Genozide in Afrika

Dieses Thema im Forum "Afrika" wurde erstellt von oculus, 17. Mai 2007.

  1. oculus

    oculus Neues Mitglied

    ^^ kein angenehmes Thema, da wir Europäer oftmals die Schuldigen sind.

    Kurz die Thematik:
    Der Völkermord in Ruanda gegen die Tutsi und moderate Hutu im Juli 1994 ereignete sich erst vor elf Jahren. Über eine halbe Millionen Menschen kamen innerhalb eines Monats ums Leben und fast 3 Millionen waren auf der Flucht!

    ^^ und wer ist Schuld ? WIR !!!

    Geschichte der Hutu und Tutsi

    Jegliche Überlieferungen über die Geschichte der Hutu und der Tutsi wurden mündlich, in Mythen und Gedichten, weitergegeben, da sich zu der Zeit noch keine Schriftsprache behaupten konnte. Ob diese Mythen ein wahrheitsgetreues Bild der Vergangenheit Ruandas widerspiegeln, bleibt unklar. Sie besagen, dass alle Ruander von demselben Vorfahren, dem König Umwami, abstammen. Ihm gehörte neben allen Menschen auch die Natur, die Tiere und das Land, in dem alle Menschen friedlich zusammen lebten. Der Umwami hatte drei Söhne: Gahutu, Gatutsi und Gatwa. Eines Tages wollte er sie und ihren Verstand testen indem er jedem von ihnen eine gefüllte Milchkanne anvertraute. Gatwa stillte seinen Durst, Gahutu teilte die Milch auf und Gatutsi ließ den Inhalt der Kanne unversehrt. Daraus schloss der König, dass nur seinem Sohn Gatutsi die Herrschaft anvertraut werden kann. Von der Wahrheit überzeugt, erzählten alle drei Volksgruppen, die Twa, die Hutu und die Tutsi, diese Geschichte über ihre Vergangenheit ihren nachfolgenden Generationen.

    So geschah es, dass eine kleine Tutsi- Elite "rechtmäßig" über die übrigen Tutsi, die genauso lebten und behandelt wurden wie die Hutu, und die große Masse der Hutu friedlich regierte.

    Dennoch war alles friedlich zu der Zeit.
    Hutu und Tutsi lebten zusammen und waren mehr als nur Nachbarn: sie heirateten untereinander, bekamen zusammen Kinder und teilten Arbeit und Freizeit miteinander. Befragt man einen Ruander nach seiner Volkszugehörigkeit, wird er entweder „Hutu“ oder „Tutsi“ antworten, nie eine Mischung aus beidem, wie bspw. „Hutsi“ oder „Tutu“. Das ist seltsam, weil man über die Jahrzehnte hinweg schon gar nicht von zwei „reinen“, voneinander getrennten „Ethnien“ sprechen kann. Zum Beispiel nimmt die Frau bei einer Hochzeit die „Identität“ des Mannes an und deren Kinder erhalten auch die ethnische Zuordnung des Vaters.
    Zusätzlich, um das Bild des friedlichen Zusammenlebens zu stärken, die Tatsache, dass sich die Einwohner Ruandas als ein einziges Volk, die Abanyarwanda, verstehen. Neben den heutigen Amtssprachen Französisch und Englisch sprechen sie heute, wie auch schon vor der Einwanderung der Europäer, dieselbe Sprache: das Kinyarwanda. Die Hutu und die Tutsi lebten unter denselben sozialen Strukturen und hatten schon immer dieselben religiösen Überzeugungen

