Frankreich Kollaboration

Dieses Thema im Forum "Der Zweite Weltkrieg" wurde erstellt von MariamCherie, 7. Mai 2014.

  1. MariamCherie

    MariamCherie Neues Mitglied

    Kann mir bitte jemand etwas zur Kollaboration sagen? Warum das in Frankreich ein Tabuthema war? Wie man damit nach dem Krieg umging und etwas zur schweren Aufarbeitungszeit?
    Vielen Dank für jede Antwort und bitte Quellen angeben! Ganz wichtig! (kein Wikipedia)
     
  2. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Zum Thema Kollaboration kann ich

    Henry Rousso, Vichy - Frankreich unter deutscher Besatzung 1940-1944 empfehlen.

    Becksche Reihe, kostet nicht die Welt. Zur Aufarbeitung ist allerdings nur ein kurzes Kapitel über "Die Säuberung" drin.

    Dazu hat er sich in "Le Syndrome de Vichy" ausführlich geäußert, ich kenne das Buch selbst aber nicht.

    Wenn du Rousso und Vichy googelst, findest du aber einige Diskussionen aus seriösen Zeitungen
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Mai 2014
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  3. beorna

    beorna Neues Mitglied

  4. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Man könnte vielleicht kurzgefaßt sagen, daß die Kollaboration ein Tabuthema wurde, weil sich die französische Republik, bekanntlich eine Sieger- und Befreiungsmacht, ihre kollektive Identität zunächst durch die Erinnerungkultur an den antifaschistischen Widerstand ("Résistence") konstituierte. Ob sich diese These selbst bei Altmeyer findet, will ich freilich nicht garantieren; ich meine, es erschien in den 1990er Jahren ein Buch von ihm zum kollektiven Gedächtnis Frankreichs, finde es aber nicht ad hoc bei online Recherche und verwechselt vllt was mit einer gelesenen Diplomarbeit, die das Thema nur streifte.
    Ich habe lediglich das hier gefunden: Mechthild Gildmer (2007) - Rezension: http://www.widerstand-1933-1945.de/resource/system/0_1334212623.pdf
    Zur These sonst nur noch: Der Umgang mit "Vichy" - Politik - FAZ - Edit: sehe gerade, daß der FAZ-Artikel eine Rezension von Rossos Buch ist, das bereits steffen04 empfielt und auch als Literaturhinweis im Link von Beorna angeführt wird.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Mai 2014
  5. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die französsiche Republik wurde bekanntlich zur Sieger- und Befreiungsmacht durch die USA und Großbritannien erst dazu gemacht. Aus eigener Kraft war die Republik das nämlich nicht.
     
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  6. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Bei der Vergangenheitsbewältigung à la française sind verschiedene Etappen zu unterscheiden.

    Der Film Das Haus nebenan ? Chronik einer französischen Stadt im Kriege ? Wikipedia von 1969 über Formen der Kollaboration und des Widerstands im 2. Weltkrieg war politisch anscheinend so heikel, dass er erst 1981 im französischen TV gezeigt werden konnte.

    Im Zusammenhang gegen den ehemaligen Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie, 1987 gab es m. W. eine öffentliche Diskussion über die Rolle Frankreichs bei der Deportation.

    In den späten 90er Jahren wurden einige Prozesse gegen ehemalige Vichy-Beamte geführt. Irgendwann (so um 2000 herum) wurde auch ein ehemaliger Vichy-Beamter aus Rache ermordet.

    Edit: hier noch zu den Prozessen gegen Maurice Papon
    http://www.zeit.de/1997/45/Vichy_vor_Gericht
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-50666751.html
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Mai 2014
  7. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Ergänzend sollte erwähnt werden, dass direkt nach der Befreiung massiv mit Kollaborateuren abgerechnet wurde. Etwa 5.000 Franzosen wurden zum Tode verurteilt, etwa 1.500 davon hingerichtet. Dazu kommen rund 9.000 von Resistance-Standgerichten ohne Legitimation Hingerichtete.

    Spätetesten 1946 war der Eifer aber dahin, einige Amnestien entschuldeten dann auch bereits Verurteilte. Dann setzte das langjährige Schweigen ein.
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Mai 2014
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Empfehlenswert ist auch Jackson: France - The dark years, 2001, dort mit einem Kapitel zu "A new France", und "the purges I: myth and reality".

    In Summe ähnlich wie die Zahlen von steffen04. Er analysiert die Prozesse, die Opfer der Resistance, und bringt eine Gesamtdarstellung der Kollaboration.
     
