Frühe Neuzeit: Globalisierung?

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Entdeckungen (15. - 18. Jhd.)" wurde erstellt von Jefferson, 30. August 2010.

  1. Jefferson

    Jefferson Neues Mitglied

    Hallo!!
    Da wir gerade in der Schule die Frage bearbeiten: Begann die Globalisierung schon im 15. Jahrhundert(?), wollte ich fragen wie ihr zu dem Thema steht.
    Wann glaubt ihr hat die Globalisierung ihren Anfang genommen?
    Das würde mich echt mal interessieren, da viele Historiker schon lange darüber diskutieren.
     
  2. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Da muss man nicht diskutieren, sondern definieren, nämlich das Wort "Globalisierung". ;)

    So man sie so versteht wie heute üblich begann sie mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus und der darauf folgenden wirtshaftlichen Einigung der Welt.

    Im 15. Jh. begann das Zeitalter der Entdeckung. In dessen Folge konnte man zwar den Globus umsegeln, aber "Globalisierung" wird das üblicherweis nicht genannt... ;)
     
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  3. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Wie Reinecke schon geschrieben hat, ist der Beginn der "Globalisierung" eine Frage der Definition des Ausdrucks. Meist wird unter Globalisierung die weltweite Verflechtung der Menschheit verstanden, der Austausch von Gütern und Ideen. Da könnte man durchaus argumentieren, dass mit den Entdeckungsfahrten des 15. Jhdts. und dem beginnenden überseeischen Handel die Welt "zusammenrückte". Verbindungen über Kontinente hinweg gab es früher aber auch schon, siehe z. B. die Seidenstraße, aber auch den Transport von Sklaven und Elfenbein von Schwarzafrika ans Mittelmeer, lediglich Amerika und Australien lagen abseits.
    Aber in der Regel wird der Begriff so verwendet, wie es Reinecke tut.
     
  4. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Dann kann man sogar in der griechischen Antike beginnen. Die Handelsbeziehungen der Griechen mit Ägypten, Indien, Nordeuropa u.s.w. . Ganz provokant könnte man sagen das die Globalisierung in dem Moment begann, wo der Handel von einzelnen Produkten über mehrere Stationen anfing. Zum Beispiel Gewürz aus Indien nach Griechenland. Weihrauch aus Arabien nach Ägypten und Griechenland. Erz zur Metallerzeugung zu den Hettitern und nach Griechenland....
    Oder sogar schon in der Bronzezeit.

    Apvar
     
  5. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

  6. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Kann man so postulieren und ergänzen, dass es sich insoweit um einen (Sammel-)Begriff handelt, der unsere gegenwärtige Epoche markieren soll.

    Als solcher teilt er das Schicksal anderer vielgebrauchter Begriffe [1]: "Er droht zu sprachlichem Imponiermaterial zu werden, um dessen genaue Bedeutung man sich wenig zu sorgen braucht, solange der Anschein des Tiefsinns skeptische Rückfragen abwehrt."

    Will sagen: Über "Globalisierung" als solche ist in der Regel mühsam diskutieren. Wenn möglich, sollte man konkrete Transformationsprozesse in den Blick nehmen:

    • den Welthandel und seine Geschichte (die spätestens vor 500 Jahren begonnen hat),
    • revolutionäre Entwicklungen bei der Überwindung großer Entfernungen (ab dem 19. Jh. durch Eisenbahn und Telegraf),
    • die "neuen Industrien", welche die "uralten nationalen" vernichten (wie es im "Kommunistischen Manifest" heisst),
    • die Idee und Entwicklung der "Netzwerkgesellschaft" [2] usw.

    [1] Osterhammel/Petersson: Geschichte der Globalisierung. 4. Aufl. München 2007, S. 7
    [2] Castells: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. (Das Informationszeitalter, Teil 1). Opladen 2001.
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

  8. Hans forscht

    Hans forscht Aktives Mitglied

    Es kommt in der Tat darauf an, wonach man definieren möchte. Allerdings macht es auch keinen Sinn so beliebig zu werden, dass der Beginn des Tauschhandels als Beginn dessen betrachtet würde, was wir heute als Globalisierung kennen.

