Französische Revolution- eine Notwendigkeit?

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von Lena N., 12. Januar 2013.

  1. Lena N.

    Lena N. Gast

    Hallo!
    Die Französische Revolution war ja mehr oder wenig ein Akt der Verzweiflung.
    Die Delegierten haben ja versucht eine politisch- friedliche Lösung zu finden, aber der Klerus und er Adel haben nicht reagiert und noch sogar die Dummheit besessen das Volk durch ihr Handeln aufzuhetzen.
    Jetzt meine Frage:
    Ist die Brutalität der Revolution nicht gerechtfertigt?
    Sie Haben ja versucht eine andere Lösung zu finden, aber es hieß verhungern oder essen...
    Rechtfertigt das die Gewalt und Brutalität bei Revolutionen generell?
    Wie ist es möglich die herrschende Klasse mit all ihren Mitteln ohne Gewalt zu "besieen" bzw. einfach nur Gerechtigkeit und Brot zu fordern?
    Hätte es eine französische Revolution ohne Gewalt hätte geben könnenBin gespannt aug eue Antwort, schon mal vielen Dank
    Lena
    PS: Entschuldigt die unqualifizierten Fragen.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ob man Klerus und Adel so sehr auf monolithische Blöcke reduzieren darf, bezweifle ich mal, es ist aber wohl so, dass beide Stände, gerechtfertigt oder nicht, so in Revolutionszeiten von breiten städtischen Schichten wahrgenommen wurden. Dass die damaligen Protagonisten dumm handelten, mag man - gerade in der Rückschau - so sehen. Sie handelten auf jeden Fall in ihren Möglichkeiten und in ihrer Standesideologie gefangen.
    Was nun das Urteil angeht, ob die Brutalität* der Revolution gerechtfertigt sei, so ist die Frage, welche Brutalität du meinst? Der Terreur 1792 lässt sich jedenfalls nicht mit der Teurung 1789 rechtfertigen.
    Die Frage, die du dir ggf. stellen solltest ist, zur Stillung welches Bedürfnisses die Brutalität notwendig war.
    Außerdem: War die Brutalität notwendig, um die Familie satt zu bekommen? Oder war sie notwendig um z.B. ein Rachebedürfnis zu befriedigen? Welche Handlungsalternativen hatten die Beteiligten und wie war das allgemeine Rechtsempfinden zur damaligen Zeit?

    Ich greife den Terminus Brutalität von dir angesichts der Mehrdeutigkeit von Gewalt auf (~enteilung, legislative ~, judikative ~, exekutive ~).
     
  3. Hetairos

    Hetairos Neues Mitglied

    Aus politiktheoretischer Sichtweise betrachtet, war der Terror für Robespierre notwendig, um der Bevölkerung die Tugend einzuimpfen, die seiner Auffassung nach notwendig war, um eine Republik herzustellen. Er hat den Tugendgedanken Rousseaus also mit bewusst mit dem Terror verbunden. Insofern gab es für Robespierre keinen anderen Weg und die Gewalt war gerechtfertigt.

    Die Idee die Ideale der Revolution ohne den Terror zu verwirklichen kam erst später bei Hegel.
     
  4. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    "Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben
    Und Sünd und Missetat vermeiden kann
    Zuerst müßt ihr uns was zu fressen geben
    Dann könnt ihr reden: damit fängt es an."

    aus B. Brechts Dreigroschenoper

    Brecht: Ballade
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es war vor allem die Dynamik der Ereignisse, die die Gewaltspirale drehte. Und das temporäre Momentum, das sie erreichen konnte, war teilweise auch durch die "puristische" Sichtweise von Robespierre verstärkt.

    Die Dynamik der Ereignisse ist auch teilweise dadurch zu erklären, dass es keine "konservative Mitte" gab, die einen Ankerpunkt und ein Trägheitsmoment in den Ereignissen um den "Terreur" hätte bilden können. Einen wichtigen Beitrag zur Radikalisierung der Positonen hatten dabei die Sansculotten in Paris, die teils als "Antreiber" der zentalen politischen Akteure in Erscheinung traten, teils durch diese in ihrer Militanz angestachelt wurden. Auch unter dem Gesichtspunkt der Instrumentalisierung gegen die wechselnden innenpolitischen Gegner.