    Vorkolonialzeit – Königtum Ruanda

    Reisende aus Europa fanden in Ruanda Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Königtümer vor. Bevor aber das Land von Königen regiert wurde, teilte man es in viele patrilineare Gesellschaftsformen (der Vater als Oberhaupt der Familie) auf. Berichte über historische Königs- sowie Linearenstrukturen vor der Kolonialzeit sind nur vereinzelt bekannt und, soweit meiner Recherchen, nicht schriftlich, sondern vielmehr in Mythen festgehalten worden. Jeder Ruander gehörte einer Abstammungsgruppe (Lineage) an, die jeweils der Älteste vertrat. In dieser Gesellschaft wurden Güter, Besitz- und Reichtümer über den Vater einer Familie vererbt. Neben den „Lineages“ entstanden, für eine bessere Kontrolle des Landes, auch Chefferien, die mehrere Lineages unter sich vereinten.
    Im 16. Jahrhundert war Ruanda in insgesamt 50 Chefferien, später kleine Königtümer, eingeteilt. Noch im gleichen Jahrhundert wurde ein einziger König Besitzer des ganzen Landes; er hatte die Verfügungsgewalt über alle Ressourcen und alle kleineren Königtümer. Durch militärische Unterstützung gewann die Königsfamilie immer mehr an Einfluss und Macht. Hier ist gesondert der König Rwabugiri zu nennen, dessen Herrschaft im 19. Jahrhundert eine Zentralisierung Ruandas zur Folge hatte. Er beschnitt die Lineages und die kleineren Königtümer um ihre Rechte und setzte bald so genannte Distriktchefs ein, so dass seine Macht unterstützt und gesichert wurde, und zum anderen die Machthaber der Lineages zu entkräften. Immer mehr Residenzen des Königs Rwabugiri schränkten nicht nur die Ältesten der Lineages in ihrer Entscheidungsgewalt ein, sondern zerstörten auch viele Traditionen.

    Tja und wer kam dann ? ^^ WIR natürlich... die Deutschen mit ihrem Rassensystem und den damit verbundenen Wertigkeiten der Menschen. Wir verstärkten stark diese Entwicklung

    Die Hamitenthese

    Als Ende des 19 Jahrhunderts die ersten Europäer das Land betraten, setzen sie ethnische Unterschiede der Ruander voraus. Die Entdecker sahen physische Unterschiede der ruandischen Bevölkerung als rassisches Phänomen an und begründeten ihre Vermutungen mit Auslegungen der Bibel. Aus ihr wurde die wissenschaftlich nicht erwiesene Hamitenthese für rassistische Äußerungen herangezogen.

    Die Hamitenthese beinhaltet Folgendes: Noah war eines Tages vom Wein seines Ackers betrunken. So legte er sich in seine Hütte und schlief unbekleidet ein. Sein Sohn Ham sah ihn und berichtete seinen Brüdern, Sem und Japheth, von der Nacktheit des Vaters. Nachdem Noah aufgewacht war und erfahren hatte, das sein Sohn ihn verspottet hatte, verstieß er diesen (vgl. Bibel, AT, 1907: 9). Christliche und jüdische Theologen lehrten, dass Ham, nachdem er von Noah verstoßen wurde, von Gott bestraft wurde und eine schwarze Hautfarbe erhielt. Demnach ist die schwarze Farbe in diesem Mythos zweifelsohne negativ konnotiert. Rassistische Assoziationen dieser Art sind heute soweit stigmatisiert, dass man sie nicht mehr unreflektiert treffen darf. Die Hamitenthese wurde während den Anfängen der Kolonialzeit (ab dem 20. Jahrhundert) so oft rezitiert und erzählt, bis sie für wahr erklärt und in Geschichtsbücher übertragen wurde. Es wurden zwei Rassen unter den Afrikanern unterschieden: die unzivilisierten Ureinwohner Afrikas und die eingewanderten, eigentlich „weißen“ Hamiten (in diesem fall die Tutsis). Eingewanderte Europäer bezeichneten sich grundsätzlich als intellektuell überlegen gegenüber beiden Afrikanerrassen. Sogar den Sklavenhandel versuchten die Kolonialherren durch einen angeblich wissenschaftlich erwiesenen genetischen Defekt zu rechtfertigen (vgl. Semujanga, 2003: 112). So unterschieden die Europäer mithilfe der Hamitenthese die Afrikaner geistig und körperlich untereinander. Die „Entdecker“ des späten 19. Jahrhunderts behaupteten, dass jegliche Zivilisationsprozesse von außen durch die Hamiten nach Afrika getragen wurden. Nur so konnte man sich bspw. das hochkultivierte Ägypten erklärten, welches ausschließlich von eingewanderten Hamiten aufgebaut worden sei. Afrikanische Ureinwohner hingegen seien unzivilisiert und könnten weder konstruktiv denken noch fortschrittlich handeln.

