Geschichte von NORTHAG: I. BE-Korps u. I. NL-Korps

Dieses Thema im Forum "Blockbildung und Kalter Krieg" wurde erstellt von BerndHH, 28. August 2017.

  1. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Die Northern Army Group (NORTHAG) war die NATO-Heeresgruppe z. Verteidigung der Norddeutschen Tiefebene und setzte sich aus

    • Belgisches BE-Korps (1. Infanteriedivision, 16. Panzerdivision),

    • Britisches BR-Korps (1st Armoured Division, 3. und 4. Panzerdivision, 2. Infanteriedivision),

    • Niederländisches NL-Korps (1., 4. und 5. Division, ab 1985 zusätzlich die deutsche 3. Panzerdivision)

    • Deutsches DE-Korps (1. Panzerdivision und 7. Panzerdivision, 11. Panzergrenadierdivision, Luftlandebrigade 27)

    zusammen. https://de.wikipedia.org/wiki/Northern_Army_Group

    Alle 4 Korps sind auch bei Wikipedia beschrieben, meiner Meinung nach aber nicht hinreichend.

    Über das DE-Korps und BR-Korps ist einiges bekannt (beide Verbände hatten ihre „Konzentrierungsräume“ auf den TrÜbPl MUNSTER und BERGEN-HOHNE), doch das wesentlich kleinere BE-Korps (https://de.wikipedia.org/wiki/I._Corps_(Belgien)) und das NL-Korps/Eerste Legerkorps (https://de.wikipedia.org/wiki/Eerste_Legerkorps) sind weitgehend unbekannt. Vielleicht hat jemand Spezialliteratur über Auftrag, Bewaffnung und Kampfkraft dieser beiden NATO-Korps, die immerhin wichtige Schlüsselräume in der nördlichen Lüneburger Heide bzw. im „Streifen von Göttingen“ verteidigen sollten. Bekannt ist, dass beide Korps ungünstig disloziert waren, um nach Alarmierung und Mobilisierung im Spannungsfall rechtzeitig ihre GDP-Stellungen zu erreichen. Will heißen, die 3. Stoßarmee „Magdeburg“ hätte längst die innerdeutsche Grenze passiert, bevor die 1. NL-Division Eerste Divisie “7. December” oder die 16e BE-Pantserdivisie überhaupt in die Nähe des VRV (Vorderer Rand der Verteidigung) gekommen wäre.

    Es gibt von Helmut Hammerich: Die Operationsplanungen der NATO zur Verteidigung der Norddeutschen Tiefebene in den 1980er Jahren, Vortragsmanuskript 51. ITMG, Potsdam 2010 aber vielleicht gibt es ja noch mehr Literatur, um diesen Themenkomplex näher zu beleuchten?

    Immerhin galt die Norddeutsche Tiefebene lange Zeit als „Panzerrollbahn“ des WAPA zum Durchmarsch in 9 Tagen zum Rhein. Also schon ein vitales Verteidigungsinteresse der BRD diesen Raum nicht so einfach zu verlieren. Daher auch die Massierung starker Panzerverbände i.d. Lüneburger Heide (das komplette Spektrum des Heeres zur Panzervernichtung: Leopard 2, Chieftain, Centurion, Challenger, MILAN, TOW, HOT, PzJg, PAH-PzAbwHubschrauber, etc.) aber warum die Holländer und die Belgier die es vermutlich nicht „rechtzeitig“ geschafft hätten, um in ihren Verantwortungsbereichen aktiv einzugreifen. Vielleicht bin ich aber einfach auch falsch informiert?

    Wäre klasse, mehr darüber zu erfahren. Gruss, BerndHH
     
  2. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Die Liste der COMNORTHAG (Kommandeur NORTHAG) war durchgehend britisch. COMNORTHAG anscheinend in Personalunion mit Kdr BAOR (British Army of Rhine), d.h. die Befehlsgebung des Korps wäre auch durchaus von britischer Natur. Also nicht unbedingt grenznahe Vorneverteidigung, sondern Fokus auf bestimmte Schlüsselräume. Deutsche, Briten, Holländer und Belgier und jeder mit unterschiedlicher taktischer Auffassung, wie gepanzerte WAPA-Großverbände zu bekämpfen seien...
    Ein heilloses Chaos vom "NATO-Schichtkuchen" aber das ist nur eine Vermutung, die ich nicht belegen kann.

