Frankreichs finanzielle Misere am Vorabend der Franz. Revolution

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Brissotin, 12. Dezember 2011.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich würde gern in diesem Thread interessante Informationen zur Entwicklung des französischen Staatshaushaltes zwischen 1715 und 1789 sammeln.
    Was sind meines Erachtens die Wendepunkte in der französischen Finanzpolitik oder zumindest Wegmarken?
    Für mich drängen sich die Jahre:
    1720 (Missippi-Spekulation)
    1738
    1763
    1770 (Revolution von 1770)
    1774

    Hättet ihr noch andere Vorschläge?

    Wie konnte es soweit kommen, dass die führende Nation auf dem Festland, zumindest empfand man es wohl so unter Louis le Grand, dann um 1780 befürchten musste, dass das Ausland die Schwäche des Staates entdeckte?
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Dezember 2011
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Entwicklung 1715-1774

    So, nun will ich einmal die Jahreszahlen mit Leben füllen.

    1715 war der französische Staat laut Hartmann quasi zahlungsunfähig. Der Spanische Erbfolgekrieg hatte das Königreich erschöpft.
    Wichtige Entscheidungen, die sich dann letztlich auch auf die finanziellen und überhaupt innenpolitischen Spielräume auswirkten wurden allerdings ebenfalls zu der Zeit nach dem Tode des Sonnenkönigs getroffen. Um an die ungeteilte Regentschaft zu gelangen, billigte der Duc d'Orléans dem Parlament von Paris wieder weitgehende Befugnisse zu, welche ehedem unter Louis XIV zurückgedrängt worden waren. Die Parlamente erhielten ein nicht zu unterschätzendes politisches Recht bei der Registrierung der Gesetze. Da sich die Parlamente selber aus Privilegierten zusammensetzten sollte dies zu einem Hemmnis für Reformen werden, welche den Staat entlasten sollten und die Privilegierten an den Steuerlasten beteiligen sollten.
    Die Staatsschulden lagen bei der für damalige Verhältnisse gewaltigen Summe von etwa 2.000.000.000 Livres.

    Die Regentschaft des Duc d'Orléans wird stark unterschiedlich bewertet. Gerade seine Zugeständnisse an die Parlamente bedeuteten letztlich eine schwere Hypothek für die künftigen Könige des Ancien Régime an der sie zu knabbern und letztlich unterzugehen hatten.
    1720 brach das Lawsche Projekt zusammen. Nach einer gewaltigen Inflation wurden die Banknoten wieder abgeschafft und zum alten Münzwesen zurück gekehrt. Andererseits sollen die Staatsschulden im Zuge dieser Ereignisse bedeutend abgebaut worden sein.
    Hat jemand dazu brauchbare Zahlen?

    1738 erreichte der für seine Sparsamkeit berühmte Generalkontrolleur Orry, der die erstaunlich lange Zeitspanne von 1730-45 im Amt war, als eine Seltenheit im Frankreich des 18.Jh. einen ausgeglichenen Haushalt und dies trotz des Polnischen Thronfolgekrieges, woran sich Frankreich maßgeblich beteiligt hatte. Allerdings ist dazu zu sagen, dass Kardinal Fleury auch eine Politik betrieb, die generell auf Frieden fixiert war, wofür ihm von Kritikern jedoch auch die Vernachlässigung der Marine vorgeworfen wurde.

    Im Jahre 1764 hatte sich Frankreichs Schuldenberg auf den enormen Betrag von 2.325,5 Mio. Livres erhöht, was nicht zuletzt dem 1763 beendeten Siebenjährigen Krieg verschuldet war, welcher sich sowohl militärisch, als auch finanziell als Desaster darstellte. Frankreich hatte stark an Prestige gelitten.

