Die strategische Konzeption und die Rüstungspolitik der UdSSR 1927 bis 1937

Dieses Thema im Forum "Die Zeit zwischen den Weltkriegen" wurde erstellt von thanepower, 19. August 2011.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das ist eine ausgesprochen gewagte These, der ich widersprechen möchte. Ausgelöst durch die Krise in der Mandschurei, durch eine Bombenexplosion am 18.09.1931, verschärfte sich das Tempo der Aufrüstung [13, S. 184ff].
    Das Rüstungsbudget wurde auf das Niveau angehoben, dass Stalin kurz vorher kategorisch abgelehnt hatte und entschuldigte sich nachträglich bei Tukhachevkskii für sein Fehleinschätzung! Vermutlich ein singuläres Verhalten.

    Faktisch erfolgte ein Sprung im Rüstungsbudget durch diese außenpolitische Krise, die auf eine Verdoppelung des Budgets von geplanten 2,906.6 (millionen Rubel) auf 4.573.6 hinauslief [13, S. 191]

    In der Konsequenz legte die SU ein Panzerprogramm von n = 10.000 Panzer auf, das innerhalb eines Jahres realisiert werden sollte. Dieses Programm hatte im Bereich der Industrie weitreichende Umstellungen von ziviler auf militärische Produktion zu Folge [13, 15, 19].

    Und es erfolgte ein umfangreicher Aufmarsch in Fernost [22, S. 217ff].

    Militärisch hatte diese Entwicklung weitreichende Konsequenzen. Zum einen Entzog die Ausweitung der Rüstunsbudgets dem zivilen Sektor der Schwerindustrie wichtige Ressourcen, die für die Tiefenrüstung verloren gingen, zum anderen belastete der umfangreiche Park an "Panzermüll" aus dem Anfang der dreißiger Jahre die Ausstattung der Panzerverbände der RKKA Anfang der vierziger Jahre.

    [22] J. Erickson: The Soviet High Command, 2006
    [15] L. Samuelson: Plans for Stalin`s War Machine, 2000
    [19] S.W. Stoecker: Forging Stalin`s Army. 1998
    [13] D.R. Stone: Hammer & Rifle, 2000
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. August 2011
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  2. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Thane
    "...Das ist eine ausgesprochen gewagte These, der ich widersprechen möchte. Ausgelöst durch die Krise in der Mandschurei, durch eine Bombenexplosion am 18.09.1931, verschärfte sich das Tempo der Aufrüstung [13, S. 184ff]. Das Rüstungsbudget wurde auf das Niveau angehoben, dass Stalin kurz vorher kategorisch abgelehnt hatte und entschuldigte sich nachträglich bei Tukhachevkskii für sein Fehleinschätzung! Vermutlich ein singuläres Verhalten.

    Faktisch erfolgte ein Sprung im Rüstungsbudget durch diese außenpolitische Krise, die auf eine Verdoppelung des Budgets von geplanten 2,906.6 (millionen Rubel) auf 4.573.6 hinauslief [13, S. 191]

    In der Konsequenz legte die SU ein Panzerprogramm von n = 10.000 Panzer auf, das innerhalb eines Jahres realisiert werden sollte. Dieses Programm hatte im Bereich der Industrie weitreichende Umstellungen von ziviler auf militärische Produktion zu Folge..."


    Mit solchen Zahlenangaben (10.000 Panzer) wäre ich immer in dieser Zeit der sowjetischen Geschichte sehr skeptisch. Bedenke, die Sowjetunion befand sich wirtschaftspolitisch in den frühen 1930'er Jahren in einer krisenhaften Situation "Kollektivierung", "sozialistische Industriealisierung" etc.

    Der Beitrag geht weiter, nur nicht heute.

    M. :winke:
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 21. August 2011
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Nur zwischendurch: mglw. ist das Programm angesprochen, auf einen Stock von 10.000 aufzurüsten. 1932 besaß die RA ein paar Hundert, jedenfalls unter 500. 1940 war der Bestand auf über 24.000 angestiegen, der höchste Output eines Landes. Es erfolgte nach 1932 auch die erste Umstellung von Traktorenwerken (ebenfalls mit Auswirkungen auf die Landwirtschaft und ihre Mechanisierung) auf Panzerproduktion.

    *************
    EDIT, um ein Jahr vertan: 724 (1930) und 824 (1931)

    Es folgte die gewaltige Steigerung des Outputs im Rahmen des 5-Jahres-Plans ab 1932 mit über 3.000 Stück Zugang pro Jahr 1932-1938. Bereits 1934 wurde der Bestand von 10.000 überschritten, 1936 über 15.000. Quelle: Milsom, Die russischen Panzer, Statistik im Anhang.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. August 2011
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Am 07.05.1932 schrieb Stalin [17] ein Entschuldigungsschreiben an Tukhachevsky [10], das als offizielles Eingeständnis der Notwendigkeit einer starken militärischen Fokussierung angesehen werden kann [7, S. 7ff].

    Bei seinen Berechnungen zur Leistungsfähigkeit der sowjetischen Wirtschaft im Rahmen eines „Futur Wars“ war er im Rahmen einer am 11.01.1930 vorgelegten strategischen Planung zu einer Prognose der Leistungsfähigkeit gekommen, die ca. 122.500 Flugzeuge und 197.000 Panzer pro Jahr umfasste. Späer räumte er ein, dass er aufgrund von fehlerhaften Informationen, Berechnungsfehler vorgenommen hatte.

    Das bedeutete dass Tukhachevsky von einer Ist-Ausstattung der RKKA im Fall eines Krieges von durchschnittlich ca. 35.000 Flugzeugen und ca. 50.000 Panzern ausging. Die restliche Jahresproduktion wurde als Verlust antizipiert [7, S.7].

    Dieser Vorgang war insofern bemerkenswert als deutlich machte, dass im Rahmen einer massiven Rivalität zwischen den einzelnen Nachfragern von geplanten Ressourcen, die Rote Armee als massiver Auftraggeber und Abnehmer zukünftig in Erscheinung treten wollte.

