Die Ursachen der Weltwirtschaftskrise

Dieses Thema im Forum "Die Zeit zwischen den Weltkriegen" wurde erstellt von Schini, 16. August 2004.

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  1. Schini

    Schini Neues Mitglied

    Die Ursachen der Weltwirtschaftskrise

    Am Anfang der Weltwirtschaftskrise steht der Börsenkrach in New York am 24. Oktober 1929, in dessen Gefolge die Weltwirtschaft ihre größte Strukturkrise seit 1873 erlebte. Der Crash an der Wallstreet markiert dabei den Endpunkt einer relativ kurzen Phase des Prosperität der Weltwirtschaft - der Roaring Twenties - die zwischen 1925 und 1929 als einzige globale Aufschwungsphase der Zwischenkriegsära stattfand. So stiegen die Produktion (ebenso wie die Industrielöhne) in diesen Jahren in Frankreich um 4,2% (1,7%) p.a., in den USA um 3,6% (1,4%) p.a., in Großbritannien um 3,1% (1,3%) p.a. und in Deutschland um 4,1% (5,7%) p.a. Die Anzeichen einer drohenden Krise waren jedoch schon aufgrund struktureller Schwächen erkennbar.

    Agrarische Überproduktion

    In Europa war das Angebot an Agrarprodukten aufgrund der Kriegshandlungen des ersten Weltkriegs, der russischen Revolution und anderer inner- und zwischenstaatlicher Konflikte zurückgegangen. Die Verluste wurden jedoch von den Vereinigten Staaten, Kanada und Argentinien Schritt für Schritt überkompensiert, sodass nach der Rückkehr einiger ehemaliger Großproduzenten von Weizen wie die Sowjetunion und einiger ostmitteleuropäischer Staaten der Druck auf die Weltgetreidepreise stieg. Verschiedene Steuereungsversuche auf internationalen Handelskonferenzen scheiterten.

    Schwächere Expansion des Welthandels als die Weltindustrieproduktion

    Die weltweite Industrieproduktion stieg zwischen 1913 und 1928 um 41,8%; Spitzereiter waren die USA, gefolgt vom kommunistischen Rußland sowie Japan, Indien und Lateinamerika. Dabei bestanden jedoch strukturelle Ungleichgewichte: Klassische Industriezweige wie die Textilproduktion, die Holzindustrie, Eisenerzeugung oder Schiffsbau verloren gegenüber der Vorkriegszeit, während in den neuen Leitsektoren Automobilbau, chemische Industrie und Elektroindustrie ein beschleunigtes Wachstum verzeichneten. Diesem rasanten Anstieg konnte der Welthandel nicht folgen, die Volumen stiegen im Vergleichszeitraum nur um 13%. Für diese Entwicklung gibt es mehrere Erklärungen:
    • Zunahme souveräner Zollgebiete mit dem Entstehen neuer Staaten
    • Ausfall Russlands als Welthandelsfaktor
    • Schwächung Großbritanniens als Drehscheibe des Welthandels
    • Geringe Kaufkraft in der Peripherie der Weltökonomie
    • Rationalisierung und geringe Lohnquoten drücken die Konsumquote
    Die Produktionskapazität in allen Industrien stieg schneller als die Kaufkraft der lohnabhängigen Bevölkerung, da sie auf Rationalisierungs- und Erweiterungsinvestitionen basierte. Da die Unternehmergewinne somit schneller stiegen als die Lohnquote, reichten die Reallöhne nicht mehr aus, die Weltkonjunktur stabil zu halten. Zudem belasteten in den USA sie Verbraucher ihr Budget für die Zukunft durch die Inanspruchnahme ungünstiger Ratengeschäfte, sodass sich schon in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre die Grenzen des Absatzes von dauerhaften Konsumgütern zeigten. Nach dem Crash verschärfte die erzwungene Zurückhaltung der Konsumenten zusammen mit der daraufhin gesunkenen Investitionsneigung der Unternehmen die Krise.