    So sahen sich die „Entdecker“ vor einer gewaltigen Kluft zwischen der „schwarzen Urbevölkerung“ und den Errungenschaften der eingewanderten, ursprünglich weißen Hamiten. Die Europäer wollten von nun an die westliche Zivilisation in ganz Afrika verbreiten; Ruanda war davon nicht ausgeschlossen. Manche Europäer gingen sogar davon aus, die Hamiten seien ursprünglich mit den Germanen verwandt gewesen (vgl. Harding, 1998: 21 f). Im Falle Ruanda dauerte es nicht mehr lange und schon bald wurde die Bezeichnung „Hamiten“ mit dem Begriff „Tutsi“ gleichgesetzt, was in der Kolonialzeit letztendlich zur Einteilung in Ethnien führte und zu dem Massenmorden der Hutus an den Tutsis....

    Soviel dazu ^^

    Kennt ihr weitere Genozide in der afrikanischen Geschicht??
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 17. Mai 2007
  2. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Kannst Du nochmal in zwei Sätzen meine ("unsere") Schuld erläutern?
     
  3. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    ...und umgekehrt, je nach Kräfteverhältnissen.

    Wenn in der betrachteten Gegend keine Tutsis wohnten, haben sich die Hutu übrigens auch gegenseitig umgebracht. Offensichtlich ging es also nicht in erster Linie um die Austragung eines Rassenkonflikts, sondern es gab andere Ursachen für dieses allgemein "Moriendum est"; die (tatsächlich vorhandenen) ethnischen Spannungen dienten nur als erstes Auswahlkriterium bei der Entscheidung, wer nun wen umbringen sollte.

    Nach Jared Diamond ("Kollaps") liegt der eigentliche Grund für das periodische Ausbrechen des rwandisch-burundischen Bürgerkriegs mit jeweils sechsstelligen Opferzahlen in der Überbevölkerung dieser Region. Durch die dortige Erbschaftsregelungen werden die Bauernhöfe dadurch immer kleiner und neue können nicht gegründet werden. Ein Hof mit 1 Hektar Fläche gilt schon als Großgrundbesitz !

    Rwanda teilt damit das Dilemma vieler Hochkulturen, dass die - durch eben diese ermöglichte - Bevölkerungsdichte bei Klimaschwankungen, bei innerem Zerfall der administrativen Strukturen oder beim Ausschalten von traditionellen ("barbarischen") Regulierungsmechanismen der Bevölkerungszahl nicht mehr ernährt werden kann. Dadurch brechen dann Verteilungskonflikte aus - die dann im "günstigen" (?!?!) Fall (durch eine Reduzierung der Bevölkerungsdichte) wieder zu einer Konsolidierung führen.
     
  4. Ampi

    Ampi Neues Mitglied

    Unsere Schuld, bzw. die unserer herrschenden Eliten, ist die das sie die Augen vor dem Morden geschlossen haben. Blauhelme waren da, die hätten was machen müssen, mehr als sich selbst und die Europäer beschützen.
    Aber es war wie es in Afrika immer ist, so langs nicht um Ressourcen geht wird nichts gegen Völkermorde getan. (Aktuell siehe Darfur..)
     