    Die großen Entscheidungen wären sowieso vom SACEUR, SHAPE oder SHOC gekommen...

    Aber zurück zu den Belgiern und Holländern...
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Skizzenhaft: Hammerich, Halten am VRV oder Verteidigung in der Tiefe? In: Möllers/Schlaffer, Sonderfall Bundeswehr.

    Dazu gibt es massenhaft Literatur im Kontext. Anhand von Wikipedia ist das Thema nicht zu erschließen, ebenfalls nicht anhand von Personalien in der Führung.
     
  4. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Die zusammenhängende Gefechtsführung bei 8 Korps aus 5 Nationen...unterschiedliche Führungssysteme...

    Jawoll, das passt! Besten Dank, Silesia!
    Aber von massenhaft Literatur im Kontext würde ich nicht gerade sprechen. Das NATO-Archiv stuft Dokumente zur Operationsplanung 1980er Jahre leider immer noch als "classified - not for public use" ein. Fürchte, da muss man noch auf den St.Nimmerleinstag warten, bis da endlich mal Kartenmaterial und die GDPs auf den Tisch kommen. Bei Historikern sieht das schon anders aus. Denen wird bis zu einem gewissen Maße Zugang zu den Archiven gewährt.

    Interessant ist in dem Artikel "Halten am VRV oder Verteidigung in der Tiefe?" die Tatsache, dass nicht unbedingt die besten und kampfstärksten Truppen als Deckungstruppen VOR dem VRV eingesetzt werden sollten. Also mehr oder weniger "Kanonenfutter", um den ersten Aufprall mit der 1. Staffel WAPA....Totalausfall, enorme Verlustrate...Folgeaufträge nicht vorgesehen.
    Die kampfstarken PzBrig eher in der Tiefe... Und ich dachte immer, die Panzeraufklärer mit ihren leichten (SpähPz Luchs) und schweren Spähzügen (Leopard 1/2) wären eine Art Eliteverband, den man nicht mal so eben wie die PzGrenTr verheizt.
    Na ja, im Laufe der Zeit hat es wohl eine Evolution in den Denkweisen gegeben.
     
  5. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Hier noch ein Bild zur damaligen Vorneverteidigung
     

    Anhänge:

  6. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Möglicher Vorstoß der 5. NVA-Armee
     

    Anhänge:

  7. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Quelle: DER DRITTE WELTKRIEG
    Quelle: Die Alpen im Kalten Krieg: Historischer Raum, Strategie und Sicherheitspolitik
     
  8. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Quelle: Landstreitkräfte in Niedersachsen
    Quelle: Hamburger Institut für Sozialforschung: Der Dritte Weltkrieg und andere Kriege:
    Der Dritte Weltkrieg und andere Kriege. Der Krieg der Zukunft in der britischen Militärpublizistik 1945-197

    Leider habe ich derzeit nichts Besseres.
     
  9. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    S E N S A T I O N S M I T T E I L U N G:
    Der GDP von 1988 ist teilweise offengelegt und damit die Operationsplanung der 3. Panzerdivision BUXTEHUDE