    Für mich steht Globalisierung klar im Widerspruch zur Souveränität territorialstaatlicher Macht, wobei international operierende Konzerne so stark geworden sind, dass einzelne Territorialstaaten und auch Gruppen von Staaten faktisch ihre Souveränität einbüßen, also ihre Macht Regeln zu erlassen und durchzusetzen verlieren. Die international agierenden Konzerne schreiben inzwischen den Regierungen vor, wie die Regeln sein sollten.

    Den Bogen hinsichtlich dessen, was wir heute beobachten können, würde ich mindestens bis zu GATT IV zurückspannen (in Kraft getreten mit 23 Mitgliedsstaaten am 1.1.1947). Das war eigentlich als Zusatzprotokoll zur Gründung einer Welthandelsorganisation im Anschluss an den II. Weltkrieg gedacht. Aus der Organisation wurde im Spanungsfeld US-geführter Westen, Sowjet-geführter Osten und blockfreie Staaten nichts. Das Zusatzprotokoll wurde jedoch ratifiziert. Zweck des Protokolls war es, Zollschranken abzubauen. Dieses Zusatzabkommen gehörte insofern zu der amerikanischen Politik der Vereinbarung von Meistbegünstigungsklauseln, wonach für Importe aus den USA stets der Zolltarif anwendbar ist, der dem ausländischen Staat gewährt wird, dessen Exporteure den geringsten Tarif zahlen müssen.

    Eine mit dem freien Warenverkehr durchaus nicht zwingend verknüpfter Aspekt ist der freie Kapitalverkehr im Sinne des Rechts, Kapital in jedem Land in jeder Handelsgesellschaft anlegen zu können. Hier wird ein weiteres Feld nationaler Schutzmöglichkeiten für die eigene Bevölkerung zerstört. Man darf sich durchaus fragen, warum Fonds, deren Manager sich ausschließlich dem Profit verantwortlich fühlen, das Recht haben sollen, sich in große Industriebetriebe einzukaufen, um diese zu schließen und nur den namen als wertvolle Hülse mitzunehmen. Das hat mir freiem Warenverkehr schon nichts mehr zu tun, ist aber der nächste Schritt.

    Hierzu hat übrigens auch deutlich beigetragen, den Erwerb von Aktien durch Kleinaktionäre zu fördern: Es gibt immer weniger den verantwortlichen Kapitaleigner, der sich fragen müsste, ob seine Freunde ihn künftig nicht mehr kennen wollen, wenn er seine Arbeiter schlecht behandelt.

    Die Globalisierung bedeutet heute das absehbare Aus für alle wirtschaftlichen Aktivitäten, die durch billigere Importe ersetzt werden können. Das betrifft z.B. alle Formen von Handwerkskunst, für die die Märkte rasant enger werden. Es bedeutet, dass der Territorialstaat nicht mehr die Möglichkeit hat, Wirtschaftsbereiche zu schützen und damit ein ganz neuer Lohndruck besonders in den Ländern entsteht, die bisher ein besonders hohes Lohnniveau hatten. Eben das war sicherlich bei den bezeichneten Beispielen aus der Antike wohl kaum der Fall. So hat z.B. die Erfindung der Bronze neue Wirtschaftszweige hervorgebracht und zur Entwicklung von handwerklichem Können entscheidend beigetragen.

    Ich denke man sollte den Kolonialismus nicht mit der Globalisierung vermischen. Damals begann man fremde Länder zu erobern um sie auszubeuten, nicht um sie als Märkte zu erschließen. Das ist ein anderes dunkles (im Sinne der Moral, nicht der Unkenntnis) Kapitel.
     
  9. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    "Es kommt in der Tat darauf an, wonach man definieren möchte. Allerdings macht es auch keinen Sinn so beliebig zu werden, dass der Beginn des Tauschhandels als Beginn dessen betrachtet würde, was wir heute als Globalisierung kennen."

    Womit Du m.E. recht hast und die Mitdiskutanten bereits hinwiesen.

    "Für mich steht Globalisierung klar im Widerspruch zur Souveränität territorialstaatlicher Macht, wobei international operierende Konzerne so stark geworden sind, dass einzelne Territorialstaaten und auch Gruppen von Staaten faktisch ihre Souveränität einbüßen, also ihre Macht Regeln zu erlassen und durchzusetzen verlieren. Die international agierenden Konzerne schreiben inzwischen den Regierungen vor, wie die Regeln sein sollten."

