie geschaffen, Herwig wiederholt und ergänzt das nur. Ich hatte aber gerade nur Herwigs Aufsatz zur Hand, deswegen habe ich aus ihm zitiert anstelle von Förster. Hier nochmal die Angabe für Förster:

    Förster, Stig, Der deutsche Generalstab und die Illusionen des kurzen Krieges, 1871 – 1914, Metakritik eines Mythos, in: Burkhardt/Becker/Förster/Kronenbitter, Lange und kurze Wege in den Ersten Weltkrieg, S. 115 – 158, Verlag Ernst Vögel München 1996.
    Ansätze dazu findest Du auch schon bei Burchardt, Lothar, Friedenswirtschaft und Kriegsvorsorge, Harald Boldt Verlag Boppard am Rhein 1968, S. 21 ff.: von der Goltz, von Blume, von Caprivi und Moltke der Ältere gingen alle von einem schrecklichen und langen Krieg aus. Siehe dazu auch Stein, Oliver, Die deutsche Heeresrüstungspolitik 1890 – 1914, Ferdinand Schöningh Paderborn 2007, S. 103 ff. Tirpitz verlangte bereits 1907 Vorbereitungen für einen langen Krieg (dh für ihn mindestens 18 Monate), siehe Förster, aaO., S. 147; Burchardt, aaO., S. 19 f. Lediglich bei Heeringen (Kriegsminister) ist die Einschätzung schwieriger, weil es da widersprüchliche Hinweise gibt.


    Interessanter Hinweis. Allerdings wäre ich bei von Müllers Äußerungen immer ein wenig skeptisch, inwiefern die die Realität wiederspiegeln. Von Müller war ein Flottenhardliner, der seinem Vorgänger Widenmann was Verzerrung von Tatsachen und anti-britischer Hetze in nichts nachstand. Ich werde mal zu diesem Themenkomplex - britische Neutralität möglich? - an passenderer Stelle was schreiben.


    Erstens bin ich mir sehr sicher, dass ich das irgendwo gelesen habe - Stein, Stevenson, Herwig, Epkenhans - irgendein Buch, dass sich mit der Heeres- und Flottenrüstung befasste, hatte das so wiedergegeben im Zuge der Beschreibung der Flottennovelle von 1912 und der Heeresvorlage.

    Zweitens aber erscheint mir das auch nur logisch zu sein, nachdem diese Gespräche zwischen französischen und britischen Militärs in GB öffentlich kontrovers diskutiert wurden, wie ich ja bereits geschrieben hatte:


    Was nach der Theorie Försters und Herwigs aber weniger daran lag, dass man ernsthaft an den kurzen Krieg glaubte, sondern eher an der Unfähigkeit der Verwaltung, sich zu koordinieren, abzusprechen und entsprechende Vorgaben umzusetzen - zumal man in der Öffentlichkeit ein anderes Bild aufrecht erhalten wollte. Welche Bevölkerung lässt sich schon leicht für ein langwierigen, das Volk selbst zerstörenden Krieg begeistern?


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    Zuletzt bearbeitet: 21. Oktober 2012
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  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    @DerGreif, Turgot:

    Ich verstehe nicht ganz, wo der Dissenz liegen soll? In dem Unterschied zwischen der Annahme und Streben Moltkes/Schlieffens nach einer Vernichtungsschlacht und den Andeutungen in Richtung eines Vernichtungskrieges?

    Auch nach Gelingen des Moltke-Schlieffen-Planes - so ist mE auch der Kern bei Herwig zu finden - wäre der Krieg eine Zeitlang weiter gelaufen. Dass dieser Aspekt vom Generalstab in der Vorbereitung ausgeblendet worden ist, ist klar. Vorbereitungen für diese Zeitdauer wurden nicht wirklich getroffen, siehe die Hinweise von Turgot zur Finanzierung (die betraf die ersten paar Monate) oder die Überlegungen zur Nahrungsmittel- und Kohleversorgung, die oben zitiert wurden.

    Für diese "Phase 2" gab es nichts, weder in der Schublade, noch in Vorratsdepots, Gold- und Silberschätzen der Reichsbank etc. Vermutlich wurde das auch nicht ernsthaft für notwendig gehalten: folgt man dem dogmatischen Streben nach der Vernichtungsschlacht, hätte man sich hier vermutlich durchwursteln wollen. Die "Phase 2" ist dann ohnehin der Bereich der politischen Lösung, der die Vernichtungsschlacht auf dem Tablett präsentiert worden wäre.

