Die Wirtschaftsordnung des Dritten Reichs

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von excideuil, 27. Dezember 2011.

  1. excideuil

    excideuil unvergessen

    Keine kapitalistische Macht? Was dann?

    Grüße
    excideuil
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Über den Stellenwert der Reichsarbeitsfront mag man streiten. Ich persönlich würde sie zur Charakterisierung der deutschen Volkswirtschaft in den dreißiger Jahren als sekundär erachten. Primäres Kriterium für die Klassifizierung einer Volkswirtschaft ist m.E. nach wie vor die Frage der überwiegend zu erkennenden Eigentumsverhältnisse und den entsprechenden Marktmechanismen aus Angebot und Nachfrage. Und die waren privatwirtschaftlich und marktorientiert, wenngleich mit abnehmender Tendenz.

    Folgt man Tooze, Volkmann, Meinck, Petzina, Milward, Forstmeier oder Thomas und nicht zuletzt auch Neumann (Mason oder "Agentheorien" lass ich mal außen vor), dann ist die deutsche Volkswirtschaft als "Wehrwirtschaft" bereits zu Friedenszeiten organisiert worden. Und insofern weist sie Besonderheiten auf, aber nach wie vor auf der Basis einer kapitalistischen Wirtschaft!

    Im einzelnen weist die Wehrwirtschaft folgende Strukturen auf:
    - Ein weitgehend auf privatem Besitz basierenden Produktionsvermögen!!!!
    - Mit geplanten Produktionszielen für den Bereich der Wehrwirtschaft und einem Zurückdrängen der Produktion für den Export und den privaten Konsum
    - Mit einer weitgehend geplanten Ressourcenbewirtschaftung für die Produktionsziele der Aufrüstung
    - mit einer staatlich kontrollierten Devisenbewirtschaftung, um die notwenigen Rohstoffe im Rahmen von Importen beschaffen zu können

    Diese Strukturen einer Wehrwirtschaft kann man ebenfalls für Japan, trotz einer extremen geplanten Produktionsweise inlusive einer exzessiven Ressourcen- und Devisenbewirtschaftung, im Rahmen einer kapitalistischen Volkswirtschaft diagnostizieren.

    Und sehr starke Prozesse einer geplanten Produktion ebenfalls für die USA und GB&Commonwealth, die in Teilen die klassischen Marktprinzipien ebenfalls außer Kraft gesetzt hat.

    Unabhängig von der korrekten Klassifikation des Wirtschaftssystems wurde Deutschland als "kapitalistisch" wahrgenommen, sowohl im Osten wie auch im Westen.

    Und genau das erklärt auch die Sichtweise von Chamberlain oder auch Henderson und eine latente pro-Deutsche und anti sowjetische Haltung.

    Und erklärt ebenfalls aus der ideologischen Sichtweise von Stalin die Gefahr einer Allianz der kapitalistischen Länder gegen den einzigen "Arbeiter- und Bauernstaat" im Rahmen einer Einkreisung.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Dezember 2011
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Eine faschistische mit einem faschistischem Wirtschaftssystem, welches versucht, die Klassenkonflikte aufzuheben ohne sie zu lösen.
     
  4. excideuil

    excideuil unvergessen

    Und was ist daran nicht kapitalistisch?

    Grüße
    excideuil
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Eine kapitalistische Wirtschaftsordnung ist weitgehend frei, in den Faschismen aber wurden die Unternehmer - wie auch die Arbeitnehmer - durch die vertikal organisierten Pseudogerwerkschaften (eben auch die Arbeitsfront) ausgebremst. Nicht das Kapital und seine Vermehrung stand im Vordergrund, sondern der politische und nebenbei antimodernistische Wille der nationalsozialistischen Führung. Dass es im Faschismus auch Formen der Ausbeutung gibt - ja diese sogar in einem bisher unbekannten Maß auf die Spitze getrieben wurden - im Übrigen teilweise auf eine wirtschaftsfeindliche Weise - macht die faschistische Wirtschaftsweise nicht zu einer kapitalistischen. Interessanterweise ist es ja gerade so, dass Kommunisten den Faschismus gerne als das letzte Aufbäumen des Kapitalismus interpretier(t)en, während Konservative und Liberale immer wieder versuch(t)en, die Unterschiede von Faschismus und Sozialismus/Kommunismus zu nivellieren. Sozialdemokraten versuchten für die Beschreibung des Faschismus als Wirtschaftssystem auf die von Marx und Engels definierte Bonapartismustheorie zurückzugreifen.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich halte den Einwurf von ElQ für richtig, und die Diskussion im Grenzbereich zwischen Wahrnehmung und Plakatierungen eines Wirtschaftssystems und einer theoretisch angemessenen, strukturellen Debatte.

