Finnlands Unabhängigkeit nach dem zweiten Weltkrieg

Dieses Thema im Forum "Nordeuropa | Skandinavien" wurde erstellt von macabre, 5. Dezember 2008.

  1. macabre

    macabre Neues Mitglied

    Hi ihrs,

    In der Konferenz von Teheran 43 haben laut meiner Quelle die Westalliierten auf der Unabhängigkeit Finnlands bestanden.

    Meine Frage ist ganz einfach: Wieso?
    Welche Gründe hatten die Westmächte, auf Finnlands Unabhängigkeit zu pochen, jedoch einige andere Ostblockstaaten der sovietischen Unterwerfung zuzugestehen?
    Ich finde dazu leider kaum Infos.

    Habt ihr da vielleicht was? Ich würde mich auch/insbesondere über ausgiebigere Quellen zu dem Thema freuen.


    Danke euch
    mac
     
  2. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Das ergibt sich mE aus der Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges:

    • Durch Nr. 1 des Geheimen Zusatzprotokolls zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23.8.39 hatte Hitler zugestimmt, dass Finnland zur sowjetischen "Interessensphäre" gehörte.
    • Nachdem Stalin am 30.11.39 den Krieg gegen Finnland begonnen hatte, fand Finnland zwar keine reale Unterstützung in den westeuropäischen Demokratien und in den USA, aber immerhin war die öffentliche Meinung vollständig auf Seiten der Angegriffenen. Tatsächlich wurde in Großbritannien und Frankreich sogar (ernsthaft?) erwogen, Truppen zu entsenden.
    • Ab Sommer 1941 kämpfte Finnland zwar auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion, spielte dabei aber keine besonders aktive Rolle. In Großbritannien z. B. entstand deswegen kaum ein finnisches "Feindbild"; zwar erklärte das Land auf sowjetisches Drängen am 6.12. den Krieg an Finnland, aber ist es wohl niemals zu Kampfhandlungen zwischen Briten und Finnen gekommen.
    • In Teheran zählte vielleicht noch die "Opfer"-Rolle Finnlands und darüber hinaus das Unbehagen Roosevelts und Churchills, Stalins Interessensphäre noch auszuweiten. Beides mag dazu beigetragen haben, dass sich die Allierten im Waffenstillstandsabkommen vom 19.09.44 mit dem Ausscheiden Finnlands aus dem Krieg - zu gerade noch erträglichen Bedingungen - einverstanden erklärten.
     
  3. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Na so ganz stimmt das aber nicht. Natürlich hat Finnland an den Kampfhandlungen teilgenommen, wodurch die Front der Achsenmächte gegen die SU im Norden beträchtlich verlängert wurde. Und Finnland nahm auch an der Belagerung von Leningrad teil - den nördlichen Teil des Belagerungsringes bildete Finnland.

    Daß Länder wie Polen, CSSR, Ungarn, Rumänien usw. nach dem Krieg zum Ostblock gehörten und somit zu Satelliten der SU wurden, Finnland dagegen nicht, lag an den Gegebenheiten, die im Zuge dieses Krieges entstanden waren. Während die Ostblockstaaten von der Roten Armee besetzt waren und Stalin direkten politischen Einfluß (= Druck) auf diese Länder ausüben konnte, wurde Finnland von der SU zwar militärisch besiegt, konnte aber eine vollständige Besetzung durch einen frühzeitigen Waffenstillstand (19. 9. 1944) verhindern. Somit konnte Stalin gegen Finnland zwar einige Landgewinne + einen Ostseestützpunkt auf finnischem Gebiet, aber keinen weiteren politischen Einfluß durchsetzen.

    Ganz ähnlich sah es in Jugoslawien aus:
    Da sich Jugoslawien größtenteils selbst befreite, wurde das Land zwar auf Grund der inneren politischen Verhältnisse sozialistisch, konnte aber nie fest in den Ostblock eingebunden werden. Jugoslawien wurde - genau wie Finnland - zu einem sogenannten "Nichtpaktgebundenen" Staat.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Dezember 2008
  4. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Du hast recht: meine Formulierung war zu schwach. Was ich sagen wollte, ist, dass Finnland in dem sog. "Fortsetzungskrieg" wohl "nur" die Wiederherstellung der alten Grenze von 1939 erreichen wollten und sich - zeitweise - auch weigerte, eigene Truppen über jene Grenze vorgehen zu lassen (DRZW, Bd. 5, S. 559).

