Die Rolle der Genforschung in der Geschichtswissenschaft

Dieses Thema im Forum "Geschichte der Naturwissenschaften" wurde erstellt von Penseo, 29. Januar 2006.

  1. Penseo

    Penseo Neues Mitglied

    Guten Morgen,


    in den Zeitungen liest man immer wieder, dass Genuntersuchungen vorgenommen werden, um historische Fragen zu klären.
    Ich weiss, dass über die Genforschung an allerlei anderen Stellen im Forum gesprochen wurde, aber mir scheint, die Stellen sind ziemlich verstreut.

    In der Presse habe ich über Untersuchungen zu der Frage, ob der Neanderthaler ausgestorben ist oder der heutige Mensch eventuell auch Gene des Neanderthalers enthält, wie hoch der Anteil CroMagnon an den heutigen europäischen Völkern ist, gelesen.
    Nun bin ich in Sachen Genforschung komplett unkundig und wollte einige Fragen in das Forum stellen:

    Welchen zusätzlichen Erkenntniswert wird die Genforschung für die Geschichtswissenschaft haben?

    Welche Aussagen lassen Ihre Forschungsergebnisse überhaupt zu?
    Wo liegen die Grenzen der Genuntersuchungen?

    Wird sie uns helfen, Wanderbewegungen und kulturelle Beeinflussungen besser als mit z.B. Sprachforschung zu erfassen?

    Oder wird sie uns eventuell auch erneut in eine Richtung bringen, in der wir über Abstammung und darüber, wer legitimer Erbe untergegangener Hochkulturen ist, erneut reden?

    (Hier gebe ich zu, dass ich bei einigen Threads im Altertumforum ein merkwürdiges Gefühl bekommen habe..)

    Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr mir einige Antworten zu diesen Themen geben könntet.

    Grüsse Penseo
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Januar 2006
  2. Schini

    Schini Neues Mitglied

    Grundsätzlich ist es erfreulich, wenn die Genforschung den Historikern und Archäologen dabei helfen kann, neue Erkenntnisse zu erlangen und alte zu vertiefen. Oder auch bis auf weiteres zu keinem Ergebnis zu kommen, wie letztens bei dem Mozart-Schädel...

    Zu deiner letzten Frage: diese Diskussion ist mE bereits seit langem zumindest unterschwellig im Gange. Die wissenschaftliche Erkenntnis - z.B. über Wanderungsbewegungen - ist ja nur der erste Teil der Forschung, der Zweite ist die Relevanz für die Gegenwart. Angesichts des Ansehens, das die Genetik - sprich ihre wahrgenommene 'unwiderlegbare' Beweiskraft - eigent sich nachgerade perfekt dazu, bestimmte Argumentationslinien zu unterstützen. Gerade wir hier im Forum sehen jeden Tag, wie sehr dieses Thema den Mitgliedern und Gästen unter den Fingernägeln brennt. Ich würde dabei sagen, dass das Spektrum von der simplen Frage nach dem Wo-komme-ich-her bis zu gegegwartsrelevanten Absichten und Wunschdenken reicht.

    Die Frage, wer Erbe einer bestimmten Kultur ist, hat meiner Ansicht eine stark politische Dimension, der sogar eine Nähe zum Rassismus als Abgrenzung zu einem "Anderen" nachgesagt werden kann. Der Rassismus hat ja schon mit der Entwicklung der Evolutionslehre einen gewaltigen Auftrieb bekommen ('survival of the fittest'). Dabei ist Rasse ja ein Konstrukt, da die Definition des Innen und des Außen einer Rasse zuerst an Hand von Merkmalen festgelegt werden muss und daher per se nicht zwingend ist. Vor allem wenn man die Homogenität von genetischen Gruppen bzw. die Unterschiede zwischen Gruppen betrachtet. Dass diese keine eindeutigen Aussagen zulassen, wird auch in der Deklaration von Schleining betont.
     
  3. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Superidee, das Thema mal gesondert anzuschneiden! :hoch:

    Ich denke es ist in seiner Auswirkung für die Geschichtswissenschaften durchaus vergleichbar mit der Entdeckung der C14-Methode oder der Dendrochronologie.

    Nun, das kommt auf den Zusammenhang und die Fragestellung an. Wer etwa die Gebeine von Kolumbus oder die des Kaisers XY nachweisen will, der wird es sehr viel einfacher haben, als jemand, der die Besiedlungsgeschichte Amerikas nachzeichenen möchte.