    Mit dieser Positionsbestimmung durch Tukhachevsky wurde zunächst deutlich, dass sich die offensive militärische Doktrin gegenüber einer defensiven Konzeption entscheidend durchgesetzt hatte. Tukhachevsky war es gelungen, die einflussreiche Position von Svechin über eine unfaire politische Rhetorik zu dikreditieren und ihn somit als militärischen Denker zu neutralisieren.

    Unklar dagegen war, wie diese extreme, schon fast als utopisch zu bezeichnende Konzeption, Vorstellung im Rahmen der Planung der Fünfjahrespläne abgebildet werden sollten und in welchem Umfang Ressourcen für die dramatische Aufrüstung bereitgestellt werden sollten.

    Und zunächst war Tukhachevsky mit seinen Ambitionen wenig erfolgreich, da das Bereitstellen knapper Ressourcen für militärische Zwecke die volkswirtschaftliche bzw. industrielle Entwicklung der Sowjetunion massiv gefährden würde. In diesem Sinne äußerte Stalin: „To carry out such a plan would certainly ruin the economy of the country…:that would be worse than any counter-revolution” [7, S. 8]

    Dass es zu dieser Situation überhaupt kommen konnte, liegt zum einen in der aggressiven und offensiven Ideologie bzw. historischen Mission des Proletariats im Rahmen der „Weltrevolution“ des Marxismus-Leninismus begründet und seiner organisatorischen Ausformung in der „Komintern“

    Zum anderen diente die externe Bedrohung durch angrenzende kapitalistische Staaten auch immer der inneren Mobilisierung. Zentral für die Bedrohungsvorstellung war das in 1928 erneut aufgelegte Werk von Tukhachevsky „Futur War“, dass die Zielsetzung der kapitalistischen Staaten in der Zerstörung der UdSSR beschrieb. Diese generelle Sichtweise diente zum einen im Rahmen der Partei zur Disziplinierung und zum anderen auch als Begründung für die Industrialisierungspolitik der Sowjetunion, ohne Rücksicht auf Verluste.

    Als mehr oder minder realistische Bedrohungsanalyse, um 1930, sah sich die SU einer Vielzahl von feindlichen Staaten gegenüber, die mit Polen und Rumänien auch quantitativ beeindruckende Heere ins Feld hätten führen können [12, S. 151]. Relevant für die innenpolitische Diskussion war allerdings vor allem der Konflikt in China und insbesondere der sich abzeichnende Konflikt mit Japan in Nord-China [12, S. 18&59ff und 19, S. 1-37]

    Die Vorstellung hinsichtlich zukünftiger Kriege orientierte sich deutlich stärker Tukhachevsky und auch bei Schaposchnikow an den Ereignissen im Rahmen des WW1 und nicht an der Kriegsführung im Zuge des Bürgerkriegs. Eine Konzeption, die stärker bei Budenny oder Voroshilow anzutreffen war. In den Augen von Tukhachevsky war von einem „industrialisierten Krieg“ auszugehen. Eine Vorstellung, die bereits auch bei Lenin angelegt ist.

    In diesem Sinne war die Militärkonzeption von Tukhachevsky stark an die Gedankenwelt eines Ludendorff`s angelegt und orientierte sich an dem Konzept eines „totalen Krieges“. Die Vorstellung über die zu erwartende Länge eines derartigen „totalen Krieges“ variiert von mehreren Monaten bis hin zu Vorstellungen von 3 bis 4 Jahren.

    Diese Überlegungen flossen ein in die Konzeption des Friedenheeres. Allerdings ist dabei zu beachten, dass noch bis weit in die dreißiger Jahre ein weitgehend ineffektives Rekrutierungssystem durch die RKKA benutzt wurde, dass sich eher an den Milizstrukturen aus der Zeit des Bürgerkriegs orientierte [4 und 18].

    Die Ausformulierung der innovativen Konzeption einer mechanisierten Kriegsführung wurde zum einen in Abgrenzung zu den Arbeiten von Svechin und zum anderen in Ergänzung durch innovative Arbeiten von Triandavilov [15] oder Isserson [8].

    Gleichzeitig griff Tukhachevsky aber auch die westlichen Konzepte auf, die sich mit dem Thema mechanisierte Kriegsführung beschäftigt haben und grenzte sich deutlich beispielsweise gegen Fuller ab. Die Kritik zielte primär auf die Vorstellung ab, dass zukünftige mechanisierte Kriege, da die entsprechende Rüstung immer kostspieliger wird, nur von kleinen Armeen geführt werden würden [11]

    Im Zentrum der Überlegungen von Tukhachevsky stand das Konzept der „Deep Battle“ [5,6]. Ein Konzept, dass die punktuelle Schockwirkung betont, den Durchbruch durch die feindlichen Linien und dann eine mobile Entwicklung des Angriffs gegen die Versorgungslinien des Gegners.

    In dieses Konzept integrierte er die Nutzung von Flugzeugen und ebenfalls innovativ den Einsatz von Fallschirmjägern gegen die rückwärtigen Verbindungen des Gegners.

    Dieses Konzept fand seinen Niederschlag in der Dienstvorschrift PU 36 für die Rote Armee und wurde im Rahmen von Großmanövern in der Mitte der dreißiger Jahre praktisch geprobt.

    Bis zur großen Säuberung der Roten Armee im Jahre 1937, der auch Tukhachevsky zum Opfer fiel, konnte man von einer nahezu ähnlichen Entwicklung der Militärdoktrinen im 3. Reich und der UdSSR ausgehen.