    OT: Wobei erkenntnistheoretisch interessant ist, dass dieses Faktum des "Terreur" im Wissensbestand der Meisten anzutreffen ist, nicht aber die Vorgänge um den Bürgerkrieg in Vendee.

    Aus "machttheoretischer Position" war es für die dynamisierenden "Agenten" ("revolutionären Subjekte"/Handelnden) subjektiv notwendig, um politisch überleben zu können, ihre innenpolitischen Gegner in Paris zu bekämpfen, zudem die royalistischen Gegner im Vendee, sowie im Rahmen des Krieges gegen die Koalition aus Ö-U und Preußen (vgl. Teilnahme französischer royalistischer Kontingente an der Schlacht bei Valmy).

    Es ist dabei eine gewisse "Ironie" der Geschichte, dass den Kampf gegen die "Konterrevolution eine zwingende Notwendigkeit darstellt, um eine neue "kollektives Bewußsein" als neue revolutionäre Mentalität zu entwickeln (vgl. entsprechenden Analyse zur Bedeutung des Bürgerkrieg für die Bolschewiki).

    Ergänzt wird dieses durch den starken "Symbolgehalt" (vgl. Lynn Hunt: Symbole der Macht) deutlich illustriert an dem hohen politischen Stellen (der militärische war gering) des Sturms auf die Bastille.

    Und an diesem Punkt hat Hetairos durchaus Recht, dass es um eine neue, alternative Kultur in Frankreich ging, die das Denken in der Legitimation von Gesellschaft und Politik durch Kirche und durch die Krone ersetzt.

    Ansonsten wurde bereits versucht, diese sehr komplizierte Thema ein wenig zu spezifizieren.

    http://www.geschichtsforum.de/f72/g...rz-und-die-rolle-der-gewalt-38262/index3.html

    Und nein, es hätte keine Französische Revolution ohne Gewalt geben können. Auch in England erfolgte die "Glorious Revolution" und auch die amerikanische mit Hilfe von Gewalt.

    Revolutionen entspringen nicht aus den persönlichen Präferenzen der Handelnden. Sondern "Geschichte sucht sich immer den Handelnden, den sie für die entsprechende Situation benötigt". Damit soll gesagt werden, dass Revolutionen in den Prozess der universellen Modernisierung von Gesellschaften eingebunden sind. Das umfaßt die Gesellschaftstruktur, gemeint sind ihre Stände, Schichten oder Klassen, das betrifft die Agrarstruktur und die Struktur von Industrie und Handel.

    Je stärker dieses Zusammenspiel der zentralen gesellschaftlichen Netzwerke gestört ist, je unzufriedener die betroffenen Bürger sind und je stärker das herrschende Regime durch Kriege geschwächt ist und keinen politischen Willen zur Unterdrückung einer Revolution mehr aufbringen kann, desto wahrscheinlicher ist eine erfolgreiche Revolution (vgl. die Arebiten von C. Tilly oder von M. Mann).

    http://books.google.de/books?id=P3P...a=X&ei=scLxUMPCMsfntQaWjYHIBQ&ved=0CDcQ6AEwAQ

    http://books.google.de/books?id=_r3...a=X&ei=-cLxUOmrOs3Rsgae9IG4Aw&ved=0CDUQ6AEwAQ
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Januar 2013
  6. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    DieFragen sind nicht unqualifiziert sondern im Prinzip sehr interessant :)
    Die generelle Frage ist :
    Kann es überhaupt eine Revolution ohne Gewalt geben und falls man dies bejahen will,hätte es zur damaligen Zeit eine Revolution ohne Gewalt geben können ?
    Ich würde das ganz klar mit Nein beantworten, denn damals standen sich zwei völlig konträre Systeme von Staatsverständnis gegenüber.
    Zum einen die absolutistische Staatsidee,die auf Gottesgnadentum und ständischer,"gottgewollter" Ordnung beruht und zum anderen die demokratischen Ideen eines säkularen Staates beruhend auf den "naturgegebenen" Prinzipen von Freiheit,Gleichheit , Brüderlichkeit die aus Rationalismus und Aufklärung entstanden sind.
    Wir haben also hier nicht nur zwei gegensätzliche Systeme sondern auch zwei Ideologien , die die Ideologie der Gegenseite quasi als Sakrileg ansah.
    Unter diesen Voraussetzungen war eine evolutionäre Entwicklung oder eine friedliche Annäherung beider Lager de facto nicht möglich.
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es geht nicht um eine Rechtfertigung von Gewalt. Es geht aussschließlich um das Verständnis des sozialen Wandels im Rahmen von Modernisierungsprozessen.