    Unberechenbarkeit der Geld- und Kapitalströme

    Vor dem ersten Weltkrieg bestand ein enger Zusammenhang zwischen den größeren Gold- und Kapitalbewegungen und den internationalen Warenströmen. Man ging davon aus, dass die Notenbanken der größeren Industriestaaten durch die Einhaltung gewisser bankpolitischer Spielregeln jederzeit Einfluss auf diese Kapitaltransfers ausüben konnten. Die wichtigen Weltwährungen standen zudem aufgrund ihres staatliche bestimmten Goldgehalts in festen Relationen zueinander, sodass spekulative Devisengeschäfte fast bedeutungslos waren. Nach 1918 änderten sich jedoch die Rahmenbedingungen: In den meisten Staaten war die Goldbindung suspendiert worden. Es gab keinerlei Erfahrung über die relative Stärke der nationalen Währungen, da zudem der Welthandel weitgehend zusammengebrochen war. Auf der internationalen Wirtschaftskonferenz von Genua 1922 einigte man sich auf die Einführung eines modifizierten Goldstandards, d.h. die Währungen wurden zu neuen Paritäten an das Gold gekoppelt, allerdings nach einem Verfahren, das sehr stark von Versuch und Irrtum geprägt war. Infolge dessen waren einige Währungen überbewertet und ander unterbewertet, was zu ziellosen Fluchkapitalbewegungen zwischen den verschiedenen Währungen führte. Neben der Valutaspekulation kam es auch zu einer massiven Aktienspekulation, wobei deren Wert selten die Realsubstanz ihrer Unternehmen reflektierte.

    Unklarheiten in der Behandlung von Reparationen und Kriegsschulden

    Die Frage der Kriegsschulden und der Reparationen war eine permanente Belastung für die internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Ursprünglich hatten die Aliierten, allen voran Frankreich, von Deutschland eine Summe von 132 Milliarden Goldmark verlangt - was an sich im Bereich des Möglichen gelegen wäre - aber zusätzlich zum Erlös deutscher Exporte auch noch eine Krefitaufnahme auf den internationalen Kapitalmärkten verlangt hätte. Tatsächlich kam es 1924 zur paradoxen Situation, dass das Deutsche Reich eine internationale Anleihe (die Dawes-Anleihe) erhielt und zum Großteil für Reparationsleistungen verwendete. Insgesamt leistete die deutsche Regierung nach eigenene Angaben 68 Milliarden, nach britisch-französischen Schätzungen jedoch nur 21 Milliarden Goldmark. Da Frankreich seine Rückzahlung von Kriegsschulden an die USA vom Eingang deutscher Reparationen abhängig gemacht hatte, die USA jedoch wenig Grund sahen, das Deutsche Reich dafür in die Pflicht zu nehmen, kam es widerholt zu Konflikten.

    Nichtvorhandensein einer wirtschaftlichen Fühungsmacht

    Während der Kriegsjahre und auch danach verschoben sich die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse von Europa nach Übersee und vor allem nach Nordamerika. Großbritannien büßte seine Vorrangstellung als Gläubigernation ein und die USA übernahme deren Postition. Dies brachte eine gestiegene Verantwortung der USA für die Weltökonomie, jedoch wurden keine ausreichenden Maßnahmen ihm Bereich der Kreditvergabe, der Außenhandelslenkung und der Handels- und Geschäftsbanken getätigt, was aber auch durch eine mangelden Kooperation zwischen den Notenbanken behindert wurde.

    Die Krise

    Von 1929 bis 1933 betraf die Krise vor allem das Banksystem, erst nach dem Zusammenbruch der internationalen Geld- und Kapitalmärkte brach die Industrieproduktion, der Außenhandel, die Beschäftigung und das Pro-Kopf-Einkommen in allen entwickelten Staaten der Welt mit unterschiedlicher Intensität ein.