    Relevante Literatur SU 1927 bis 1938:
    [1] M. v. Boetticher: Industrialisierungspolitik und Verteidigungskonzeption der UdSSR 1926-1930, 1979
    [2] R.W. Davies, M.Harrison, S.G. Wheatcroft: The Economic Transformation of the Soviet Union, 1913-1945, 1994
    [4] J. Erickson: The Soviet High Command, 2006
    [5] D.M. Glantz: The Military Strategy of the Soviet Union, 1992
    [6] D.M. Glantz: Soviet Military operational Art, 1991
    [19] J. Haslam: The Soviet Union and the Threat from the East, 1933-41, 1992
    [7] J. A. Maiolo: Cry Havoc, 2010, S. 7-21
    [8] H. Orenstein (Trnsl): The Evolution of the Soviet operational Art, 1927-1991, Vol I, 1995, S. 1-90
    [9] L. Samuelson: Plans for Stalin`s War Machine, 2000
    [10] H. Shukman Ed.: Stalin`s Generals, 1993 (Tukhachevsky, S. 255ff)
    [11] R.Simpkin & J. Erickson: Deep Battle, 1987
    [12] S.W. Stoecker: Forging Stalin`s Army. 1998
    [14] D.R. Stone: Hammer & Rifle, 2000
    [15] V.K. Triandafillov: The Nature of the Operations of Modern Armies. (1929), 1994
    [16] D. Volkogonov: Trotsky, 1996
    [17] D. Volkogonov: Stalin, 1990
    [18 ] E.F. Ziemke: The Red Army, 1918-1941, 2006
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. August 2011
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  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Bezogen auf die außenpolitische Bedrohung ist bisher deutlich geworden, wie die Eskalation der Konflikte im Osten und die gleichbleibende Bedrohung aus dem Westen (Polen, Rumänien, Baltischen Staaten etc.) sich in der Militärstrategie, formuliert durch Tukhachewsky Anfang der dreißiger Jahre, niedergeschlagen haben.

    Wichtig ist es zu zeigen, dass es zu einer deutlichen Beschleunigung der Rüstungsanstrengungen in diesem Zeitraum gekommen ist, der sich so ca. 1926 noch nicht abzeichnete.

    Die ursprünglich moderate Rüstungsplanung für die RKKA kann man an den Planungen aus der Mitte der zwanziger Jahre erkennen (vgl. Tab 1). Bereits an den Planzahlen für die Panzer wird ersichtlich, dass man ursprünglich nicht vor hatte, in eine "Hyper-Rüstung" nach dem Muster der dreißiger Jahre einzusteigen. Das Rüstungsbudget entwickelte sich zwar, aber nur mit moderaten Steigerungen.

    Tab 1
    Langfristiger Plan für die Friedens-Aufträge bei militärischer Ausrüstung

    ……………..…..26/27…….27/28……..28/29………29/30………30/31
    Panzer…………….2………...-…………..48………...100…………100
    Invest-Budget..107.005….130.094……139.531…..149.135…….161.616
    Ges. Budget....633.800….774.600……879.800…1.046.000….1.700.000
    (in Mio. Rubel)
    (Stone: Hammer & Rifle, S. 35 bzw. 217 für das Gesamt-Budget)

    Die neue Ausrichtung der Industrialisierungspolitik betraf vor allem die Umverteilung von Investitionen aus dem zivilen Sektor, der für den Bedarf der RKKA arbeitete, in einen militärischen Sektor der Industrie, der ausschließlich für militärische Güter zuständig war (vgl. Tab 2).

    Die damit verbundenen Investitionen reduzierten teilweise den Anteil an den zivilen Infrastrukturinvestitionen. Teilweise verbirgt sich jedoch auch dahinter die Umstellung von ziviler Produktion auf militärische Produktion.

    Hinter diesem Prozess der Industrialisierung verbirgt sich eine zunehmende Verselbständigung der Industrien, die für den militärischen Sektor zuständig waren. Auch mit der Konsequenz, dass dieser Bereich durch das Militär in seiner Fertigungskapazität geplant wurde und nicht mehr in die planerische Kompetenz ziviler Stellen fiel.

    Tab 2
    Anteil der zivilen Produktion am Output des militärischen Sektors (in %)

    ………………Artillerie……..Gewehre/MG……….Kartuschen …….Insgesamt
    1928/29…….…38,4………….........40,7………………45,7…………….40,7
    1931…………..31,1………………..31,0………………38,8…………….35,2
    1932 gepl. …....9,5………………..24,2………………29,1…………….23,3
    (Stone: Hammer & Rifle, S. 61)

    Wie weitgehend die Ideen der Mobilisierung der russischen Wirtschaft im Rahmen eines zukünftigen „totalen Krieges“ im Jahr 1932 bereits vorangeschritten waren, zeigte sich dann auch in den unterschiedlichen Mobilisierungsplänen für die Produktion von Panzern und Flugzeugen. Besonders deutlich wird es an der Variante für Nr. 10, die im Frühjahr 1932 von einer maximalen zu produzierenden Anzahl von 20.000 Panzern im Falle eines Krieges ausging. Und sich damit deutlich in der Größenordnung von vorherigen Planungen unterschied.

    Tab 3
    Die Bewertung des industriellen Potentials für die Produktion im Rahmen der Kriegsmobilisierung
    ………………….Plan S-30………... Politibüro Pl. 30-33…………Variante Nr. 10(Frühjahr 1932)
    Panzer……………1.000……………………1.055……………………..2.500 – 20.000
    Flugzeuge………..4.596…………………….4.360…………………………..7.098
    (Stone: Hammer & Rifle, S. 155)

    Das bereits angesprochene Bauprogramm von 10.000 Panzern setzte sich aus unterschiedlichen Tanktypen zusammen. Sowohl der T 26 als auch die BT-Serie war zum damaligen Zeitpunkt als technisch innovative Panzer zu klassifizieren. Diese beiden Typen sollten mit ca. 5000 Einheiten die Basis für die neu zu schaffende sowjetische Panzerwaffe bilden.

    Durch die Kurzfristigkeit der Planung für dieses Bauprogramm kam es zu gravierenden Fehlplanungen in nahezu allen Bereichen. Es wurden Einheiten bereitgestellt, die keinen Turm aufwiesen oder über kein Geschütz verfügten. Die einzelnen Panzer wurden schwerer als geplant und verursachten eine Vielzahl technischer Pannen bzw. Ausfälle. Zudem gab es Serien, die über keine Oberflächenhärtung des Stahls verfügten, da die entsprechenden „Öfen“ nicht vorhanden waren.