    Das NS-Wirtschaftssystem verletzte insoweit ebenso kapitalistische Grundstrukturen wie es sie partiell bestätigen mag: Mischsystem. Die Perzeption des Systems ist dabei mE für die Einordnung ebenso unbeachtlich wie Diskrepanzen zwischen (Schein-)legalen/formellen und informellen Strukturen (-> siehe zB "Preise").

    Am ehesten geeignet erscheint mir die Bezeichnung als faschistische (Kommando-) Planwirtschaft (die wie jede Planwirtschaft im nicht davon erfassten Bereich marktwirtschaftliche Strukturen zuließ - Plan und Markt hier als Gegensatz verstanden).
     
  7. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Die DAF würde ich bei der Beurteilung des deutschen Wirtschaftssystems während des Nationalsozialismus ebenfalls als sekundär ansehen.

    Allenfalls könnte man bei der DAF eine gewisse Organisationsfunktion bei dem Produktionsfaktor Arbeit ausmachen können und eventuell eine Korrektivfunktion bei einer etwaigen "Überspannungssituation" dieses Produktionsfaktor durch staatliche Stellen, im Spannungsverhältnis ideologischer Anspruch versus staatlich/militärische Erwartungshaltung.

    Selbstverständlich war Deutschland auch während der Herrschaft des Nationalsozialismus eine kapitalistische VW. Die Produktionsfaktoren, bewußt verwende ich nicht Eigentumsverhältnisse, Kapital und Boden waren in privatem Eigentum.

    Wie Thane m.E. richtig ausführte und auch den aktuellen Literaturstand darlegte, war Deutschland bereits in Friedenszeiten zu einer Kriegszwangswirtschaft übergegangen, indem der nationalsozialistische Staat seine außerökonomische Obereigentumsfunktion wahrnahm.

    Die Kategorien hat Thane benannt, ich würde sie noch um die Kategorie "Preiskontrolle" erweitern wollen. Einerseits um inflationären Tendenzen infolge der Rüstungsfinanzierung entgegenzuwirken, andererseits um möglichst Extraprofite die infolge der Kriegszwangswirtschaft entstehen können (z.B. privilegierte Ressourcenzuweisung) abzuschöpfen.

    M.
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das ist eine normative Setzung und sollte durch den Begriff "liberal" ergänzt werden. Empirisch wird es allerdings schwer werden, eine Verifizierung vorzunehmen. Betrachtet man die Tätigkeit der "Chicago-Boys" (M. Friedman-Schule) im Rahmen der Restrukturierung der chilenischen VW, dann wird man eine Liberalisierung der Wirtschaftsprozesse erkennen können, allerdings keine Liberalisierung der Vertretung der Arbeitnehmerinteressen. Insofern stimmt die Aussage, dass eine kapitalistische Wirtschaftsordnung frei (sie kann liberal sein!) sein soll, nicht. Es ist eine Wirtschaftsordnung, die zu nahezu jedem politischen System passt, wie derzeit die Volksrepublik !!!! China gerade vorführt und ist in diesem Sinne in ihrem politischen Wertekanon "universell".