    Eine der wichtigsten Grenzen liegen in der Häufigkeit der verwertbaren Funde. Das ist ja eine der großen Einschränkungen der Archäologie/Anthropologie: man muss mit dem auskommen, was die Erde/Archive zutage fördern. Manchmal gibt es halt nur eine Sonnenscheibe, einen Kieferknochen, einen Ötzi, aber drei Dutzend Interpretationen.

    Und genauso ist es bei der Genforschung. Aus ein, zwei Genproben auf die ganze Population schliessen zu wollen, ist unmöglich. Wir bekommen Hinweise, nicht mehr. Je größer die Stichprobe, je besser der Fundzusammenhang, je jünger das Fundstück, umso genauer wird das Bild.

    Nicht besser, sondern ergänzend. Im Idealfall grenzt die Genanalyse die Interpretationsmöglichkeiten ein. Aber, wie so oft, werfen Antworten mehr Fragen auf ... was aber im Endeffekt unserem Geschichtsbild dienlich ist.

    Das habe ich auch schon vermutet. Pseudowissenschaftler sind auf den genetischen Zug noch nicht aufgesprungen, aber was in Südkorea unter den Augen der gesamten Fachöffentlichkeit passiert ist, das muss man sich nur mal im Geheimen in einem türkischen, russischen, usw. Labor vorstellen... aus Übereifer werden getürkte Ergebnisse präsentiert und wer will oder kann schon jeden Gentest auf Richtigkeit überprüfen? Dazu kommt die Interpretationskreativität der Journalisten, die der Öffentlichkeit aus einer dreizeiligen Tickermeldung die Wanderung der Indogermanen erklären wollen.

    Abstammung ist eine heikle Geschichte. Im Fall der amerikanischen Indianer gibt es böse Zungen, die eine zusätzliche, frühere Besiedlungswelle als Argument ins Gefecht führen, um die Ansprüche der Indianer abzuschmettern - sie wären ja dann nicht mehr die "Ureinwohner".

    Das ist natürlich nicht der Fehler der Genetik, sondern derer, die das Biologische in den Vordergrund einer Weltanschauung rücken. Die Meldungsintensität bezüglich Genetik beeinflusst natürlich die öffentliche Wahrnehmung. Populäre Geschichtsbilder werden dadurch m.E. zunehmend wieder nach biologischen Kriterien aufgestellt, die kulturelle Dimension dabei verdrängend.

    Und das wäre tatsächlich verheerend ...
     
  4. hyokkose

    hyokkose Gast

    Zunächst ein kurzer Hinweis: http://www.geschichtsforum.de/showthread.php?t=5872

    Die bisherigen Forschungsergebnisse sind sehr schön dargestellt bei:

    Spencer Wells, Die Wege der Menschheit - eine Reise auf den Spuren der genetischen Evolution, Frankfurt am Main 2003; ISBN 3-10-089430-8



    Wanderbewegungen ja, kulturelle Beeinflussungen kaum. Da hat die Sprachforschung weitaus bessere Karten.

    Während die Sprachforschung nur den Blick wenige Jahrtausende zurück erlaubt, stößt die Genforschung in viel größere zeitliche Tiefen vor.


    Geredet wird sowieso, egal was die Genforschung macht. Nationalistische und rassistische Spinner waren für ihre "Theorien" noch nie auf wissenschaftliche Ergebnisse angewiesen.
     
  5. Pope

    Pope Neues Mitglied

  6. Penseo

    Penseo Neues Mitglied

    Mir ist beim Lesen auch jener Artikel vor die Augen gekommen:

    http://www.wissenschaft.de/wissen/news/174137.html

    Daraus empfand ich folgendes Zitat interressant:

    Sollte uns das nicht von Fragen nach dem Aussehen untergegangener Kulturen abhalten? Zumindest dann, wenn wir keinerlei Portraits oder schriftliche Überlieferungen zum Aussehen dieser Völker haben?:grübel:
     
  7. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Wissenschaftlich ist das sowieso völliger Schmarrn. Die Frage geht eher ins Pädagogische. Die Masse der Menschen sieht halt lieber TerraX oder Discovery, und da muss man den Leuten etwas zeigen. So haben sie gelebt, so haben sie gejagt, so sahen sie aus ... das kann man halt besser, wenn man es bildlich nachstellt, als wenn man es jemanden erzählen lässt. Die Phantasiebilder entstehen gerade schnell genug, um von neueren Forschungsergebnissen wieder verworfen zu werden ...
     
  8. Penseo

    Penseo Neues Mitglied

    Man kann sie aber auch im Fernsehen unterschiedlich aussehend darstellen.
     

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