    Ab der zweiten Jahreshälfte 1928 reduzierten amerikanische Banken und Investoren ihre Auslandsinvestitionen, um diese an der boomenden Wallstreet zu investieren. Der Anstieg der Aktienwerte beruhte jedoch nicht auf einer tatsächlichen Verbesserung der Wirtschaftssituation, sondern auf den niedrigen Anleiheerträgen und der allgemeinen Hoffnung auf Kurssteigerungen. Ein großer Teil der Anleger hatte seine Aktien zudem durch kurzfristige Kredite finanziert. Als in der letzten Oktoberwoche 1929 die britische Holdinggesellschaft Hatry in Konkurs ging, brach an der Wallstreet Panik aus. Alleine am 24. Oktober - dem schwarzen Donnerstag - wurden 12,8 Millionen Aktien verkauft und der Dow-Jones brach von 381 Punkten (3. Sept.) auf 195 Punkte (29.Okt.) ein. Die Zinsen für kurzfristige Darlehen stiegen gleichzeitig rapide an, sodass die Anleger gezwungen waren, ihre Wertpapiere mit immer höheren Verlusten verkaufen mussten, um ihren Verpflichtungen nachkommen zu können. Die sich daraus ergebende Verlustspirale (Historischer Tiefststand des Dow Jones 1932: 36 Punkte!) führte zu Banken- und in deren Gefolge zu Indiustriekonkursen. Die Arbeitslosigkeit erreichte nie erkannte Höhen. Die amerikanischen Regierung konnte mit ihrer antiinterventionistische Haltung der Krise nicht adäquat begegnen, die meisten Maßnahmen waren halbherzig, zu spät oder waren gar kontraproduktiv.

    Mein Dank gilt dem Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Wirtschaftsuniversität Wien

     
  2. Bambi_95

    Bambi_95 Gast

    Wie entstehen Handelskrisen?

    Wir behandeln grade in unserem Geschichts-Grundkurs die Weltwirtschaftskrise in Amerika 1929 und schreiben bald eine Klausur darüber.
    Ich habe jetzt eine allgemein Frage: Wie entstehen Handelskrisen? Wir haben einen Ausschnitt aus Marx's "Kommunistischen Manifest" gelesen, dort steht jedoch nur die Auswirkungen der Handelskrise.
    Hoffe, mir kann jemand weiterhelfen & danke im Vorraus für die hilfreichen Antworten. :)
     
  3. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Eine einfache Frage, die sich alles andere als einfach beantworten lässt. Es gibt im Grunde zwei Haupttheorierichtungen. Die eine Theorierichtung geht von exogenen Ursachen von Wirtschaftskrisen aus, die andere von endogenen (es gibt auch einige Erklärungsansätze, die von einem Zusammenwirken von endogenen und exogenen Faktoren ausgehen).

    Marx, den du gelesen hast, geht von endogenen Ursachen von Wirtschaftskrisen aus. Im Gegensatz dazu geht bspw. der Neoklassizismus von exogenen Faktoren aus. Allerdings kann keine der Haupttheorierichtungen die Entstehung von Wirtschaftskrisen wirklich abschließend erklären - wäre dem so, hätte man auch den Schlüssel gefunden um Wirtschaftskrisen zu vermeiden. Vielmehr eignen sich beide Theorierichtungen lediglich zur nachträglichen Erklärung, wobei selbst die nachträgliche Erklärung bereits schwierig ist, weil man dazu erst den Ursprungsmarkt der jeweiligen Wirtschaftskrise ausmachen muss. Man muss also klären, um welche Art der Wirtschaftskrise es sich handelt, also war es eine Konjunktur- oder doch eine Finanzkrise? Eine Inflations- oder eine Währungskrise? War es wirklich eine Artreine Handelskrise? Wenn ja auf welchem Gütermarkt entstand sie? Edelmetalle, Tulpen, Immobilien, Aktien, Öl?
     
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