    Richtig ist, dass die wirtschaftliche Tätigkeit den politischen Zielen Hitlers untergeordnet war. Das hat er deutlich propagiert und haben wir (im GF) bereits im Bereich IG-Farben deutlich herausgearbeitet. Solange die Organisation bzw. Selbstorganisation der Spitzengliederungen der Wirtschaft die Anforderungen umsetzen konnte, im technologischen Bereich und auch im Rahmen der F&E-Kosten, sah Hitler somit keine Notwendigkeit für ein Eingreifen in die grundsätzlichen Strukturen der Wirtschaft. Und von ihm stammt auch der Hinweis, dass die Industrie Vorleistungen bei der Finanzierung von Investitionen (Hydrierwerke etc.) zu erbringen habe mit Hinblick auf die enormen zu erwartenden Gewinne!!!

    In diesem Sinne spielte die Reallokation durchaus eine Rolle im Hinblick auf den immensen Kapitalbedarf bei der Finanzierung von zukünftigen Rüstungsgroßprojekten! Gerade auch mit Perspektive in Richtung Großraumwirtschaft und den gigantischen zu erwartenden Kosten bei der Erschließung der Ukraine (Eisen und Kohle etc.) und des Gebiets um Baku (Öl).

    Die antimodernistische Haltung der NS-Ideologie kann, so Turner (Faschismus und Antimodernismus, in: Nationalsozialistische Außenpolitik, Michalka Hg. S. 148 ff) in eine linke und eine rechte antimodernistische Haltung differenziert werden, wobei Hitler zum rechten tendierte.

    Aber auch Turner macht deutlich, dass diese ideologische Utopie angesichts der Anforderungen an die Kriegsführung einem drastischen Modernisierungs-Kurs gewichen ist und sich praktisch in genau dem Gegenteil materialisierte wie die Utopie eigentlich vorgab.

    Der kapitalintenive Ausbau der Industriealisierung wurde vorangetrieben weitgehend zu Lasten der - eigentlich ideologische angeblich präferierten - "ständischen" Gewerbestrukturen. Und spielte faktisch keine Rolle mehr in der Wehrwirtschaft des 3. Reichs.

    "...dass der Nationalsozialismus der vorher existierenden Organisationsform wenig Neues hinzugefügt hat" (Neumann: Behemoth, S. 287). Zumindest er geht von einer weitgehenden Persistenz der Wirtschaftsstruktur der Weimarer Republik für die 30er Jahre aus und belegt es anhand einer Untersuchung der Spitzengliederungen. Ergänzt durch das zentralistische Moment der "Führerorganisation", dass die ständischen Organisationsprinzipien zusätzlich ad Absurdum führte.

    Und nur weil es Abweichungen in der Wehrwirtschaft von der oben zitierten idealistischen Norm eines liberalen Kapitalismus gibt, ist es wenig hilfreich, den Begriff einer "faschistischen Wirtschaft" einzuführen. Bereits für Japan - in dieser Periode - ist dieser Begriff im komparativen Rahmen nicht mehr zu verwenden!
     
  9. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Die Kategorie "faschistische Wirtschaft" ist auch abzulehnen, da sie empirisch nicht nachweisbar wäre. Eine "Überregulierung" schon im Vorfeld zum Übergang zur Kriegszwangswirtschaft in Friedenszeiten könnte noch angehen (z.B. "Einheitswerte" bei bestimmten Steuerarten, ab 1934/35, Vergl. § 22 [2]; Einheitswert oder Verkehrswert für ... - Michael Balke - Google Bücher), dort Anmerkung 50, RGBl.) oder das "Erbhofgesetz", aber damit befände man sich auf einem sehr "dünnen Brett". Das "Erbhofgesetz" würde ich eher unter antimodernistische Tendenz des Nationalsozialismus subsumieren wollen.

    M.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich habe sehr bewusst nicht den Begriff liberal verwendet. Ebenso wenig ist mir entgangen, dass in der VR China bis auf einige Musterdörfer eine kapitalistische Wirtschaftsordnung herrscht. Und natürlich meine ich, wenn ich von einer weitgehend freien Wirtschaftsordnung spreche die Subjekte dieser Wirtschaftsordnung, also die Unternehmer, nicht die Objekte dieser Wirtschaftsordnung, die Arbeitnehmer.
    Die Unternehmer waren aber zusammen mit ihren in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung im Verteilungskampf den Gegner darstellenden Arbeitnehmern in einer Zwangsvereinigung zusammengeführt, die ganz wesentlich und nicht nach profitorientierten Bestrebungen die Wirtschaft des Dritten Reiches lenkte.
     