    Bis zum Jahre 1770 scheiterten die Bemühungen um eine Reformierung, beispielsweise ein franz. Generalkataster (1764), des Staates an der innerhalb der Regierung (Choiseul) und in den Parlamenten vorherrschenden Opposition. So entschied sich Louis XV zu den entscheidenden Schritten, welche bisweilen als Revolution von 1770 bezeichnet werden. Es handelte sich um eine Revolution von oben, welche gegen den Widerstand der privilegierten Opposition gerichtet war, mit welcher der Duc de Choiseul, von Mme. de Pompadour und dann Marie Antoinette protegierter Sekretär des Äußeren und des Krieges, paktierte. Im Dezember 1770 wurde überraschend der Duc de Choiseul entlassen und auf seine Güter nach Chanteloup verbannt. Dies war eine typische Aktion des Königs, wobei er es vorzog den in Ungnade gefallenen Minister in Sicherheit zuvor zu wiegen, dass er nicht rechtzeitig rebellieren konnte.
    Der neuen Regierung stand Monsieur Maupeou als Kanzler vor.
    Die Vermählungsfeierlichkeiten des Dauphins des Jahres 1770 hatten noch nach Aussage des Generalkontrolleurs der Finanzen Terray 4 bis 5 Millionen Livres gekostet, was immerhin deutlich günstiger als angeblich befürchtete 20 Mio. gekommen war. Interessanterweise erwähnte Terray, dass am Hof nur ein paar hunderttausend Livres statt einiger Millionen zu sparen sei.
    Viele Parlamentsmitglieder wurden in die Verbannung geschickt, das ganze System grundlegend reformiert. 2 Parlamente, nämlich die von Rouen und Douais, wurden ganz aufgelöst. Stattdessen wurden die Parlamente in unabhängige Gerichte umgewandelt, wobei die Richter staatlich bezahlt wurden und überwiegend aus fachlichen Gründen ausgewählt wurden. Zeitgenossen erkannten darin einen bedeutenden Umbruch. Kostenintensive aber unnütze Posten bei Hofe wurden abgeschafft.
    Am wesentlichsten waren aber die Einschnitte hinsichtlich der Besteuerung. Zum einen wurde erneut das Projekt eines Generalkatasters von Frankreich für eine gerechte Besteuerung anvisiert. Da die Schulden als erstes Anliegen des neuen Kabinetts rasch abgebaut werden sollten, wurde die Vingtième doppelt eingezogen, was heißt, dass es eine 10 prozentige Einkommenssteuer gab, welche auch auf die Pensionen des Adels erhoben wurde und somit die Privilegierten in unbekanntem Maße hart traf und daher auch deren Widerstand hervorrief, was in den üblichen Schmähschriften gipfelte, die allerdings kaum Wirkung im Volk zeigten. Die doppelte Vingtième sollte, so der Plan, 1771 bis 1781 eingezogen werden. Bis 1781 sollte das Defizit abgebaut sein.
    Das Hauptziel war eine gerechte Besteuerung, welche durch unabhängige, nur auf den König eingeschworene Beamte, durchgeführt werden sollte. Dies war schlichtweg fiskalisch notwendig.
    Bereits 1774 war der Haushalt beinahe im Gleichgewicht, da die Reformen erfolgreich waren.*

    1774 trat unerwartet der Tod des Königs ein, der an den Pocken zugrunde ging. Rasch nach dem Tode des Herrschers wurden die im Adel verhassten und geschickten Minister der letzten Jahre von Louis XV entlassen. Die alten Parlamente wurden auf Druck der neuen Kräfte auf den jungen König, Louis XVI wiedereingesetzt. Dies gilt als „die zentrale Weichenstellung für das Ende des Ancien Régime“**. Entscheidend wirkte sich der Einfluss des alten Maurepas auf den König aus.
    Turgot wurde Finanzminister. Seine Maßnahmen führten bereits am Anfang zu Kornrevolten und weiteren Unruhen, so dass er rasch wieder entlassen werden musste.
    Zwar kam es zu bedeutenden Sparmaßnahmen. Diese betrafen vor allem das Militär. Der Kriegsminister Saint-Germain musste sämtliche Provinregimenter streichen (66), die königl. Grenadiere wurden aufgelöst, ebenso die beiden Kompanien der Musketiere (adelige Eliteeinheiten), die Gendarmarie und die leichte Kavallerie wurden reduziert usw.. Diese Aderlässe beim Militär waren besonders augenfällig, da zur gleichen Zeit die anderen europäischen Staaten ihre Heere indessen aufstockten, v.a. Preußen und Österreich und dann im Zuge des Unabhängigkeitskrieges auch die Briten.
    Am Hof wurden, wie Terray schon prophezeit hatte, nur wenig gespart - an der Hundemeute des Königs und in den Stallungen. Insgesamt kam das nur auf wenige hunderttausend Livres.