    Mich würde der von Dir verwendete Begriff "Territorialstaat" irritieren. Er ist zwar nicht falsch, doch wird er eher im Zusammenhang z.B. mit dem HRR gebraucht. In dem Zusammenhang "Globalisierung" würde ich den Begriff "Nationalstaat" verwenden.

    Deine Kernthese dieses zweiten Abschnittes habe ich mir erlaubt durch "Unterstreichung" hervorzuheben.

    Dieses solltest Du durch empirisch abgesicherte Nachweise belegen können (aber bitte nicht United Fruit ;) ) Denn Deine These besagt, daß Souveränitätsrechte von Nationalstaaten an Konzerne übergehen, dieses gibt es im Einzelfall, aber nicht generell.

    Ein lustiges Beispiel dafür ist das Zündwarenmonopol in Deutschland:

    Zündwarenmonopol ? Wikipedia

    Mit dem Thema der Einflußnahme von Wirtschaftsunternehmen auf die nationalstaatliche Politik schlagen sich nicht nur Historiker herum, sondern auch Volkswirte. Das Problem dabei ist, die Vermischung von formellen und informellen Verflechtungen. Dabei geht es m.E. aber nicht um die Aufgabe/Ablösung von nationalstaatlichen Souveränitätsrechten (von Einzelfällen abgesehen), sondern um die Verfolgung partikularer und temporärer Interessen von Wirtschaftsunternehmen.

    Eine gängige Theorie in der VWL sind die Theoreme des "Politischen Marktes", eine Verlinkung erspare ich mir, da ich nicht wüßte wo ich anfangen und aufhören sollte.

    "Den Bogen hinsichtlich dessen, was wir heute beobachten können, würde ich mindestens bis zu GATT IV zurückspannen (in Kraft getreten mit 23 Mitgliedsstaaten am 1.1.1947). Das war eigentlich als Zusatzprotokoll zur Gründung einer Welthandelsorganisation im Anschluss an den II. Weltkrieg gedacht. Aus der Organisation wurde im Spanungsfeld US-geführter Westen, Sowjet-geführter Osten und blockfreie Staaten nichts. Das Zusatzprotokoll wurde jedoch ratifiziert. Zweck des Protokolls war es, Zollschranken abzubauen. Dieses Zusatzabkommen gehörte insofern zu der amerikanischen Politik der Vereinbarung von Meistbegünstigungsklauseln, wonach für Importe aus den USA stets der Zolltarif anwendbar ist, der dem ausländischen Staat gewährt wird, dessen Exporteure den geringsten Tarif zahlen müssen."

    Hier bin ich etwas ratlos, die Vereinbarung der "Meistbegünstigung" ist eine übliche Vereinbarung in bilateralen oder auch multilateralen Handelsverträgen.

    Hier würde mir in dem von Dir bearbeiteten Untersuchungsgegenstand, eher Bretton Woods einfallen:

    Bretton-Woods-System ? Wikipedia

    Dollar als "Leitwährung".

    "Eine mit dem freien Warenverkehr durchaus nicht zwingend verknüpfter Aspekt ist der freie Kapitalverkehr im Sinne des Rechts, Kapital in jedem Land in jeder Handelsgesellschaft anlegen zu können. Hier wird ein weiteres Feld nationaler Schutzmöglichkeiten für die eigene Bevölkerung zerstört. Man darf sich durchaus fragen, warum Fonds, deren Manager sich ausschließlich dem Profit verantwortlich fühlen, das Recht haben sollen, sich in große Industriebetriebe einzukaufen, um diese zu schließen und nur den namen als wertvolle Hülse mitzunehmen. Das hat mir freiem Warenverkehr schon nichts mehr zu tun, ist aber der nächste Schritt."

    Das ist sehr polemisch. Es gibt in der Wirtschaftsgeschichte viele Nationalstaaten die den, wie Du es nennst, "freien Kapitalverkehr" einschränkten resp. verboten und dieses Verbot auch durchsetzten. Vergl. hier, nur als Bsp.:

    Devisenbewirtschaftung - Wirtschaftslexikon

    Devisenbewirtschaftung

    "Hierzu hat übrigens auch deutlich beigetragen, den Erwerb von Aktien durch Kleinaktionäre zu fördern: Es gibt immer weniger den verantwortlichen Kapitaleigner, der sich fragen müsste, ob seine Freunde ihn künftig nicht mehr kennen wollen, wenn er seine Arbeiter schlecht behandelt."