  9. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Der französische Umgang sowohl mit dem Widerstand wie mit der Kollaboration ist schon sehr besonders. Man sollte bedenken, dass die Widerständler um De Gaulle und die Petainisten der zweiten Ebene ein Fleisch waren. Sie besuchten die selben Schulen, kamen aus den selben Schichten, den selben militärischen Einheiten, den selben Grand Ecoles. Sie unterschieden sich eigentlich nur in einem Punkt (und das war nicht das Demokratieverständnis): De Gaulle war keine Minute bereit, eine Besetzung Frankreichs hinzunehmen.

    Der Widerstand im Inneren ging mindestens bis 1943 weitgehend von der gut organisierten extremen Linken aus, FTPs etc. Die hatten weder mit De Gaulle noch mit Vichy viel am Hut.

    De Gaulle hat es jetzt in der kurzen Phase zwischen Pierre Moulins Aktivitäten 1943 und Gründung der Vierten Republik geschafft, ganz Frankreich zu Widerstandskämpfern oder wenigstens zu nur widerstrebend ihre Pflicht erfüllenden Männern zu machen. Der ursprünglich wichtigste Teil der Resistance, die Kommunisten, war auf einmal nur noch ein Grüppchen unter vielen.

    Er hat damit zwei Ziele erreicht: er hat die Funktionseliten, seine alten Kameraden, in die neue Republik gerettet und die extreme Linke marginalisiert. Wirtschaft, die Parteien, Verbände etc etc. wurden genauso eingebunden. Das war schon fast ein Zaubertrick, allerdings hat er damit fast alle Franzosen zu Lügnern gemacht.

    Die Einbindung funktionierte bis weit in das linke Parteienspektrum. Man darf nicht vergessen, dass auch Francois Mitterand für Vichy gearbeitet hat, bevor er sich De Gaulle anschloss. Da er sicher nicht der einzige Sozialist mit Collabo-Hintergrund war, liegt hier möglicherweise ein Grund für die Verweigerung der Aufarbeitung auch der linken Parteien.
     
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  10. MariamCherie

    MariamCherie Neues Mitglied

    Wie sieht es mit der Schuldfrage aus? Hätte man die Kollaboration verhindern können? Gab es Alternativen oder war die Kollaboration unausweichlich?

    (Brauche dringend super Argumente, da das meine Leitfrage für meine Präsentation sein soll. Bitte Quellen angeben. Danke)
     
  11. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Zuletzt bearbeitet: 11. Mai 2014
  12. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Schau dir andere besetzte Länder an. Frankreich ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Die Franzosen haben das getan, was in ihrer Situation möglich war. Das mag man moralisch verwerflich finden. Es rettete aber vermutlich auch französche Leben.
     
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  13. Olivier

    Olivier Neues Mitglied

    Qu'est-ce que la collaboration?

    Pour exister, la collaboration nécessite d'abord une action. En d'autres termes, il ne peut y avoir de collaboration passive.

    Quelles sont ces actions? Ce sont des actions librement décidées et inspirées par l'idée qu'au moins une partie de vos intérêts personnels coïncide avec ceux de la puissance occupante. Ces intérêts sont très différents. Ils peuvent être matériels, idéologiques, financiers, sentimentaux, intellectuels, moraux, politiques, etc.

    Indépendamment de cela, la collaboration se déroule toujours de la même manière.
     
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Bis dahin kann ich soweit folgen.

    Diesen Satz verstehe ich aber nicht. Also natürlich ist Kollaboration eine Entscheidung, gleichwohl vielleicht nicht immer eine ganz freiwillige Entscheidung. Wie sagte ein Vorredner?? Man kann sie als moralisch verwerflich empfinden. Dass Kollaboration sich immer gleich entwickle und somit immer auf das gleiche hinauslaufe, halte ich jedoch für eine im Kern unhaltbare Aussage.
     
  15. Olivier

    Olivier Neues Mitglied

    Entschuldigen Sie mich zunächst, weil ich gerade bemerkt habe, dass ich eine Nachricht auf Französisch veröffentlicht habe. Dies ist ein falscher Schachzug von meiner Seite.


    Außerdem meinte ich, dass dies unabhängig von den persönlichen Interessen des Kollaborateurs immer zum Verrat an den kollektiven Interessen der Gemeinschaft führt, zu der er gehört.
     
  16. Olivier

    Olivier Neues Mitglied

    Ich möchte auch darauf hinweisen, dass die Kollaboration nur aus einer freien Entscheidung eines Einzelnen resultieren kann. Wenn letzterer zur Kollaboration gezwungen wird, gibt es keine echte Kollaboration.
     

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