  11. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Nur weil Arbeitnehmer und Arbeitgeber zwangsweise in eine Organisation, der DAF, zusammengeführt wurden bzw. bei dem dritten Produktionsfaktor im Reichsnährstand?

    Das ist das "Ständestaatsprinzip". Damit hätten wir auch Österreich, Spanien, Portugal und Italien mit im Boot.

    Die DAF lenkte überhaupt nichts, sondern in der Kriegszwangswirtschaft hatten zeitweise mehrere Behörden Einfluß, und zwar das Wehrwirtschaftsamt, die "Vier-Jahres-Plan-Behörde", das RWM, das RFM die Reichsbank, RMEL und das RfBM, sicher auch das WVHA und garantiert habe ich einige vergessen.

    Diese Dienststellen regulierten die Wirtschaft im Hinblick auf die Kriegswirtschaft, haben aber niemals versucht grundsätzliche Besitzverhältnisse zu ändern, Ausnahme Arisierung.

    Bliebe die staatliche Verneinung der "Gewinnerzielungsabsicht". Die ist empirisch nicht nachweisbar. Da fielen mir außer einigen Steuergesetzen nichts ein, was nichts heißen muß.

    Das wäre eine schwache empirische Basis.

    M. :winke:
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Dezember 2011
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  12. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Meiner Meinung nach auch zurecht, immerhin wäre der Begriff "liberal" ein doch eher unangemessenes politisches Etikett, um die NS-Wirtschaftsordnung zu beschreiben. Wie Silesia oben bereits schreibt, ist die Wirtschaftsordnung des Dritten Reichs eine Mischform - wie alle anderen real existierenden Wirtschaftsordnungen auch (sog. mixed economies). Sie hat sowohl zentralverwaltungs- als auch marktwirtschaftliche Züge. Ich sehe auch keine Persistenz der Wirtschaftsordnung der WR über die gesamte Periode des Dritten Reiches hinweg sondern vielmehr einen sukzessiven Wandel weg von einer freien Marktwirtschaft (nachzulesen u.a. bei Diehl Von der Marktwirtschaft zur ... - Markus Diehl - Google Bücher). Diskussionsfähig ist hier mE lediglich, ob diese Entwicklung der nationalsozialistischen wirtschaftspolitischen Ideologie oder der Kriegswirtschaft geschuldet ist.
     
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  13. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    o.t.

    @Lili

    Ich fürchte, da hast Du recht.

    Danke.

    M.
     
  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Richtig und es hat auch bisher keiner getan! Sondern war lediglich ein Hinweis auf die Konstruktion eines Archetyps durch El Quijote, um dann zu erklären, dass die Wirtschaft des 3. Reich dem nicht entsprechen würde.

    Richtig und auch das hat keiner bestritten!

    Welche strukturellen Veränderungen !!! der Organisation der VW und der Unternehmen haben sich denn in den 30er Jahren ergeben, sieht man davon ab, dass die Produktion auf eine Kriegswirtschaft (im Bereich der Planung der Produktion und bei der Konsumption des BSP) umgestellt wurde.

    Der Workflow der Planung wurde verändert und durch zusätzlich Planungseinheiten und Prozesse ergänzt, aber nicht die grundsätzlich Struktur der Organisation der VW und der Prinzipien, nach denen sie ausgerichtet war.

    Und aus der Sicht des Staates war es das aus der NS-Ideologie abgeleitete "Gemeinwohl", sprich die "Produktion im Rahmen der Kriegswirtschaft", und aus der Sicht des Unternehmers die "Gewinnmaximierung" und die Verbesserung seiner Wettbewerbsposition.

