Europa vor dem 1. Weltkrieg

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von Alexander187, 31. Dezember 2004.

  1. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Das Italien in Sachen Verteidigung mehr tat, ist kaum verwunderlich, da die Schweiz für eine Offensive gegen Italien oder durch sie hindurch nach Italien auf Grund des Geländes mehr oder minder ausfiel, bot Italien an Land ja auch kaum Einfallstore, mit der österreichischen Problematik in Galizien kaum vergleichbar.

    Von dem her, wie sinnvoll ist es Investitionen an diesem Schauplatz vergleichen zu wollen?

    Vollkommen klar, dass es auch im Trentino sensible Objekte und Positionen gab, die man ungerne zerstört oder, wenn auch nur zeitweise in italienischen Händen sehen wollte.
    Die Frage ist, rechtfertigte das entsprechende Investitionen, angesichts der Tatsache, dass auch wenn der Verlust dieser positionen weh getan hätte, sie wohl kaum in irgendeiner Form kriegsentscheidend sein konnten, während in strategischer Hinsicht wesentlich sensiblere Positionen nicht optimal geschützt werden konnten?

    Um so mehr wäre die Frage zu stellen, warum dann Fortifikationen in Südtirol und nicht an den kritischeren Punkten am Isonzo?
    Das wird man hinterfragen dürfen.
    Ich würde meinen, wenn man auf eine Auseinandersetzung mit Russland und Italien zeitgleich rechnete, musste klar sein, dass es nötig sein würde Land aufzugeben um seine Kräfte nicht allzu sehr zu verzetteln.
    Das wäre im Trentino und in Südtirol ohne weiteres möglich gewesen, auf die Idee sicht auf dem Alpenhauptkamm bis vor Wien durchkämpfen zu wollen, wäre wohl niemand gekommen.

    Wenn man mit einem Krieg nur mit Italien plante, wäre angesichts der industriellen Potentiale und der Geographie, es wohl sinnvoll gewesen in offensiv vom Isonzo aus in Richtung Veneto zu führen.
    Auch dafür eigneten sich Befestigungsmaßnahmen in Südtirol wohl eher wenig.
     
  2. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Dein Hinterfragen ist absolut berechtigt. Ich kann dir momentan keine befriedigende Antwort liefern.

    Findest du es nicht eigenartig, das Italien sein Territorium gegenüber seinen Verbündeten so aufrüstete? Ganz gewiss keine vertrauensbildende Maßnahme. Und wie überaus verhalten der Ballhausplatz darauf reagierte. Schwer zu verstehen.

    Wenn es nach Conrad gegangen wäre, dann hätte die Monarchie Italien angegriffen, als dieses seinen Räuberfeldzug in Nordafrika durchführt, dort nicht zu Rande kam und den Krieg ist östliche Mittelmeer ausdehnte. Nur machte sich Conrad eben keine Freunde am Ballhausplatz mit seinen ständigen Vorstößen in die Kompetenz des Außenministeriums. Conrad musste, für kurze Zeit, gehen.
     
  3. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Nein, eine besonders vertrauensbildende Maßnahme war das sicherlich nicht, aber sie wundert micht auch so überhaupt nicht.
    Schon, weil man ja, demonstriert an der bosnischen Annexionskrise 1908, auf dem Zettel haben musste, dass Russlands Handlungsfähigkeit nach 1905 ja eine ganze Zeit lang infrage stand.

    Und dass Österreich-Ungarn und das Königreich Italien keine natürlichen Alliierten waren, liegt auf der Hand.

    Es gab in der Adria reichlich handelspolitische Rivalitäten, der ideologisch zunehmend stärker werdende Irredentismus und die innerhalb Italiens lauter werdenden Forderungen nach territorialen Arrondierungen auf Seiten Österreichs konnte in Wien nur für Misstrauen sorgen.
    Auf der anderen Seite ließen sich natürlich, so lange in Wien das Haus Habsburg regierte auch gsnz gut Revanche-Absichten für 1859 und 1867 vermuten und die engen Verbindungen des Hauses Habsburg zum Heiligen Stuhl und gewisse Sympathienn für die Sache des Papstes entgegen der Ansprüche des italienischen Nationalstaates, dürften einigen Herrschaften in Rom auch eher suspekt gewesen sein.