  5. Mercy

    Mercy unvergessen


    Hinweis:
    Die aktuellen politischen Einschätzungen sind nicht unser Metier in diesem Forum, Hintergründe sind gefragt.
    http://www.geschichtsforum.de/showpost.php?p=53811&postcount=1
     
  6. Mike Hammer

    Mike Hammer Neues Mitglied

    So, so... Nicht der Mörder ist schuld, sondern der "Nachbar", der 4000 km weiter weg wohnt.
     
  7. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Ich zitiere mal aus diesem Buch:

    Ausgrenzung Vertreibung Völkermord, Genozid im 20. Jahrhundert vom Wolfgang Benz

    Er schreibt folgendes:

     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Mai 2007
  8. oculus

    oculus Neues Mitglied

    Kannst Du nochmal in zwei Sätzen meine ("unsere") Schuld erläutern?

    Ich sehe das so, durch unsere Höherstufung aller Tutsis (Hamitenthese) im Vergleich zu den Twa und den Hutu, schafften wir eine Kluft zuwischen diesen 3 Gruppen.
    Wir waren Kolonialherrscher, und somit ist von einer eindeutige Bevorteilung der Tutsis auszugehen. Sie waren in Bereichen der Verwaltung tätig und wie im Text erwähnt, war das Ziel der Europäer die westliche Zivilisation in ganz Afrika verbreiten. Dies führte dann, wie im Test erwähnt zu einer Gleichesetztung der Europäer mit den Tutsi.

    Noch ein Letzter Punkt: Vor der Kolonialzeit wurden in Ruanda vorzugsweise Naturkulte ausgeübt; doch schon im Jahre 2000 zählte man 50% Christen unter ihnen.
    Zu anfang rechtfertigte noch die gemeinsame Religion die Führungselite der Tutsis, jetzt jedoch mit ca. der Hälfte der Bevölkerung als Christen, ist dies nicht mehr gegeben.

    Ich denke das wir als Europäer im wesentlichen an dem aufstauen von Hass zwischen Hutu und Tutsi beteiligt waren, was letzten Endes zum Genozid führte.
     
  9. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Nur ist die Hamitenthese wissenschaftlich nicht bewiesen.

    Laut dieser These sind die Vorfahren der Tutsi in früheren Jahrhunderten aus Äthiopien eingewandert und gehören damit „rassisch“ zu den Hamiten und nicht wie die Hutu zu den sogenannten Bantu-Völkern. Die in dieser These enthaltene rassische Unterscheidung ist jedoch unsinnig, unter anderem weil „Bantu“ keine Bezeichnung für eine Ethnie oder Rasse, sondern für eine Sprachgruppe ist. In der Vorstellungswelt der Politiker und Völker Zentral- und Ostafrikas hat diese Unterscheidung dennoch eine beträchtliche und für das friedliche Zusammenleben gefährliche Dynamik entwickelt.

    http://www.bpb.de/publikationen/05218911078228261898093248719842,2,0,Kriege_und_Konflikte.html
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Mai 2007
  10. kwschaefer

    kwschaefer Aktives Mitglied

    Hier wird mal wieder viel hineingeheimnisst.

    Ruanda und Burundi waren zwar Teil von Deutsch-Ostafrika, doch gab es dort keine Kolonialverwaltung. Die Kolonien kosteten viel Geld, und niemand in Berlin war bereit, für dieses abgelegene und unwichtige Gebiet Mittel in den Aufbau einer Kolonialverwaltung zu investieren. Also gab es in Ruanda und Burundi nur jeweils einen deutschen Residenten, der als Berater und natürlich auch Kontrolleur des Königs wirkte. Die Verwaltung blieb die der Vor-Kolonialzeit. Das stützte natürlich das bestehende Herrschaftssystem, aber daraus gleich eine Rassenpolitik zu machen ist ja wohl etwas weit hergeholt.