    Und an diesem Punkt macht Eley deutlich, dass die heutige Situation, die Errungenschaft von Demokratie, das Ergebnis eines sehr harten politischen Kampfes war. Und Revolutionen wichtige Zäsuren bildeten auf dem Weg zu diesem Zustand.

    "Let there be no mistake: democracy is not "given" or "granted". It requires conflict....in which the given sociopolitical order breaks down". In Europe, democracy did not result from natural evolution or economic prosperity. It certainly did not emerge as an inevitible byprodukt of individualism or the market. It developed because masses of people organized collectively to demand it".

    Forging Democracy: The History of the Left in Europe, 1850-2000 - Geoff Eley - Google Books

    Unabhängig davon, dass Gewalt im instrumentellen Sinne, die Erreichung von politischen Zielen im Rahmen von Revolutionen erst ermöglicht hat, bildete die Gewalt, als verselbständigte Kultur der Gewalt, auch die Basis für den Untergang der durch den Prozess der Revolutionen erzeugten gesellschaftlichen Formationen. Wie im Fall der FR und der RR deutlich wird, und geht in ein autokratisches Regime über (Bonapartismus bzw. Stalinismus), um letzlich an seinen inneren Widersprüchen zu zerbrechen, wie 1815 bzw. 1989.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Januar 2013
  8. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Guter Beitrag. Wobei gerade die von Dir genannte Zahl "1989" deutlich macht, dass man falsch liegt, wenn man Eley´s "conflict" mit "Gewalt" übersetzt. Deshalb ist Dein Hinweis, dass Gewalt die Erreichung von Revolutionszielen ermöglicht hat, zwar richtig aber missverständlich. Man könnte daraus schließen, dass Gewalt zwingend ein Teil von Revolution ist.

    Wenn wir Revolution als gesellschaftliche Umwälzung "von unten" definieren (Umwälzung von oben wäre eher Putsch oder Umsturz), dann setzt Revolution zunächst voraus, dass die Menschen "da unten" einen gesellschaftlichen Wandel für wünschenswert halten und ihn darüber hinaus notwendig finden. Genau da liegt das Problem, denn Menschen neigen dazu, sich aus ganz persönlichen Gründen mit ihrer Lebenssituation zu "arrangieren". Erst das Fressen, dann die Moral. Das Phänomen der Leibeigenschaft im Feudalismus ist ein Beleg dafür. Es gab Revolutionäre, die der Auffassung waren, dass Gewalt notwendig ist, um die "rechtlose Masse" aus ihrem Wunsch, einfach nur (konfliktfrei) irgendwie zu leben, gleichgültig wie, herauszureißen. Das kann funktionieren, muss aber nicht. Bei der kubanischen Revolution ist dieser Plan aufgegangen. Der gleiche Versuch der deutschen RAF ist fehlgeschlagen, weil "die Masse" den gesellschaftlichen Wandel nicht wünschenswert und schon gar nicht notwendig fand.

    Ob eine Revolution gewaltsam oder friedvoll abläuft, hängt dann noch von zwei weiteren Faktoren ab.

    Erstens: Gibt es ein bekanntes "alternatives" Staatsmodell, an dem sich die Revolution orientieren kann? Gibt es kein Alternativmodell, bleibt der Wille zum Wandel erstmal ziellos und führt dann notgedrungen in viele unterschiedliche Richtungen - nach dem Motto "Versuch und Irrtum". Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Gewalt als Mittel eingestuft wird. Das war in Frankreich der Fall. Die Französische Revolution hatte keine Vorbilder. Sie war der "erste Versuch".