    Das verstehe ich nicht in dem Kontext.

    "Die Globalisierung bedeutet heute das absehbare Aus für alle wirtschaftlichen Aktivitäten, die durch billigere Importe ersetzt werden können. Das betrifft z.B. alle Formen von Handwerkskunst,..."

    Erlaube bitte, daß ich Dir hier widerspreche, gerade "Handwerk" ist eine volkswirtschaftliche Nische, die global agierende Konzerne nicht besetzen können und wollen, da "Handwerk" den lokalen, bestenfalls regionalen Markt bedient und nicht den nationalen und globalen. Hier agieren globale Konzerne m.E. nur im Rahmen des Franchising inkl. derivater Formen.

    Zur Antike mangels Kenntnisse, altum silentium.

    "Ich denke man sollte den Kolonialismus nicht mit der Globalisierung vermischen. Damals begann man fremde Länder zu erobern um sie auszubeuten, nicht um sie als Märkte zu erschließen. Das ist ein anderes dunkles (im Sinne der Moral, nicht der Unkenntnis) Kapitel."

    Auch hier erlaube ich mir Dir zu widersprechen (lies den Beitrag von jschmidt in diesem Thread sehr aufmerksam zu diesem Thema.). Kolonialismus hat viele Facetten. Welchen Kolonialismus meinst Du, den spanisch-portug. des 16. Jh., den niederländischen und englischen des 17. Jh. oder den des 19.Jh.? Den des 18. Jh. spare ich wegen der Transformationsgeschichte aus. Postkoloniale Folgen? Selbst Europa ist heute noch nicht entkolonialisiert.

    Gibraltar ? Wikipedia

    Ich finde viele Deiner Ansichten/Thesen sympathisch :) halte den wissenschaftlichen "Bogen" allerdings für überspannt. Vllt. konnte ich Dir helfen.


    M.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. August 2010
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  10. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

  11. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Das solltest Du mal belegen. Ich keinen einzigen solchen Fall.
    Natürlich versuchen Konzerne (wie alle übrigen Lobbies und Interessengruppen) Stimmung zu machen, damit die Regierung ihre Interessen berücksichtigt. Aber am Ende entscheidet alleine die Regierung (bzw. das Parlament) über die Regeln, und die Konzerne müssen sich wie alle anderen Betroffenen nach denen richten.

    Nicht zwingend verknüpft, aber sehr naheliegend.
    Ohne freien Kapitalverkehr kann ein großer Teil des Warenverkehrs gar nicht erst entstehen - weil die entsprechenden Produktionskapazitäten nicht finanziert werden können.

    Das ist falsch. Was immer die Politik an Schutzmöglichkeiten beschließt - es kann nicht dadurch unterlaufen werden, daß der Investor oder Fondsmanager einen fremden Paß hat.

    Das ist ein extrem seltener Fall (falls überhaupt vorgekommen), weil kaum ein Name so wertvoll ist, daß er den Kaufpreis für eine große Produktionsanlage rechtfertigt.
    Und ansonsten ist es natürlich immer das Recht eines Firmeneigentümers, die Firma zu schließen - das hat mit Globalisierung nichts zu tun.

    Natürlich, das ist der Sinn der Sache. An die Stelle dieser nicht mehr sinnvollen Aktivitäten treten dann andere, exportorientierte:
    Ricardo-Modell ? Wikipedia

    Hat er schon noch - ist aber nicht sinnvoll. Denn das ginge ja auf Kosten der eigenen Bürger, die die entsprechenden Güter überteuert einkaufen müßten. Es ist halt die politische Frage, ob man die Produzenten oder die Verbraucher bevorzugen möchte.

    Das war natürlich in der Antike (und allen anderen Epochen) genauso der Fall - kann ja gar nicht anders sein.
    Wenn das importierte Olivenöl besser/billiger ist als die heimische Produktion - dann verkauft sich das natürlich auch besser.

    Richtig - aber Zusammenhänge gibt es schon.