    In den Eckpunkten ist das im Prinzip die gleiche Denke wie 1870/71.

    Wenn ich die posts oben lesen, liegt ihr da doch nicht wirklich auseinander. Oder habe ich das falsch verstanden?
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Um das noch etwas weiter zu erläutern:

    Terence M. Holmes hat in "One Throw of the Gambler's Dice": A Comment on Holger Herwig's View of the Schlieffen Plan - JoMH 2003, S. 513 herausgestellt, dass die von Herwig und einigen Vorautoren herausgestellten "6 Wochen" oder "40 Tage" in der Schlieffenplan-Diskussion den Hintergrund der sich entwickelnden Ostfront hatten.

    Schlieffen selbst konnte sich in der Situation des Jahres 1905 den Luxus leisten, Russland auszublenden, sein Nachfolger konnte das nicht. Herwig ist da auch etwas oberflächlich - bereits die "Generalstabsreise West" von Moltke 1908 legte im letzten Absatz des Abschlussberichts klar, dass die Entscheidungsschlacht im Westen weder das Kriegsende überhaupt noch das Kriegsende im Westen bedeuten würde. Die "Kampange" - abzugrenzen von dem 6-Wochen-Feldzug - würde noch weitere Zeit in Anspruch nehmen. Überhaupt brechen alle Planungen mit dem Abschluss der Einkesselung ab - nirgends wird ein Ergebnis inventarisiert, dessen militärische Analyse eine Aussage zum weiteren Kriegsverlauf ergeben würde (außer der Fortführung der Kampagne. Schlieffens Denkschrift selbst "bricht" mit dem vollzogenen Aufmarsch ab. Herwigs Absichten sind im Vorwort klar herausgestellt:

    "Historians by and large agree that Imperial Germany in 1914 went to war on the assumption that it wouid be short and swift—what Lancelot L. Farrar has calied the "short-war iiiusion." But a new cohort of scholars, ied by Professor Stig Förster of Bern University in Switzerland, argues instead that most senior military pianners feared and indeed accepted the notion of a long war (from six months to two years). Using recently recovered Reichsarcbiv materials from the former East German military archive, they suggest that even a long war seemed the best soiution to Germany's perceived ilis in 1914. Their interpretations suggest a rethinking of iong-held notions concerning "the seminal catastrophe" of tbe twentieth century."

    Er wendet sich also gegen ein Missverständnis der älteren Historiker, der deutsche Generalstab habe stets einen kurzen Krieg zugrunde gelegt. (short and swift ist hier als wörtliches Verständnis der 6-Wochen oder 40-Tage-Planung zu verstehen).

    Insoweit ist auch festzuhalten, dass dieser Zeitbezug eher ein Problem verkürzter Sichtweise auf den Schlieffen-Plan gewesen. Diese rein militärischen Planungen inkludierten nie ein politisch konstruiertes Kriegsende, sondern (Flammer: The Schlieffen Plan and the Plan XVII: A short Critique, MA 1966/67, S. 207):
    "Upon this line of reasoning, German military authorities evolved a system of war which had three main features, i.e., the "bold offensive" to capture and exploit the initiative, envelopment which offered best promise of decisive victory, and finally plenty of individual freedom on the part of unit commanders. This latter factor was deemed necessary to offset any misfortunes of chance or errors in planning. Von Schlieffen's task was to formulate a plan which would fit these criteria, or, in other words, ensure victory by making the theory strategically feasible. This he did, according to the Germans anyway, in his famed Schlieffen Plan."

    Gegen die "short-war-illusion" spricht schließlich die Absicht der militärischen Planer, unmittelbar mit Ausgang der Vernichtungsschlacht im Westen der Ostfront massiv Truppen zuzuführen. Bereits das deutet nicht recht auf die Prognose eines Kriegsendes hin. Gibt es da nun innere Widersprüche?

    Herwig vermengt eigentlich zwei Ebenen: die der militärischen Kalküle und planerischen Kriegsspiele, und die der Vorstellungen der Militärs über das politische Kriegsende. Letzteres bleibt völlig offen: vermutlich sind die Herren davon ausgegangen, dass nach der Vernichtungsschlacht eine politische Lösung des Krieges erfolgt. Das "Cannae-Modell" von Schlieffen/Moltke ist insoweit natürlich eine Option, dem Abnutzungsgedanken im Strategiestreit auszuweichen und der Politik ein (beschleunigtes) Kriegsende zu präsentieren. Diese "Beschleunigung" wurde - insoweit wäre Herwig zuzustimmen - als short-war-illusion missverstanden.
    Terence M. Holmes: Classical Blitzkrieg - The Untimely Modernity of Schlieffen's Cannae Programme, JoMH 2003, S. 745.