    Zweitens: Wie ist eine (Zivil-)Gesellschaft auf gesellschaftlichen Wandel vorbereitet? Gibt es allgemein akzeptierte Mechanismen, mit deren Hilfe "Wandel strukturiert" werden kann? Ich behaupte, dass in keiner modernen europäischen Gesellschaft eine "Revolution" zwangsläufig mit Gewalt verbunden sein muss. Wir haben zahlreiche Mechanismen entwickelt, die Konflikt ohne Gewalt ermöglichen. Dass ich hier die europäischen Gesellschaften anspreche, bedeutet übrigens nicht, dass ich die Existenz solcher konfliktregelnden Mechanismen außerhalb Europas ausschließen würde. Auf Europa habe ich nur verwiesen, weil ich eben Europäer bin. Jedenfalls gilt auch bezüglich "Zweitens", dass die Franzosen bei Beginn der nach ihrem Land benannten Revolution keine Methoden eingeübt hatten, mit deren Hilfe sich "Krach" zwischen großen gesellschaftlichen Gruppen ohne Totschlag beilegen lassen würde.

    Neben diesen beiden Punkten gibt es noch viele andere.

    So gesehen war es weder notwendig noch gerechtfertigt, dass die Französische Revolution blutig verlief. Es war nur wahrscheinlich.

    Und unbestreitbar richtig ist die Einschätzung von @thanepower, dass Gewalt, wenn sie einmal begonnen hat, Eigendynamik entwickelt. Krieg ist wie ein lebendes Wesen mit Zähnen. Lässt man es unkontrolliert wachsen, wird es irgendwann stark und unkontrollierbar selbständig. Anders ausgedrückt: Die Revolution frisst ihre Kinder. Eigentlich ein schräges Bild. Korrekt müsste es heißen: Die Revolution frisst ihre Eltern.

    MfG
     
    1 Person gefällt das.
  9. Lena N.

    Lena N. Gast

    Du hast natürlich recht, dass das Rechtsempfinden der damaligen Zeit sehr auf dem "Lynchniveau" war. Aber wenn du dir die Verhältnisse heute anschaust- ist es nicht viel besser.
    Zur Brutalität:
    Ich meinte eigentlich die Brutalität allgemein. Bevorzugt ab die der "Fischweiber", die durch die Straßen gezogen mit geschminkten Köpfen von toten Wächtern aus Versailles, aber ide aufgeladene Stimmmung generell.
    Und natürlich wäre das- siehe Satz oben, nicht nötig gewesen. Aber um Brot zu bekommen war eine Revolution nötig. Das ist meiner Meinung nach nicht zu leugnen.

    Danke
    Lena
     
  10. Lena N.

    Lena N. Gast

    Ja, aber man kann nicht behaupten das Robespierre der einzige politische Propagandist war.
    Wenn du an ach seine Name ist mir entschwunden....
    Aggressiven Zeitungsverleger denkt. Der, der schon in der Kanalisation gelebt hat und voller Hass war. Seine Zeitungen war sehr provokant, aggressiv, pöbelhaft und unzivilisiert.
    Und wie siehst du das Ganze aus dem nicht- philosophischen Blickwinkel?

    Danke und Viele Grüße
    Lena
     
  11. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Mit Philosophie hat das gar nichts zu tun. Das war "praktische Politik". Der Terrorherrschaft lag ein Beschluss des Nationalkonvents zugrunde, mit massiven Zwangsmaßnahmen gegen Jeden vorzugehen, der im Verdacht stand, die Revolution nicht zu befürworten. Der besagte Beschluss führte dazu, dass sich zigtausend "Überwachungsausschüsse" bildeten, die zehntausende von Menschen aufs Schafott schickten.

    MfG
     
  12. General Höhl

    General Höhl Gesperrt

    Nun dies ist deine Meinung. Aber ob die Revolution wirklich hätte sein müssen um Brot zu bekommen?

    Weiß den jemand zufällig ob es bestimmte Pläne gegen den Staatsbankrott und der Hungersnot gab?
     
  13. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    @General Höhl

    Was ist denn deine werte Meinung?

    Ein Blick auf ein paar Fakten ist vielleicht hilfreich. Nehmen wir einmal die französische Ständegesellschaft.

    Die französische Ständegesellschaft setzte sich aus drei Ständen zusammen.