    Ansonsten: Welche Thesen vertritt denn Diehl, die so anders sind? Und wie begründet er diese? Und an welchen Punkten weichen seine Thesen ab von den Autoren, die bereits eingangs zitiert worden sind? (Habe natürlich Carrol (Design for total war) in der Auflistung vergessen.)

    Auch richtig, wobei die Beantwortung in der Literatur schon vorgenommen wurde und einer pragmatischen Anpassung der Wirtschaft an die Kriegserfordernisse geschuldet war. Ist zumindest mein Kenntnisstand der unten zitierten Autoren.

    Und gerade auch z.B. Milward und Carrol die vergleichsweise geringe Belastung im Sinne einer Mobilisierung der Wirtschaft ("Blitzkrieg-Wirtschaft") hervorheben, im Vergleich zu der (ab 39) gravierend einsetzenden Mobilisierung der Wirtschaft z.B. in GB auf die Kriegserfordernisse.

    Ansonsten: Die jeweiligen Protagonisten einer rudimentären (und mehr ist aus dem Wirtschaftsprogramm der NS-Bewegung aus den zwanziger Jahren auch nicht herauszulesen) Wirtschaftsideologie (z.B. G. Feder) tauchten nach 33 ab bzw. wurden abgetaucht, inklusive der Schließung eines Instituts, das sich mit ständewirtschaftlichen Aspekten zu beschäftigen hatte und der Leiter später in ein KZ überstellt wurde(schreibt Neumann).

    Abschließend noch ein Zitat von Neumann zur Bezeichnung der Wirtschaftsform:
    " Die Wirtschaft des nationalsozialistischen Deutschland hat zwei umfassende ...Kennzeichen. Sie ist eine Monopolwirtschaft - und eine Befehlswirtschaft. Sie ist eine privatkapitalistische Ökonomie, die durch einen totalitären Staat reglementiert wird. Als den besten Namen, sie zu beschrieben, schlagen wir "totalitärer Monopolkapitalismus" vor." S. 312
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Dezember 2011
  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Grundsätzlich ist jede Wirtschaftsform in irgendeiner Weise gewinnorientiert. Das macht sie aber nicht zu kapitalistischen Wirtschaftsformen; man kann den Kapitalismus nicht auf die Gewinnorientierung reduzieren.
     
  16. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    (dass Tante Wiki nicht das Buch der Bücher ist, weiß ich) -- also ich frage mich, wieso diese allgemeine Definition nicht auch auf die Wirtschaft im dt. Reich von 1933-45 zutreffen soll. Krupp etc. sind 1933 sicher nicht über Nacht zu Antikapitalisten geworden.
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Neben den Steuergesetzen gab es die LSPÖA, Leitsätze für die Preisbildung bei öffentlichen Aufträgen, bedingt durch die Kommando-, Rüstungs- und Kriegswirtschaft. Das war im Prinzip eine Zuschlagskalkulation mit staatlich akzeptierten Gewinnaufschlagssätzen.
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Auch richtig.

    Die Kapitalismus-Debatte zum Dritten Reich fand im Übrigen ihre Fortsetzung in der StaMoKap-Debatte des Kalten Krieges, weil diese Qualifizierung als kapitalistisch insbesondere Teil der ideologischen Auseinandersetzung aus Sicht der sozialisitischen Staaten darstellte.

    Wenn oben nach Stukturveränderungen zur Zeit vor 1933 gefragt wird, möchte ich nochmal auf die informellen Aspekte hinweisen. Diese Kommandowirtschaft funktionierte zT aufgrund des Systemdrucks des NS, wie an den Junkers etc-Fällen der Frühphase gut sichtbar wird. Es bedurfte nicht immer formeller Schritte. Der Junkers-Konzern unter Koppenberg, die IG Farben usw. sind weitere Fälle.
     
  19. tejason

    tejason Aktives Mitglied

    Eigenheiten der faschistischen Wirtschaftsorganisation

    Als einen Unterschied zum "reinen Kapitalismus" in der NS-Wirtschaftspolitik möchte ich massive, staatliche Eingriffe in diesen Kapitalismus hervorheben. Zum einen wurde Ernst Heinkel, Gründer der Heinkel-Flugzeugwerke im Laufe des Krieges von allen Schaltstellen ausgeschlossen, weil er in den Augen der Wehrwirtschaft zu viele Unsicherheiten in die Abläufe brachte.