    Die Belgier setzten, nachdem ihnen 1922 das Völkerbundsmandat über diese Gebiete übertragen worden waren, diese Politik im Grundsatz fort, mischten sich allerdings in die inneren Angelegenheiten ein, setzten auch mal einen Wami (König) ab und einen ihnen genehmeren ein und unterbrachen damit die traditionelle Erbfolge. Sie mischten sich auch mittels Agrar- und Verwaltungsreformen im Detail in die staatliche Verwaltung ein und machten sich so zum Schiedsrichter zwischen den Interessen der Tutsi und Hutu.
    Das war sehr ungeschickt, aber als Rassenpolitik würde ich das auch nicht bezeichnen, selbst wenn es Ergebnisse zeitigte, die sich zum Vorteil der herrschenden Tutsi auswirkten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Mai 2007
  11. oculus

    oculus Neues Mitglied

    Hier ein Text der diesem etwas wiederspricht, teilweise jedoch acuh zustimmt ^^

    Die Kolonialherren bemühten sich nun, aus dieser Gesellschaftsordnung eine Stammesordnung zu schaffen. Die neuen Herren im Lande, zuerst die Deutschen, später die Belgier, entschieden sich für eine enge Zusammenarbeit mit der Monarchie und stützten somit die Vorherrschaft der Tutsi. Erst durch die Begünstigung seitens der Kolonialverwaltung erreichten die Tutsi eine Machtfülle, die sie vorher nie innegehabt hatten. So sahen die Europäer sich in ihrem Klischee bestätigt, daß die "Rasse" der Tutsi der der Hutu überlegen sei und man hier von verschiedenen Stämmen sprechen könne.
    Nach der Unabhängigkeit Ruandas 1962 übernahm das neue Regime die von den Europäern gefestigten Klischees und fing an, die Probleme des neu gegründeten Staates zu "ethnisieren", indem es einen "Stamm" zum Sündenbock machte. So diente die Stammes-Theorie von nun an als Erklärung für fast alle Konflikte Ruandas.

    http://www.histinst.rwth-aachen.de/default.asp?documentId=82#header4
     
  12. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Generell muss man sagen, dass sich der halbe Kontinent seit 50 Jahren in einer Konsolidierungsphase befindet. Viele "Staaten" Afrikas sind sehr jung und ihre Grenzen folgen oft willkürlichen Verläufen, die an einem Verhandlungstisch in Europa beschlossen wurden. Es gibt m.W. keinen Flächenstaat in Afrika, indem eine homogene Ethnizität auszumachen wäre. Dazu sind viele dieser Völkern innerhalb von einhundert Jahren von subsistenzwirtschaftlichem Kleinbauerntum fast schlagartig modernisiert, globalisiert und urbanisiert worden.

    Viele der Ereignisse der letzten Jahrzehnte lassen sich auf diese fundamentalen Faktoren zurückführen. Ich bin kein Anhänger der populationsbiologischen Hypothese, wonach Genozide mit Bevölkerungsdichte oder -zusammensetzung erklärt werden sollen. Ich sehe eher die Kulmination verschiedenster Aspekte am Werk.
     
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  13. kwschaefer

    kwschaefer Aktives Mitglied

    Ich kenne den Text auf der web-page des Historischen Instituts der RWTH sehr wohl..
    Die Verfasserin ist mir als besondere Kennerin der Geschichte dieses Gebietes in der Zeit seiner Zugehörigkeit zu Deutsch-Ostafrika bisher nicht aufgefallen.