    1.Stand Klerus:
    Dazu gehörten Bischöfe, Pfarrer und Mönche. Der 1.Stand umfasste 130.000 Menschen. Dem Klerus gehörten aber 30 % des Grundbesitzes und er trug 11% zu dem Steueraufkommen bei.

    2.Stand Adel:
    Der Adel umfasste dem Hofadel von Versailles, den Amtsadel, den Landadel, die Offiziere und königlichen Beamten.
    Der 2.Stand umfassten 350.000 Menschen. Dem Adel gehörten 45 % des Grundbesitzes und trug 1% zum Steueraufkommen bei.

    3.Stand Bürgertum und Bauern:
    Zum 3.Stand gehörten Bauern, Ärzte, Handwerker, Einzelhändler, Anwälte, Notare, Schriftsteller Fabrikanten etc.
    Der 3.Stand umfasste 24.000.000 Menschen. Dem 3.Stand gehörten 25% des Grundbesitzes und trug 88% zum Steueraufkommen bei.
    Im 3Stand gab es nur wenige Großgrundbesitzer und Kleinbauern. Nicht sesshaft Bauern mussten betteln.

    Glaubst du allen Ernstes, der 1.und 2.Stand hätten freiwillig mehr Steuern gelöhnt?
    Sehen wir uns das Schicksal eines nicht unbedeutenden Finanzpolitikers an:

    Anne Robert Turgot war der bedeutendste Wirtschafts- und Sozialpolitiker Frankreichs im 18.Jahrhundert. Er wurde 1774 von Ludwig XVI. zum Finanzminister ernannt. Bereits als Intendant, das war ein Bevollmächtigter des Königs in einem Bezirk, dem das Finanz- und Justizwesen und die Polizei des jeweiligen Bezirks unterstand, von Limoges hatte Turgot einen Teil der Reformen erprobt, mit denen er nun das Land modernisieren wollte. Seine Hauptziele waren Steuergerechtigkeit, Herstellung der Handels- und Gewerbefreiheit und die Verstaatlichung des Armen- und Unterrichtswesens. Die Staatsfinanzen wollte er in Ordnung bringen ohne Staatsbankrott, ohne Steuererhöhungen, ohne Anleihen, allein durch Einsparungen und bessere Ausschöpfung der bestehenden Steuer. Als wichtiges Fernziel strebte er eine gerechtere Besteuerung sämtlicher Einkommen, auch des 1. und 2.Standes an. So schrieb er kurz vor Übernahme seines Amtes an dem König:“ Sie müssen beachten, Sire, woher Sie das Geld bekommen, das Sie an die Höflinge verteilen. Sie müssen das Elend berücksichtigen, denen man das Geld entreißen muss. Mit den Einsparungen fing Turgot bei sich selbst an, in dem er sein Gehalt um 50% kürzte.

    In wenig mehr als einem Jahr gelang es ihm Schulden des Staates drastisch zu senken und erste Wirtschaftsreformen beispielsweise die Abschaffung der Wegefronen für den Staat, durch welche die Bauern mit eigener Hand und ohne Bezahlung die öffentlichen Wege und Straßen instand halten mussten, Aufhebung des Zunftzwanges und Einführung der Gewerbefreiheit, auf dem Weg zu bringen.

    Durch diese Maßnahmen machte der sich den 1. und 2 Stand zum Feind, denn die Instandhaltung der Wege musste nun von allen getragn werden. Auch die Rechtsanwälte fürchteten um ihre Einnahmen aus den ständigen Prozessen der Zünfte und bekämpften ebenfalls Turgot. Turgot führte auch die Freiheit des Getreidehandels ein, aber hier ging der der positive Gedanke den Preisanstieg durch Getreideeinfuhren und Auflösung der Vorratslager zu verhindern, durch eine Missernte verloren. Es fiel den Adligen leicht die Schuld auf Turgot zu schieben und das Volk gegen ihn aufzubringen, so dass es die Getreidelage stürmte. Turgot gelang es aber durch umsichtige Maßnahmen die Krise zu meistern, aber die Zahl seiner Gegner war gewachsen. Er hatte keine mehr, sein wichtiges Ziel der gerechten Besteuerung aller Klassen zu erreichen.