    Tab 4
    Das 1932-Panzer-Bau-Programm in der Planung und der Umsetzung

    …………………………...Plan 1932 (Febr.)…….rev. Plan 32 (Okt.)……ausgelieferte Panzer

    Leningrad / T 26……………….3000…………………1600………………….911
    Voroshilow Fabrik

    Charkow / BT………………….2000…………………..600………………….239
    Ch. Lokomotiven Fabrik

    Moskau / T 27…………………5000…………………2100…………………1700
    Fabrik Nr. 2
    Gesamt ……………………..10.000………………….4300………………….2585
    (Samuelson: Plans for Stalins War Machine, S. 138)

    Ist das Jahr 1932 als der Impulsgeber für die Produktion sowjetischer Panzer eindeutig zu identifizieren, dann hält sich das Niveau der Panzerproduktion in der Folgezeit auf einem relativ hohen Niveau. Bei der Flugzeugproduktion ergibt sich ein abweichendes Bild, das im wesentlichen durch die Komplexitätssteigerung bei der Produktion neuer Typen verursacht wurde.

    Allerdings sieht man auch für 1937 den deutlichen Einfluss der Säuberungen, die in der gesamten sowjetischen Gesellschaft durchgezogen worden sind und den Wirtschaftsprozess deutlich behindert haben. Auch den sehr wichtigen Bereich der Logistik, der für die Zulieferung zuständig war [3].


    Tab 5
    Die Ist-Produktion von zentralen Rüstungsgütern

    ……………..Flugzeuge……....Panzer
    31…………….860……………..740
    32…………..1.734……………3.038
    33…………..2.952……………3.509
    34…………..3.109……………3.565
    35…………..1.612……………3.055
    36…………..2.688……………4.803
    37…………..4.435……………1.559
    38…………..5.469……………2.271
    Anmerkung: Die Produktionsangaben variieren teilweise stark. Es wurde der konservativste Wert genommen. Vor allem bei den Flugzeugen schwankt er stark und Stone erklärt es durch die zunehmende Komplexität der Fertigung der Flugzeuge.
    (Stone: Hammer & Rifle, S. 214)

    Trotz gravierender Pannen wurde Anfang der dreißiger Jahre in der UdSSR die ersten nennenswerten Panzereinheiten der Welt geschaffen und führten dazu, dass die UdSSR bis Mitte der dreißiger Jahre zu einer der führenden Militärmächte aufrückte.

    Tab 6
    Die Veränderung des Ist-Bestand der RKKA zwischen 1927 und 1933
    ……….1927………………………………………1933
    Luftwaffe:
    weniger als 1000 alte Bomber………………ca. 5000 Flugzeuge
    Panzer:
    73 alte Panzer………………………………..ca. 10.000 Panzer etc.
    LKW:
    ca. 1000……………………………………..ca. 13.000 LKW
    Artillerie:
    7.000 (1929) …………………………………17.000
    hMG:
    26.000………………………………………..51.000
    lMG:
    48.000………………………………………...67.000
    (Samuelson: Plans for Stalins War Machine, S. 144)

    Relevante Literatur SU 1927 bis 1938:
    [3] E.A. Rees: Stalinism and the soviet Rail Transport, 1928-41, 1995, bes. S. 160-185
    [1] L. Samuelson: Plans for Stalin`s War Machine, 2000
    [2] D.R. Stone: Hammer & Rifle, 2000
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. August 2011
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  6. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Ein Einwurf:
    die beginnenden 30er in der Sowjetunion waren gekennzeichnet einerseits von der Kolchosisierung der Landwirtschaft mit riesigen Hungersnöten,
    was die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft vermutlich nicht gerade positiv beeinflusst hat.
    Andererseits von den ersten 4 und 5 Jahresplänen, deren Sollzahlen von den gemeldeten Istzahlen in der Regel erheblich überschritten wurden, die Istzahlen aber rein der Fantasie entsprangen.
    Es interessierten nur die gemeldeten Zahlen. Ob sie stimmten oder nicht, hat keinen interessiert.

    Zwei Punkte die unbedingt beachtet werden sollten.

    Das äußere Bedrohungsszenario der UdSSR Ende der 20er war, wenn ich mich richtig entsinne, innerparteilich bedingt und diente dem Kampf gegen Trotzki. Insofern war Tuchaschewski da auch nur Werkzeug für Stalin. Die "Entschuldigung" ist demnach anders zu bewerten.

    Ganz im Gegenteil hat sich die UdSSR in etliche Konflikte anderer Staaten von China über Persien bis nach Estland massiv eingemischt. Aber das ist eine andere Kiste.


    Nachweise bei Bedarf gerne.
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  8. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Das eine hatte ich übersehen, :)
    die Quellen kriegst Du natürlich gern. Nur heute nicht mehr.

    Apropos Quellen, die aus der Du das hast:
    würde ich maximal mit dem Schürhaken anfassen.
    Briten, Franzosen, USA hatten doch lässig 10.000 Panzer 1918 im Einsatz.
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Es ging eher um die Verhältnisse der 1930er. Da betrugen die sowjetischen Quantitäten ein Vielfaches des Potentials der anderen Staaten. Der "Tankdrachen", speziell in der "Tiefen Operation", war nach 1918 in keinem der anderen Staaten mehr in diesem Ausmass vertreten.

    Es handelt sich also gewissermaßen um einen "Neustart".
     
  10. Repo

    Repo Neues Mitglied


    OK.
    Die Sowjets haben den Stand der "Forschung" in Technik und Taktik früher umgesetzt als andere. (Das geht in einer Diktatur halt auch leichter, als dort wo der Wähler und Steuerzahler mitredet.)
    Panzertechnik und Taktik ist aber nicht Thema des Threads.

    Und insofern:
    halte ich das für "Gschmäckle" behaftet.
    Und irgendwo erinnern mich etliche Passagen dieses und des vorherigen Beitrags an irgendetwas, ich weiß noch nicht an was, aber das kommt schon noch.
     