    Letztlich scheiterten allerdings die wirklichen Reformen, welche sich gegen die Privilegierten richten mussten an den wiedererstarkten Parlamenten.

    *
    O. Bernier: „Ludwig XV.“ Benziger, Zürich - Köln, 1986
    S. 500
    **
    C.P. Hartmann: „Ludwig XVI.“ in „Die Französischen Könige und Kaiser der Neuzeit“ beck’sche Reihe, München, 2006
    S. 289
     
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  3. geschichtsfan07

    geschichtsfan07 Neues Mitglied

    Ein sehr interessanter Beitrag! Entschuldige, dass ich ihn für meine Frage etwas zerrupft zitiere.

    Auch wenn Orry so eine sparsame Seele war und Fleury so ein diplomatisches Geschick besaß, erscheint es mir doch etwas komisch, dass der Spanische Erbfolgekrieg und der Siebenjährige gegenüber dem Polnischen Thronfolgekrieg in die Staatsfinanzen so "reingehauen" haben.
    Ist das an der unterschiedlichen Dauer der Kriege festzumachen?
    Wobei der Siebenjährige ja "nur" ca. 2 Jahre länger war als der Polnische Erbfolgekrieg.
    Dann wäre, bspw. in dem selben Vergleich, die Frage wie intensiv Frankreich sich beteiligt hat. Im 7-jährigen war das ja ein starkes Stück gegen die Engländer. Wie war das beim Polnischen Erbfolgekrieg? Du hast geschrieben, dass Frankreich sich auch da maßgeblich beteiligt hat. Kann man das in einem Verhältnis zum 7-jährigen zum Ausdruck bringen?

    ...knallhart nachgefragt :D
     
  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Poln. Thronfolgekrieg

    Mir gefällt die Nachfrage.

    Man muss beim Polnischen Thronfolgekrieg allerdings beachten, dass es kaum zu größeren Kampfhandlungen kam. Man manöverierte an der Grenze am Rhein. Hier kam es vor allem zu Belagerungen. Philippsburg und Kehl wurden von den Franzosen eingenommen. Große Feldschlachten blieben auch wegen der Zurückhaltung des Prinzen Eugen, der mittlerweile schon recht betagt war und kurz vor seinem Tod (1736) stand, zum Glück aus. Bereits 1735 kam es zum Wiener Präliminarfrieden, der im Grunde schon das Tor zum Frieden öffnete. Worum es ursprünlich ging war der Thronerwerb in Polen, worum sich Stanisław I Leszczyński bemühte. Allerdings sah sich dieser einer russisch-sächsischen Übermacht gegenüber und floh schon 1734 wieder. Eine militärische Intervention Frankreichs direkt in Polen war wohl nicht machbar.
    Der Hauptkriegsschauplatz war Italien. Dort siegten Franzosen und Savoyarden 1734 in der Schlacht bei San Pietro und erneut bei Guastalla. Einen Teil der Last der Kämpfe trugen in Italien neben den Savoyern auch die Spanier, die in der Schlacht bei Bitonto siegten. Bis 1736 war der Schwiegervater von Louis XV überzeugt worden auf seine Anrechte auf die polnische Krone zu verzichten.
    Die Jahre zwischen 1736 und 1738 waren vor allem erfüllt von den sich hinschleppenden Verhandlungen, denn ähnlich wie bei allen ähnlichen internationalen Konflikten dieser Zeit mit sovielen Beteiligten mussten ja ersteinmal alle Konfliktparteien den Abmachungen zustimmen, welche dann im Grunde auf die wesentlichen Beschlüsse des Präliminarfriedens von 1735 hinausliefen: der König Stanisław I. Leszczyński wurde mit Lothringen und Bar entschädigt und Friedrich August II. wurde als August II. von Polen durch Frankreich akzeptiert.
    Schon 1737 war eigentlich der Frieden in Wien abgeschlossen worden, wurde dann aber erst im November 1738 verkündet. Eine Rolle spielte wohl auch, dass der letzte Medici (Gian Gastone de Medici(1671-1737)) als Großherzog in der Toskana erst im Juli 1737 verstarb und damit erst sein Staat als Verhandlungsobjekt wirklich frei wurde.
    Auch wenn Frankreich starke Verbündete hatte, war es die treibende Kraft auf der Seite von Stanisław I. Leszczyński. Frankreich hatte traditionelle Interessen in Polen und wollte den Vormarsch des russischen Einflusses in der Region verhindern, was letztlich durch die Entfernung kaum machbar war (man denke an die Versorgungsprobleme der damaligen Armeen über so große Distanzen wie sie dann die Franzosen in Böhmen und Friedrich II. in Mähren im Österreichischen Erbfolgekrieg hatten).
    Mir verhältnismäßig geringen Verlusten war der französisch-spanischen Allianz ein deutlicher territorialer Zugewinn gelungen (Lothringen und Bar für Frankreich, Neapel und Sizilien für Spanien). Die Briten hatten sich, anders als von Karl VI. erhofft, nicht an dem Krieg beteiligt. Außerdem gelang es Frankreich diplomatisch einige etwaige Verbündete des Kaisers zu neutralisieren (wie die Wittelsbacher).