    1776, am Vorabend der Revolution, wurde Turgot auf Druck des Adels entlassen, was nun nicht gerade für die Sparfreudigkeit des Adels sprich. Der Adel, insbesondere der verarmte landadel kämpfte erbittert für die Aufrechterhaltung seiner Privilegien!

    In der zeit von 1785 bis 1789 kam es infolge mehrere Mißernten zu massiven Preisanstiegen für Brot; die Löhne waren schon seit 1741 kaum angestiegen. Der König und der Adel hatten andere Sorgen.
    Was ich damit sagen möchte, ist, das weder der 1. noch der 2.Stand zugunsten des 3.Standes wohl bereit gewesen wären, die Lasten gerechter aufzuteilen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Januar 2013
    1 Person gefällt das.
  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Diese Erklärung der FR wird von einem Teil der französischen Historiker - wenngleich etwas elaborierter - vertreten. Beispielsweise von Lefebvre.

    http://books.google.de/books?id=ZgYVsT90bS0C&printsec=frontcover&dq=Georges+Lefebvre&hl=de&sa=X&ei=WVUCUZqHH46M4gSWhIGoDA&ved=0CEMQ6AEwAQ#v=onepage&q=Georges%20Lefebvre&f=false

    Die extremen Mißerernten spielten dabei sicherlich eine gravierende Rolle, die Bereitschaft zur Rebellion zu verstärken. Dennoch wäre das keine Revolution geworden, da Rebellionen in Frankreich regelmäßig auftraten.

    Die Ursachen der Revolution setzen sich vermutlich aus einem Bündel parallel stattfindender Prozesse statt:

    - abnehmende Integrationsfähigkeit der französischen Gesellschaft durch den absolutistischen Hof

    - zunehmende Mißstände im Bereich der öffentlichen Finanzen aufgrund von Kriegen, die die Grundlagen staatlicher Macht durch Kolonie etc. nicht nahchaltig verbessern konnten und so zu einer deutlichen Ermattung der militärischen Ambitionen Frankreichs führten

    - wachsendes Selbstbewußtsein des Adels und der Wunsch einer Rückeroberung vergangener Privilegien

    - zunehmende Modernisierung Frankreiche durch eine proto-Industrialisierung und die deutliche Verbesserung der Infrastruktur (Straßen etc.)

    - Auflösung der traditionellen sozialen Bindungen in den Städten mit erhöhter Mobilität und abnehmender sozialer Kontrolle durch ständische Kontrolle oder durch das "Viertel" (Quartiers)

    - Entwicklung des Gedankenguts der Aufklärung mit zunehmender Bedeutung der "öffentlichen Meinung" als Druckmittel auf die Regierenden

    Vor diesem deutlich komplexeren Hintergrund erklären sich eher die Ereignisse im Rahmen der FR. Eine monokausale Erklärung ist kaum ausreichend.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Januar 2013
  15. General Höhl

    General Höhl Gesperrt

    Was für Privilegien wollte der Adel den zurück? Ich dachte im absolutistischen Frankreich lebte man als Adel am besten.
     
  16. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Tja, daran sieht man auch, dass das Wohlbefinden eine sehr relative Angelegenheit ist.

    Und natürlich war die Position des Adels priviligiert.

    Dennoch: Im Anschluss an die "Fronde" setzte ein "Domestizierungsprozess" des Adels ein, der rivalisierende Adelsgeschlechter an den Hof in Versailles band. Einerseits erhielt man zusätzliche Zuwendungen, die allerdings auch durch Kontrolle und den Verlust an eigenständiger politischer Macht durch den Adel zu bezahlen waren.

    Fronde ? Wikipedia

    Diese Entwicklung ist auch als Modernisierungsschub zu sehen und führte zu einer Vereinheitlichung des französischen Nationalstaates und seiner Institutionen.

    In diesem Sinne war der französische Absolutismus auch eine der zentralen Voraussetzungen, ohne die ein Napoleon hätte gar nicht entstehen können.

    Die beiden Nachfolger des Sonnenkönigs zeigten deutlich weniger politische Führungsfähigkeit und so errodierte die zentrale Funktion des Hofes als zentrales politisches und soziales Netzwerk und verlagerte sich nach Paris.

