Geschlechterrollen in der Steinzeit

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von Nvth, 26. Februar 2009.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Nicht zu Geschlechterrollen, aber zu einer anderen Form der "Arbeitsteilung" wurde jetzt auf einem Symposium in Barcelona berichtet. Das gibt eine Meldung in der Nature wieder, auf die weitere Magazine Bezug nehmen.

    Es geht um prähistorische "Kinderarbeit": hier u.a. am Beispiel der Hallstatter Salzminen in der späten Bronzezeit. Dies sollen ua. Knochenanalysen ergeben haben.

    Bericht aus der Archaeology:
    Archaeologists Look for Evidence of Past Child Labor Practices - Archaeology Magazine

    Nature:
    Prehistoric children as young as eight worked as brickmakers and miners

    Auf die Konferenz (Abstracts der Vorträge) wird hier verwiesen:
    Programme
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Archäologische Genderforschung.

    Gender Inequalities in Neolithic Iberia: A Multi-Proxy Approach | European Journal of Archaeology | Cambridge Core

    Summary:
    "Die archäologische Geschlechterforschung in der späteren Urgeschichte Iberiens ist in den letzten zwei Jahrzehnten stark gewachsen. Die Untersuchungen haben sich aber meistens auf spezifische Aspekte (wie Grabsitten oder Felskunst) konzentriert, vor allem in der Bronze- und Eisenzeit, also in Bereichen, wo die Beweise leichter erhältlich sind. Außerdem sind diese Studien eher auf einer regionalen oder lokalen Basis durchgeführt worden. In der vorliegenden Arbeit verfolgen wir einen empirisch soliden Multi-Proxy Ansatz zum Verständnis der Entwicklung geschlechtsspezifischer Ungleichheiten im ganzen neolithischen Iberien. Inspiriert von den Ideen von Gerda Lerner über den Ursprung des Patriarchats und auf der Basis einer systematischen Sammlung von Daten, die mit Signifikanztestverfahren untersucht wurden, stellen wir hier die erste umfangreiche Studie in der iberischen Urgeschichte über die Missverhältnisse zwischen den Geschlechtern vor. Daraus schließen wir, erstens, dass eine Multi-Proxy Methode potenziell nützlich für die systematische Untersuchung von geschlechtsspezifischen Ungleichheiten im archäologischen Rahmen ist und, zweitens, dass diese Ungleichheiten sich im Neolithikum entwickelten und die Grundlagen für die spätere männliche Dominanz legten."

    Über das Ergebnis kann man sicher geteilter Meinung sein. Klar ist die Wirkungskette, dass wachsende "Bestände" überhaupt erst Verteilungsfragen auslösen bzw. sichtbar machen (natürlich ist auch ein nur verteilungsfähiges Existenzminimum einer Gruppe eine Verteilungsfrage).

    steigende Vorratshaltung -> steigende Ungleichheiten
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Heute im Radio lief in der Sendung Quarks etwas zum Thema. Anthropologen der UCA wollen auf dem amerikanischen Doppelkontinenten (konkret ging es um einen neueren Fund in Perú) mehrere Frauenbestattungen gefunden haben, wonach Frauen mit Jagdutensilien als Beigaben bestattet wurden. Sie interpretieren das so, dass es zumindest auf dem Doppelkontinenten es bzgl. der Jagd keine Unterschiede in den Geschlechterollen gab.
    Sie schränken das dann aber gleichzeitig ein. Die Jägerin aus Perú soll um die 20 gewesen sein, daher ist die Überlegung, dass v.a. Frauen, die sich noch nicht um Kinder kümmern mussten, an der Jagd teilnahmen.
    Mit der Erfindung besserer Jagdwaffen, wie z.B. dem Bogen, soll dann die Verengung der Jagd auf ein Geschlecht vollzogen worden sein.
     
    Ugh Valencia und Traklson gefällt das.
  4. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    In diesem Spiegelartikel wird erwähnt, dass die Jägerin "nicht älter als 19" gewesen sei. Ich bin mir aber nicht sicher, ob 19/20 Jahre in der Steinzeit ein Alter war, in dem Frauen sich noch nicht um Kinder kümmern mussten. In Anbetracht einer generell geringeren Lebenserwartung als heute könnten viele Frauen auch relativ jung Kinder bekommen haben.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das hatte ich nicht mehr so im Kopf. Ich höre Radio fast ausschließlich im Auto, da ist meine Konzentration dann auf was anderes gerichtet.
    Heute werden die Menschen ja bis zu 120 Jahre alt. Ein Alter von ca. 80 ist heute fast normal. Das liegt natürlich auch am medizinischen Fortschritt, jedoch kannten die steinzeitlichen Jäger auch viele Viren und Bakterien noch nicht, vor allem solche, die mit Tierhaltung zusammenhängen. Insofern dürfte die Lebenserwartung, wenn man die kritischen Lebensjahre in der Kindheit überstanden hatte, nicht sooo schlecht gewesen sein.


