Entnazifizierung "Aufweichung im Laufe der Zeit"

Dieses Thema im Forum "Blockbildung und Kalter Krieg" wurde erstellt von deggit, 19. April 2016.

  1. deggit

    deggit Neues Mitglied

    Hallo liebe Geschichtsgemeinde,

    ich bin zurzeit Referendar in Geschichte und beschäftige mich gerade thematisch mit der Nachkriegszeit genauer mit dem Aspekt der Denazifizierung. In meiner nächsten Unterrichtsstunde würde ich den Schülern gerne vermitteln, dass die Alliierten zunächst hart mit den Überbleibseln des Naziregimes zu Gericht gegangen sind dieses Vorgehen sich aber im Laufe der Zeit immer verwässert hat. Die Schüler sollen zunächst diesen Vorgang der Verwässerung erkennen und beurteilen, warum dieses Vorgehen sich veränderte. (=> Würde man, wie von Anfang an vorgesehen härt durchreichen, so würde kaum noch jemand überbleiben, der Dt. wieder aufbauen könnte (Verwaltung, Schule, Wirtschaft, usw.) )

    Ich würde dies gerne anhand von zwei unterschiedlichen Quellen den Schülern vermitteln. In der ersten Quelle sollte dieses harte Vorgehen durchkommen und in der zweiten die mildere Variante.

    Was haltet ihr generell davon?
    Habt ihr vielleicht zwei entsprechende Quellen zur Hand? Am Do. müsste ich die Stunde übrigens halten. Daher habe ich nicht viel Spielraum ;-)

    Wäre echt toll, wenn ihr mir weiterhelfen könntet.

    Viele liebe Grüße,
    Thomas

    Ps: Ich habe jetzt noch ein wenig geforscht. Wie wäre es mit einem Einzelschicksal, z.B. Hans Globke der war ja später Ministerialbeamte bei Adenauer. Anhand seiner Geschichte, könnte man diesen Aspekt ja auch sehr gut bearbeiten. Was meint ihr? Wenn ihr Material habt wäre das super.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Globke ist ein fast zu heißes Thema. Also nicht wg. eventueller Tabuisierung, sondern weil hier für den Aspekt der Denazification/Entnazifizierung noch zu viel Politik hineinspielt. Außerdem lag die große Zeit der Entnazifizierung zwischen 1945 und 1951, der Skandal Globke fand deutlich später statt.
    Es gibt zum Entnazifizierungsthema eine Reihe interessanter Karikaturen, die sicher für einen problemorientierten Einstieg geeignet wären. Ansonsten wäre sicher eine Entnazifizierungsakte von Interesse, eine mit Persilschein oder Bittbrief des zu Entnazifizierenden an den Ausschuss. Dazu müsstest du natürlich ins Archiv gehen. Aber die Entnazifizierungsakten sind i.d.R. recht übersichtlich und schnell zu erfassen.
    Bereits damals wurde kritisiert, dass gegenüber dem rechtsstaatlichen Prozess nicht der Ausschuss dem Beklagten seine Involvierung in Naziverbrechen zu beweisen hatte sondern der Beklagte seinerseits seine Unschuld beweisen musste, die Unschuldsvermutung aufgehoben war.

    http://www.geschichtsforum.de/f46/heinrich-schmitt-und-der-entnazifikator-33296/
    http://www.geschichtsforum.de/f82/hilfe-bei-karikatur-50004/
    http://www.geschichtsforum.de/f68/n-rnberg-und-anderswo-karikatur-47143/

    Auch der Text des Liedes Drumherumgerede von F.J. Degenhardt, dass sich gegen Franz Joseph Strauß richtete, befasst sich mit der Entnazifizierung.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. April 2016
  3. deggit

    deggit Neues Mitglied

    @El Quijote:
    Danke für deine Antwort. Gerade die Idee mit der Karikatur ist sehr gut! Werde ich auch so machen!
    viele liebe Grüße,
    thomas
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das Problem der Entnazifizierung hatte viele Facetten, die auf die Durchführung einen Einfluss hatten. Es war im Kern der grundsätzliche Konflikt zwischen einem hohen ethisch, moralischen, normativen Anspruch und realpolitischem Pragmatismus.

