"Freistaat" Sachsen - Bezeichnung noch angemessen.

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von Gast, 3. Januar 2011.

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  1. Gast

    Gast Gast

    Hi,
    bin auf sachsen.de auf die Bezeichnung "Freistaat Sachsen" gestoßen. Hab mich bisschen belesen und rausgefunden, dass Freistaat ein anderes Wort für Republik ist. Privilegien hat Sachsen gegenüber anderen Bundesländern nicht, aber es soll zeigen, dass es viel mehr ältere staatliche Traditionen besitzt. Hab ich auf sachsen.de gelesen. Nur frag ich mich, ob und inwiefern die Bezeichnung heute noch angemessen ist. Könnt ihr mir weiterhelfen?
    LG
     
  2. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Angemessen im historischen Kontext natürlich.
    Diese Bezeichnung ist dem revolutionären Überschwang des Jahres 1918/19 geschuldet.
    "Frei" insofern, dass man seine Fürsten zum Teufel gejagt hatte.
    Württemberg nannte sich in jenen wilden Jahren anfangs auch Freistaat, wenig später "Volksstaat".
     
  3. pgeschichte

    pgeschichte Neues Mitglied

    Aber es erhält keine besonderen Rechte, durch die Bezeichnung, oder? Es hat doch nur was mit em Geschichtsbewusstsein zu tun, aber an sich wäre der Titel überflüssig.
     
  4. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Sachsen hat diese Bezeichnung nach der Wende (1990) wieder angenommen. Zu dieser Zeit war der Begriff in der öffentlichen Wahrnehmung mit Bayern verbunden, welches sich offiziell "Freistaat Bayern" nennt. Bayern hatte in der "alten" Bundesrepublik aufgrund seiner Parteienlandschaft eine gewisse Sonderrolle. Die CDU war/ist in allen Bundesländern vertreten, ausgenommen in Bayern. Dort wird das christlich-bürgerliche Wählerlager durch die CSU gebündelt. Durch diese Konstellation errang Bayern in der deutschen Politik eine besondere Machtposition. Dies wurde in den 70ern und 80ern unter Franz Josef Strauß fühlbar. Losgelöst von der politischen Sonderrolle war Bayern auch wirtschaftlich für die Neuen Bundesländer ein Vorbild.

    Während es in Sachsen zumindest eine geschichtliche Tradition gab (von 1918 bis 1952 hieß das Land schon "Freistaat Sachsen"), so nennt sich auch das benachbarte Thüringen ebenfalls "Freistaat Thüringen" ohne auf eine solche Tradition zurückgreifen zu können.

    Um die Wahl dieses Begriffes "Freistaat" verstehen zu können, sollte man die möglichen Motive

    - das Vorbild Bayern

    - das Bedürfnis nach Restauration als Reaktion auf die gescheiterte sozialistische Ideologie

    - die Diskreditierung des Wortes "Republik" durch die DDR-Führung und Rückgriff auf das bedeutungsgleiche Wort "Freistaat"

    abklopfen

    Freistaat ? Wikipedia
     
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  5. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Was ich nun doch sehr in Frage stellen würde.
    Aber das ist natürlich ein anderes Thema.

    Eines noch (in der Bibel steht, man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen) auch Baden-Württemberg hat von der Parteienlandschaft besonderes zu bieten.
    Am Donnerstag findet wieder das Dreikönigstreffen der Liberalen statt, und zumindest da geht es immer mal wieder durch die Medien, dass die FDP bei uns DVP heißt. Und weg von der Tagespolitik sei der Hinweis erlaubt, dass hier demokratisch/liberale Traditionen bis ins 16. Jahrhundert vorhanden sind.
     
  6. Strupanice

    Strupanice Neues Mitglied

    In Thüringen gab es insofern auch eine Tradition, als die einzelnen wettinischen und anderen Fürstentümer in Freistaaten und Volksstaaten umgewandelt wurden, bevor sich alle bis auf den Freistaat Coburg zum Land Thüringen zusammenschlossen. Der Freistaat Coburg schloss sich Bayern an.
     
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  7. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Repo

    Aus Deinem geographischen Blickwinkel komme ich aus der norddeutschen Steppe. ;)

    Könntest Du so freundlich sein und für die angeführten demokratisch/liberalen Traditionslinien bis ins 16. Jh. ein, zwei Beispiele kurz beschreiben. Mir scheint das doch sehr euphemistisch, was nichts heißen muß.