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  11. Repo

    Repo Neues Mitglied



    Geschichte der Sowjetunion, Heller/Nekrich Band 1, Athenaum 1981
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied



    Die Pläne für einen massenhaften Einsatz von Panzern gehen auf das Konstruktionsprogramm der Alliierten zurück, das für das Jahr 1919 folgende Planungen vorsah [12, S. 128/129]

    ………..Ist 1918………Plan 1919
    GB……..2000……………7000
    F………..2653……………9000
    USA……………………..10000

    Diese Planungen waren vermutlich auch beeinflusst durch die Ideen von Fuller. Im Januar 1918 schlug Fuller dem alliierten Oberkommando vor, mit 10.500 Panzern die deutsche Westfront in einer Tiefe von a. 30 Kilometern zum Einsturz zu bringen. [11, S. 50ff]. Systematisch entwickelte er diesen Gedanken im Rahmen des „Plan 1919“. Der Plan wurde aufgrund des Kriegsendes nicht umgesetzt, dennoch waren die grundlegenden Gedanken zur Einsatzart von großen Panzerverbänden richtungweisend.

    Zu diesem Zeitpunkt wurde der Panzer als Instrument für den Durchbruch angesehen, ergänzt durch den „Kavallerie-Panzer“ der bis zu einer gewissen Tiefe vorstoßen sollte. Obwohl die von Fuller angedachte Rolle der großen Panzereinheiten bereits taktische und vielleicht auch operative Bedeutung für einzelne Schlachtfelder („Theater“) aufwies, lag noch keine integrierte operative Theorie für den Einsatz vor und es gab auch keine Organisationsform für mechanisierte Einheiten, die ihnen eine eigenständige Rolle ermöglicht hätte.

    Vor diesem Hintergrund ist die Aussage über die Bildung von Panzereinheiten im Rahmen der RKKA in den frühen dreißiger Jahren in der UdSSR zu verstehen (an der sich Repo so gestört hat). Das Unterscheidungsmerkmal ist nicht die Anzahl, sondern dass sie in Abgrenzung zum WW1 sowohl eine Einsatzdoktrin als auch eine Organisationsform erhalten haben.

    Aus dieser Zeit stammen die Diskussionen über die Rolle mechanisierter Einheiten bzw. auch von Panzereinheiten, die für Frankreich bis zum Krieg gegen das 3. Reich nicht ausdiskutiert war und mit den Erfahrungen aus Spanien nach 1937 in der SU ebenfalls zu einer retrograden Entwicklung der Panzerwaffe führte. Im deutlichen Kontrast zu der Entwicklung bei der Wehrmacht [vgl. z.B. 13 & 14].

    Dass ausgerechnet ein Land wie die UdSSR die Vorreiterrolle bei der Mechanisierung der Kriegsführung in den dreißiger Jahren übernimmt war absolut nicht zu erwarten. Zum einen, da die UdSSR lange in der industriellen Entwicklung hinterher hinkte und andererseits die gesamte Infrastruktur, die die notwendige Voraussetzung für eine mechanisierte Kriegsführung bildete, unterentwickelt war.

    Die Entwicklung im Einzelnen: Folgt man Erickson [1, S. 768-769] dann ergibt sich folgende Entwicklung für die Panzerwaffe im Rahmen der RKKA. In 1930-1932 wurden die ersten unabhängigen mechanisierten Einheiten bzw. Tankformationen aufgestellt. In 1930 die erste unabhängige mechanisierte Brigade, die in 1932 bereits zu mechanisierten Korps (u.a. 2 mechanisierte Brigaden enthalten) umgewandelt wuden.

    In 1932 wurden die ersten zwei mechanisierten Korps gebildet, das 11te und das 45te und jedes Korps umfaßte ca. 500 BT-2 und T26 leichte Panzer und 200 T-27 Tanketten. In der Folge wurden weitere unabhängige mechanisierte Brigaden gebildet und in 1934 folgten zwei weitere mechanisierte Korps [16, S. 110]. In 1935 wurden alle bestehenden Panzer-Regimenter in unabhängige Brigaden umgewandelt, die mit ca. 146 T-26 Panzer und zusätzlichen Fahrzeugen ausgerüstet waren.

    In 1935 ergaben sich ca. 25 mechanisierte Brigaden, die einem Aquivalent von ca. 12 Korps entsprachen [1, S. 769].

    Da eine sowjetische Brigade, sehr grob und ca. einem deutschen Regiment entsprach, konnte man ein sowjetisches Korps einer deutschen Panzerdivision als ungefähre Entsprechung ansehen.

    Tab 1

    Die Veränderung des Ist-Bestand der RKKA zwischen 1927 und 1933

    ……….1927………………………………………1933
    Luftwaffe:
    weniger als 1000 alte Bomber………………ca. 5000 Flugzeuge
    Panzer:
    73 alte Panzer………………………………..ca. 10.000 Panzer etc.
    LKW:
    ca. 1000……………………………………..ca. 13.000 LKW
    Artillerie:
    7.000 (1929) …………………………………17.000
    hMG:
    26.000………………………………………..51.000
    lMG:
    48.000………………………………………...67.000
    (Samuelson: Plans for Stalins War Machine, S. 144)

    Dieser numerisch bedeutenden Ausstattung der RKKA standen in Europa und in den USA bzw. in Japan Mitte der 30er Jahre folgende Ist-Panzerkontingente bzw. auch die zu erwartenden Kriegsproduktionskapazitäten gegenüber (vgl. Tab. 2).

    Tabelle 2
    Soviet Military Intelligence estimates of stocks (alle Typen) and wartime tank capacity in 1933 of major states

    ………..…………….Bestand 1932…………………Kriegs-Kapazität

    Frankreich………………3.500………………………..24.000
    GB………………………1.000………………………..36.000
    USA……………………..1.000……………………….60.000
    Japan………………………500……………………….no Data
    UdSSR…………………………………….1933……..19.2000
    ……………………………………………..1938…….40.000
    (Samuelson: Plans for Stalins War Machine, S. 145)

    Noch im Jahr 1940 war das zentrale Problem für Frankreich, dass als stärkste kontinentale Militärmacht angesprochen wurde, dass es weder über eine einheitliche Panzerphilosophie verfügtenoch über die entsprechende Organisationsform. In diesem Zusammenhang schreibt Hughes: „The major part of Frances`s tank force , however, were broken down into fourty battalions „assigned in groups of three or four to each army and distributed from the North Sea to Switzerland.” [5, S.226]

    Tabelle 3
    Soviet Military Intelligence estimates of Nazi Germany, Poland and Japan’s military capacity (1937 bezogen auf alle Typen)
    ……………………….Im Einsatz………………………..Kriegsproduktion
    ……………………Flugzeuge Panzer………………..Flugzeuge…….Panzer
    Deutschland……….4.500……..5.000……………………42.000………48.000
    Poland……………. 1.600……..2.000……………………..4.000………..4.800
    Japan………………3.000……….900……………………12.000………..2.500
    Total……………….9.100……..7.900……………………55.300………55.300
    (Samuelson: Plans for Stalins War Machine, S. 191)

    Parallel zum Aufbau der Panzereinheiten erfolgte die Formulierung der Theorie zur “Deep Battle” durch einen Kreis innovativer Offiziere, angeregt durch Marshal Tukhachevski [9] und basierte auf den Vorarbeiten von Triandafillov [16] und auch auf den Arbeiten von Isserson [7, Seite 48ff].