    Die Konfliktlinien verliefen dabei zwischen den Alliierten und den deutschen Besatzungszonen, zwischen den vier Allierten und nicht zuletzt auch zwischen den Deutschen selber!

    Zwischen dem Zusammenbruch und ca. 1950 verlief die erste Phase der Entnazifizierung und ist durch die extremste Veränderung der politischen Gewichtung gekennzeichnet und das ist m.E. zu verdeutlichen.

    1. Die Schüler müssen zunächst überhaupt erst einmal erkennen, in welchen Dimensionen ab dem Zusammenbruch überhaupt das 3. Reich beurteilt wurde und wie tiefgreifend die moralische Verachtung gegenüber den Akteuren des 3. Reichs war.

    So forderte beispielsweise J. Pulitzer nach einer Besichtigung der Konzentrationslager, die Todesstrafe für die Spitzen und die Funktionsträger der NS-Vernichtungsindustrie. Das betraf nicht weniger als ca. 1.5 Mio Betroffene! Nur um mal den subjektiven Ausgangspunkt und die Intensität der Emotionen im Jahr 1945 auf amerikanischer Seite deutlich zu machen und welche einflussreichen Leute in den USA auf L. Clay einwirkten (vgl. Jarausch: After Hitler. Recivilizing Germans, 1945-1995, Pos. 709) Und damit auch einen Einfluß auf die Art und den Umfang der Entnazifizierung nahmen.

    Das betraf aber auch die emigrierten Personen wie Jaspers in "die Schuldfrage", die ebenfalls eine radikale und schonungslose Aufarbeitung des NS-Regimes forderten (vgl. Glaser: Kulturgeschichte der Bundesrepublik 1945-1948, S. 93ff)

    2. Die Vorgehensweise der Entnazifizierung war in den 4 Zonen nicht einheitlich und wurde vor allem durch die USA und durch die Sowjets am rigorosesten vorangetrieben (Benz. Auftrag Demokratie. S. 59ff)

    3. Die Entnazifizierung konnte aufgrund realpolitischer Überlegungen nicht dem ursprünglichen moralischen Anliegen weiter folgen. Es war zum einen die Verschärfung der Gegensätze zwischen den drei westlichen Allierten und dem östlichen, aber noch gravierender war die abnehmende Funktionsfähigkeit der Besatzungszonen.

    Das betraf die Versorgung mit Lebensmitteln, die Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Produktion. Dazu ist es Notwenigkeit auf die komplexen und umfassenden Voraussetzung der Versorgung einer ca. 60 Millionen Bevölkerung hinzuweisen. Das sprengte sämtliche Möglichkeiten der Logistik der Alliierten! und es ist auch auf die Gefahr des Zusammenbruch der staatlichen Institutionen hinzuweisen, die real wurde, durch das Entfernen von belasteten NS-Funktionären.

    Und nicht zuletzt und das war ganz wesentlich, war der Auftrag zur demokratischen Erziehung in Deutschland gefährdet (vgl. z.B. Gerhardt: Soziologie der Stunde Null, S. 251ff). Hinter diesen Auftrag wurden zunehmend Probleme erkannt und der Demokratisierungsprozesse in einer als politisch apathisch eingeschätzten Bevölkerung insgesamt als in Gefahr betrachtet (vgl. Söllner: Zur Archäologie der Demokratie in Deutschland. Bd. 1, S. 238)

    Die gravierenden Probleme der innerdeutschen "Pazifizierung" kann man beispielsweise an den Briefen von Adenauer aus der Zeit erkennen. So schreibt er beispielsweise an die Gräfin Fürstenberg-Herdringen eine sehr rüde Charakterisierung von Papen und hält dem Hochadel vor, zu lange mit Hitler paktiert zu haben. Und darin kommt der innerdeutsche Konflikt zwischen den demokratischen Protagonisten und den Repäsentanten vergangener Vorstellungen deutlich zu Tage (Adenauer: Briefe über Deutschland, S. 52). Und es war Adenauer, der zunehmend die Bedeutung des Ausgleichs erkannte, auch zu Lasten einer strafrechtlichen Verfolgung von NS-Verbrechen.

