Diskriminierung von Juden in Kurorten im 19. Jh.

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von balticbirdy, 23. Juni 2011.

  1. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Ein interessantes Thema, mir bis dato noch gar nicht bekannt. Viele der damals entstehenden Seebäder und Kurorte warben damit "judenfrei" zu sein, Krasses Beispiel ist Borkum.
    Bäder-Antisemitismus ? Wikipedia
    Man kann also wirklich nicht behaupten, der "moderne Antisemitismus" war eine Erfindung der Nazis. Dass man schon im 19. Jh. (und früher sowieso) in Deutschland Juden schikanierte und publizistisch angriff, ist ja nicht neu. Aber dass es schon damals es soweit ging und auch rassistische, nicht religiöse Aspekte angeführt wurden, überrascht mich schon.
     
  2. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Zunächst ist auf jeden Fall zu unterscheiden, was man unter "modernem Antisemitismus" versteht - Pogrome, Massenvernichtung hat es im späten 19. Jh. weder im dt. Reich noch in Österreich gegeben.
    Sich verstärkende, nach und nach auch rassistische Haltungen speziell den Juden gegenüber, kamen im späten 19. Jh. auf, übrigens nicht nur im deutschsprachigen Raum - ich erinnere an die ersten Pogrome im russ. Reich sowie an die Dreyfus-Affäre in Frankreich.

    Sommerfrische der oberen Zehntausend: in Thomas Manns Buddenbrooks gibt es zwei wunderschön erzählte Episoden, eine vor, eine nach 1848 - in beiden Episoden lässt sich noch nichts finden (Bankier Kesselmeyer ist mit von der Partie) - - der 1924 publizierte, im Zeitraum von 1907-14 spielende Roman "Der Zauberberg" bestätigt für das fiktive Nobelsanatorium in Davos sowohl die allgemeine und deutlich stärker gewordene antisemitische Tendenz (Joachim Ziemßen "so miekerig sind auch nur die Semiten" über den Jesuiten Leo Naphta) und später der antisemitische Hassausbruch eines Kaufmanns, der "aus Sportsgründen leidenschaftlicher Antisemit" war.

    Vermutlich beginnt dieses trübselige Kapitel erst nach der Reichsgründung. Deutschnationale und zugleich antisemitische Kreise bildeten sich meines Wissens erst ca. ab den 80er-90er Jahren des 19. Jh.
     
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  3. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    "Modernen Antisemitismus" definiere ich mal, was auch diskutiert werden kann, als "pseudorassistische" Vorbehalte, wobei man schon damals die berüchtigten Stereotypen aus dem späteren "Stürmer" (Physiognomie, Geldgier etc.) bemühte. Das deutet sich ja im Wikiartikel schon an. Religion hat im Dtsch. Kaiserreich nach 1871 wohl keine besondere Rolle mehr gespielt, zumal viele jüdische Familien, besonders die "gutbürgerlich" gestellten, längst konvertiert waren.
     
  4. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    die freilich auch satirisch gebrochen Verwendung fanden, in der ersten Hälfte des 19. Jh. bei Heine.
    interessant ist die Einleitung von Wilhelm Buschs "frommer Helene" von 1872:
    unterstrichen die satirische Überspitzung der Spießerhaltungen, fett unterstrichen die Vertreter dieser Haltung
    (übrigens lesenswert zu Busch ist, was Prof. Ueding veröffentlicht hat)
     
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  5. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    In den USA entstand durch den Bäder-Antisemitismus der sog. "Borscht Belt", ein Erholungsgebiet speziell für jüdische Urlauber.

    Hier ein paar Infos dazu:

    Borscht Belt | St. James Encyclopedia of Pop Culture | Find Articles at BNET

    Auszug:

     
  6. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Wer behauptet das?

    Solche schikanen gab es nicht nur in Deutschland.


    Das heisst nicht "moderner Antisemitismus" sondern rassitischer Antisemitismus, zumindest in der Forschung nennt man das so.

    Und über den Begriff kann man hier nachlesen:

    http://www.geschichtsforum.de/457447-post2.html
     
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  7. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Sicherlich ist es ein heikles oder zumindest kontroverses Thema, einen Zeitpunkt festzumachen, an welchem eindeutig der rassistische Antisemitismus beginnt (und sicher wird man da auch nach den jeweiligen Ländern differenzieren müssen).

