Die Weimarer Republik: Politischer Neuanfang und erbitterte Gegnerschaft

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von thanepower, 12. November 2018.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Gründung der Weimarer Republik verlief teilweise spontan und Heiko Holste fragt zutreffend in seinem Buch "Warum Weimar? Wie Deutschlands erste Republik zum Geburtsort kam."

    Bereits mit der Gründung im November 1918 wird die Fragilität der Legislative deutlich, die das schwere Erbe des zusammenbrechenden Kaiserreichs stabilisieren muss und gleichzeitig neue Strukturen für eine parlamentarische und föderative Republik aufbauen muss.

    Zum einen wird vor allem von den Anhängern der "Parteien von Weimar" mit der Gründung eine Projektion für eine bessere und friedlichere Zukunft vorgenommen. Und zum anderen wird von monarchistischen und radikalen völkischen Nationalisten diese Gründung von Anfang an massiv bekämpft.

    In anderen Thread ist bereits die Neuorientierung der Historisierung der Weimarer Republik angeklungen. Im Rahmen des Paradigmenwandel wird sie nicht mehr von 1933 rückwärts zu ihrer Gründung betrachtet, sondern aus den konkreten Umständen der Gründung im Jahr 1918 das Scheitern im Jahr 1933 erklärt. Allerdings ohne daraus einen zwingenden Determinismus ableiten zu wollen oder zu können.

    https://www.tagesspiegel.de/berlin/...n-es-lebe-die-deutsche-republik/23354146.html

    https://www.tagesspiegel.de/berlin/...laetze-der-revolution-in-berlin/23353856.html

    Diese Neuorientierung des Narrativs sollte im Vordergrund dieses Threads stehen, da eine Reihe neuer Publikationen eine derartige Ausrichtung aufweisen.

    Die Unübersichtlichkeit der Gründung der Weimarer Republik kann zudem aus vielen Blickwinkeln erzählt werden. Eine wichtige Facette ist dabei sicherlich das Ausrufen der Republik in Bayern durch Eisner.

    Nicht zuletzt, weil es in dem Land bzw. der Stadt passiert, die ein wichtiges Sammlungsbecken der härtesten Gegner der Weimarer Republik werden sollte. Wie teilweise ja auch schon im Rahmen der Gründung der NSDAP beleuchtet.

    https://www.sueddeutsche.de/bayern/revolution-vor-jahren-bayern-ist-fortan-ein-freistaat-1.4200934
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. November 2018
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  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein Interview mit Krumeich zur "unbewältigten Niederlage" und der Bedeutung für die Weimarer Republik. Das entsprechende Buch von Krumeich steht dabei inhaltlich für den paradigmatischen Perspektivenwechsel. Und dem Versuch, die Entwicklung der Weimarer Republik und den Akt ihrer vorsätzlichen Zerstörung vor diesem Hintergrund zu interpretieren. Ob es wirklich eine "Neuinterpretation" ist, darüber ließe sich sicherlich streiten.

    https://lisa.gerda-henkel-stiftung....5CQjBCpPbfU_IXi--LRoKSCcf9dZ6NrCXZcaEM2y28NZs
     
  3. hatl

    hatl Premiummitglied



    Mitchell [1] bemerkt, dass die bayerische Revolution und die des Reiches selbst von Anfang an nicht im gleichen Tritt gewesen seien und sich aus diesem Umstand eine Besonderheit der bayerischen Revolution ergibt.

    Und zunächst geht es ja fast gemütlich zu, im träg-konservativen Bayern.

    Am 7. November 1918 finden auf der Theresienwiese am Nachmittag um ca. 15:00, ansonsten Schauplatz des bierseligen Oktoberfestes, Kundgebungen statt.

    Das Zentrum der Veranstaltungen sammelt sich um die „Bavaria“ am zentral westlichen Rand der leicht erhabenen „Theresienhöhen“. Auer (MSPD) [2] spricht und andere auch.
    Betriebsgruppen sind gekommen, anmarschierend in Reih und Glied, Abordnungen von Gewerkschaften, Revolutionärer Arbeiterräte (RAR) und auch Soldaten in Uniform sind dabei, sogar Matrosen, die auf dem Weg von Pola nach Wilhelmshaven in München gestrandet sind.
    Und auch, wenig überraschend, eine Mischung aus ansonsten typischen Besuchern der „Wiesn“.
    Derweilen macht der König, Ludwig III, seinen gewohnheitsgemäßen Spaziergang im unweit gelegenen Englischen Garten.

    Es werden ca. ein Dutzend Ansprachen gehalten und schließlich beginnt der Hauptross, angeführt von einer Blaskapelle, in Richtung Innenstadt zu marschieren.

    Am nördlichen Rand der Theresienwiese, gegenüber dem Hackerbräu, versammelte sich die kleinere Gruppe der Anhänger Eisners (USPD). Und diese biegt nach links ab, in Richtung der Donnersberger Brücke, an deren Fuß die Guldeinschule liegt, die sich heute noch dort befindet.
    Die Guldeinschule ist zu dieser Zeit eine behelfsmäßige Kaserne nebst Waffenlager.
    Arm in Arm, mit roten Fahnen und einem blassen Eisner vorneweg, ein kleines Männchen mit großem Herz, und ebensolcher Vision, kommt man nach zehn Minuten Fußweg dort an, setzt einen opponierenden Offizier matt, während es die Wächter der Waffen vorziehen sich dem nun offenkundigen Aufstand anzuschließen.

    Von diesem Erfolg beflügelt geht es über die Donnersberger Brücke zu den anderen Kasernen, während sich die angeschwollene Gruppe in drei Richtungen spaltet und binnen Stunden überall aus den Fenstern der Militärgebäude rote Fahnen hängen.
    Die Spur Eisners verliert sich zunächst im Geschehen, wohl weil er als zentrale Person des Umsturzes Grund hatte einer möglichen Verfolgung auszuweichen.
    Derweilen erreicht ein Radler den König im Englischen Garten und gibt ihm Kunde, die den Allerhöchstdaselben zur fußläufigen Heimkehr bewegt.

    Gegen 20:00 gelangt ihm eine Einschätzung seiner Minister zur Kenntnis, die ihn, und seine Familie nebst Töchtern und kranker Frau, zur spontanen Flucht aus München veranlasst.

    Inzwischen hat sich Eisner auf die Pöbelkneipe Mathäserbräu besonnen, in deren Bierhalle große Begeisterung herrscht.
    Und noch bevor die Frauenkirche zur Mitternacht läuten kann, wird der Pförtner des Landtages geweckt und 800 Jahre Wittelsbacherherrschaft sind zu Ende und kein Blut ist geflossen.

    Fast eine nette Geschichte aus dem Komödienstadtl.

    Und dann wird es sehr bald richtig fies.
    Es beginnt mit der Ermordung Eisners.



    [1] Alan Mitchell – Revolution in Bayern 1918/1919 – C.H. Beck 1967, Übersetzung der Originalausgabe „Revolution in Bavaria 1918/1919 – Princeton University Press 1965“
    Mommsen (Aufstieg und Untergang der Republik Weimar), Winkler (Weimar 1918-1933) und Leonhard (Der überforderte Frieden) streifen in der Betrachtung die bayerische „Facette“ und beziehen sich alle drei auch auf Mitchell.

    [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Erhard_Auer
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Juni 2019
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