    Das kann man so nicht sagen.
    Es gab sehr verschiedene Motive für koloniale Erwerbungen.
    Manchmal stand die Ausbeutung im Vordergrund (Spanier in Südamerika, Belgier im Kongo), manchmal der Handel (Portugiesen und Holländer in Asien), manchmal die Absatzmärkte (später Kolonialismus) - und sehr oft ging es nur um Prestige und Macht und die Kolonialisten zahlten kräftig drauf.
     
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  12. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

  13. Hans forscht

    Hans forscht Aktives Mitglied

    Zum Vergleich Kolonialismus - Globalisierung
    Richtiger Einwand, vielen Dank. Ich habe in der Tat sträflich vernachlässigt, dass Kolonialismus mitunter auch mit Märkten zu tun hatte. Man denke nur an den Opium-Krieg, in dem Großbritannien China zwingen wollte, die Überschwemmung des Landes mit Drogen (Opium) zu dulden.

    Zum Territorialstaat oder Nationalstaat
    Ich finde das erste Wort klarer. Es geht doch um das Konzept, dass ein Staat die Hoheit über ein definiertes Territorium beansprucht. In diesem Territorium können unterschiedliche Nationalitäten leben, das ist nicht das entscheidende Kriterium. Kriterium ist die feste Verbindung zwischen Territorium und Staat.

    Zur Souveränität des Staates
    Es ist blauäugig zu meinen, eine Staatsführung (um uns hier nicht mit der Differenzierung zwischen Exekutive und Legislative herumzuschlagen, die nichts zur Sache tut) habe noch die Souveränität, der Wirtschaft die Einschränkungen zu machen, die sie für richtig hält. Wenn ein Staat z.B. für Produktionsabläufe teure Sicherheitsstandards festlegt, wandert die Produktion in ein Land mit niedrigeren Standards ab. Da der Staat die Arbeitsplätze nicht einbüßen will, kann er gar nicht anders, als zu dulden, was er eigentlich nicht dulden will. Tatsächliche Macht hätte der Staat nur hinsichtlich dessen, was in seinem Territorium verkauft werden darf, wenn er festlegen will, dass Produkte nur eingeführt und verkauft werden dürfen, wenn gewisse Standards eingehalten sind. Zum einen ist das schwer zu kontrollieren, um anderen begibt man sich da in die Gefahr, gegen die Regeln des Freihandels zu verstoßen. Dass der Staat formal nicht souverän wäre, habe ich nicht behauptet; es geht um die praktische Souveränität.

    Beispiele für den Kauf nur der Marke wegen
    In Hannover gab es das Taditionsunternehmen Pelikan. Dieses wurde von einem schweizer Investor gekauft, die durchaus rentable Produktion zu Gunsten eines noch biligeren Einkaufs von außerhalb Europas geschlossen und das Gelände für teure Immobilien teuer verscherbelt.

    Die Interbrew, inzwischen InBev, ein großer belgischer Bierkonzern, hat die hannoversche Gilde-Brauerei aufgekauft und ist dabei, die Produktion abzubauen. Auch dieses Unternehmen war rentabel.

    Das sind nun einfach mal zwei Beispiele, die bei mir vor der Haustür liegen. Ich denke, die meisten von Euch kennen andere lokale Beispiele. Markenrechte sind heute sehr viel wert.