    Die Vorstellungen von Tukhachevski bewegten sich dabei von der "Breiten Front" Bzw. der linearen Kriegsführung des WW1 weg zur Kriegsführung im Rahmen der „Deep Battle“.

    Seine Vorstellungen zur Kriegsführung wurden 1936 noch im Rahmen der Felddienstvorschrift „PU-36“ als verbindlich für die RKKA implementiert [9, S. 159ff]. Diese Vorschrift war zum damaligen Zeitpunkt einmalig, wenngleich die Wehrmacht in eine sehr ähnliche Richtung dachte und die Panzerdoktrinen beider Länder bis zu diesem Zeitpunkt eine hohe Überinstimmung aufwiesen.

    Der Aufbau einer mechanisierten Armee und der eigenständigen Panzereinheiten wurde im Rahmen der im September 1935 stattfindenden „Großen Kiewer Manöver“ in einem bisher nicht gekannten Umfang praktisch umgesetzt [10, S. 194]. Unter den kritischen Augen der Militärbeobachter aus der ganzen Welt. Es nahmen teil, 65.000 Infantristen, ca. 10.000 Panzer, 600 Flugzeuge und ca. 1200 Fallschirmspringer, die durch TB-3 abgesetzt wurden.

    Die Durchführung dieses Manövers wies auf gravierende Mängel in der bisherigen Theorie der „Deep Battle“ hin, aber auch auf die organisatorische Fehlentwicklung bei der Aufstellung der Panzereinheiten. Gravierend waren vor allem die mangelnde Fähigkeit, diese Verbände angemessen zu führen.

    In dem Maße wie die Wehrmacht die Stringenz ihrer Panzerphilosophie vorantrieb ergaben sich in der RKKA sehr kritische Diskussionen über die Einsatzgrundsätze und die Organisatiosnformen von Panzereinheiten [4, S.226ff].

    Entschieden wurde dieser Streit zum einen durch die Säuberungen in der RKKA und den Empfehlungen, die Pavlow aus den Lehren des spanischen Bürgerkriegs gezogen hatte. Und die Panzereinheiten der RKKA in einen bis 1942 anhaltenden permanenten Reorganisationsprozess zog.

    Und wie wichtig gerade die richtige Einsatzdoktrin für Panzerkräfte war bewies die Wehrmacht in der Folgezeit.

    Wie sagte General Gamelin als Entschuldigung zu Churchill zur Niederlage der französischen Armee: „Unterlegenheit an Zahl, Unterlegenheit an Ausrüstung Unterlegenheit an Taktik“. Und wie anwortete Frieser: „Wie wir heute wissen, war nur der dritte Grund zutreffend. Es lag an der Taktik, mit der die Truppe eingesetzt wurde“.

    Und an diesem Punkt wird ersichtlich, dass der Fast-Untergang der RKKA im Jahr 1941 auf eine ähnliche Ursache zurück zu führen ist, obwohl sie im Gegensatz zur französischen Armee Mitte der dreißiger Jahre eigentlich auf dem richtigen Pfad war.

    Relevante Literatur SU 1927 bis 1938:
    [13] R.M. Citino: The Path to Blitzkrieg, 1999
    [14] J.S. Corum: The Roots to Blitzkrieg, 1992
    [16] W.S. Dunn: Hitler`s Nemesis, 1994
    [1] J. Erickson: The Soviet High Command, 2006
    [11] G. Förster, N. Paulus: Abriss der Geschichte der Panzerwaffe, 1978 (DDR-Verlag!!!)
    [15] K.H. Frieser: Blitzkrieg-Legende, 1996
    [12] H. Guderian: Achtung Panzer, 1995
    [4] M.R. Habeck: Storm of Steel, 2003
    [5 ] J.M. Hughes: To the Maginot Line, 2006
    [6] A.A. Kokoshin: Soviet Strategic Thought, 1995
    [7] H. Orenstein (Trnsl): The Evolution of the Soviet operational Art, 1927-1991, Vol I, 1995, S. 1-90
    [8] L. Samuelson: Plans for Stalin`s War Machine, 2000
    [9] R.Simpkin & J. Erickson: Deep Battle, 1987
    [16] V.K. Triandafillov: The Nature of the Operations of modern Armies, 1994
    [10] E.F. Ziemke: The Red Army, 1918-1941, 2006
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. September 2011
  13. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Wenn ich mir die sowjetischen Zahlen so ansehe, dann wurde doch offenbar eine erfolgreiche Tiefenrüstung betrieben, die sogar die Säuberungen 1936 und danach verkraften konnte. Natürlich waren Führungsschwäche und Unerfahrenheit (u.a. wegen der Säuberungen) Gründe für die großen Niederlagen 1941, aber die Rüstung legte den Grundstein für den starken Widerstand und wurde offenbar nicht als solche durch die Aufklärung Ost erkannt.

    Solwac
     
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  14. YoungArkas

    YoungArkas Neues Mitglied

    Vor allem ist interessant, dass die Sowjetunion sich nicht darauf verlassen hat, dass sie ihre Industriezentren in der Ukraine und in Westrussland verteidigen zu können, sondern dass man die strategischen Industrien auch schon in den 30er Jahren hinter dem Ural angesiedelt hat. Man war sich also durchaus der Tatsache bewusst, dass man Land aufgeben musste um den Sieg zu erringen. Für die 30er Jahre eine erstaunliche einsicht, zumindest wenn man sie mit der west- und mitteleuropäischen Vorstellung eines modernen Krieges vergleicht. Stalin selbst soll ja eher ein Anhänger des Stellungskrieges gewesen sein, hat diese Ideen aber im Krieg relativ schnell zugunsten der Ideen seiner Generalität aufgegeben.
     