    Der Siebenjährige Krieg hingegen wurde von Frankreich auf 2 Kriegsschausplätzen ausgefochten: in den Kolonien in Amerika und Indien und in Deutschland. Gerade für den Kampf in den Kolonien musste eine große, teure Flotte eingesetzt werden, die bis auf wenige Ausnahmen von den Briten geschlagen wurde. In Deutschland erlitt Frankreich nach einem erfolgreichen Auftakt des Krieges dann eigentlich nur noch empfindliche Niederlagen (Minden, Krefeld usw.).
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Dezember 2011
  5. geschichtsfan07

    geschichtsfan07 Neues Mitglied

    Fällt Dir was auf? Ein kleiner Tippfehler hat sich eingeschlichen. ;)

    Im Vergleich Spanischer Erbfolgekrieg und 7-Jähriger - welcher war kräfteraubender für Frankreich? Kann man das so sagen, auch unter Berücksichtung der dazwischen liegenden Zeitspanne? Wie ist hier das Verhältnis von Intensität und Dauer?
    Spiegeln sich derartige Ergebnisse in den dafür angefallenen Kosten 1:1 wieder oder müssen weitere Punkte in eine solche Betrachtung aufgenommen werden.

    Nach den Briefen der Madame de Pompadour hatte sich schon eher deutlich gezeigt, dass Frankreich nicht gut aus dem 7-Jährigen rauskommen wird. Wäre es überhaupt denkbar gewesen, dass eine Großmacht vorzeitig sich herausnimmt, um den Schaden zu begrenzen oder haben das Verträge und auch das eigene Selbstverständnis von der Macht Frankreichs diesen Schritt verhindert. Ist bekannt, dass es solche Pläne gab, auch in Hinblick auf die Finanzen?
    Mir drängt sich zudem die Frage auf, ob eine Großmacht Europas überhaupt von vorn herein "Nein" sagen durfte, wenn ein neuer Krieg aufflammte und die Nachbarn mit Verträgen und Verhandlungen an die Tür klopften.
     
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1.
    Stimmt, einer der Fehler übrigens, die mich selber normalerweise sehr nerven.
    Ich meine natürlich August III. von Polen.

    2.
    Das ist für mich schwer zu sagen. Auf der einen Seite war natürlich Frankreich im Spanischen Erbfolgekrieg relativ allein gegen eine österreichisch-britisch-niederländische Allianz. Spanien konnte man im 18.Jh. militärisch m.E. als Faktor relativ vergessen. Natürlich gab es im Spanischen Erbfolgekrieg gewaltige Massenschlachten wie bei Malpaquet und Oudenaarde, die größer waren als die bei Minden und Krefeld. Auf der anderen Seite verschlang die Marine im Siebenjährigen Unsummen. Wie es im Spanischen Erbfolgekrieg aussah, vermag ich nicht zu sagen.