    Ruanda und Burundi wurden in der Berliner Konferenz 1884 Deutschland zugesprochen, zu einer Zeit, als die Geographie dieses Gebietes in Europa noch sehr wenig bekannt war. Man wusste, dass es dort zwei königreiche geben sollte.
    Erst später entdeckte man die klimatischen Vorzüge und die hohe Bevölkerungsdichte dieser abgelegenen Gebiete. Der Hauptmann der Schutztruppe Hans von Ramsay, der Leiter des Tanganjika-Bezirks war, bereiste 1897 die Königreiche Ruanda und Burundi und überreichte dem erst 15-jährigen König Yuhi V. Musinga den Schutzbrief des Kaisers.. Mwami Mwezi IV. Gisabo Bikata-Bijoga von Burundi hatte 1890 die deutsche Oberherrschaft anerkannt. Beide blieben indessen auch unter der Herrschaft des deutschen Reiches Könige und ihre Herrschaftsgebiete wurden offiziell als Sultanate mit Residentur in Deutsch-Ostafrika bezeichnet.

    Residenten gab es jedoch erst ab dem 15. November 1907 und einen eine Residentur, also einen Amtssitz des Residenten, erst ab 1908. Der deutsche Resident riet dem König zum Kaffeeanbau und auf seine Initiative wurden die ersten Straßen gebaut. Der Bau einer Eisenbahn ins Land, der wohl stärkere Veränderungen gebracht hätte, wurde durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 verhindert.

    Der deutsche Resident Richard Kandt war eigentlich Psychiater und hatte in den 10 Jahren vor seiner Ernennung zum Residenten als Forscher in der Region gearbeitet. Er ist übrigens noch heute eine in Ruanda hoch angesehene Persönlichkeit. Weitere vertiefte Kenntnisse der Region stammen von der Arbeit des polnisch-deutschen Forschers Jan Czekanowski. Er war ein methodisch modern arbeitender Anthropologe, der intensiv die soziale Organisation der Völker im dortigen Raum erforschte. Im Völkerkundemuseum Leipzig war übrigens 2001/2002 eine große Sonderausstellung über seine Arbeit.

    Kandt war aus Posen und hieß ursprünglich Kantorowicz. Er und Czekanowski kannten ethnische Konflikte aus ihrer Heimat und berichteten erstmals von den Konflikten im dortigen Gebiet. Nach neuerer Auffassung handelte es sich dabei ursprünglich aber nicht um ethnische Probleme, sondern um ein Herrschaftsverhältnis zwischen einer Kriegerkaste und dem Bauernstand, wie es in vielen traditionellen Gesellschaften vorkommt.

    Dass in dieser Situation Kandt als einsamer Resident nicht an einen Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse dachte, sondern sich in seiner Funktion als Resident auf die eingespielte Verwaltung des Gebietes stützte, war nicht nur vernünftig, er hatte auch gar keine andere Möglichkeit. Hier Rassenpolitik hineinzudeuten zeugt von einer historischen Denkweise über deren Qualifizierung ich mich lieber nicht äußern will.

    Wenn man dem deutschen Residenten einen Vorwurf machen kann, dann den, dass er den Konflikt in seinem Territorium, seinen Erfahrungen aus den deutsch-polnischen Gebieten folgend, ethnisch gedeutet hat. Damit war er allerdings im Einklang mit den Weißen Brüdern und den Missionaren der Bethel-Mision in diesem Gebiet. Im späteren verlauf hatte diese Bewertung des sozialen Gefüges fatale Folgen, da aus einem ursprünglich anders gelagerten Verhältnis künstlich ein ethnischer Konflikt gemacht wurde.

    Da insbesondere liegen auch große Fehler der belgischen Verwaltung. Zum einen setzten sie Wami Yuhi V. Musinga 1931 ab und unterbrachen damit die Erbfolge des Königshauses in Ruanda, zum andern führten sie 1933 ein Ausweiswesen ein, in dem eine ethnische Klassifizierung der Bevölkerung vorgenommen wurde. Trotzdem blieb es ruhig bis 1959, was man auch als Beleg für die These nehmen kann, dass ein ethnischer Konflikt ursprünglich nicht vorlag.

    Weiter will ich mich zum belgischen Teil der Geschichte des Landes nicht näher äußern, da ich sie nicht so im Detail kenne.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Mai 2007

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