    M. :winke:
     
  8. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Was äst bei Dir? Elch, Ren oder Eisbär?

    OT: Du hast doch auch Termin am 6.?

    TT: Da hast Du mich nach einem meiner Lieblingsthemen gefragt.

     
  9. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Repo

    Auch auf die Gefahr hin, mir eine kräftige virtuelle "schwäbische Watschen" einzuhandeln, muß ich Widerspruch anmelden.

    Richtig, den verlinkten Text kannte ich nicht. Herzog Ulrich ist mir allerdings ein Begriff.

    So wie ich den Text interpretiere, ist das ein ständischer Ausgleich. Ich habe mich, allerdings nur überblickhaft, kurz infolge Deines Postings mit schwäbischer Geschichte befaßt. Liberal oder gar demokratisch ist da nichts, jedenfalls nicht bis 1819 und auch dann scheint mir das Attribut "demokratisch" sehr euphemistisch zu sein.

    Ob der Adel eine Rolle spielte oder nicht, unter Deinen Auspizien "liberal/demokratisch" ist die Standschaft m.E. nicht zu subsumieren. Frage: "Wo blieb denn die Vertretung des Tagelöhners?" O.k. moderne Begriffsdefinitionen dürfen nicht "rückinterpretiert" werden.

    "Der Tübinger Vertrag ist meines Wissens die älteste Verfassung auf deutschem Boden. Er galt, und wurde gehalten für immerhin rund 300 Jahre.
    Zu beachten bitte ich die weitgehenden Grundrechte wie Freizügigkeit und Sicherheit der Rechtspflege, die selbst für Leibeigene!"


    Das ist schwer aufrecht zu erhalten, ob es die älteste landständische Verfassung ist, kann ich nicht explizit sagen, aber Verfassung auf deutschem Boden? Da fiele mir die "Goldene Bulle", das "Wormser Konkordat" etc. ein.

    o.t.

    Ihr da unten in Süddeutschland seit immer schon liberaler gewesen, wir hier in Preußen waren immer schon froh, wenn uns kein Leutnant scheel angeschaut hat. ;)

    M.
     
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  10. Treibsand

    Treibsand Neues Mitglied

    Es gibt noch einen weiteren Aspekt.

    Die Freistaaten Bayern , Sachsen und Thüringen haben sich eine
    sog. " Vollverfassung " gegeben.
    Daher , deren Verfassungen ermöglichen eine selbstständige völkerrechtliche Existenz auch ohne die Regularien der Bundesrepublik
    ( Grundgesetz und deren Institutionen ).
    Andere Bundesländer sind an dieser Stelle nicht vorbereitet.
    Der Begriff Freistaat ist daher nicht nur Folklore oder politische
    Schönfärberei.

    Das mag zwar wie Grössenwahn anmuten - aber wer weiss schon ,
    was kommt :confused:
     
  11. Luziv

    Luziv Neues Mitglied

    Kannst Du das mal an bestimmten Regeln festmachen, die man zum Staat-sein braucht, und die z.B. Bayern hat und andere Bundesländer nicht? So wie ich das sehe, hat z.B. Niedersachsen zumindest seit 1993 eine "Vollverfassung".

    Freistaat heißt einfach, ein Staat frei von einem König oder sonstigem nicht mehr oder weniger demokratisch ernannten Oberhaupt. Der Begriff führt oft mal zu Mißverständnissen. In der gequält kritischen Zeit der 70er und 80er Jahre, als ich die Schule besuchen durfte, war z.B. bei vielen links-bewußten Schülern die Mär verbreitet, Bayern (CSU-regiert, also böse) würde sich nicht richtig als Teil der Bundesrepublik betrachten und deshalb Freistaat nennen. =)
     
  12. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Das ist lediglich Lokalkolorit.
    Nach Deiner Definition gibt es noch ein paar Freistaaten.
    Die im Grundgesetz verankerten Menschenrechte wurden von den nach der Verkündung des Grundgesetzes entstandenen Verfassungen nicht nochmals erfasst. Wäre ja auch doppelt gemobbelt.
    Ergo: Die Verfassung von Baden-Württemberg entstanden nach dem Grundgesetz verzichtet darauf, die Verfassung von Württ.-Hohenzollern von 1947 hatte sie enthalten.

    Also auch nichts damit.
     