    freier Markenverkehr - freier Kapitalverkehr
    Natürlich kann es vorkommen, dass den Aufbau einer Struktur ausländisches Kapital benötigt wird. Ob man das zulassen will darf aber sehr wohl eine politische Entscheidung sein. Problematisch wird es jedoch wenn man fremdem Kapital den Zugang und die Stimmrechte nicht verweigern darf. Auch hierzu ein Beispiel aus Niedersachsen: Das VW-Gesetz wird von der EU angegriffen mit der Zielsetzung den beherrschenden Einfluss des Landes Niedersachsen zu Gunsten der tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse der Anteilseigner abzuschaffen. Bisher bietet VW sehr gute Arbeits- und Lohnbedingungen und macht gleichzeitig Gewinn. Weniger den Mitarbeitern verbundene Kapitaleigner könnten diese Unternehmensausrichtung grundlegend ändern, die Löhne deutlich herunterfahren und Produktionen in großem Stil in ärmere Länder verlagern. Da VW ein sehr bedeutender Arbeitge ber in Niedersachsen ist, wäre das für die Wirtschaft des Landes ein großer Schaden. Ich sehe nicht ein, warum nicht ein Unternehmen in seiner Satzung oder auch ein Staat in seinen Gesetzen internationale Beteiligungen einschränken dürfen soll, um die kollektiven Interessen seiner Bevölkerung zu schützen. Ein (großes) Unternehmen besteht immer aus Kapitaleignern UND Mitarbeitern, Zulieferern und dem ganzen Umfeld. Es geht dabei ganz sicher nicht um den Paß sondern um die Menschen vor Ort. Es geht darum, ob internationale Fonds gewachsene Unternehmensstrukturen anonymisieren und zerstören dürfen ohne das die betroffenen Unternehmen sich dagegen abschotten dürfen und ohne dass der Staat sich schützend vor seine Unternehmen stellen darf. Eben hier wirkt die Globalisierung destruktiv.

    Schutzmöglichkeiten - Handwerk - Landwirtschaft
    Das Handwerk wird in der Tat ganz massiv durch Industrieprodukte verdrängt. Ich habe z.B. erhebliche Probleme einen Tischler zu finden, der Fenster noch nach alten Mustern bauen kann, anstatt nur Industrieprodukte zu montieren. Handwerkliche Fähigkeiten gehen derzeit in Deutschland (nur das kann ich aus eigener Anschauung beurteilen) in einem ungeheuren Tempo zu Grunde, weil diese Fähigkeiten nicht mehr nachgefragt werden. Das stimmt aber sogar für arme Länder in Westafrika, wo in Europa als Kleiderspende gesammelte Gebrauchtkleidung auf den Märkten verkauft wird und die traditionellen Trachten verdrängt. Warum sollte also ein Staat nicht bestimmen dürfen, ob er das zulässt oder es sich wirtschaftlich leistet, traditionelle Produktionsstrukturen durch Importschranken zu protegieren? Das ist sowohl eine Frage der Kultur (also etwas Schöngeistiges) als auch eine Frage des Erhalts von Fähigkeiten, die später noch einmal wichtig sein können.

    Das Gleiche ist sogar in der Landwirtschaft zu beobachten: Importe führen teilweise in hungergefährdeten Ländern dazu, dass die landwirtschaftliche Produktion deutlich zurückgeht. Sobald die Importe mangels Kaufkraft wegfallen ist damit die nächste Hungersnot vorprogrammiert. eine Regierung täte also gut daran, die Importe mengenmäßig so zu steuern, dass die eigene Landwirtschaft ihre Produkte weiterhein kostendeckend absetzen kann, wenn sie eine im Wortsinne katastrophale Abhängigkeit vom Ausland vermeiden will.
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Alles OT, oder auch in gewisser Weise nicht:

    Zur rentablen Produktion, dem Standardtrend der 70er bzgl. Diversifikation und dem Standardhinweis auf Managementfehler (hinterher ist man immer schlauer): Insolvenz 1982 der Pelikan. Hier scheint mir eher eine Auffanggesellschaft vorzuliegen, mir fehlen aber Informationen zu den Umständen des Börsenganges in der Schweiz.

    Aus der reichhaltigen Kenntnis von Insolvenzen kann ich glaubhaft versichern: es lag immer nur an Fehlern :devil:

    Das ist eine sektorale Erscheinung, die in Deutschland in den letzten 50 Jahren langsamer vor sich ging als anderswo. Rentabel sind nur wenige Brauereien (meist aufgrund abgeschriebener Anlagen), und natürlich das Aushängeschild der Rentabilität: "Tannenzäpfchen", Badische Staatsbrauerei Rothaus.

    Bzgl. der Markenkäufe sollte man historisch vielleicht bei Fällen von Markenübertragungen mit globaler Reichweite bleiben.
     
  15. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    M.E ein Problem der Industrialisierung, nicht der Globalisierung.

    Sine ira et studio.




    M. :winke:
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. September 2010
  16. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Das ist nicht blauäugig, sondern schlichte Wahrheit.
    Die Staatsführung hat diese Souveränität und kann sie nach Belieben nutzen. Aber wie bei JEDER Entscheidung muß sie dann auch die Konsequenzen tragen. Oder anders entscheiden, wenn sie diese nicht will.

