Entstehung moderner Staaten im 16./17. Jahrhundert in Europa

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von arian, 13. April 2015.

  1. arian

    arian Gast

    Hallo, ich muss für den Geschichtsunterricht nach Informationen über die Entstehung moderner Staaten im 16./17. Jahrhundert in Europa recherchieren, scheitere dabei jedoch schon bei der Suche nach guten und brauchbaren Quelle. Jetzt wollte ich hier fragen, ob ihr eventuell ein paar gute und informative Quellen kennt oder ob ihr euch mit dem Thema auskennt und mir Informationen darüber geben könntet. Danke :)
     
  2. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Bin ein wenig verwirrt: was denn jetzt? "moderne Staaten" oder "16./17. Jhdt."?

    Im 17. Jhdt. bildeten sich die Niederlande und die Schweiz als Staat, Spanien nahm auch seine spätere Form an. Frankreich hat auch seine damaligen Grenzen (Korsika kam allerdings erst später dazu) im großen und ganzen gehabt. Deutschland war wesentlich größer und ein politischer Flickenteppich, Italien ebenso.

    Allerdings waren die meisten Staaten noch Monarchien mit geringer Partizipation von Teilen der Bevölkerung.

    Demokratie im heutigen Sinne gab es noch nicht. In Frankreich herrschten Monarchen absolutistischer Prägung. England hat eine gewisse Partizipation des Parlamentes seit der Glorious Revolution. In Deutschland hatten die freien Reichsstädte noch am ehesten demokratische Institutionen. Zu den Staatssystemen der Niederlande/Schweiz müßte man noch ggf. recherchieren.
     
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    @ Carolus
    In den Reichsstädten handelte es sich eigentlich zumeist wie in den Niederlanden um Oligarchien. In vielen wurde im Laufe des 16.Jh. der alte Adel gestürzt, oftmals zeitgleich mit der Einführung der Reformation. Darauf folgte zumeist die Herrschaft von Kaufleuten und Handwerkern, die aber dann auch über die Jahre mehr und mehr zu einer eigenen Gesellschaftsschicht bürgerlicher Magistratsfamilien wurden, die recht wenig durchlässig war. Je nachdem wurden in einigen Städten auch die Zünfte durch Vertreter derselben am Stadtregiment beteiligt. Der Einfluss der jeweiligen Zünfte war aber auch sehr heterogen. D.h. dass oftmals Zünfte mit weniger Meistern, Gesellen etc. mehr Vertreter stellen durften, wenn die Zunft besonders reich war.

    In den meisten frühneuzeitlichen Staaten, denen ein Monarch vorstand, existierte eine Partizipation ständischer Kräfte an der Macht. In Frankreich wurde diese erfolgreich unter Henri IV und Louis XIII sukzessive zurückgedrängt. Ein Zeugnis davon war, dass die Generalstände 1614 vorerst letztmalig zusammen traten.
    In den Monarchien entwickelte sich die Ausprägung des Absolutismus enorm unterschiedlich.
     
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  4. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Am Beispiel von Großbritannien kann man den Weg sehr gut verfolgen.

    Aussterben des Hauses Tudor im Jahre 1603. Übergang der Krone auf das Haus Stuart. Damit im stärkere Tendenzen zum Absolutismus. Die nachher unter Karl I zum grossen Krach, sprich Bürgerkrieg führen. Englische, bzw. Britische Republik unter Cromwell. Kurz nach dem Tod von Cromwell dann Restauration. 1688 dann Vertreibung der Stuarts in Männlicher Linie aus England mit starker Unterstützung der Niederlande. Damit Glorious Revolution. Und dann der Übergang auf das Haus Hanover. Und dann mal die Rechte des Parlamentes begutachten. Gerade England ist gut dokumentiert. Und dazu findest Du nichts? Dann guck mal bei Tante Wiki, auch auf den Englischen, Niederländischen & Französischen Seiten, vergleiche sie uns am Ende jedes Tante Wiki-Artikel sind meist sehr gute Literaturempfehlungen zu den Themen.

    Apvar
     
  5. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

    Hallo,

    Viele Länder waren damals noch Monarchien und es war noch die Zeit der Herzogtümer, Fürstentümer und mit wenigen Ausnahmen kleine bis mittelgrosse Königreiche.