    3.
    Die Kosten eines Krieges setzen sich sicherlich aus verschiedenen Faktoren zusammen. So war es besonders teuer wertvolle Kriegsschiffe zu ersetzen. Aber auch wenn ganze Heere durch Krankheiten oder Verluste in Schlachten vernichtet wurden, mussten nicht nur neue Soldaten ausgehoben, sondern diese selbstverständlich auch ausgerüstet und bekleidet werden. Die Menge der Truppen, welche bezahlt und verpflegt werden musste, was im Kriege auch weitaus größer, teilw. 2 oder 3 mal so groß wie die Friedensarmee, v.a. weil auch sowas wie Provinzregimenter bei den Franzosen dann mobilisiert wurden.
    Hatte Louis XIV schon im Krieg 1678 280.000 Mann unter Waffen, so waren die Truppen natürlich im Spanischen Erbfolgekrieg noch weitaus mehr. So soll er im Spanischen Erbfolgekrieg 680.000 Soldaten aufgeboten haben, bei einer Bevölkerungszahl von etwa 24 Mio. und in Anbetracht, dass Ausfälle in den Feldzügen immer wieder ersetzt werden mussten, eine gewaltige Zahl. Jedenfalls hatte Louis XV während des Siebenjährigen sicherlich kein so großes Heer.
    Die Armee sollte unter Louis XV bei einer Friedensstärke von 130.000 Mann exkl. der Milizen auf 360.000 Mann gebracht werden.*

    4.
    Am Beginn des Krieges hatte sich Frankreich mit der Konvention von Zeven ja fast schon Großbritanniens entledigt.
    Wenn man sich den Spanischen Erbfolgekrieg anschaut, dann sieht man am Beispiel Englands schon, dass es möglich war, sich aus einem Krieg zurück zu ziehen (Österreich hätte ja beinahe alleine weiter gemacht).

    *
    Franz A. J. Szabo: "The Seven Years War in Europe, 1756-1763" Pearson Education, 2008
    S. 31
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Interessantes Thema, Danke für die bisherigen Beiträge.

    Ist dieser link bekannt?
    European State Finance Database

    Mit der Suchmaske french/1700/1800 lassen sich einige Budgetdaten generieren: "French ordinary revenue and expenditure, 1727-1814". Autorenverweise für die Studien sind angegeben.
     
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  8. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Vielen Dank für den Hinweis, auch wenn ich es prima gefunden hätte, wenn Du die entsprechenden Zahlen direkt reingeschrieben hättest.:rotwerd::pfeif:

    Was mir vorliegt sind ja vor allem zeitgenössische Schätzungen.

    Von Necker gab es ja die erste öffentliche Darstellung der Staatseinnahmen und dergleichen.
    Wobei es beinahe erstaunt, wie genau man da verfuhr, wenn damals ja bspw. die Schätzungen über die Zahl der Adeligen in Frankreich schon so weit auseinander gingen (trotz der "recherches").
     
  9. excideuil

    excideuil unvergessen

    Ein sehr schönes Thema!

    Konkrete Zahlen liegen mir leider nicht vor, nur ein paar allgemeine Einschätzungen:
    "Nach dem Ende der Law-Affäre im Jahre 1720 folgte bis 1740 eine der glücklichsten Zeiten des Ancien régime. Die Steuern wurden nicht nur nominal, sondern real gesenkt; die Ausgaben fielen auf einen Gegenwert von 800 Tonnen Feinsilber zurück, und einige Jahre konnte man den Haushalt ausgleichen." [1/Seite 403]

    Auf Seite 421 heißes dann: ... gelang es dem französischen Staat durch die Law-Affäre eine spürbare Verringerung der von L. XIV. ererbten Staatsschuld; außerdem konnte man die Steuern auf einem ziemlich niedrigen Niveau halten."

    Das passt zu dem, was ich an anderer Stelle mal gelesen habe, aber auf die Schnelle nicht finde, dass sich die Staatsschuld halbiert hätte.

    Zu den Ausgaben des Staates schreibt Tulard:
    "Die Inflation trieb die Staatsausgaben ständig in die Höhe, von 200 Millionen im Jahre 1740 auf 630 Millionen im Jahre 1788. Die Aufblähung der Pensionen für Günstlinge trugen ebenfalls ihren Teil dazu bei. Auch der Krieg in Amerika, dessen Kosten auf 2 Milliarden Livres berechnet wurden, war nicht geeignet, die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Fast die Hälfte aller Geldausgänge aber stammte aus Zinslasten, da die Monarchie allzu zahlreich Anleihen aufgelegt hatte." [2/ Seite 41]

    Besonders die Ausgaben für den Krieg in Amerika haben mich erstaunt, war ich doch bisher der Ansicht, dass dies nur ein eher unbedeutender Posten sei, wieder etwas dazugelernt!

