Forschungsstechniktransfer Schweiz-Dt. Reich

Vitruv

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Von der ETH liegt bereits eine Rückkopplung vor. Der Mitarbeiter, der auch die Internet Ausstellung bearbeitet hat schreibt zum Vorgang, dass es keinen direkten Bezug zum Projekt in Berlin gebe, aber einen direkten Schriftverkehr nicht nur mit leitenden Wissenschaftlern der DVL (Prof. Dr. Heinrich Kühl und dem Industrieleiter Fritz Schmidt) und der Akademie für Luftfahrtforschung in dem entscheidenden Zeitraum 1941-1944.

Zur Beurteilung des Gesamtvorgangs muss man wissen, dass Ackeret den Verkauf des Überschallkanals nach Italien 1935 in die Wege geleitet hat und hierfür von BBC Ausrüstung für sein Labor an der ETH in beträchtlichem Umfang erhielt.

Was den Bauvorgang angeht, ist wesentlich, dass die Züricher Ablage zwar vom Institut selbst konzipiert wurde, die Anfertigung der Technik und der baulichen Anlagen wurde aber von BBC und der Escher Wyss und Cie übernommen. Das gleiche Prinzip gilt für die Anlage in Italien. Diese kommen auch 1944-45 gemeinsam mit der Locher AG ins Spiel, als aus Lehre der bedrückenden Abhängigkeit der Schweiz von der Entwicklung ausländischer Flugzeugtechnik in Emmen ein Park für Luftfahrtforschung realisiert wurde, mit mehreren Windkanälen und einem Trudelturm.

So stellt sich die Frage, wer die Technik für den Überschallkanal in Peenemünde hergestellt hat? Sind hier noch andere Überschallkanäle bekannt, bei der Göttinger Anklage scheint es sich dagegen um einen Hochgeschwindigkeitswindkanal zu handeln?.

Die bauliche Hülle ist in der Herstellung kein Problem. Die Anlagen in Italien und Zürich geben jedoch einen falschen Eindruck vom Umfang des Kanals, da der Berliner bedeutend größer geplant und baulich in der Hülle realisiert wurde. Der Berliner Hochgeschwindigkeitskanal war ebenfalls eine Anlage in erheblichem Umfang, der zwar nicht so groß wie der dortige Große Windkanal Außenabmessungen 58 m x 26 m, Durchmesser zwischen 8,5 m bis 12 m)war, aber erheblich größer wie entsprechende Anlagen anderorts. Hierzu auch Moderne Bauformen 35.1936, S. 537-568 mit 50 Fotos zum umfangreichen DVL Gesamtkomplex.

Auch die öffentlich rechtlichen Programme haben den Standort und den Windkanal bereits für sich entdeckt: ‚Gerade sind «Geisterfahrererinnen auf der Autobahn der Geschichte» unterwegs, wortspielt Thomas Kausch am Anfang der neuen ARD-Sendung «Geheimnis Geschichte». Dabei geht er durch eine schwach beleuchtete Röhre – einen Windkanal in Berlin-Adlershof, in dem anno 1934 Flugzeug-Prototypen getestet wurden. Inzwischen gehört das Gebäude zur Humboldt-Universität, kürzlich diente es als Studio fürs neue Geschichtsmagazin. Der Drehort soll «Zeittunnel-Atmosphäre» und «moderne Optik» vermitteln, hieß es bei der Präsentation vergangene Woche.’

Netzeitung 12.12.2007

Grüße

Vitruv
 
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Zum Italien-Projekt und schweizer know-how-Transfers:

Wenn ich das richtig gelesen habe, sind für die Anwendung die Grundkonstruktion des Tunnels und die Aggregate, die 1935 geliefert wurden, nur ein Problem.

Für den Einsatz entscheidend sind die Experimentalausstattung zum Betrieb, die optischen und weiteren Meßinstrumente, die Adjustments der Anlage zur Fehlerkorrektur. Diese Prozedur nahm erhebliche Zeit und lange Vorstudien in Anspruch, wie Ferri 1938 in Berlin im Vortrag zur aufgestellten italienischen Anlage erläuterte. Dabei ging es auch um das Design der Experimentalausstattung, was nur an der Anlage erprobt werden konnte.

Wer lieferte das Equipment zur Anlage?


Der große Windtunnel der DVL von 1934 ging erst 1936 über die Experimental- und Ausrüstungsphase hinaus. Er maß in einer elliptischen Form 5*7 (6*8) Meter und war 9 Meter lang. Die Stömungsleistung lag bei 65 Meter/Sekunde.
Konstrukteure des Windkanals unter der Leitung von Dr. Schilhansl waren zudem ein Dr. Kramer und Dr. Brenner.
 