    Italien fehlte ohne Verbündeten die industrielle Basis sich aussichtsreich mit der Donaumonarchie direkt anlegen zu können, außerdem benötigte man für überseeische Aktionen bis zu einem gewissen Grad einen freien Rücken, der sich nur durch Anlehnung an Österreich-Ungarn oder Frankreich erreichen ließ.
    Mit Frankreich rivalisierte man ja aber auch wegen Tunesien und gewisser anderer, das Mittelmeer betreffenden Fragen, besonders Korsika, außerdem hätte eine allzu enge Anlehnung an Frankreich Ärger mit Deutschland bedeutet.
    Der wäre allerdings auf Grund des italienischen Energieproblems, mangels eigener ergiebiger Kohlevorkommen, auch in wirtschaftlicher Hinsicht kontraproduktiv gewesen, zumal Frankreich da als Lieferant nicht infrage kam.

    Für Italien Grund genug formell beim Bündnis zu bleiben, aber wie schaut's mit Österreich-Ungarn aus?

    Überseeische Kolonialprojekte, die auf territorialen Besitz abgezielt hätten, gab es nicht. Nachdem Russland 1905 aus dem Mächtekonzert ausgefallen war, hätte Österreich-Ungarn, im Besonderen wenn Berlin mitgespielt hätte im Gefolge dessen, die Zeit nutzen können, seine strategischen Positionen durch den einen oder anderen Zugewinn zu verbessern.

    An wen wäre da aber in erster Linie zu denken gewesen?

    Russland im Westen zu zerlegen wäre, wenn Deutschlland mithespielt hätte der Befreiungsschlag nach Osten gewesen, hätten aber auch den polnischen Teilungskonsenz zerstört und damit für die Monarchie in Galizien reichlich neue Probleme geschaffen.
    Am weitgehenden Erhalt des Osmanischen Reiches ausgenommen Bosnien und die Herzegowina war man in Wien interessiert und Anlass zu Auseinandersetzungen mit Rumänien gab es, so lange Russland Bulgarien unterstützte, mit dem Bukarest wegen der Dorbudja rivalisierte und so lange Rumänien an Bessarabien und Siebenbürgen gleichsam interessiert war auch nicht wirklich.

    Es wäre wohl eine Gelegenheit gewesen Serbien klein zu machen oder aber die Zeit zu nutzen die eigenen strategischen Positionen in Italien zu verbessern.
    Mit einem militärischen Vorfeld im Veneto oder der Lombardei, von wo aus Italien relativ schnell niederzuwerfen geweses wäre und womit es sich einen offenen Konflikt mit Österreich-Ungarn 3 mal hätte überlegen müssen, vielleicht nebst einem wiederhergestellten Kirchenstaat, möglicherweise in den Dimensionen des Lazio, hätte manch einer in Wien möglicherweise deutlich besser schlafen können.

    Vom italienischen Standpunkt aus hätte ich unter diesen Umständen auch Wert darauf gelegt, gegenüber Kakanien mindestens vorübergehend mal auf Nummer sicher zu gehen, jedenfalls so lange bis Russland wieder aktionsfähig würde und man in Wien damit wieder andere Sorgen hätte.


    Es wäre im Österreichischen Sinne auch möglicherweise gar nicht allzu doof gewesen, dies zu tun, so lange Russlands Schwäche dafür noch den Rücken frei hielt.
    Nur wie gesagt, Sicherungsmaßnahmen in Südtirol passen da einfach überhaupt nicht wirklich dazu. Und bei denen drängt sich mir ein Bisschen der Eindruck auf, als wäre deren Errichtung eher persönlichen Sentiments bestimmter leitender Persönlichkeiten und politischen Gründen geschuldet gewesen, als dass sie in handfeste, sinnvolle militärische Konzeptionen eingebunden wären.
     
  4. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    In der Tat, es wäre von Österreich möglicherweise tatsächlich gar nicht "so doof gewesen" die anhaltende Schwächeperiode des Zarenreichs auszunutzen.
    Das gleiche gilt auch für das Deutsche Reich. Aber dort gab es keine derartigen Bestrebungen. Im Endeffekt wurde es den Mittelmächten schlecht gedankt, das sie die Füße still gehalten haben. Möglicherweise hätte es gar keinen Weltkrieg gegeben, aber das sind schon was wäre wenn Szenarios.
     

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