    Eine neue Qualität erhielten allgemein antisemitische Haltungen (die auch vor dem 19. Jh. in vielen Ländern zu diversen Schikanen geführt hatten) im letzten Drittel des 19. Jh. auf zweierlei Weise:
    1. durch das Aufkommen quasi naturwissenschaftlicher Pseudoargumente, welche den neu ins Deutsche übernommenen Begriff Race (später zu Rasse eingedeutscht) verwendeten, um inakzeptable Wertungen an diesen zu knüpfen - da ist St. H. Chamberlaine zu nennen mit seinem Ariergefasel
    2. durch Veröffentlichungen solcher Dekungsart im Gewand "kulturwissenschaftlicher" Seriösität gewannen diese Haltungen und ihr nun explizit rassistisches Werten an Ansehen und folglich Zustimmung (welche sicher latent vorhanden war)

    Durchaus ein Anstoß zuvor schon, jedenfalls von der Rezeption so wahrgenommen, war die erzdumme Schrift "Das Judenthum in der Musik" von Richard Wagner, 1850 ausgerechnet in der NZfM publiziert, auf Drängen von Wagners Gattin Cosima in den 70er Jahren erneut publiziert.
    Das Judenthum in der Musik ? Wikipedia

    ...solche wie Chamberlaine und Konsorten deuteten dieses Produkt in ihrem Sinne - es ist allerdings zweifelhaft, ob sie damit den Kontext der Entstehungszeit trafen.

    Interessant freilich ist auch, dass es im weitesten Sinne rassistische Haltungen nicht nur den Juden gegenüber im 19. Jh. gab: die deutschtümelnde Haltung in Felix Dahns Bestseller "Ein Kampf um Rom" mit den edlen blonden Goten und den heimtückischen Welschen ist bezeichnend.
     
  8. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Anhänge:

  9. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    kannst Du mir bitte den Text der Tafel auf dem Foto schreiben? Ich kann nicht alles lesen (könnte an meinem kleinen Notebook Bildschirm liegen)

    Interessant und mir wirklich neu ist dieses Zitat aus dem verlinkten Artikel:
     
  10. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Aber gern:
    Die Tafel wurde an einer ehemaligen Pension (Haus Seedorn, später Vogelwarte Hiddensee) in den 1980ern angebracht. Angeblich hat er aber in diesem Haus nie übernachtet.
     
  11. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Dazu kannst du hier diese Artikel lesen:

    Antisemitismus


    Werner Bergmann: Antisemitismus - eine Einführung

    Oder dieses Buch von Werner Bergmann:

    Geschichte des Antisemitismus
    C.H.Beck (2002)

    Dann sollte man doch zwischen Antijudaismus und Antisemitismus unterscheiden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Juni 2011
  12. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Eben das macht den Unterschied zwischen dem Antijudaismus früherer Jahrhunderte und dem "modernen" Antisemitismus aus. Die Bezeichnung Antisemitismus greift zwar noch auf die biblische Einteilung der Menschen in Semiten, Hamiten und Japhetiten zurück. Aber er entwickelte sich in der Tat aufgrund der Ende des 17. Jahrhunderts aufkommenden "Mode", die Menschen aufgrund phänotypischer Merkmale in "Rassen" einzuteilen.

    Der Rassismus traf in der Tat zunächst hauptsächlich "Neger" und andere angeblich "primitive Eingeborene". Wegen seiner Schwammigkeit (trotz Entwicklung im "Windschatten" der Entwicklung der Naturwissenschaften) war der Begriff "Rasse" freililich gut brauchbar, zur Abgrenzung von anderen, denen gegenüber man sich für etwas besseres hielt.
     
  13. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Theodor Fontane schrieb in einem Brief an seine Frau am 17. August 1882:

    "Fatal waren die Juden; ihre frechen, unschönen Gaunergesichter (denn in Gaunerei liegt ihre ganze Größe) drängen sich einem überall auf. Wer in Rawicz oder Meseritz ein Jahr lang Menschen betrogen oder wenn nicht betrogen, eklige Geschäfte besorgt hat, hat keinen Anspruch darauf, sich in Norderney unter Prinzessinnen und Comtessen mit herumzuzieren."
     