    Einsehbar im Militärarchiv Freiburg:
    • I. (GE) Korps. Korpsbefehl Nr. 1 f.d. Operationsführung im Verteidigungsfall (GDP88) 30.03.88,BArch BH83//437
    • 3. PzDiv. Operationsbefehl Nr. 1 f.d. Verzögerungsgefecht im Gefechtsstreifen I. (NL) Korps, (GDP88) BArch: BH 8-3/434
    Um Einsicht zu bekommen, muss man sich aber schon die Mühe machen und runterfahren ins schöne Freiburg.
    Ausgangslage: Panzerdurchstoß aus dem "Salzwedeler Bogen" mit Angriffsziel UELZEN.
    Feindkräfte: 2. Gardepanzerarmee und 3. Stoßarmee MAGDEBURG
    OpCon (Operations Control) von NORTHAG hätte der 3. Panzerdivision, zusammen mit schwachen NL-Aufklärungskräften für mind. 24 Stunden ein Verzögerungsgefecht zwischen IDG (Innerdt. Grenze) und VRV = ESK (Elbe-Seitenkanal) befohlen, bevor das I. (NL) in ihrem Verteidigungsabschnitt westl. des ESK Gefechtsbereitschaft melden kann.

    3. PzDiv

    Brigaden:
    • PzGrenBrig 7 HAMBURG direkt i. VzgGef eingesetzt
    • PzBrig 8 LÜNEBURG operative DivReserve
    • PzLBrig 9 MUNSTER einem anderen Vbd unterstellt
    Divisionstruppen:
    • PzAufklBtl 3 LÜNEBURG - 3 PzAufklZg als BrigSpähZg abgestellt
    • ArtReg 3 i. Feuerstellungsräumen rückwärtiger DivBereich z. Bekämpfung als Konterartillerie oder Fernziele, Konzentration auf Hochwertziele wie fdl. GefStd, Befehlstellen, etc.
    • nicht aktive JgBtl 36 u. 37: zum Einsatz i. Waldgebieten oder in Schlüsselräumen
    • PiBtl 3 den Kampftruppen unterstellt
    • FErsBtl 31 bis 35: Personalreserve, um Verluste vorne am VRV aufzufüllen

    24 h VzgGef als hochintensive Kampfweise gegen einen zahlenmäßig stark überlegenen Gegner - praktisch kaum durchführbar. Dazu müsste man den damaligen DivKdr der 3. PzDiv Generalmajor Harald Schulz befragen, wie seine Meinung dazu war.
     
  10. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Ach so, um Prognosen über die Durchhaltefähigkeit der holländischen Panzeraufklärer im Verzögerungsgefecht östlich des ESK anstellen zu können, müsste man Taktik und Ausbildungsstand des 103. Recce Reconnaissance Battalion (AufklBtl) aus Seedorf kennen. Mal sehen, ob es dementsprechende Literatur gibt.
     
  11. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    103th Reconnaissance Battalion (Reserve), 't Harde, (18x Leopard 2A4, 48x M113-Command & Reconnaissance also FuFü MTWs). Ich kann kein Holländisch aber ist es vielleicht das Verlichting Bataljon Seedorf?
     
  12. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    103 Verkenningsbataljon

     
  13. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Okay, das 103 NLD ISTAR Btl. ist natürlich der Nachfolgeverband nach dem Kalten Krieg.

    Der Ausbildungsstand der holländischen Panzeraufklärer war sicherlich nicht schlecht. In der CAT - Canadian Army Trophy (NATO-Panzervergleichsschießen) auf dem TrpÜbPl BERGEN-HOHNE haben die Holländer mit ihren Leopard 2 KPz gar nicht schlecht abgeschnitten: 1985 für NORTHAG an den Start gegangen: Platz 4 43. Tankbataljon, 1987 sogar auf Platz 1 und 1989 auf Platz 2.

    Wer die CAT gewinnt, muss einfach eine perfekt eingespielte Panzerbesatzung haben: Zielerkennung, Zielzuweisung, Erststrefferwahrscheinlichkeit mit Wuchtmunition auf stehende oder fahrende fdl. KPz und Dauer des Nachladens - Ladeautomat natürlich.
     
  14. freivolk

    freivolk Neues Mitglied

    NATO Order of battle 1989 | Battalion | Brigade
    Allein von den Zahlen her, sah das I. NL garnicht schlecht aus. Leopard 2 natürlich, Stinger und MLRS noch vor der Bundeswehr. Da ihr wahrscheinlicher Gegner, die 5.DDR-armee teilweise noch mit T-55 in die Schlacht gerollt wäre, hätten im direkten vergleich die chancen wohl nicht so schlecht gestanden, wäre nicht das Problem gewesen, dass das I.NL wohl 4-7 Tage zum vollen Auufmarsch gebraucht hätte.
    Das I. BEL hingegen kam mir immer wie das sorgenKind der NATO vor.
     