    Ein weitaus besseres Beispiel ist Hugo Junkers, ein weiterer, wichtiger Flugzeugbauer Deutschlands in der NS-Zeit. Er wurde ab 1933 als politisch unzuverlässig eingestuft und quasi enteignet. (Er war durch die Weltwirtschaftskrise auch in finanzielle Schwierigkeiten geraten). Laut Wiki erhielt er sogar ein Verbot Dessau, die Keimzelle seiner Flugzeugwerke zu betreten.

    Als weitere, keineswegs im engeren Sinne "kapitalistische" Eigenart der faschistischen Kriegswirtschaft würde ich Übernahme von Industrie in besetzten Gebieten etwa durch die SS ansehen. Die CKD war als Hersteller der Panzertypen 38(t) und 35(t) eine gute Ergänzung der eigenen Rüstungswirtschaft geworden. Als BMM (Böhmisch-Mährische-Maschinenwerke) produzierte und entwickelte sie für das Reich etwa Panzer. Sie wurde eben nicht in echtes Privateigentum überführt. Die SS nutzte ihre außergewöhnliche Stellung im Protektorat Böhmen und Mähren sogar dazu parallele Waffenentwicklungen durchzuführen. Darunter auch Infanteriewaffen, wenn ich mich recht erinnere.

    Die OT (Organisation Todt) oder die „Arbeiterorganisierung“ in Europa durch die Behörde Sauck, sowie die Verpachtung von KZ-Häftlingen halte ich ebenfalls nicht für lupenreine kapitalistische Eigenheiten eines Wirtschaftssystems. Vertikale Gliederungen, wie die „Deutsche Arbeitsfront“, welche ursprünglich anstelle der organisierten Arbeitnehmerschaft (Gewerkschaften) vor allem eine politische Dimension hatten, traten gleichzeitig als Firmengründer auf. Dies sogar bereits vor dem Krieg, denn auf sie gehen sowohl das „Volkswagenwerk“, als auch eine „Bank der Deutschen Arbeit“ zurück. Erstere Werke sind noch heute bekannt, letztere wurde nach Kriegsende abgewickelt. Umso mehr überrascht es, im entsprechenden Wiki-Artikel folgenden Satz zu finden:
    Freilich ist damit nicht eine faschistoide Tradition gemeint, sondern eine gewerkschaftlich inspirierte/finanzierte „Genossenschaftsbank“…

    Kurz: Natürlich wies das faschistische Wirtschaftssystem überwiegend „kapitalistische“ Eigenheiten auf, aber eben nicht nur. Sie wurden nicht nur bei Notlagen ergänzt durch Initiativen nationalsozialistischer Organisationen, teils durch direkte „Ausgrenzung“ der eigentlichen, „kapitalistischen Eigentümer“ (Junkers/Heinkels), als auch durch völlig eigenmächtige Neugründungen, welche der Privatindustrie Konkurrenz machte (Volkswagenwerk).
     
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  20. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Ja, im Endeffekt geht es gerade darum dem Kind, also dem Wirtschaftssystem des 3. Reichs, einen Namen zu geben und ich bezweifle schlicht und ergreifend, dass das so leicht möglich ist. Zum einen gibt es "das" Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus nicht, sondern es gibt vielmehr unterschiedliche wirtschaftspolitische Ausrichtungen zu unterschiedlichen Zeiten. Wie bereits gesagt ist hier mE nur diskussionsfähig, was dabei der determinierende Faktor war, die politische Ausrichtung (also Eigensteuerung) oder die Rahmenbedingungen (also Fremdsteuerung).