    Etwas zu apologetisch ist vermutlich die Darstellung von Jutikkala (Geschichte Finnlands [1964], S. 386), wonach das Land von Hitler "vor vollendete Tatsachen gestellt" worden sei, als dieser am 22.6.41 den Krieg begann. Unstreitig ist wiederum, dass die finnische Staatsführung relativ früh Friedensfühler ausstreckte - auch dieses mögen die Alliierten honoriert haben.
     
  5. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Nach den bitteren russischen Erfahrungen des Winterkrieges war Karelien eigentlich nur Nebenkriegsschauplatz. Das Gelände mit seinen Wäldern und Sümpfen lässt größere Operationen nicht zu, schon gar nicht mit Panzern. Mein Eindruck ist, dass dort über die Jahre mehr ein "Sitzkrieg" ausgefochten wurde, mit Patrouillen und Sabotageakten. Ob dort überhaupt eine durchgehende Front von Murmansk bis zum Ladogasee existierte, wie es historische Karten des 2. Weltkrieges suggerieren, wage ich zu bezweifeln. Auch mit deutscher Hilfe, dafür fehlte den Finnen die Personaldecke.
    Das mag die "Milde Stalins" erklären.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Dezember 2008
  6. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Eine durchgehende Frontlinie nach Norden gab es nicht. Dazu gab es keine Infrastruktur und die dichten Wälder und unzähligen Sümpfe und Seen taten ihr übriges.
    Im Fortsetzungskrieg wurden große Teile des ursprünglich sowjetischen Kareliens besetzt und von Finnland beansprucht. Dann kam es zum Stellungskrieg.
    Die nördliche Belagerung Leningrads durch die Finnen war keineswegs eine sichere Belagerungsstrecke für die Deutsche Wehrmacht. Ab 1942 spekulierte Finnland auf eine nächstbeste Möglichkeit für Friedensverhandlungen mit der Sowjetunion. Hintergrund war der gescheiterte Blitzkrieg Deutschlands in der Sowjetunion.
    Allerdings wurde ein Friedensabkommen nach der Schlacht von Stalingrad Anfang 1943 durch die Sowjetunion vorgeschlagen abgelehnt, da diese den Rückzug Finnlands auf die Grenzen des beendeten Winterkrieges forderte.
    Allein dieser Vorschlag der Sowjetunion an Finnland zeigt, dass schon vor der Teheran-Konferenz Ende 1943 die Sowjetunion Finnland als ernstzunehmenden Nachbarstaat betrachtete. Was nicht wundert, denn der jahrelange Kessel von Leningrad schien der Sowjetunion mehr als schmerzlich zu sein.
     
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Der schnelle und milde Friedensschluß mit Finnland ist auch unter Berücksichtigung der Vorbereitungen der Allierten hinsichtlich der Ölfelder im Kaukasus zu sehen. Dies ist den Sowjets nämlich nicht verborgen geblieben. Es wurden bereists Truppen in den Kaukasus verlegt. Des Weiteren wurde ein Gutachten von amerikanischen Ingenieuren angefordert, das Auskunft darüber erteilen sollte, ob sich ein Brand erfolgversprechend bekämpfen ließe. Die Antwort fiel für die Sowjets nicht günstig aus.
    Im April 1940 ließ Molotow bei der deutschen Botschaft anfragen, ob Deutschland an die Sowjetunion magnetische Minen liefern könnte, die bei einen britischen Angriff im Schwarzen Meer oder bei Murmansk zum Einsatz kommen könnten. (1)

    Man war in Moskau ziemlich nervös und hatte es eilig den Grund für ein militärischen Vorgehens seitens Großbritannien und Frankreichs aus der Welt zu schaffen. Mit der Beendigung des Winterkrieges entfiel zumindest eine wichtige mögliche Ursache für eine kriegerische Auseinandersetzung.