    Und in einem Brief aus dem November 1946 beschwert er sich bei "Herrn Müller", "Die Engländer treiben m.E. eine Politik, die ihren eigenen Interessen aufs stärkste zuwiderläuft" und fordert ein, zu einer gewissen Normalität wieder überzugehen (Adenauer: Briefe über Deutschland, S. 55)

    Allerdings ist auch darauf hinzuweisen, dass vor allem die Engländer genau diesen Aspekt in ihrer Besatzungszone am stärksten in den Vordergrund gerückt haben, da sie wirtschaftlich nicht in der Lage waren ihre zerstörte Besatzungszone zu unterstützen.

    vgl. dazu beispielsweise auch dieses Dokument.
    Denazifizierung |*ZEIT ONLINE

    (vgl. zur Dokumentenlage beispielsweise H-J- Ruhl: Neubeginn und Restauration. Dokumente zur Vorgeschichte der Bundesrepublik Deutschland)

    Diese Sicht, dem Zwang zur Demokratisierung folgend, führte dann auch Clay rückblieceknd resümierend an, um den Rückgang der Intensität bei der Entnazifierung zu erklären bzw. auch sein Verhalten zu rechtfertigen (Benz. Auftrag Demokratie. S. 62)

    Es ist somit für den "Spannungsbogen" ein deutlich erweitertes Verständnis notwendig, das sich kaum aus "Entnazifizierungsakten" oder aus Karikaturen erschließt. Die Dramatik der Situation zwischen 1945 und 1950 resultierte aus politischen und sozialen Prozessen und die sind primär zu rekonstruieren.

    Noch eine OT-Anmerkung: Heute wird bei Soldaten sehr viel über "Posttraumatische Belastungs-Störung" geredet. Nach der WW1-Generation war es vor allem die Generation der WW2-Soldaten, die unter diesem Syndrom in einer nicht unerheblichen Dimension litt. Und es war Schelsky, der sie als "skeptische Generation" thematisierte. Diesen sozialpsychologischen Aspekt sollte man Schülern auch verdeutlichen, um zu verdeutlichen, dass das -kritikwürdige - Verschweigen von NS-Verbrechen und unter den Tisch kehren während der Phase von ca. 1950 bis 1968, auch legitimen individuellen Interessen gefolgt ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. April 2016
  5. deggit

    deggit Neues Mitglied

  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Noch eine Anmerkung zu der Stimmung innerhalb der Bevölkerung und dem Wirken und den Wirkungen der "Spruchkammern".

    So schreibt Reichel , dass über repräsentativen Umfragen, die sehr früh durchgeführt wurden, "dass etwa die Hälfte der Befragten unmittelbar nach Kriegsende durchaus einverstanden war mit der rigiden Säuberungspolitik der Alliierten". Und die Zustimmung nahm noch eine Zeitlang zu (Vergangenheitsbewältigung in Deutschland, S.34ff).

    Erst nach dem Inkrafttreten der "Befreiungsgesetze"und der ineffektiven Ausdehnung der Verfahren, die dazu führte dass "die kleinen Fische" zur Rechenschaft herangezogen wurden und die großen Fische laufen gelassen wurde, kippte die Zustimmung bis 1949 auf unter 20 Prozent.

    Positiv zu verzeichnen ist somit, dass die politische Kultur des unmittelbaren Nachkriegsdeutschlands durchaus anerkannte, dass Ungeheuerliches im Namen des deutschen Volkes und durch Deutsche praktiziert worden ist. Zumindest ein Teil der deutschen Bevölkerung stellte sich ihrer Verantwortung (wobei ich anerkenne, dass "Verantwortung" für den einzelnen in autoritären bzw. totalitären Staaten schwer zu operationalisieren ist) Ein Halder hätte mit seiner Pistole in der Tasche die Verantwortung unmittelbar in die Tat umsetzen können, aber er hat sich dieser Verantwortung entzogen wie große Teile der Wehrmacht.