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  14. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    gewiß, da finden sich relevante Eckdaten:
    Race (Rasse) seit dem 18. Jh.
    Gobineau 1853
    Aufkommen des "Sozialdarwinismus"
    Chamberlaine 1899

    speziell letzterer wird dann folgenreich
     
  15. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Der Darstellung von Peter Pulzer folgend [1], möchte ich gerade für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts noch folgende Aspekte ergänzend nennen:

    1. Das eine war die Diskussion, die im Zuge der 1789 beginnenden staatsbürgerlichen Emanzipation des Judentums entstand. Sie "erzeugte, wie jede Revolution, eine Gegenreaktion. [...] Vor der Emanzipation war der Antijudaismus ein Syndrom von Einstellungen, das lange Zeit inaktiv bleiben konnte. Nach der Emanzipation war der Antisemitismus eine Bewegung mit einem Programm." (S. 194)

    2. Das zweite war die ökonomische Liberalisierung. Man denke an den Spekulationsboom nach der Reichsgründung: Speziell in der Finanzwirtschaft waren Juden durchaus überproportional vertreten, und als die Krise kam, wurde speziell diesen eine prominente Rolle zugeschrieben, womit gleichzeitig ein aus der Vergangenheit "bereits bestens etabliertes Stereotyp" bedient wurde. (S. 195) [2]

    Es wurde zu Recht auf Wagner und Chamberlain verwiesen. Der zweifelhaften "Ruhm", den Antisemitismusbegriff popularisiert zu haben, gebührt freilich Leuten wie Wilhelm Marr und August Rohling, nicht zu vergessen Eugen Dühring, der schon 1881 formulierte: "Was bleibt also übrig, als mit anderen als geistigen Mitteln ... die Welt gründlich von allem Judenwesen zu erlösen." [3]


    [1] Die Wiederkehr des alten Hasses. In: Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit. Ppb.-Ausg. München 2000, Bd. 3, S. 193-248
    [2] Vgl. http://www.geschichtsforum.de/f288/s-oppenheimer-jud-s-ss-38660/
    [3] Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage (zit. bei Pulzer, S. 200).
     
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  16. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Gab es eine Diskriminierung von Juden in Kurorten eigentlich auch anderswo? Im Wiki-Artikel (siehe Beitrag 1) ist nur von Deutschland, Österreich und den USA die Rede.

    Wie war das in anderen Ländern, in denen sich ab Mitte des 19. Jh der Fremdenverkehr entwickelt hat? England, Schweiz, Italien, Frankreich...
     
  17. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    In der Schweiz läuft gerade eine Ausstellung zu diesem Thema:


    Moses war der erste Bergsteiger ? Nachrichten ? SchwyzKultur

    http://www.musee-suisse.ch/d/schwyz/wechselausstellungen/2011/alpen_gesehen/index.php


    Hab sie noch nicht gesehen, sobald ich dort war, werde ich berichten.

    Zur Geschichte des Antisemitismus in der Schweiz, schreibe ich an anderer Stelle einen Beitrag.

    Hier auch noch ein Interessanter Artikel aus der Zeit:

    Ausstellung: Der erste Bergsteiger hieß Moses | Kultur | ZEIT ONLINE
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Juni 2011
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  18. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    @jschmidt
    eine sehr interessante Zusammenstellung!!

    noch ein weiteres Indiz für die sukzessive Verstärkung antisemitischer Haltungen und vor allem auch der Akzeptanz solcher Haltungen aus einem gänzlich unerwarteten bzw. weniger bekanntem Bereich:
    War Liszt Antisemit?
    (ich hoffe, der Link ist erlaubt)
    das auffallende ist, dass die unter Liszts Namen (wir haben ja gerade das Lisztjahr) heruasgegebene, aber von der Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein verfasste Schrift in der späteren Neuauflage "verstärkt" wurde:
     
  19. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    berühmt ist die Dreyfus Affäre in Frankreich (Ende 19. Jh.)
    der Begriff Pogrom stammt aius dem Rusischen, antisemitische Pogrome finden sich schon im 19. Jh. im Zarenreich.

    der poln.-jüd. Pianist Artur Rubinstein nahm Anfang des 20. Jh. an einem Wettbewerb in Moskau teil, allerdings durfte er wegen seiner Herkunft nicht auf Stadtgebiet übernachten - vgl. A. Rubinstein "meine jungen Jahre"
     
  20. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied


    Weder Dreyfus noch Liszt oder Rubinstein haben etwas mit dem Thema "Diskriminierung in Kurorten" zu tun.

    Meine Frage bezog sich auf den Antisemitismus in Kurorten, bzw. Urlaubsgebieten. Interessant Ursis Hinweis auf die Schweiz. Auszug:

     

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