    Na aber immerhin in Frage gestellt und Fragen darf man beantworten. ;)

    Ich bleibe mal kurz bei der Ideologie um dann in die Umsetzung umzuschwenken. Zunächst wäre der Strasserflügel und die Auseinandersetzung auf der Bamberger Führertagung zu nennen, der alles andere als kapitalistisch ausgerichtet war, der Zusatz zum klaren Bekenntnis zum Privateigentum zum "unabänderlichen" 25-Punkte-Programm erfolgte auch erst danach. Eben jenes 25-Punkte-Programm enthält aber auch Aussagen wie "Verstaatlichung" und "Brechung der Zinsknechtschaft". In der konkreten Umsetzung haben wir durchaus Verstaatlichungen und Enteignungen, nicht nur im Zuge der Arisierung, die Gleischschaltung aller durch die Volksgemeinschaft, der propagierte starke Staat (das insbesondere trotz des gespannten Verhältnisses zum Ordoliberalismus und der Freiburger Schule) und natürlich die bereits mehrfach bemühten vier Jahres Pläne der Kriegswirtschaft.

    Das tut hier auch nichts zur Sache. Die grundsätzlichen Unterscheidungsmerkmale im Zuge der Einordnung von Wirtschaftsordnungen sind die Form des Eigentums, die verändert wurde (Enteignungen, Verstaatlichungen), die Art der Planung, die ebenfalls verändert wurde (von frei auf staatlich), die Preisbildung, die verändert wurde (von Marktpreis zu Preisvorgabe) sowie die Öffnung nach außen, die ebenfalls verändert wurde (Stichwort Autarkie).

    Knapp zusammengefasst ist es der Absatz drüber in ausführlich und mit Beispielen hinterlegt. Diehl stellt dabei aber keine Thesen auf, sondern stellt die wirtschaftspolitische Entwicklung während der Zeit des Dritten Reichs dar.

    Nein, eben nicht, die Diskussion ob der Nationalsozialismus nun kapitalistisch oder sozialistisch bzw. fremd- oder selbstgesteuert war, wird nach wie vor geführt, allerdings nicht aus einer wirtschaftsgeschichtlichen Warte, sondern eher aus einer politischen Warte heraus. Aus einer wirtschaftsgeschichtlichen Betrachtung heraus lässt sich die Wirtschaftspolitik des Nationalsozialismus in Summe nämlich nicht einordnen. Man könnte die Wirtschaftspolitik zum Zeitpunkt x durchaus einordnen, aber - ketzerisch gefragt - was hilft denn der Name schon weiter? Ich denke, wir sind uns alle einig, dass es weder rein marktwirtschaftlich noch planwirtschaftlich war, genauso wie wir uns vermutlich (?) einig sind, dass die Wirtschaftspolitik der NSDAP eine andere war, als das staatliche laissez-faire zur Zeit der Weimarer Republik. Die Herausforderung bei der Wirtschaftspolitik der NSDAP ist mE, dass es eigentlich keine Wirtschaftspolitik im Sinne einer klaren Linie oder eines langfristigen wirtschaftspolitischen Zieles gab. Vielmehr erfolgte die wirtschaftspoltische Ausrichtung "opportunistisch", was nicht passte wurde passend gemacht. Oder platter formuliert: brauchte man Geld von Großindustirellen war Verstaatlichung kein Thema mehr.

    Im Grunde ist das doch auch nur eine Worthülse, die nochts anderes aussagt, als dass die Wirtschaftspolitik marktwirtschaftliche und planwirtschaftliche Züge hatte, was jetzt nicht gerade eine bahnbrechende Erkenntnis ist. Franz Neumann ist zudem auch nicht gerade die aktuellste Lektüre zum Thema, das aber nur am Rande, inhaltlich kenne ich sein Werk nicht.

    Sehr richtig. Ich habe es zwar bereits weiter oben erwähnt, aber die "Big 4" in diesem Zusammenhang sind Eigentum, Preisbildung, Öffnung nach Außen und Planungshoheit. Zudem soll es auch innerhalb kapitalistischer Wirtschaftsorganisationen Wirtschaftssubjekte geben, die eben nicht gewinnmaximierend agieren, sondern andere Ziele verfolgen. ;)
     

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