    Was ein moderner Staat ist, ist ein dehnbarer Begriff, für die einen sind das die gewordenen grossen Königreiche (Frankreich, Italien, Deutsches Kaiserreich, Spanien, Oesterreich-Ungarn etc.), für die anderen sind dies die gewordenen Republiken nach der Französischen Revolution.

    Ein interessantes Fallbeispiel: die alte Eidgenossenschaft, welche laufend durch Beitritt von weiteren Kantonen erweitert wurde (siehe z.B. hier).

    Ebenfalls spannend (aber vom Zeitpunkt viel später als von Dir angegeben): die Gründung Italiens, siehe Risorgimento.

    Dein Zeitrahmen ("16./17. Jhdt.") ist da extrem selektiv, man müsste da schon fast genau definieren, was jetzt genau betrachtet werden soll.

    Sicher ein weiteres interessantes Thema hierzu: das Heilige Römische Reich

    Oder guck' Dir mal diese Karte hier an.
     
  6. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Genau,das Problem ist zunächst wie definiere ich einen modernen Staat

    Über die Struktur - Föderalistisch wie das HRR oder zentralistisch wie Frankreich ?

    über die Herrschaftsform: absolute Monarchie- parlamentarische Monarchie- Repulik mit mehr oder weniger oligarchischen Zügen.

    über die Staatsorganisation- durchorganisierte allgemeine und Fiskalverwaltung und Rechtsprechung oder regionale Selbstverwaltung

    Über die Wirtschaftsorganisation- ständisches Zunftwesen oder staatlich protektierter Merkantilismus oder Gewerbefreiheit

    Vielleicht solltes Du also erst mal definieren und begründen wie ein moderner Staat aussieht und von dort aus die entsprechenden Beispiele und zugehörigen Quellen erschließen.
     
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  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Frage nach modernen Staaten wird durch eine komplexe Entwicklung definiert. Dabei kann man diese Entwicklung - folgt man Strayer - in ihren frühen Ausprägungen bereits im Hochmittelalter sehen [3].

    Gekennzeichnet ist sie durch komplexere administrative Prozesse, durch eine komplexere Wirtschaft und mit den Handelsströmen wachsen entlang der Handelsstraßen die Städte, mit Paris und seinen 250.000 Einwohnern zu dem Zeitpunkt als größte Stadt.

    Zwei wichtige Veränderungen fördern die Zentralisierung bzw. die Modernisierung der Staaten, wie es Mann, in Anlehnung an Webers These zur zentralen Rolle der "Bürokratie", in seinen Darstellungen beschreibt [2].

    Und es ist zum anderen der Übergang zu immer größeren und teureren Heeren, die zusätzlich zunehmend aus nationalen Kontingenten rekrutiert werden und entsprechende stabile fiskalische Einnahmen des Staates voraussetzen, wie Glete ausführt [1]

    Carolus nennt bereits wichtige Beispiele, die Glete durch Schweden noch ergänzt.

    Alternative Sichten liegen von Wallerstein oder Trevor-Roper vor. Folgt man Wallerstein, dann findet in dieser Periode ein relevanter Prozess statt und der Kapitalismus als Wirtschaftssystem nimmt in seiner Bedeutung deutlich zu. Dieser Bedeutungszuwachs wirkt sich auch auf das staatliche Handeln aus und erfordert eine Zunahme des administrativen staatlichen Handelns [5]. Dieser Sicht hat teilweise Trevor -Roper widersprochen, der nicht die Entwicklung kapitalistischer Handelsstrukturen als zentral für die Entwicklung des 17. Jahrhunderts annimmt, sondern in den politischen Umbrüchen, beispielsweise in England, und der damit zusammenhängenden Krise der politischen Herrschaft den Ausgangspunkt für die folgenden revolutionären Veränderungen sieht.

    In diesem Sinne ist der "moderne" Staat zunehmend durch eine nichtpersönliche Ausübung seiner hoheitlichen Tätigkeit gekennzeichnet und die damit zusammenhängende von Anweisungen für die Verwaltung des Staates. Ergänzt durch eine zunehmende Spezialisierung seiner Amtsträger und der zunehmenden Verschiebung von politischer Macht von der Peripherie von Staaten in die Zentren.