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Die Angaben hier sind etwas verwirrend. Der Große Windkanal ist oder war wie alle Windkanäle der DVL eine große Umlaufanlage [FONT=&quot]von [/FONT]
58 m x 26 m, Durchmesser zwischen 8,5 m bis 12 m, eben so groß, daß sogar ein Fernsehstudio hineinpasst. Worauf sich die hiesige Angabe '5*7 (6*8)' Meter bezieht, ist mir unklar. Leider finde ich zurzeit die historischen Fotos nicht. Aktuelles Foto anbei.

Der genannte Hermann Brenner ist einer der leitenden Architekten der eigenen Bauabteilung der DVL. Zusammen mit Deutschmann hat er alle Anlagen in den 30ern und 40ern bauseits geplant. Auch er war in die Verhandlungen mit der Schweizer Firmen und Gesprächspartnern direkt eingebunden.

Solche Forschungsanlagen erfordern eine sehr enge, integrative und kooperative Planung, wo die Bauseite mit den Vorgaben der Forschung und den Bedingungen der technischen Ausrüstung permanent abgestimmt und koordiniert werden muß. Dazu kommen die Anforderungen an eine hohe Präzision in der Bauausführung. Die Einrichtung der Anlage bis zur vollen Betriebsfähigkeit erfordert zusätzliche Kapazitäten von der Forschungsseite. Jeder Akteur in diesem Konzert erlebt diesen Prozess aus seiner spezifischen Perspektive. Das ist heute nicht anders als damals.
 

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Die Angaben hier sind etwas verwirrend. Der Große Windkanal ist oder war wie alle Windkanäle der DVL eine große Umlaufanlage [FONT=&quot]von [/FONT]
58 m x 26 m, Durchmesser zwischen 8,5 m bis 12 m, eben so groß, daß sogar ein Fernsehstudio hineinpasst. Worauf sich die hiesige Angabe '5*7 (6*8)' Meter bezieht, ist mir unklar.

Die Anlagen wurden mE weltweit in Meter oder Feet nach ihren erzeugbaren Luftströmen bezeichnet, nicht nach ihren Außenabmessungen.

5*7 bzw 6*8 sind die erzeugten Luftströme in Metern im Tunnel, bei dem kleineren wurde die genannte Strömungsleistung mit einem (von 6 bestückbaren) Testaggregaten gefahren.
Meinst Du das:
DLR - Optische Informationssysteme - Geschichte des Standorts



Zu Brenner (enthalten in dem Dokument 5,7 MB)
www.stadtentwicklung.berlin.de/aktuell/wettbewerbe/ergebnisse/2001/mensa/mensa_auslobung.pdf

Dr. Max Schilhansl auf der US-Zielliste für Wissenschaftler:
www.scientistsandfriends.com/files/JIOA_List.doc



Für welchen Kanal sollten die Schweizer Lieferungen dienen?
Die Aktennummer wäre hilfreich :pfeif:

Für Peenemünde wohl nicht, siehe hier:
airandspace.si.edu/research/arch/findaids/pdf/Peenmunde_Aerodynamics_Reports_finding_aid.pdf
 
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Die Pläne aus der Wettbewerbsausschreibung von SenStadt stammen zum großen Teil aus unseren Untersuchungen zum Flugplatz, wobei der Plan von 1924 zuvorderst eigentlich die Produktionsgelände der LVG, Albatros und Rumpler- Werke zeigt. Leider fehlt der große Übersichtsplan der DVL von 1941. Es gibt hierzu auch Luftfotos in hervorragender Qualität von 1929.

Die Fotos stammen aus dem Werk von Gerdy Troost: 'Das Bauen im Neuen Reich’ von 1942. Das eine Foto, das bei der DLR dokumentiert ist, zeigt das Ensemble, das fast vollständig erhalten ist. Das Gelände selbst ist jedoch um ein Vilefaches größer. Zu besonderen Einzelproblemen bei der Einschätzung von historischer Luftfahrttechnik haben wir uns von der GBSL beraten lassen (News und Links).

Wieso hast Du Schilhansl erwähnt?

Grüße

Vitruv
 

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Wieso hast Du Schilhansl erwähnt?

Weil er die Konstruktion und Errichtung der ersten Anlage mit (5*7 und 6*8) geleitet hat, mit den beiden "Assistenten" Brenner/Bau und Kramer/Technik, siehe oben #2 :winke:

Mir geht es themengemäß noch um die schweizer Zulieferungen 1943/44.
 