    Der (rein militärisch-planerische, strategische) Gedanke der Vernichtungsschlacht wurde dann ausserdem in der Diskussion vermischt mit den Aspekten des Vernichtungskrieges (spricht Herwig selbst an in Decisions for War 1914-17, oder auch Hull, Isabel V.: Absolute Destruction - Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany). Hier sind die Äußerungen eines von der Goltz einzusortieren, dessen Visionen des Erschöpfungskrieges das strategische Resultat der Vernichtungsschlacht (mögliches Kriegsende) ablehnen.
    "Even in the heyday of Schlieffen's Great Plan, immediately after 1905, a battle of annihilation was not contiguous with a war of annihilation. Nor was it so understood by Germany's adversaries. The invasion of Belgium in 1914 was not an automatic trigger of Armageddon. It eame as no surprise to European general staffs, and shocked European statesmen primarily for publicity purposes."
    Dennis Showalter, From Deterrenee to Doomsday Machine: The German Way of War, 1890-1914, JoMH 2000, S. 679.
     
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  15. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    um eine Vorstellung zu haben, was mit diesem Festungsring gemeint ist:
    Barrière de fer ? Wikipedia
    ...der überarbeitungswürdige Wikiartikel behauptet, dass sich der Angriff doch arg in der Festungskette verstrickt habe... Stärke und Ausbau dürfte vor dem Ersten Weltkrieg bekannt gewesen sein.
     
  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  17. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Das ist sehr Diskutabel. Die Front verlief zwar an vielen Stellen sehr nah an den Festungswerken der Linie von Serre de Rivieres, sie spielten dabei jedoch kaum eine Rolle und wurden lediglich als Depot oder Unterstand verwendet oder gar direkt verlassen.

    Ich habe eine Karte von einem Frontabschnitt in dem ein solches Fort vermerkt ist, jedoch ohne besonderen Hinweis auf seine Natur. Das hat mich gewundert und ich habe etwas dazu recherchiert. Es spielte praktisch keine Rolle bei den Kämpfen obwohl es direkt in der Front eingebettet war, ist aber anscheinend gleich zu Beginn von der Artillerie arg zerfleddert und danach gemieden worden.

    Die Franzosen selbst hatten nach der Brisanzkrise einige dieser Forts mit Beton verstärkt, viele andere dagegen entmilitarisiert.
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Verstrickung des Angriffs ergab sich jedoch erst mit dem Scheitern des Schlieffenplanes, der die westliche Umgehung der Festungslinie vorgesehen hat.

    Wie wechselseitig da Einnahme und Verteidigung verlaufen konnte, zeigt dieses Beispiel im Festungsgürtel von Reims:
    Fort de la Pompelle ? Wikipedia
     
  19. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Schon weit vorher, auch vor Moltke den Älteren in seiner berühmten Abschiedrede im Reichstag aus dem Jahre 1890, hat Colmar von der Goltz sehr vieles, was dann auch so im Ersten Weltkrieg eintrat, in seinem Werk "Ein Volk in Waffen" aus dem Jahre 1883 hellsichtig prognostiziert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Januar 2014
  20. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Je länger ich zu dem Thema etwas lese, desto zentraler wird die Frage, wie konkret waren die Informationen bzw. Szenarien, die den preußischen Generalstab veranlaßten, von einer

    1. Kriegsbereitschaft der russsichen Armee in 1916/1917 auszugehen

    2. die politische Bereitschaft des Zaren zum Waffengang zu bewerten.

    Die mir bisher vorliegenden Informationen gehen eher von einer "diffusen" Informationslage aus, die "apokalyptische Züge" bei der Bewertung aufwies. Und in dieser Form auch in Richtung KW II und auch Reichskanzler kanalisiert wurde.

    Im Prinzip somit in den Bereich der "modernen" Ansätze über "Defence Communities" gehört und in der Lage wäre, sehr verzerrte Wahrnehmungen der realen Verhältnisse im Rahmen von subjektiven kollektiven Einstellungen durch die Führung des DR zu erklären.

    Gibt es eine Studie, die sich systematisch mit der militärischen und politischen Aufklärung des russischen Reichs durch das deutsche Militär beschäftigt?
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Februar 2014
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