    Aber dann setzte auch die bereits dargestellte innen- und außenpolitisch getriggerte Reaktion ein: "Was als Entnazifizierung gedacht und geplant war, also die Entfernung und Bestrafung der nazistischen Elemente aus der deutschen Gesellschaft, endete als umfassende Rehabilitierungsmaßnahme" (ebd. S. 32)

    Dennoch resümiert Reichelt dahingehend: "In dieser Perspektive - der Langzeitwirkung - erscheint die Gesamtbilanz in einem günstigeren Licht" (ebd. S. 36).

    Und letztlich erfolgte im Rahmen der APO bzw. der 68er-Revolte eine zweite Phase der Analyse und Bewertung des 3. Reichs. (vgl. Reichel; Schmid; Steinbach: Der Nationalsozialismus - Die zweite Geschichte. 2009)

    Und noch eine weiter Anmerkung:
    Die Situation war aus einer Reihe von speziellen Faktoren in der "SBZ" stärker polarisiert. Es kamen die emigrierten Parteiangehörigen aus ihrem Exil in die "SBZ" und wurden dort zum Teil mit den Personen - noch - in leitenden Positionen auf den unterschiedlichen Hierarchieebenen der Verwaltung ( Justiz, Polizei etc.) konfrontiert. Das erklärt, warum im Osten die Entnazifizierung noch teilweise emotinaler und noch persönlicher durchgeführt worden ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. April 2016
  7. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Mir scheinen zwei Aspekte in Sachen Entnazifizierung stets unter die Räder zu geraten: nur von den USA ging meines Erachtens nach der Wunsch aus, Deutschland vor allem um der Demokratie willen zu demokratisieren, wohingegen die übrigen westlichen Siegermächte sich vor allem den befriedenden Charakter der Demokratie nutzbar machen wollten, von Schwanitz als „Zähmung des Bürgerkrieges im Parlament“ bezeichnet.
    Nahezu jeder internationalen Aggression in der Geschichte ist nämlich ein intranationaler Konflikt vorweggegangen; die Nazis sind ein Paradebeispiel hierfür, oder vielmehr, die Illusion der Gesellschaft, sie als Waffe gegen die „rote Gefahr“ wenden zu können. Schleicher und andere Vertreter der antidemokratischen Koalition aus Bürgertum, Monarchisten und Versailles-Revisionisten glaubten lange, die Faschisten entweder zähmen oder, falls dies nicht gelänge, früher oder später ihrem Untergang durch eigenes Verschulden beiwohnen zu können. Wie durch die hastig-rigide Integration aller gesellschaftlichen Fraktionen in den NS-Staat belegt, genossen die Nazis denn auch nur unter Teilen ihrer Wählerschaft sicheren ideologischen Rückhalt (ansonsten wäre die Gleichschaltung der Gesellschaft in diesem Maße gar nicht erforderlich gewesen). Stattdessen stützte sich die Machtergreifung in erster Linie auf ein Konglomerat aus Antigefühlen unterschiedlichster Couleur — gegen die „Bolschewiken“, gegen die Demokraten, gegen das „jüdische“ Kapital usw.

    Doch diese Antigefühle existierten auch anderswo. Der Antisemitismus war auch in Frankreich, in den USA und in Großbritannien kein Randphänomen. Die Zweifel am Kapitalismus, Produkt der selbst durch den Krieg im Bewusstsein der Menschen nicht ausgelöschten Weltwirtschaftskrise, waren in den unteren Bevölkerungsschichten allgegenwärtig. In Großbritannien sah man den Empire-Anspruch und die Monarchie durch den Anspruch der Kommunisten auf die Weltherrschaft des Proletariats in Gefahr. Nicht zuletzt trat (auch deswegen) eine breite Schicht von Politikern, Magnaten und Militärs auf, die den Nazis für ihren Kampf gegen den „Bolschewismus“ gar Beifall zollten und sinngemäß vertraten, Hitler sei in Sachen Gewalt „lediglich“ über das Ziel hinausgeschossen. Beispielsweise ist wohl bekannt, dass Patton als Militärgouverneur von Bayern die Entnazifizierung schleifen ließ und äußerte, er sehe keinen Sinn darin, jeden Mitläufer vor den Kadi zu zerren. Er wollte die militärische Expertise des besiegten Feindes gegen den mutmaßlich künftigen Feind, die Sowjetunion, wenden und tat die Shoa und andere Gewaltausbrüche als Exzesse einer Clique von Ideologen oder als übliche Begleiterscheinungen von großen Kriegen ab.