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  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Dieser Eindruck ist m.E. nicht ganz korrekt, aus einer Reihe von Gründen. Selbst in den kühnsten Träumen hat man sich Anfang 1941 im Kreml nicht vorstellen können, welche militärischen und industriellen Verluste man bis 1941 wird hinnehmen müssen.

    Die Gründe im einzelnen:
    1. Im westlichen Teil der UdSSR (westlich der Linie Leningrad, Moskau, Stalingrad) konzentrierte sich das relevante Landwirtschafts-, Rohstoff- und Industriepotential der UdSSR. Namentlich Leningrad, Moskau und Kiew (inklusive das s-o anschließende Donezk-Becken) waren die wichtigsten Wirtschafts- bzw. auch Rüstungszentren.

    Im östlichen Bereich (östlich von Moskau bzw. des Urals) waren höchsten 10 Prozent der Produktionskapazitäten vorhanden. Aber es ist richtig, dass bei der Planung von Standorten zunehmend auch die strategische Diversifikation von Industriestandorten (Bedrohung durch Luftwaffe etc.) eine Rolle gespielt hat. Allerdings auch durch eine mangelhafte Infrastruktur eingeschränkt wurde.

    2. Bei der Frage der Ausrichtung der RKKA bei der Landesverteidigung sollte man zwei Aspekte unterscheiden. Zum einen die politische Zielsetzung, die Stalin bzw. das Politbüro mit einem Konflikt verband.

    Und zum anderen, unterhalb dieser für die RKKA zwingenden politischen Vorgabe ergab sich die strategische Konzeption für die Armee. Und an diesem Punkt kann man eine offensiv ausgerichtete Doktrin erkennen.

    Diese Doktrin ging davon aus, dass sie im Falle eines "Angriffs" kurzfristig zur Defensive übergeht, um dann die Initiative an einzelnen Fronten zu ergreifen. Die militärische Zielsetzung war in jedem Fall, den Konflikt vom sowjetischen Territorium fernzuhalten und den Krieg in das Land des "Aggressors" zu tragen. So die offizielle Vorstellung zur Rolle der RKKA.

    An diesem Punkt tritt deutlich das Vermächtnis von Tukhachevski in Erscheinung. Dessen Schriften 1941 zwar aufgrund der Säuberungen aus allen militärischen Akademien sehr gründlich entfernt worden waren, dessen Ideen aber in den Köpfen führender Militärs virulent waren.

    Die Bedeutung dieses Denkens kann man teilweise an der Vorgehensweise von Zhukov in Fernost ablesen, der Teile dieser Denkweise in seine operativen-taktischen Überlegungen integriert hatte.

    Japanisch-Sowjetischer Grenzkonflikt ? Wikipedia

    @YoungArcas: Die Idee, die Du thematisierst war bis Ende der zwanziger Jahre im Rahmen der Defensiv-Doktrin von Svechin eine wichtige Alternative für die offensive Ausrichtung. Allerdings ging Svechin noch von einer Situation aus, die vor der Industrialisierung (1929) durch die folgenden Fünfjahres-Pläne lag und er betonte den ländlichen Charakter der sowjetischen Gesellschaft. Svechin wollte ähnlich wie Kutusow gegen Napoleon sich in die Tiefe der Sowjetunion zurückziehen und die zunehmenden logistischen Probleme ausnutzen, um den Eindringling militärisch zu besiegen.

    Michail Illarionowitsch Kutusow ? Wikipedia

    Die einseitige offensive Betonung soll Tukhachevski wohl ca. 1936/1937 erkannt haben und es soll einen Artikel von ihm geben, in dem er konzeptionell sich mit dem Potential der Defensive beschäftigt haben soll (Isserson hat wohl derartiges behauptet). Die Säuberung der Archive von seinen Schriften hat diesen Artikel ebenfalls entsorgt.

    @Solwac: Die Konzeption der Planwirtschaft ist eine Form der Organisation von Wirtschaft, die bereits im Frieden die Erfordernisse des Krieges vorwegnimmt. So zumindest die Sichtweise der Planer in den dreißiger Jahren in der UdSSR (und sie hatten insofern Recht, als die Westallierten in der Folge der Arcadia-Konferenz zu einer "perfekten Planwirtschaft" übergingen, um die komplexen Anforderungen einer Kriegswirtschaft (Rohstoffbewirtschaftung und Abstimmung bei der Produktion etc.) meistern zu können).

    Arcadia-Konferenz ? Wikipedia

    Mit der Industrilalisierung im Rahmen der Fünfjahrespläne ging man in den großen neuen Produktionsstätten zu einer geplanten "Fließbandproduktion" über. Teilweise wurden aus dem Ausland (auch wesentlich aus der USA) 1:1-Industrieanlagen in der UdSSR mit Hilfe von ausländischen Spezialisten aufgebaut, jedoch teilweise in einem deutlich größeren Umfang (Skalenvorteile)

    Diese Industrien waren zum einen sowohl für die zivile Produktion geeignet, aber konnten auch für die militärische Produktion herangezogen werden. Insofern ist es völlig korrekt auf den deutlichen Anstieg bei der Tiefenrüstung hinzuweisen.

    Dieses kommt auch zum Ausruck bei den geplanten Produktionsziffern für Panzer und Flugzeuge im Kriegsfall, die als Konsequenz der Indstrialisierung in der UdSSR deutlich anstieg.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. September 2011
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  16. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Ich hatte die Industrialisierung im Rahmen der ersten beiden Fünfjahrespläne bisher immer mehr mit der Landwirtschaft und dem Aufbau der Schwerindustrie in Verbindung gebracht. Deswegen war ich überrascht, dass neben den doch bedeutenden Stückzahlen für Panzer auch weitere Ersatzteile usw. produziert werden konnten.