  15. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Das war bei der Marine auch nicht anders. Während bei den Niederländern alles von neuester Technik war, kamen die Belgier 1986 mit der "Breydel" an, Kiellegung 1954.
     
  16. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Ist diese Thematik - gelebte Zeitgeschichte - nicht milliardenfach spannender als die ausgelutschten WK II-Schinken.

    Der Kalte Krieg ist eine Zeit, die viele von uns miterlebt, mitgestaltet haben und daher deutlich prägender.
    Hochinteressant war/ist die Stimmung der Zivilbevölkerung, die sich im Raum MUNSTER - BERGEN, wohl die ganze Zeit durch die Dauerpräsenz der Briten wie in einem besetzten Land gefühlt haben mussten.

    Der Chieftain-Kampfpanzer im Vorgarten, Schotten, Waliser, die gefechtsmäßig durch die Dorfstraße pirschen - für die Bevölkerung war der Krieg anscheinend nie ganz aus.
    Tiefflieger, Mörserfeuer in der Nacht - finde ich persönlich ganz okay.
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ein Chieftain im Vorgarten statt auf dem screen ist natürlich spannend.
     
  18. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Auf jeden Fall!

    Für die zivilen Bewohner der Lüneburger Heide muss all die Jahrzehnte die Bedrohung des WK III immer vor der Haustür gelegen haben.

    Zeitungsartikel belegen das:
    Immer Krieg Immer Krieg!
    Briten raus! Briten raus!

    Jenes SLA Soltau-Lüneburg-Abkommen von 1959 (Soltau-Lüneburg-Abkommen – Wikipedia ), was den Briten (nahezu) uneingeschränkte Nutzung großer Flächen der Lüneburger Heide (also über TrÜbPl MUNSTER NORD/SÜD u. BERGEN-HOHNE hinaus) garantiert hat.

    Die permanente (ungefragte) Nutzung von Zivilflächen in SCHNEVERDINGEN, FALLINGBOSTEL, etc. die "Außenfeuerstellungen" der Artillerie, also alles Areale, die nicht zu den o.g. TrÜbPl gehören und die damit verbundenen Manöverstörungen, Ruhestörungen durch Nachtschießen, Panzermotoren sind enorm laut, Gefechtslärm ... all das muss bei manchen regelrecht zu Animositäten geführt haben.

    Auch beim TrÜbPl SENNELAGER in OSTWESTFALEN b. PADERBORN ist es so, dass wenn Schützenpanzer eine Schießbahn in Brand schießen, die britische Feuerwehr kommt. Also bis zum heutigen Tage hohheitliche Aufgaben
    und die Kommandogewalt über einige TrÜbPl.

    Nur jenes SLA hat ihnen ja auch noch zivile Flächen in der Heide für FIELD EXERCISES von Panzergefechten zugesprochen.
     
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das Thema wäre damit: Lärmbelästigung und Flächendevastierung im Kalten Krieg.
     
  20. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Nein, natürlich nicht.
    Ich bin nur enttäuscht, dass dieses - aus meiner Sicht so ungemein wichtige Thema - gelebte Zeitgeschichte, die meisten Akteure leben nämlich noch - so wenig militärhistorische Beachtung findet.
    Aber wahrscheinlich sind die heißen Kriege der Vergangenheit oder auch die aktuellen Konflikte der Gegenwart einfach für die große Mehrheit interessanter. Ist wahrscheinlich einfach so.

    Was an Dokumenten nicht im Schredder gelandet ist, wird wohl noch die nächsten 25, 30 Jahre unter Verschluss gehalten … ist leider so. Und damit gibt es natürlich auch keine Diskussionsgrundlage. :-(
     

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