    In Ersterem war er von führenden Politikern seiner Zeit bestärkt worden. Als die Stärke der Sowjets auch ohne Waffenlieferungen aus dem Westen unübersehbar wurde, und man den Anspruch des Kommunismus auf Weltherrschaft nicht mehr ignorieren konnte, änderte sich der Ton vieler Meinungsführer in den westlichen Gesellschaften merklich. Ohnehin waren extreme Standpunkte wie der von Henry Mortgenthau eben genau das, extrem, und wurden von den maßgeblichen gesellschaftlichen Kräften verworfen. Churchill selbst hatte mehrfach im Unterhaus konservativen Abgeordneten nicht widersprochen (obwohl er dies als treulicher Verbündeter gewiss hätte tun müssen), als man Mitte des Jahres 1945 vorschlug, Deutschland nicht zu entwaffnen, sondern an die Seite der Westalliierten zu ziehen und präventiv gegen die Sowjets vorzugehen, war doch der zynische Standpunkt vieler Beobachter der Zeit, der Nationalsozialismus sei mit dem angloamerikanisch geprägten Gesellschafts- und Wirtschaftssystem des Westens jedenfalls nicht ganz so unvereinbar wie der Kommunismus. Tatsächlich hatte Churchill gegen Mitte 1945 bereits die ‚Operation Unthinkable‘ planen lassen, den großangelegten Angriff auf die UdSSR unter Zuhilfenahme deutscher Verbände in sechsstelliger Mannschaftsstärke. Dieser Plan galt auch nicht wegen der politischen Implikationen als „undenkbar“, da er den „Russlandfeldzug“ Hitlers quasi gerechtfertigt und Deutschland binnen Wochen nach Kriegsende rehabilitiert hätte, sondern aufgrund der militärischen Stärke der Sowjets.

