Dienstgrade und Militär im Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Rittertum und Kreuzzüge" wurde erstellt von Alarik, 16. Januar 2020.

  1. Alarik

    Alarik Neues Mitglied

    Hallo
    Im Mittelalter gab es ja nicht wirklich ein stehendes Heer oder Berufssoldaten wie im heutigen Sinne. So viel ich weiß, wurden Armeen nur spontan vor einem Krieg ausgehoben und bestanden nur aus Milizen und Söldnern. Es muss aber trotztem irgend eine Gliederung und ein System gegeben haben, um bei tausenden von Soldaten nicht den Überblick zu verlieren.
    Bei den Ministerialen und den sog. Spießbürgern die ein Kloster oder eine Stadt verteidigen mussten, wird es doch auch einen Kommandanten gegeben haben.
    Gab es denn da schon solche Dienstgrade wie Hauptmänner oder Unteroffiziere?
    LG
     
  2. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Die Heere des Mittelalters waren ja keine einheitlichen Armeen in diesem Sinne, sondern in erster Linie zusammengewürftelte Aufgeboten adeliger Herren, die sich größtenteils aus Vasallentum und der daraus resultierenden Pflicht zur Heeresfolge herleiteten und geworbenen Söldnern.

    Eine Hierarchie ergab sich somit eigentlich automatisch durch den Landesherren an der Spitze und die jeweiligen Vasallen und Untervasallen als Anführer der von ihnen jeweils gestellten Kontingente.
    Unter den Söldnern gab es in Ermangelung der Lehenshierarchie durchaus so etwas wie Hauptleute, die man sich letztendlich aber wahrscheinlich eher als eine Art Primus inter Pares vorzustellen hat.

    Für großangelegte Rangsysteme waren die damaligen Heeresaufgebote in der Regel ohnehin zu klein, als dass sie Sinn gemacht hätten.
    Davon einmal abgesehen, hätte sich daraus denn auch das logische Problem eines Kollidirens der militärischen Hierarchie mit der Gesellschaftlichen ergeben.

    Hätte nun etwa der König von Frankreich den Grafen von Artrois zum Oberkommandirenden des Heeres ernannt, wie groß wäre die Wahrscheinlichkeit gewesen, dass sich diverse Herzöge als militärische Führer ihrer Teilkontingente, sich dem tatsächlich unterstellt hätten?
    Das hätte allenfalls zu Führungskrisen geführt.
    Natürlich gab es nominelle Oberkommandierende, wenn der Landesherr nicht selbst mit in die Schlacht zog. Inwiefern die aber Tatsächlich auch eine solche Autorität im Sinne einem modernen Befehlshabers auch durchsetzen konnten, ist ganz eine andere Frage.


    Im Fall der Verteidigung einer Stadt, eines Weilers und ihres Territoriums durch ein aus Bürgern bestehenden Milizaufgebotes mag das in einzelen Fällen wegen der flacheren Hierarchien etwas anders ausgesehen haben, was die Wahl des Kommandirenden angeht, allerdings für eine dezidierte Militärhierarchie waren auch die Verteidigungsaufgebote i.d.R. nicht groß genug.
    Bedenken wir dabei, eine Stadt mit 4.000 oder 5.000 Einwohnern galt für das Mittelalter durchaus schon als regionale Metropole oder mindestens sehr große Stadt.

    Nimmt man dabei ferner an, das 2/3 der Bevölkerung aus Frauen und Kindern bestanden und dann noch ein Anteil an Alten und körperlich Beeinträchtigten oben drauf kommt, hätte das maximale Kontingent, waffenfähiger Männer, das eine Stadt in einer Größenordnung von 4.000 Einwohnern, hätte zusammentrommeln können, wahrscheinlich bei > 1.000 Mann gelegen, die auf überschaubarem Raum opperierten und deren Primäre Aufgabe letztlich in der Verteidigung der Stadtmauer bestand.
     
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  3. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Es gab auch in Lehensaufgeboten organisatorische Strukturen*, bspw die Lanze oder das Banner. Inwieweit diese auch eine taktische Funktion hatten kommt darauf an. Eine Lanze umfasste neben dem Ritter auch andere Kämpfer, teilweise auch nicht berittene. Diese zusammen kämpfen zu lassen ergibt nicht viel Sinn. Auch wenn die gerüsteten und berittenen Krieger der Lanzen eines Banners zusammen fochten und ein Banner in der Hinsicht auch eine taktische Einheit darstellen konnte (soweit es die militärische Entwicklung und Disziplin eben hergaben), galt das doch nicht für die angegliederten Kämpfer zu Fuß. Ob diese nun in einen Eigenheiten zusammen gefasst waren (bspw die Schützen), wie (und ob...) diese strukturiert und geführt waren, ob das Banner da noch eine Rolle spielte, kA; kam vermutlich auch darauf an, sprich war unterschiedlich und hing von Land, Zeit, Armeegröße und hundert anderen Dingen ab.

