Frage zur Ursache des Hundertjährigen Krieges!

Dieses Thema im Forum "Die angelsächsischen Reiche" wurde erstellt von susi123, 22. Juli 2016.

  1. susi123

    susi123 Neues Mitglied

    Guten Tag, :winke:

    ich beschäftige mich zur Zeit sehr intensiv mit dem Hundertjährigen Krieg! Gerade eben habe ich einen Artikel von John Maddicott gelesen, in welchem drinnen steht, dass durch den Vertrag von Paris 1259 der englische König in der Gascogne nun als Vasall unter dem französischen König steht. Zuvor konnte der englische König seine Territorien auf dem Festland unabhängig regieren, nun ja nicht mehr. Die Problematik des Vasallenstatus des englischen Königs ist mir bewusst, was mich aber doch verwirrt: ich dachte die englischen Könige wären schon immer für ihre französischen Besitzungen ein Vasall gewesen? Konnten sie zuvor tatsächlich ihre Territorien unabhängig regieren? Das ist mir leider nicht ganz klar. Ich hoffe jemand kann mir das kurz besser erklären, ab wann genau das begonnen hatte.
    Vielen Dank schon mal im Vorraus! :yes:
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ja, seitdem die Normannen unter Rollo die nach ihnen benannte Normandie als Lehen erhalten hatten, waren sie Vasallen der Karolinger und ihrer Nachfolger. Die Frage ist dann eher, wie das mit Aquitanien aussah.
     
  3. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Hierzu kann ich https://de.wikipedia.org/wiki/Angevinisches_Reich empfehlen, den Du sicher kennst.

    In Bezug auf seinen durch Heirat erworbenen Besitz im heutigen Frankreich war der englische König von Anfang an (1152/54) Vasall des französischen gewesen. Ihr Verhältnis zueinander war durchgehend unfriedlich, weshalb man auch die Zeit bis 1259 auch als "Ersten 100-jährigen Krieg" bezeichnet hat. Dazu kamen ja noch die ständige Wirren innerhalb der beiden Königreiche, die Einmischung der Päpste, die Rolle des Kaisers usw.

    Welche Rechte und Pflichten aus dem Vasallenstatus zu welcher Zeit resultierten, ist ein äußerst kompliziertes Thema. Dass man die einzelnen Territorien, wie die Gascogne, dabei jeweils gesondert betrachten muss, ist Dir bekannt. (Spezialliteratur müsste ich erst suchen.)

    Heinrich II. musste kurz vor seinem Tode (1189) den Status nochmals bestätigen, und 1214 kam mit der militärischen Niederlage das Ende des sog. "Angevinischen Reiches". 1259 kam schließlich eine Art "Ausgleich" zustande.
     
  4. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Seit dem Friedensvertrag von Paris 1259 zwischen Heinrich III (Sohn von Johann ohne Land) und Ludwig IX dem Heiligen waren Aquitanien und Gascogne Lehen Frankreichs, wenn auch Art umd Umfang der damit verbundenen Gefolgschaftspflichten umstritten blieben. Im Hundertjährigen Krieg hatte dies dann lange Zeit keine Bedeutung, da England u.a. auch Anspruch auf die französische Krone erhob und so in Aquitanien gewissermassen wieder sein eigener Lehnsherr gewesen wäre - das wird schon daraus ersichtlich, dass der Schwarze Prinz in Aquitanien Lehnsmann seiner Vaters Eduard III war.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Juli 2016
  5. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Die englischen Könige konnten vor 1259 nicht voll unabhängig in ihren Besitzungen in Frankreich regieren. Sie waren auch da schon Vasallen der französischen Könige, wenn auch entsprechend der Größe ihrer Territorien sehr mächtige. Sie haben zwar versucht, sich auch mit militärischen Mitteln (Richard Löwenherz) gegenüber dem französischen König zu emanzipieren, im Sinne sich auf Augenhöhe mit dem franz. König zu stellen, aber das ist von dessen Seite aus nicht hingenommen wurden. Deshalb ist es seit der Mitte des 12. Jahrhunderts zu andauernden Streit zwischen den franz. Königen (Ludwig VII., Philipp II.) und den Angevinen/Plantagenets gekommen, der in der Schlacht von Bouvines 1214 in einen militärischen Höhepunkt mündete. Die Plantagenets haben darauf nahezu ihr gesamtes "Angevinisches Reich" in Frankreich verloren, mit Ausnahme der Gascogne. Im Frieden von Paris 1259 sollte dieser Konflikt beigelegt werden, der englische König durfte die Gascogne (Guyenne, Rest-Aquitanien) behalten, aber wie zuvor schon nur als Vasall des franz. Königs.
     