    Im Rahmen der Einberufung der Generalstände sahen führende Vertreter des Adels dann die Chance, verloren gegangenen politischen Einfluss zurück zu gewinnen.

    In diesem Sinne war der Beginn der FR im wesentlichen eine Revolution von Oben, initiert durch Teile des Adels und durch Teile des Bürgertums.
     
  17. excideuil

    excideuil unvergessen

    Zur Ergänzung ein paar Zahlen, die illustrieren, dass es "den Adel" nicht gab.
    Grundsätzlich kann gesagt werden, dass der Riß in der franz. Gesellschaft im Grunde zwischen Privilegierten und Nichtpriviligierten und zwischen arm und reich bestand, bzw. sich überlagerte. Dies bedeutet, dass der Riß auch innerhalb der einzelnen Stände zu finden war.

    Zum Adel. Michael Erbe nennt in seinem Aufsatz von 1982 [1] unterschiedliche Zahlen zum Adel. (in Tausend Personen, geschätzt)
    Adel gesamt: 400
    Hofadel 20
    Begüterter Landadel 100
    Verarmter Adel 130
    Amtsadel 100
    Er verweist auf eine neuere Studie, nach der sich geringere (auch geschätzte) Zahlen (Gesamt: 110 tausend, Hofadel: 400-500 Familien, 7000 gut situierter Fam., 11000 weniger begüt. Fam., 5000 verarmt. Fam.; mit jeweils 4-5 Familienangeh.) genannt werden.
    Deutlich wird bei beiden Zahlenreihen, dass die wirtschaftl. Situation sehr unterschiedlich war.

    Zusätzlich wirkte der prakt. völlige Verlust der politischen Macht nach Niederschlagung der Fronde und die damit defacto polit. Alleinherrschaft des Monarchen.
    Erbe verweist darauf, dass der klassische Gegesatz zwischen Schwert- und Amtsadel eine geringere Bedeutung spielte als der Gegensatz zwischen Hof- und Provinzadel, "der unter den zahlreichen verarmten Fam. Resignation und Haß gegen alle besser Gestellten aufstaute."

    Deutlich wird, dass es Teilen des Adels - trotz Privilegien - nicht wirklich besser ging als der Mehrheit des franz. Bevölkerung, sie defacto von polit. und wirtsch. Teilhabe ausgeschlossen waren. Daher ist es es kein Zufall, dass zum Teil mittellose Aristokraten - wie der Vicomte de Noailles - in der Konstituierenden Nationalversammlung mit Anträgen zur Abschaffung "der Vorrechte der Feudalrechte" vorangingen.

    Grüße
    excideuil

    Quelle: [1] Michael Erbe: Die gesellschaftlichen Konflikte und der Ausbruch der Französischen Revolution; in:
    Malettke, Klaus (Hrsg): Soziale und politische Konflikte im Frankreich des Ancien Régime – Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin Bd. 32, Colloquium Verlag, Berlin, 1982, Seiten 101 - 124
     
    2 Person(en) gefällt das.
  18. Isleifson

    Isleifson Gesperrt

    Die Situation in der Landwirtschaft würde ich in diesem Zusammenhang nicht unterschätzen.In meiner Heimat verliessen tausende vor der Revolution ihre Heimat und gingen nach Luxemburg ,damals Teil der österreichischen Niederlande.

    Hier waren Werber aktiv die Kolonisten für das Banat suchten.Trotz strengster Gegenmaßnahmen gingen die Leute mit manchmal nur den am Leib getragenen Kleidern über die Grenze.

    Diese Gruppe hielt sich im Banat bis nach 1945.Es gelang dann ihrem Obmann Johann Laumesfeld-Jean Lamesfeld,einen Brief am Robert Schuman zu schicken ,der holte sie dann nach Frankreich.
     
  19. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Was heißt vor der Revolution? Zwischen dem Tod von König Stanisław Leszczyński und der Revolution oder schon davor? Zumindest Voltaire war nach meiner Erinnerung voll des Lobes über ihn.
     
  20. Isleifson

    Isleifson Gesperrt

    Die Auswanderung ging von 1718-1772.

    BANATerra - Une encyclopédie progressive du Banat
     

Diese Seite empfehlen