    Grüße
    excideuil

    [1] Meyer, Jean: Geschichte Frankreichs Band 3: Frankreich im Zeitalter des Absolutismus 1515-1789, DVA, Stuttgart, 1990
    [2] Tulard, Jean: Geschichte Frankreichs Band 4: Franreich im Zeitalter der Revolutionen 1789-1851, DVA, Stuttgart, 1989
     
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  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ein paar Fragen hätte ich zu den hier genannten Aspekten.

    Die Inflation trieb doch vor allem den Ziffern nach die Staatsverschuldung in die Höhe. Wenn das Geld an Wert verliert und man mehr Geld braucht um etwas zu erwerben, dann heißt das bei Steuern, die prozentual erhoben wurden, doch auch, dass diese Steuern mit der Inflation stiegen. Du verstehst, was ich meine? Wo ist da also das Problem mit der Inflation?

    Dann zu den Pensionen: Wurden diese vermehrt? Ich meine, kamen mehr Personen jeweils in den Genuss der Pensionen? Gab es nicht den Gedanken, dass man die Pensionen deckelte, also z.B. zu einem Zeitpunkt nur 200 Pensionen zuließ, dass also weitere nur vergeben wurden, wenn "Pensionäre" weggestorben waren? Ich stelle mir das vor wie mit den Offiziersposten. Natürlich jammerten viele Adelige danach, eine Beförderung oder ein Pöstchen überhaupt beim Militär zu erhalten. Aber dennoch konnte es letztlich doch nur soundsoviele Offiziere pro Regiment geben.
    Es war natürlich dann schwierig, wenn ein Teil des Haushaltes auf den Verkauf von Offiziersstellen für einige zigtausend Livres oftmals für jeden Posten ausgerichtet war, dass Regimenter eingespart wurden, womit ja auch die Offiziersstellen wegfielen.

    Die Anleihen hängen ja mit finanziellen Problemen zusammen. Wenn der Staat Geld brauchte, musste er nunmal Anleihen loswerden. Aber das ist ja kein strukturelles Problem, sondern lediglich eines der Finanzmisere an sich. Heißt, wenn der Staat sich hinlänglich über Steuern finanzierte und noch Überschüsse gewann, konnte er die Anleihen sicherlich auch zurückkaufen. Wurde das nicht auch begriffen?
     
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  11. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Ich möchte es mal nicht an Jahreszahlen fest machen.
    Frankreich hatte unbestritten ein Finanzproblem. Aber woran lag es?
    An der Einnahmenseite oder an der Ausgabenseite? Wie üblich wohl an beidem.
    Auf der Einnahmenseite war erst einmal die Steuerfreiheit des Adels zu nennen.
    Das wurde versucht zu ändern, konnte aber durch den Wiederstand des Adels nicht durchgesetzt werden.
    Auf der Ausgabenseite ist der sehr aufwendige Hof in Frankreich zu sehen, mit etlichen Hofämtern. Die Inhaber der Ämter wurden für geringe Gegenleistungen fürstlich belohnt.
    Der aufwendige Hof war wohl notwendig um den Hochadel an den König zu binden, ansonsten hätten Adelsrebellionen gedroht. Siehe die Geschichte Frankreichs im MA. Dort hatte ein selbstständiger Adel gemacht was er wollte, ohne auf den König zu hören.
    Zum anderen waren wohl die Beamtenstellen so gut wie vererbbar, was nicht für eine effektive Verwaltung spricht.

    Apvar
     
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die oben verlinkten Seite zu dem verfügbaren Datenmaterial der Haushalte gibt auch Hinweise auf Einnahmen- und Ausgabenstrukturen.

    Die früher wohl häufig anzutreffende Meinung, es hätte am Hof bzw. Hofstaat gelegen, ist auch schon mal im Forum diskutiert worden. Das Ergebnis war nmE so, dass dies wohl insgesamt unwesentlichen Ausgabenposten gewesen sind.
     
  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Bei Hobsbawn (Age of Revolution, S. 58) findet sich der Hinweis, dass es 1788 bei ca. 6 Prozent für die Hofhaltung in Versailles lag.
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Danke für den Hinweis!

    Das ist zwar viel, reicht aber wohl nicht zur Zerrüttung der Finanzen. Die Ursachen wird man dann bei den 94 % für Rüstung, Annuitäten etc. suchen können.
     
  15. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Hast Du meinen Text gelesen?

    Die Steuerfreiheit des Adels war doch auch eher eingeschränkt, trifft jedenfalls weder für den gesamten Adel, noch für die gesamte Zeit zu.
     