Eine interessante Quelle zum Schicksal der Peenemünder Überschallkanäle – mit einem Interview mit Dr. Rudolf Hermann, dem Leiter der Windkanäle in Peenemünde - ist unter
http://wolaa.org/files/Summer_2007_OHS_-_Windtunnels.pdf

Danach wurden die Kanäle nach dem großen Angriff auf Peenemünde am 17. August 1943 abgebaut und nach Kochel in Bayern fertig verlagert, wo ein hypersonischer Kanal geplant war. Nach dem Krieg gingen die Anlagen mit den Wissenschaftlern in die USA. Hermann blieb dort und wurde nach einigen anderen Stationen Director des neu gegründeten Aeronautical Research Laboratory der University of Alabama in Huntsville.

Der erste Überschallkanal in Peenemünde ging schon im November1939 in Betrieb (Chronology - Quarter 4 1939), es war zwar kein kontinuierlich arbeitender, wie der in Zürich, dafür ging er bis Mach 4,4 bei einer Öffnung von 40x40 cm, was für die Raketenentwicklung sehr wichtig war. Ein kontinuierlich arbeitender Kanal dieser Leistung hätte Antriebsleistungen erfordert, die in Peenemünde nicht darstellbar waren. Der zweite Kanal war ein kontinuierlich arbeitender Kanal mit maximal Mach 3.1, auf 18x18cm Testöffnung.

Die Entwürfe der Überschallkanäle in Peenemünde stammten von deutschen Teams. Hermann arbeitete bei dem Prandtl-Schüler Wieselsberger an der TH Aachen, er begann dort 1934 mit der Arbeit an solchen Kanälen und ging schon zum 1. April 1937 nach Peenemünde. Über Zulieferungen aus der Schweiz habe ich nichts gefunden. Ich habe mittlerweile aus verschiedenen Gründen erheblich Zweifel an einer Mitwirkung, außer vielleicht über einige Teilezulieferungen.

Nette Bilder von den Peenemünder Kanälen an ihrem Originalstandort und nach der verlagerung in die USA findet übrigens unter http://wolaa.org/files/White_Oak_Wind_Tunnel_History.pdf


Wahrscheinlich findet man detaillierte Informationen in dem Buch
Peter Wegener The Peenemunde Wind Tunnels: A Memoir, Yale University Press 1995.
Wegener kam als Physiker nach Peenemünde und blieb nach 1945 in den USA, wo er Professor of Engineering and Applied Science in Yale mit Spezialgebiet „Windkanäle“ war. Leider ist mir das Buch nicht zugänglich.
 
@vitruv:

Ich bin geduldig und kann warten, es ging schließlich angabegemäß um eine politisch brisante Verzögerung ...
Für welchen Kanal sollten die Schweizer Lieferungen dienen?
Die Aktennummer wäre hilfreich :pfeif:
Für Peenemünde wohl nicht, siehe hier:
Würde mich schon interessieren.
 
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@KWSchaefer

Wieder spannendes Material

Den Peter Wegener gibt es bei den hiesigen Luft- und Raumfahrttechniker nur mit 2 anderen Publikationen zur Flugtechnik, aber nicht zu den Windkanälen. Das scheint aber eine neuere Arbeiten datiert um 2000 zu sein. Zu Versuchsanlagen gibt es dort nur: Heinrich Beauvais: Johannisthal, Lipezk, Rechlin, Travemünde, Tarnewitz, Peenemünde-West. 1998

@Silesia

Darf ich Dir jetzt vorhalten, dass du dies erst alles unmittelbar heruntergestuft hast, da dies im rüstungstechnischen Kontext des Min. Speer sehr unwahrscheinlich sei und die Prioritäten in eine ganz andere Richtung gesetzt gewesen seien?..,-))

Ich darf noch einmal auf zwei schriftliche Aussagen von Ackeret hinweisen:

‚Deutsche amtliche Stellen tragen sich mit dem Gedanken eine, ev. zwei Überschall-Versuchsanlagen Typ Zürich bei B.B.C. zu bestellen, das Material zu liefern und die Arbeit in Baden ausführen zu lassen. Aus diesem Grunde wurde vorgeschlagen, dass auch ein Spezialist von B.B.C. mitkommen sollte, aus ähnlichen Gründen wird auch Dr. Keller eingeladen.'

und

‚Das Material, das wir vorbrachten, bestand zum grössten Teil aus Ergebnissen, die z.Zt. zur Veröffentlichung vorbereitet werden, bezw. vor kurzem in Basel vorgetragen wurden. Im ganzen genommen dürfen wir mit Genugtuung sagen, dass unsere Arbeit sehr geschätzt wird, was auch daraus hervorgeht, dass die Bestellung von ein oder zwei Ueberschallkanälen bei BBC nunmehr sehr wahrscheinlich ist.’