    Im Ergebnis ist dann der französische absolutistische Staat unter Ludwig XIV das vorläufige Endstadium dieses Entwickungsprozesses, der seinen weiteren Schub durch die bürgerlichen Revolutionen erhält.

    1. Glete, Jan (2002): War and the state in early modern Europe. Spain, the Dutch Republic, and Sweden as fiscal-military states, 1500-1660. London, New York: Routledge
    2. Mann, Michael (1986): The Sources of Social Power, Volume 1. A History of Power from the Beginning to AD 1760. 2nd ed. Cambridge: Cambridge University Press.
    3. Strayer, Joseph Reese (2005): On the medieval origins of the modern state. 1st Princeton classic ed. Princeton, N.J: Princeton University Press
    4. Trevor-Roper, H. R. (2001], c1967): The crisis of the seventeenth century. Religion, the Reformation, and social change. Indianapolis: Liberty Fund.
    5. Wallerstein, Immanuel Maurice (2011): The Modern World System III. The second era of great expansion of the capitalist world-economy, 1730-1840s. Berkeley: University of California Press
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. April 2015
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die politisch-sozialen Bezüge sind oben schon vorgetragen. Zu den staatsrechtlichen Aspekten:

    Such mal nach Jean Bodin.

    Die Verwendung des Staatsbegriffes zeigt seine Abgrenzung zur Bezeichnung früherer Herrschaftsformen als „Reich” oder „Fürstentum”. Das entstand erst im 16. Jahrhundert durch die Schriften Bodins und Machiavellis. Mit der Epochenwende zur Neuzeit entwickelte sich die Konzeption einer souveränen Staatlichkeit.

    Bodin griff ihre Ideen der religiösen Toleranz und der politischen Einheit auf und entwickelte auf diesen Grundlagen seine Konzeption des souveränen Staates. Er entwirft das Bild einer autonomen Herrschaftsinstanz, die in der Lage ist, die Bürgerkriege zu beenden und die notwendigen Strukturen und Voraussetzungen für die Entwicklung von Wissenschaft und Technik zu schaffen. Dieser Herrschaftsinstanz schreibt Bodin die wesensbestimmenden Merkmale des

    - Gewaltmonopols und der
    - Fähigkeit zur einseitigen Rechtsetzung zu,

    die er als Voraussetzungen staatlicher Souveränität proklamiert. Im Gegensatz zu Machiavelli, der unter „Staat” noch eine rein faktische, an eine konkrete Herrscherperson gebundene Machtlage versteht, erscheint der souveräne Staat bei Bodin als institutionalisiertes Instrument zur Gewährleistung des inneren und äußeren Friedens.

    Ordnet man die Souveränität der Person des Herrschenden zu, ist ihre ungeteilte Ausübung tatsächlich nur in einem monokratischen System denkbar. Anders verhält es sich, wenn die Souveränität dem Staat selbst zugeschrieben wird. Voraussetzung einer solchen Überlegung ist die Möglichkeit einer Differenzierung zwischen dem Staat und seinem leitenden Organ. Dies bedeutete eine Abkehr von der bislang herrschenden Patrimonialtheorie, nach der Staat und Regent gleichgesetzt und die Staatsgewalt aus dem Eigentum des Monarchen am Staatsgebiet konstruiert wurde.

    Sinnfällig kommt dies in dem Louis XIV. zugeschriebenen Ausspruch „L'état, c'est moi” zum Ausdruck. Die Idee, den Staat als selbstständige juristische Person zu begreifen, ist bereits bei Bodin angelegt, wenn er „als Träger der Souveränität auch eine Körperschaft” in Betracht zieht. Bodin führt diesen Gedanken jedoch nicht zu Ende. So konnte sich die Annahme einer begrifflichen Unterscheidung von Staats- und Organsouveränität erst allmählich im aufgeklärten Absolutismus des 18. Jahrhunderts durchsetzen.

    -> Hoven, Jean Bodin (JuS 2007, S. 10)
     

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