  13. Repo

    Repo Neues Mitglied


    fällt mir ein, in der Verfassung des "Freistaats Bayern" ist (oder war zumindest vor ein paar Jahren noch) die Todesstrafe enthalten.
    Haben das die Sachsen auch reingeschrieben:D und macht man daran den Begrifff "Freistaat" fest.:pfeif:

    Auch das ist natürlich ein Fake, Bundesrecht bricht Landesrecht.:friends:

    Und die Hessen haben sie glaube ich auch noch drin stehen.
     
  14. Oleg.

    Oleg. Neues Mitglied

    Der Begriff Freistaat bezieht sich auf die Zeit der Weimarer Republik und bedeutet soviel wie Volksstaat, also keine monarchische Regierung.
    Schlussendlich sind Bayern, Sachsen und Thueringen die einzigsten Bundeslaender, welche aus der Weimarer Zeit existent sind. Die anderen sind mehr oder weniger kuenstliche Gebilde, die keine gemeinsame Regionalhistorie aufweisen. Ausnahmen die Stadtstaaten Bremen und Hamburg.
    Somit bezieht sich der Begriff Freistaat lediglich auf eine historische Tradition, ist aber ansonsten inhaltsleer.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Januar 2011
  15. Ostrogotha

    Ostrogotha Aktives Mitglied

    Und die nennen sich heute auch noch "FREIE und Hansestadt".
    Zu "Freie Stadt" = Freie Stadt ? Wikipedia
     
  16. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Die Hessen haben's definitiv, worauf man als Hesse keineswegs stolz sein kann. Eigentlich ein Skandal, dass das bislang nicht geændert wurde.

    Von den Bayern wusste ich das gar nicht, ist das wirklich so?
    Ich dachte wir Hessen sind die einzigen...

    Gruss, muheijo
     
  17. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Man ist nie der einzige....;)

    Und in Tübingen haben sie das letzte in Westdeutschland vollstreckt.
    In der Nacht bevor das Grundgesetz Gültigkeit erlangte....
     
  18. Tekker

    Tekker Aktives Mitglied

    Hier geht doch einiges durcheinander... :fs:

    Zunächst zur Ausgangsfrage:
    Das ist wohl Geschmackssache. Genauso könnte man fragen, ob die amtliche Bezeichnung 'Bundesrepublik Deutschland' nach dem Beitritt der 'neuen' Länder noch 'zeitgemäß' gewesen sei.

    Der Wortlaut der Verfassungen ist zweitrangig; alle deutschen Länder sind eigenständige Staaten im rechtlichen Sinn. Das führt uns auch gleich zum nächsten Punkt:
    Staatsvolk, Staatsgebiet und Staatsgewalt. So einfach ist fliegen.

    'Freistaat' heißt schlicht und einfach 'Republik'. Punkt. ;)

    Das ist nicht korrekt. 'Volksstaat' bedeutet 'Demokratie', das weiß auch Wikipedia:
    Darüber hinaus würde ich es nicht an einem Bezug zur W.R. festmachen.

    Da stimme ich dir zu. :D

    Nicht wirklich. Die heutigen deutschen Freistaaten sind Republiken, was sie in ihrem amtlichen Namen auch zum Ausdruck bringen. Dies gilt auch unabhängig von etwaiigen Beweggründen bei der Namenswahl. 'Bundesrepublik Deutschland' würde man sicher auch nicht 'inhaltsleer' nennen, da könnte es eingedeutscht auch z.B. heißen 'Bundes- und Freistaat Deutschland'. Oder siehe ebenso das historische, fiktiv eingedeutschte Beispiel 'Deutscher Frei- und Volksstaat'. :)

    Das wiederum ist eine ganz andere Sache, die nicht zum Thema gehört, da sich diese Bezeichnung auf den Status im alten Reich bezieht.

    Ich staune doch immer wieder über dein Detailwissen. :friends:
     
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  19. Oleg.

    Oleg. Neues Mitglied

  20. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nur eine Anmerkung zur Todesstrafe in Hessen. Im Grundgesetz der BRD steht "Die Todesstrafe ist abgeschafft". Da das Bundesrecht über dem Landesrecht steht (Normenhierarchie) , kann die Todesstrafe also in Hessen nicht angewendet werden, daher gibt es auch keine akute Veranlassung, die Todesstrafe in Hessen durch Gesetzesänderungen abzuschaffen. Als symbolischer Akt wäre es natürlich wünschenswert.
     

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