    (1) Lorbeer, Westmächte gegen die Sowjetunion, S.76f., Freiburg 1975
     
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  8. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Im Winterkrieg hatten die Briten und Franzosen es überhaupt nicht eilig nach Finnland zu kommen. Allerdings kündigte sich Anfang 1940 eine internationale militärische Unterstützung für Finnland an.
    Schweden liess 8000 Freiwillige (u.a. Piloten) in der finnischen Armee dienen und lieferte große Mengen an Waffen.
    The casualties in the Winter War
    Ungarn stellte 5000 Mann in Aussicht, über 400 waren bereits eingetroffen. Knapp über 1000 Dänen, Norweger und Amerikaner waren im März 1940 eingetroffen.

    Letztendlich hat Finnland die Initiative zum Frieden mit der Sowjetunion begonnen, Finnland stand militärisch am Abgrund. Die Sowjetunion scheint wegen der immensen Verluste auch an einem Frieden interessiert gewesen zu sein. Ihr Blitzkrieg in Finnland war gescheitert.
    Frankreich hat zwar 50000 Soldaten in Aussicht gestellt, aber der britische General Pownall dazu:
    Anthony Upton: Finland 1939–40. Newark, 1974
     
  9. Großfürst Pavel

    Großfürst Pavel Neues Mitglied

    Das ist nicht korrekt. Zusätzlich zur Abtretung des Petsamo-Gebietes (die Anerkennung des Abtretungen des Moskauer Friedensvertrages war natürlich inbegriffen) und der Verpachtung von Porkkala, musste Finnland, ein Land indem die Weißen die Roten im Bürgerkrieg besiegt hatten, kommunistische Organisationen legalisieren und faschistische und faschistoide Organisationen verbieten.
     
  10. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Im multilateralen [1] Pariser Frieden vom 10.2.1947 war das Verbot faschistischer Organisationen völlig unstrittig. Allseitiger Konsens bestand auch hinsichtlich der (Wieder-) Zulassung kommunistischer Parteien.

    Was hat das Stalin in Finnland einflußmäßig genutzt? Barbarossa hat bewusst von "durchsetzen" geschrieben. Die Zulassung allein hat überhaupt nichts bewirken können; sie trug "nur" dazu bei, das politische Spektrum nach links zu erweitern und konnte als Nachweis politischer Pluralität interpretiert werden (siehe Jahrbuch des öffentlichen Rechts der ... - Google Buchsuche).
    Sollte Stalin spekuliert haben, damit einen Fuß in der Tür zu haben, so irrte er sich jedenfalls (zu den Gründen vgl. Anatomie der Parteizentrale: die KPD ... - Google Buchsuche).

    [1] Beteiligt waren neben F. und SU. auch die USA, GB sowie, warum auch immer, Australien, Weißrußland, Kanada, Tschechoslowakei, Indien, Neuseeland, Südafrika und Ukraine.
     
  11. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Die erste kommunistische Partei in Finnland wurde freiwillig 1986 gegründet.
    Die erste kommunistische Partei Finnlands wurde in Petrograd (Sowjetrussland) 1918 gegründet.
     
  12. Großfürst Pavel

    Großfürst Pavel Neues Mitglied

    Umso besser für die Sowjetunion.

    Finnland von Ingried Bohn aus der Reihe Geschichte der Länder Skandinaviens, Seite 228-229

    Da rechte Gruppierungen, zu denen auch die Vaterländische Volksbewegung (IKL) gehörte, die mit 8 Parlamentsmandaten im Parlament vertreten war, verboten wurden, während linke Parteien/Gruppierungen legalisiert wurden und Einfluss und Wahlen gewannen, war es keine Erweiterung, sondern eine deutliche Verschiebung des politischem Spektrums nach links.

    Was meinen sie mit "einen Fuß in der Tür zu haben"?
    Die Machtübernahme in Finnland war mehr der finnländischen Kommunisten als die Stalins, dessen primäre Ziele, die Nordwest-Flanke der Sowjetunion zu sichern und merklichen Einfluss auf die Politik Finnlands zu sichern mit dem sogar missliebige Regierungen abgesetzt werden konnten, mit dem FZB-Vertrag und sowjetfreundlichen Politikern/politischen Gruppierungen und andere Mittel erreicht wurden.

    Quelle: Siehe oben, Seite 229

    Quelle: Siehe oben, Seite 243-245

    Das ändert sich auch nicht mit Stalins Nachfolger.

    Quelle: Siehe oben, Seite 255-257
     

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