    Mal als Vergleich: Du kannst frei entscheiden, Dich komplett zu besaufen. Es ist wahrscheinlich, daß Du dann am nächsten Tag einen häßlichen Kater hast. Das ist die Konsequenz Deiner Entscheidung.
    Du kannst Dich aber immer noch frei entscheiden, ob Du trotz der Katergefahr saufen willst oder lieber nüchtern bleibst. Deine Souveränität ist also nicht vom Alkoholhersteller eingeschränkt.

    Wenn sie wirklich (mit Zukunftsfähigkeit) rentabel gewesen wäre - dann hätte der alte Eigentümer sie nicht, bzw. nur zu einem entsprechend hohen Preis verkauft.
    Die Immobilienverwertung zeigt aber, daß der Markenname nur ein Faktor gewesen sein kann. Und wenn das Gelände teurer verkauft werden kann - dann beweist das, daß die künftige Nutzung werthaltiger ist als die alte. Das ist dann also auch ein Gewinn für die Region.

    Gleiches wird beim Bier-Beispiel gelten, siehe dazu auch Silesias Antwort. Generell ist die Aussage "ist rentabel" mit Vorsicht zu genießen. Wenn dem nicht ein hoher Firmenwert entgegensteht, kann es mit der Rentabilität nicht weit her sein.

    VW macht aber nur deswegen Gewinn, weil bei den ausländischen Töchtern (SEAT, Skoda) viel schlechtere Arbeits- und Lohnbedingungen gelten. Diese Töchter bringen nämlich das Geld - das Stammwerk alleine macht Miese und müßte ohne die Zuarbeit der ausländischen Werke wohl geschlossen werden.
    Man könnte auch sagen: Hier liegt eine Ausbeutung vor - und die EU versucht zu Recht das zu verhindern. Ist also auch kein gutes Beispiel zum Globalisierungsthema (und weiter im Detail können wir das wegen Tagespolitik ohnehin nicht diskutieren).

    Diese Tischler finden sich schon - nur sind solche Einzelfertigungen natürlich horrend teuer. Und es besteht ja kein gesellschaftliches Interesse daran, solche ineffizienten Strukturen generell zu erhalten.

    Das ist ärgerlich für die Textilhersteller vor Ort - aber natürlich ein Segen für die übrigen Einwohner. Wenn der Staat nun die Textilhersteller privilegiert, müssen das die Bürger über höhere Kleiderpreise bezahlen - und dieses Geld fehlt ihnen natürlich für andere Anschaffungen. D.h. was der Textilsektor an Nachfrage gewinnt, verliert ein anderer Sektor. Volkswirtschaftlich also ein Nullsummengeschäft - aber die Einwohner haben unterm Strich weniger zum Leben.
    Das ist das Bastiat-Prinzip: Parabel vom zerbrochenen Fenster ? Wikipedia

    Sie führen aber in erster Linie dazu, daß die Bevölkerung sich preisgünstig ernähren kann - das ist fundamental wichtig.

    Wenn Kaufkraft wegfällt, ist das in beiden Szenarien ein Problem. Weil sich dann die Leute auch die teuren einheimischen Produkte nicht leisten können.

    Das heißt de facto: Die Lebensmittelpreise steigen. Die Produzenten profitieren davon - aber die restliche Bevölkerung wird geschädigt.

    Die "Abhängigkeit" vom Ausland ist nicht das Problem, weil "das Ausland" die Lieferungen nicht von sich aus stoppen wird - gerade in globalisierten Wirtschaft ist sicher, daß immer Lebensmittel zu kaufen sind.
    Durch ihre Importsteuerung erzeugt die Regierung aber die Katastrophe: Sie entzieht der Volkswirtschaft Kapital, daß für Zukunftsinvestitionen genutzt werden könnte. Das vorhandene Geld wird für die Aufrechterhaltung ineffizienter, veralteter Produktion aufgebraucht. Damit bleibt das Land arm.
     
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  17. Mummius Picius

    Mummius Picius Premiummitglied

    Auch wenn es schwerfällt: achtet bitte drauf, die Tagespolitik aus der Diskussion rauszuhalten. Sonst müssen wir den Thread schließen.
     

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