    Meine Überlegung war ja bisher immer, dass man auf einen Mann für die Reproduktion besser verzichten könne, als auf eine Frau*, aber an dieser Überlegung war etwas schief: Denn vor unserer modernen Gesellschaft geschah Reproduktion ja eh eher nicht geplant, sondern sie geschah einfach. Sprich: In einer steinzeitlichen Gruppe wird man sich keine Gedanken darüber gemacht haben, wie viele Kinder in den nächsten Jahren geboren werden müssten. Vor der Neolithisierung muss man ja eh eher davon ausgehen, dass Neugeborene getötet wurden, damit maximal ein Kleinkind pro Erwachsener in der Gruppe zu versorgen war, wenn die Gruppe vor Gewalt oder Naturkatastrophen ausweichen musste. So etwas hat man wenigstens bei auf steinzeitlichem Niveau lebenden Gruppen im Amazonas beobachtet, dass jedes Paar max. zwei Kinder im Kleinkindalter hat und weitere Kinder tötet. Für uns scheint das brutal, aber aus der Logik Nichtsesshafter ohne Transporttiere ist das wichtig für das Überleben der Gruppe. Wenn eine fremde Gruppe die Gruppe angreift, kann sich jeder Erwachsene ein Kind schnappen und laufen. Hat man viele Kinder, behindern die die Flucht.


    *Also nicht, dass wir uns missverstehen: Natürlich bedarf es eines Mannes für die Reproduktion, meine schiefe Überlegung war halt, dass im Zweifel viele Frauen schwanger von wenigen Männern sein können, aber eine Frau maximal alle anderthalb Jahre schwanger von verschiedenen Männern (nach der Geburt rechnet man etwa ein halbes Jahr, bis die Frau wieder empfängnisbereit ist, was aber eine der unsichersten Verhütungsmethoden ist).
     
  6. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

    Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Warum ist der Speer besser für Frauen geeignet als Pfeil und Bogen? Der Unterschied zwischen den Geschlechtern liegt ja in der körperlichen Stärke und nicht Geschicklichkeit oder Hand-Auge-Koordination. Braucht für das Spannen des Bogens so viel Kraft? Bei Langbögen könnte ich mir das noch eher vorstellen, aber solche wird es in der Steinzeit wohl noch nicht gegeben haben.

    Zumindest in Serien und Filme ist der Bogen ja die typische Frauen-Waffe. Das muss natürlich nichts mit historischen Fakten zu tun haben.
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es ging dabei weniger um die körperlichen Fähigkeiten als um den höheren Jagderfolg, der es nicht mehr notwendig macht, dass alle körperlich fähigen Gruppenmitglieder an der Jagd teilnehmen.
     
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  8. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Genau das würde dagegen sprechen, dass eine junge Erwachsene keine Kinder hatte. Es ist doch gut vorstellbar, dass während der Jagd jemand anderes aus der Gruppe sich um ein potentielles Kind der Jägerin kümmerte. Das Alter der Jägerin allein lässt für mich jedenfalls nicht darauf schließen, dass sie kinderlos war.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Diesen Gedankengang kann ich gerade noch nicht nachvollziehen.

    Richtig.

    Wenn ich das aus dem Radiobeitrag richtig verstanden habe, dann ging die Interpretation davon aus, dass Jägerinnengräber häufig junge Frauen aufwiesen, wohingegen bei Männern die Altersmatrix heterogener war.
     
  10. rosch99

    rosch99 Neues Mitglied

    Vielleicht gibt es noch andere Aspekte als "Fliehen oder Kämpfen", nämlich den Arterhalt. Daher haben eventuell bei Gesellschaften, die eine feindlichere Umwelt haben, Frauen eine wichtigere Rolle als stabilisierender Faktor, die "Samenspender" waren auch in schrumpfender Anzahl funktionsfähig und austauschbar.
     

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