    Daraus schließe ich, dass die Entnazifizierung auch deshalb „verwässern“ konnte, weil ihre Notwendigkeit nicht vollumfänglich von den Siegern verinnerlicht worden war. Und noch eines fällt auf, das mich stets verwundert hat: die „Achtundsechziger“ haben der Kriegsgeneration immer vorgehalten, die Gräuel des Weltkrieges zu ignorieren, ihre Vergangenheit auszublenden usw. Doch auch die Kriegsgeneration der Sieger hat in summa die Verbrechen der Nazis niemals so scharf verurteilt, wie dies bereits die nächste Generation tat, trotz all des Leides, das über sie hereingebrochen war. Diese Diskrepanz kann meiner Auffassung nach nicht durch die naturgemäß zeitaufwendige Erforschung des Krieges und seiner Gräuel erklärt werden, also durch eine Verzögerung der „offiziellen” Meinungsbildung, denn noch etwa zu Pattons Lebzeiten waren die Verbrechen der Nazis weit genug bekannt, dass man diese Ideologie und ihre Gefolgschaft durchaus bewerten und verurteilen konnte, dazu brauchte es weder eingehende Forschung noch auch nur ein Gerichtsurteil in den Nürnberger Prozessen. Hier ließe sich womöglich eine Brücke schlagen zu der herrschenden Lehre in der Psychologie in anderer Frage, nämlich, dass der Zweite Weltkrieg nicht etwa deshalb weniger klinisch nachweisbare Traumata auslöste, weil dieses Krankheitsbild kaum bekannt und teils gar nicht akzeptiert war (d.h. seltener gemeldet wurde), sondern aufgrund der Inzidenz von Kriegen zu Lebzeiten derer, die im Weltkrieg gekämpft und gelitten hatten. Kurz, man hatte sich an das Auftreten von Gewalt nahzu gewöhnt, und vielleicht hat diese Gewöhnung auch dazu beigetragen, dass aus der Absicht, zu verurteilen, die Luft allmählich entwich.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. April 2016
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Um noch mal das lebensweltliche Problem der Entnazifizierung anzusprechen: wie bereits gesagt, handelte es sich bei dem Entnazifizierungsverfahren um kein rechtsstaatliches Verfahren im eigentliche Sinne sondern vor einem bestellten Ausschuss, der (zumindest zu Anfang) meist aus Antifaschisten berufen wurde, musste der zu Entnazifizierende seine Un- oder verminderte Schuld belegen. Sprich, die Unschuldsvermutung, wie sonst in jedem rechtsstaatlichen Prozess üblich - galt nicht. Auf der anderen Seite stellte man sich natürlich gegenseitig sogenannte Persilscheine aus oder ging zu nachweislichen Opfern des Nationalsozialismus und versuchte, diese davon zu überzeugen, dass man ihnen ja geholfen habe oder zumindest immer freundlich begegnet sei (ein Überlebender erzählt sogar, dass ein SS-Mann auf dem Todesmarsch im April 1945 zu ihm gekommen sei und ihm angeboten habe, ihm zu helfen, wenn er dafür im Gegenzug bestätigt bekäme, dass er immer anständig war - das werden sicher viele Opfer des NS auf ähnliche Weise erlebt haben).
    Das Problem war, wenn sich ein Entnazifizierungsprozess in die Länge zog. Für die Alliierten oder in Behörden/staatlichen Stellen durften nämlich nur diejenigen arbeiten, welche den Entnazifizierungsprozess erfolgreich durchlaufen hatten, also die Stufen IV oder V (minderbelastet oder entlastet) erreicht hatten. Auch Renten und Pensionen bekamen nur diejenigen, welche die Stufen IV oder V erreicht hatten.
    Wenn man Entnazifizierungsakten liest kommt man immer wieder auf kuriose Fälle. Ich hatte mal (während eines Praktikums im Studium) einen Fall einer 19jährigen auf dem Tisch liegen, die seit Mai 1945 als Übersetzering für die Briten arbeitete. Sie musste dann 1946 zur Entnazifizierung, wobei herauskam, dass sie im BdM war - eigentlich keine große Sache, da normal. Sie durfte dann über Monate nicht mehr als Übersetzerin arbeiten und das als einzige Versorgerin der Familie. Irgendwann - ich weiß nicht mehr wann - kam dann eine Amnestie für alle, die nach 192x geboren waren, die mussten sich dann nicht mehr der Kommission stellen.
    Ein anderer Fall ist geradezu witzig gewesen. Das interessanteste an den Entnazifizierungsakten sind weniger die Bögen selbst, die ja streng formalisiert sind, sondern die beigelegten Schriften, das können Einschätzungen des Ausschusses sein, das können Persilscheine oder Bittbriefe sein. In einem Fall hatte ich den Bittbrief eines Bürgermeisters, der darum bat, das Entnazifizierungsverfahren für denjenigen, für den die Akte geführt wurde, zu beschleunigen, da sonst niemand so geschickt darin sei, Schweine zu schlachten und dies ja für die Versorgung der Bevölkerung von Nöten wäre. Der zu Entnazifizierende hätte also selbst auf dem Schlachthof nicht arbeiten dürfen, weil er dort behördlicher Angestellter gewesen wäre, wenn er nicht als un- oder minderbelastet eingestuft worden wäre.
    Bei Renten hingen teilweise die Witwen hintan, die keine selbsterwirtschafteten Rentenansprüche hatten und nun nachweisen mussten, dass ihre verstorbenen Ehemänner zu enlasten waren.
     

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