Auf diese Aussagen hat Zürich auch hingewiesen, die waren aber bereits bekannt. Dazu waren auch 1 oder 2 Mitarbeiter von BBC bei Steuerungsrunden jeweils in Adlershof. Und genau auf diese Art sollte der Erwerb gemanagt werden. Und solange das doch alles irrelevant ist, darf ich mir doch das hier kleine einzige Privileg nehmen, auf dieser Quelle mit den Gesprächprotokollen und Plänen des fertiggestellten Rohbaus ganz klassisch ein klein wenig zu sitzen.:still:

Bevor es spekulativ wird, kümmere ich mich ein wenig um die Spur Peenemünde und wenn ich nächste Woche wieder Zeit habe, schreibe ich das Archiv von ABB an, dessen Kontaktdaten mir die ETH genannt hat. Alles andere wäre kurzschlüssig. Davon werde ich zeitnah berichten

Von Peenemünde habe ich jedenfalls nie etwas behauptet, obwohl ich dies immer noch für prinzipiell möglich halte. Dort geht es nur um das verbaute Know How und den Produzenten der Anklagentechnik und die Frage, weshalb man auf das Schweizer Know How mit allen Mitteln zurückgreifen will, obwohl es diesen Tunnel auf Usedom gab?…Mit dem Lötkolben fügt das niemand aber zusammen.


Grüße


Vitruv
 
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Darf ich Dir jetzt vorhalten, dass du dies erst alles unmittelbar heruntergestuft hast, da dies im rüstungstechnischen Kontext des Min. Speer sehr unwahrscheinlich sei und die Prioritäten in eine ganz andere Richtung gesetzt gewesen seien?..,-))
´
Darfst Du gerne, und ist auch kein Problem. Wieso "erst alles"? Ich frage eben gerne nach, wenn ich etwas nicht verstehe, und lese dann gerne nach.

Allerdings habe ich mich an die ADAP-Protokolle gehalten (und komplett für 1943 bis Anfang 1944 durchgesehen), die ausweisen, wo beim Streit aus deutscher interner Sicht der Schuh drückte: bei den zurückgehaltenen kriegswichtigen Lieferungen vorwiegend für die Panzerindustrie.

Was ist denn nun mit dem Aktenzeichen zu dem Lieferstreit 1943, gibts etwas mehr als die Ordnungsnummer RL39? Dieses hier war die Basis:
der die Auseinandersetzungen um die Lieferung und Bau eines Überschallwindkanals für Forschungszwecke der Deutschen Luftwaffe dokumentierte. Dieser Windkanal, wenn ich mich an meine damaligen Recherchen genau erinnere, wäre der einzige und erste weltweit gewesen und sollte das Strömungsverhalten während des Übertritts in die Schallmauer untersuchen, das damals als Phänomen in den Wirkungen völlig unbekannt war. Die DVL und das RLM hatten diesen bereits 1941 in der Schweiz bestellt.
Am Schriftverkehr ließ sich nun wie in Parabel deutlich machen, unter welchem enormen Druck die Schweiz in der damaligen Zeit stand, und mit welchen Techniken schweizerseits operiert wurde, um hier nicht weitgehend instrumentalisiert zu werden. Obwohl dieser Vorgang hohes Empörungs- und Profilierungspotential besaß, habe ich ihn nicht veröffentlicht, da er unmittelbar und kurzschlüssig anders gelesen worden wäre, als ein eindeutiges weiteres moralisches Indiz für die Verwicklung der Schweiz in den Rüstungsapparat des Ministeriums Speer.
Eine Aufklärung wäre schön, zumal es bereits transonic und "supersonic tunnels" verfügbar im Deutschen Reich gab, also bereits die Möglichkeit zu solchen Untersuchungen des Übertritts, siehe die oben zitierten Peenemünde-Berichte mit den diversen Forschungsberichten.


Nebenbei ist verbautes Know How kein "Lieferrückstand", der Ärger bringen könnte. Dass die Schweiz sich über weiter verbautes know how 1943 aufregt, kann ich mir auch nicht ernsthaft vorstellen. Andererseits ergebe sich der Schluß aus der Äußerung, dass vorher schweizer know how an einem anderen Objekt verbaut wurde. Wo soll das sein, Adlershof?

Nach dem informativen Bericht von Ferri (s.o., später als einer der fähigsten europäischen Aerodynamiker auf "besonderen" Wunsch nach Langley geholt und an den US-Experimenten Ende der 40er beteiligt) ist der eigentliche Bau (-> BBC) nachrangig;

die Arbeit für eine funktionsfähige Anlage beginnt anschließend in der mehrjährigen Testphase (was natürlich für die Bauingenieure etwas frustierend klingen mag).
 
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