  16. AnDro

    AnDro Neues Mitglied

    Wurde hier schon auf "James C. Riley: The Seven Years War and the Old Regime in France. The Economic and Financial Toll, Princeton 1986" verwiesen? Seine Schlussfolgerung ist schon sehr interessant:
    "The risks in going to war were political more than economic. Searching in the way followed here, using existing evidence about the economy, it is difficult to find any area of the economy in which the Seven Years War involved substantial costs. In neither the visible areas of economic impact about which the authorities worried - especially the money supply - nor the invisible areas - the scale and trend of economic resources construed more broadly than money - has this investigation uncovered evidence of large and immediate costs." (Riley 1986, S. 224)
    "But taken individually and together these effects do not amount to enough to have made war an economic event of profound and immediate importance. War brought some costs, but its aggregate economic effects were mild. " (Riley 1986, S. 226)

    Die großen Flottenoperation spielten sich in Europa ab. Zu nennen wäre da die erfolgreiche Landung auf Menorca - samt gewonnener Seeschlacht - 1756. Es folgten 1759 die Niederlagen von Lagos und Quiberon. Lagos und Quiberon stehen mit der geplanten Invasion Englands im Zusammenhang. Den französischen Aufwand zur Rettung der Kolonien in Nordamerika könnte man eher als sparsam bezeichnen. 1760 gab es auch noch eine kleine Landung in Irland, bei der die Stadt Carrickfergus kurzzeitig besetzt wurde. In Indien gab es wohl 1758 zwei größere Seeschlachten zwischen Franzosen und Briten.
    Man kann im Prinzip von 5 Kriegsschauplätzen ausgehen (Deutschland, Indien, Nordamerika, Invasionsvorbereitungen für England, Abwehr von Landungsunternehmen der Briten in Frankreich und später noch Spanien/Portugal).

    Ich habe zumindest subjektiv den Eindruck, dass der spanische Erbfolgekrieg als verlustreicher wahrgenommen wurde. Beim Einsatz der französischen Truppen in Deutschland 1757-1762 spielte auch immer das Kalkül mit rein, dass Österreich nicht zu mächtig werden sollte. Insofern wäre es nur logisch, wenn man sich nicht verausgabt hätte.
     
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  17. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Im Notfall kann jeder Staat bankrott gehen. Kriege waren ja der Grund für den bankrott und nicht zu große Sozialsysteme.
     
  18. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Generalkontrolleur Terray war es, glaube ich, der sogar sagte, ein Staat müsse einfach alle hundert Jahre bankrott gehen, damit man die Staatsfinanzen wieder in Ordnung bringen könne oder so ähnlich.
     
  19. excideuil

    excideuil unvergessen

    Die "andere Stelle" habe ich zwar nicht wiedergefunden, dafür aber ein ganz anders Buch. Im dtv Atlas Weltgeschichte finden sich ein paar Zahlen zu den Staatsschulden, zwar in % bezogen auf 1789=100 % dennoch sehr hilfreich, hat sich doch in anderen Freds erwiesen, dass sich damalige und heutige Währungen nur sehr bedingt vergleichen lassen.

    1683: 22%
    1715: 86%
    1722: 50%
    1739: 36%
    1763: 62%
    1774: 67%
    1789: 100%
    Das bestätigt, dass während der Régence und den ersten Jahren der Regierung Ludwig XV. es gelang, die Staatsschulden bedeutend zu senken und dass die militärischen Auseinandersetzungen Frankreich an die Grenzen der finanziellen Belastbarkeit brachten. Im Grunde ein Beweis, wie kontraproduktiv sich Kriege für die Staatsfinanzen auswirken.

    Grüße
    excideuil

    Quelle: Kinder, Hermann/Hilgemann, Werner: dtv-Atlas Weltgeschichte, dtv, München, Bd. 2: 23.Auf. 1989, Seite 16
     
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  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Sehr interessante Informationen, die da zusammen kommen.

    Ich möchte noch auf eine Publikation aufmerksam machen, die offenbar exakt zum Thema passt:
    Before the Deluge: Public Debt ... - Michael Sonenscher - Google Bücher

    Before the Deluge: Public Debt, Inequality, and the Intellectual Origins of the French Revolution - Michael Sonenscher, 2009

    Kennt das jemand?
     

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