    * also manchmal... bei den größeren... ;)

    Lanze (militärischer Verband) – Wikipedia

    Banner (militärischer Verband) – Wikipedia

    Wie da nun die verschiedenen Ober-, Mittel- und Unterhoschis genannt wurden, wieder kA. Der Hauptmann (oder Kapitän, im engl. heute noch Captain) ist recht alt, der Fähnrich glaub ich auch, der (Feld-) Weibel müsste mE auch aus dem späten Mittelalter oder der frühen Neuzeit stammen. Aber das sind mWn alles Begriffe aus dem im späten Mittelalter stark an Bedeutungen gewinnenden Söldnerwesen (Schweizer, Landsknechte). Ob die gleichen Begriffe schon vorher verwendet wurden, bspw bei den angeführten städtischen Milizen, oder auch den ständigen Waffenknechten eines Adligen Herren, ist eine gute Frage, die vermutlich nur Fachliteratur beantworten kann, die ich auch nicht habe.

    Hauptmann (Offizier) – Wikipedia

    Fähnrich – Wikipedia

    Feldwebel – Wikipedia
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Januar 2020
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  4. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Das französische Äquivalent zum Feldwebel, der Sergent, ist bereits aus dem Hochmittelalter (12./13. Jahrhundert) bekannt. Er war der Führer der nichtadeligen Komponente eines Banners oder Lanze, also im modernen Sinne der höchste Unteroffiziersrang. In den Ritterorden war der Sergent der Führer der Auxiliareinheiten, wie den Turkopolen.
     
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  5. Herbstwind

    Herbstwind Neues Mitglied

    Ich bin der Überzeugung, dass die Existenz von Unteroffizieren und Hauptmännern von der Größe der Armee abhingen. Ein einzelner Kommandant hatte zwar weiterhin die Befehlsgewalt über eine große Armee, allerdings ist die Delegation durch die Bereitstellung von Unteroffizieren ein Einfacheres. Aus diesem Grund sollte man zunächst einmal die Anzahl des Heeres betrachten. Weiterhin bestanden viele Armeen aus unterschiedlichen Interessengruppen, welche intern bereits Befehlshaber bestimmten. Diese erhielten temporär Verantwortung in Kriegszeiten.
     
  6. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Dazu hätte es aber erstmal so etwas wie einer einheitlichen, stehenden Armee bedurft. Die meisten größeren Armeen des Mittelalters waren aber spontan zusammengetrommelte Adels-/Lehensaufgebote, gegebenenfalls ergänzt um einige Söldnerkontingente.
    Und hatten demnach eben gerade keinen modernen Heerescharakter.
    Die Hackordnung ergab sich wie gesagt, grundsätzlich erstmal aus der Lehenshierarchie und selbst diese eher lockere Ordnung wurde unter Umständen noch weiter erodiert, wenn der oberste Lehensherr einer Region, aus welchen Gründen auch immer, nicht selbst ins Feld zog und einen rangniederen Vertreter ernannte, oder aber sich die zusammengetrommelten Streitkräfte aus verbündeten Truppen zusammensetzten, deren jeweilige Anführer den gleichen sozialen Rang inne hatten.
    Letzteres kann man beispielhaft an der Konkurrenz der Kreuzfahrerfürsten und -Könige festmachen, Asbridge z.B. liefert in seinem Standartwerk über die Kreuzzüge sehr schöne plastische Darstellungen dieser Konkurrenz, der damit verbundenen inneren Spaltung der Streitkräfte und wie oft dies allein auch verursachte, dass ganze Feldzüge abgebrochen werden mussten, weil letztendlich jder der potentiellen Feldherren versuchte seinen eigenen Krieg zu führen.

    Derlei findet man ja auch in der Neuzeit zu genüge, mit dem Unterschied nur, dass die gestellten Kontingente des Mittelalterrs wesentlich kleiner waren und eine weit größere Anzahl an Verbündeten, Vasallen, als potentiell autonome oder teilautonome Subjekte zusammengetrommelt werden mussten, um eine ansehnliche Streitmacht überhaupt aufstellen zu können.
     

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