  6. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Ich hatte eigentlich angenommen, dass Richard Löwenherz in den Auseinandersetzungen gegen Philipp u.a. den ursprünglichen Status des Erbes seiner Mutter verteidigt hatte. Ich war der Ansicht, dass Eleonores Grossvater, Wilhelm IX der Troubadour (Wilhelmiden, Ranulfiden) als Herzog von Aquitanien und Gascogne den Capetingern nicht lehnspflichtig war resp. das Aquitanien ein unabhängiges Herzogtum war ? Für das Anjou, welches ebenfalls zum angevinischen Reich gehörte war das natürlich anders. Von England anerkannt wurde die Lehnshoheit Frankreichs über Aquitanien erst 1259, wenn die territoriale Integrität auch schon vorher zerstört wurde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Juli 2016
  7. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Wenn dem so war, dann galt das nicht mehr für Eleonore, deren zweiten Mann und deren Söhne.

    Richard hat erstmals als Junge anlässlich der von seinem Vater vorgenommenen Erbaufteilung am 6. Januar 1169 in Montmirail gegenüber König Ludwig VII. für das Herzogtum Aquitanien (die Gascogne war da inbegriffen) und als Graf des Poitou gehuldigt. Genauso wie sein Bruder Heinrich (der Jüngere) dies für sein entsprechendes Erbe getan hat. Dies berichten der Chronist Robert de Torigny wie auch der Bischof von Salisbury in einem Brief an den Bischof von Exeter.

    In den Jahren 1172 und 1189 hatte Richard seinen Lehnseid gegenüber Ludwig VII. bzw. Philipp II. erneuert.

    Der Chronist Roger of Hoveden berichtet sogar, dass schon Heinrich II. im Jahr 1156 gegenüber Ludwig VII. als Herzog Aquitaniens gehuldigt habe.

    Von den französischen Königen wurde Aquitanien im 12. Jahrhundert also selbstverständlich als ein Feudum ihres Königreichs betrachtet und die Plantagenets haben das anerkannt.
     
  8. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Ja, es wurde des öfteren gehuldigt: Gottfried der Schöne (Normandie) huldigte 1146 dem Ludwig, Heinrich II. tat das 1151 und Richard 1188. [1] Die Frage ist halt, welche praktischen Konsequenzen die Huldigung hatte (Geldzahlungen? militärischer Beistand?).

    Und es wurde getäuscht und betrogen "auf Teufel klomm raus". Die Politik Philipps II. von Frankreich war "von seltener Perfidie" (Folz), insbesondere was das Ausspielen der Söhne Heinrichs II. gegen ihren Vater betraf. Die Huldigung von 1188 geschah wohl gegen den Willen des Vaters. Später, zu spät, erkannte das auch Richard und führte ab 1193 einen erfolgreichen Krieg gegen Philipp; besonders schlimm für letzteren war die Niederlage bei Fréteval am 3.7.1194, als der Franzosenkönig nicht nur sein Archiv, sondern vor allem seine Steuerlisten (!) einbüßte. Wenn Richard 1199 nicht gestorben wäre...


    [1] Daten nach Robert Folz in: Handbuch der europäischen Geschichte. Stuttgart 1987, Band 2, S. 701 ff.
     

Diese Seite empfehlen