    Wenn man sich jetzt noch vorstellt, die Rote Armee hätte auch im Bereich taktische Führung entsprechende Vorbereitungen (d.h. mehr Funkgeräte in Panzern, keine überstürzten Beförderungen nach den Säuberungen usw.) getroffen... :S

    Die enormen Verluste 1941/1942 erscheinen in Anbetracht der eigenen industriellen Basis und der Lieferungen der USA da in einem etwas anderen Licht.

    Solwac
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Thanepower hat eindrucksvoll und umfassend die sowjetische Rüstung und die Strategieentwicklung beschrieben. Dem ist nichts hinzuzufügen. Auf einen Aspekt möchte ich noch zu sprechen kommen:

    Das ist ein wenig die Frage von Huhn und Ei. Der wahrgenommenen Einkreisung des sozialistischen Staates durch kapitalistische Feindmächte entspringt der Gedanke der schnellstmöglichen Industrialisierung, deren Grad den nächsten Krieg entscheiden mußte. Der Industrialisierung kann man unter dem Aspekt durchaus auch eine verteidigungspolitische Komponente beifügen, die vielleicht auch die konsequente, brutale, kein Opfer scheuende Durchsetzung besser erklärt.

    Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Mit der Industrialisierung würde sich - und das wurde erkannt - die Lage der Verwundbarkeit der Sowjetunion dramatisch ändern: ein weicher Unterleib zum Schwarzen Meer, dazu Baltikum/Leningrad. Die Industrieregionen würden in Reichweite einer Invasion höchstwahrscheinlich die Achillesferse darstellen, folgte man weiter der alten Strategie mit Nutzung der Tiefe des Russischen Raums.[*] Damit kehrte sich langsam der Ansatz des künftigen, aus sowjetischer Sicht unvermeidbaren Krieges um: Vorwärtsverteidigung, Tiefe Operation, kein Krieg in der Nähe der eigenen Ressourcen und Industriezentren, somit Vorwärtsverteidigung als alternativloser Ansatz. Shukows Präventivschlagsplanungen stehen in der Reihe als Abschluss.

    Dass es 1941 zu der militärischen Katastrophe kam, die die "alte" Rote Armee vom 22.6.41 binnen 5 Monaten der Vernichtung zuführte, lag an weiteren Faktoren. Die angestrebte bewegliche Kriegführung war eben nicht nur eine Frage der Quantitäten an Panzern und Flugzeugen etc., sondern mindestens ebenso eine Frage der weichen Faktoren (Führung/Dislokation, Logistik, Kommunikations-Infrastruktur, Aufklärung)


    [*] wobei die Industrialisierungen im Osten/Ural wohl eher den logistischen Aspekten geschuldet waren, dem Dauerproblem des Transport.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. September 2011
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Da thanepower oben die sowjetische Konzeption der "Tiefen Operation" angesprochen hat, noch ein link (1,3 MB):

    Oleksiy Nozdrachov: Application of the Soviet Theory of 'Deep Operation' during the 1939 Soviet Japanese Military Conflict in Mongolia
    www.dodreports.com/pdf/ada524118.pdf
    Fort Leavenworth, Thesis 2010.
     
  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    @Silesia: Eine interessante Arbeit!

    Mit den großen Säuberungen,

    The Road to Terror: Stalin and the ... - J. Arch Getty, Oleg V. Naumov, Benjamin Sher - Google Bücher

    und deren Voraussetzungen und Auswirkungen sehr anschaulich bei Grigorenko beschrieben sind, entwickelte sich eine politisch eingeschränkte Orthodoxie der operativen und taktischen Auffassungen in den Ausbildungsstätten. Nicht nur, dass die theoretischen und praktischen Ansätze von Tuchatschewski konsequent getilgt worden sind, es trat ein konzeptioneller Stillstand in der Ausbildung neuer Offiziere in allen Waffengattungen ein.

    Der erst nach den Erfahrungen in Finnland und der Auswertung der Feldzüge der WM 1940 ab Januar 1941 überwunden worden ist und die Rote Armee sich theoretisch neu orientierte.

    Mémoires - Petr Grigorʹevich Grigorenko - Google Bücher

    Die Anlage und die Durchführung der Schlacht am Chalchin Gol durch Schukow stand jedoch in starkem Maße in der Tradition des Denkens von Tukhatschewski, ohne es jedoch explizit so formulieren zu können.

    Japanisch-Sowjetischer Grenzkonflikt ? Wikipedia

    In diesem Sinne trafen zwei völlig konträre militärische Denkschulen in Fernost aufeinander. Im Verlauf des Konflikts erwies sich die völlig Unbrauchbarkeit der japanischen Panzer und ihrer Einsatzkonzepte. Und es wurde die "Elite" der japanischen Panzerwaffe vernichtet.

    Insgesamt zeigt sich, dass Japan für einen Landkonflikt mit der UdSSR in der Mandschurei bzw. der Mongolei nicht ausreichend gerüstet war und zu diesem Zeitpunkt dazu überging, die UdSSR ihrerseits zu appeasen.

    Dennoch: In Japan war dieser lokale Konflikt der Auslöser eines militärischen "Erdbebens". Zum einen wurde mit den Überlebenden der besiegten japanischen Einheiten sehr radikal (Gerichtsverfahren, Seppuku, Verbannung etc.) verfahren. Möglicherweise schon ein demonstratives, stilbildendes Verfahren für den weiteren Verlauf des Krieges, das immer wieder durch einen irrationalen Widerstandswillen von Seiten der Japaner gekennzeichnet war. Und hier einen Präzedenzfall gefunden hatte.

    Und es fand aber auch gleichzeitig ein sehr offener Dialog über die Defizite der IJA im Generalstab statt. Wie bei Drea hervorragend beschrieben.

    Japan's Imperial Army: its rise and ... - Edward J. Drea - Google Bücher

    In the Service of the Emperor ... - Edward J. Drea - Google Bücher

    Die Erfahrungen von Schukow wirkten sich, so Erikson, auf die Betrachtungen im Hinblick auf die militärische Doktrin im Kreml nicht ersichtlich aus. Zumal zu diesem Zeitpunkt der Stern der Panzerwaffe in der RKKA gerade nicht hell leuchtete.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Oktober 2011
    1 Person gefällt das.
  20. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

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