Gewinner der Wirtschaftskrise 1929-1933/ Sozialversicherung in der Weimarer Republik

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Remirrad, 16. März 2009.

  1. Remirrad

    Remirrad Neues Mitglied

    Heyho
    ich hätte da mal 2 Fragen:
    1) wem hat die wirtschaftskrise 1929-1933 genützt?
    2) was für Sozialversicherungen gab es in der Weimarer Republik (wenns welche gab)

    danke schon mal im Vorraus

    euer Remi:winke:
     
  2. Cephalotus

    Cephalotus Aktives Mitglied

    Hallo Remi,

    zu Frage 1 fällt mir spontan nichts ein, außer, dass die Nazis von der Weltwirtschaftkrise profitiert haben dürften. Sie konnten ihre abstrusen Thesen vom "Weltjudentum", das an der ganzen Misere Schuld sei, "verkaufen".

    Konkret gab es natürlich immer auch Spekulanten, die mit Leerverkäufen auf fallende Aktienkurse spekuliert hatten und die damit große Vermögen erwerben konnten. Ich glaube mal gelesen zu haben, dass ein Großteil des Reichtums der Kennedys auf diese Weise zustande kam. (Ist zwar nicht deutsch, aber es war ja eine Weltwirtschaftskrise).

    Frage 2 ist schon leichter zu beantworten: Es gab die selben Sozialversicherungszweige, wie sie von Bismarck eingeführt wurden:

    - Krankenversicherung
    - Rentenversicherung
    - Unfallversicherung

    Dazu wurde 1927 die Arbeitslosenversicherung eingeführt

    Deutsche Sozialversicherung

    Die gesetzliche Pflegeversicherung dagegen ist ein Kind unserer Zeit. Die gibt es erst seit 1995.

    Viele Grüße,

    Bernd

    P. S. Zu Frage 1 noch ein (erschreckend aktuelles) Gedicht:

    Wenn die Börsenkurse fallen,
    regt sich Kummer fast bei allen,
    aber manche blühen auf:
    Ihr Rezept heißt Leerverkauf.


    Keck verhökern diese Knaben
    Dinge, die sie gar nicht haben,
    treten selbst den Absturz los,
    den sie brauchen - echt famos!


    Leichter noch bei solchen Taten
    tun sie sich mit Derivaten:
    Wenn Papier den Wert frisiert,
    wird die Wirkung potenziert.


    Wenn in Folge Banken krachen,
    haben Sparer nichts zu lachen,
    und die Hypothek aufs Haus
    heißt, Bewohner müssen raus.


    Trifft's hingegen große Banken,
    kommt die ganze Welt ins Wanken -
    auch die Spekulantenbrut
    zittert jetzt um Hab und Gut!


    Soll man das System gefährden?
    Da muss eingeschritten werden:
    Der Gewinn, der bleibt privat,
    die Verluste kauft der Staat.


    Dazu braucht der Staat Kredite,
    und das bringt erneut Profite,
    hat man doch in jenem Land
    die Regierung in der Hand.


    Für die Zechen dieser Frechen
    hat der Kleine Mann zu blechen
    und - das ist das Feine ja -
    nicht nur in Amerika!


    Und wenn Kurse wieder steigen,
    fängt von vorne an der Reigen -
    ist halt Umverteilung pur,
    stets in eine Richtung nur.


    Aber sollten sich die Massen
    das mal nimmer bieten lassen,
    ist der Ausweg längst bedacht:
    Dann wird bisschen Krieg gemacht.


    Kurt Tucholsky, veröffentlicht in "Die Weltbühne" 1930
     
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  3. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

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  4. Cephalotus

    Cephalotus Aktives Mitglied

    Asche auf mein Haupt:

    Ich hab es ungeprüft übernommen. Wird nicht wieder vorkommen :pfeif: Dabei hätte es so schön gepasst...
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Bei dem "Leerverkauf" im Zitat habe ich auch kurz gezuckt, da mir Volumina aus 1929 dazu so nicht bekannt sind. Die naked short sells wurden allerdings von Hoover im Zuge der Wirtschaftskrise verboten.

    Leerverkauf ? Wikipedia

    Die Diskussionen in den USA nahmen aufgrund der drastischen Kurtseinbrüche seit 1929 durchaus Züge einer "Kampagne gegen eine Verschwörung" an. Wenn man das mit Abstand sieht, sind Leerverkäufer dieses Ausmaßes diejenigen, die von der Existenz einer Wertblase ausgehen und mit der Nadel hineinstechen. Sie sind auch diejenigen, die von fallenden Kursen profitieren (sofern sie mit ihren Deckungskäufen und dem dafür dann relevanten Kursniveau nicht ebenfalls "daneben" lagen).


    The Hoover New Deal of 1932
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Staatslexikon von 1931, Band IV (in Klammern Einnahmen/Ausgaben 1929 in Mrd. RM):

    Krankenversicherung 15.6.1883 (2,300/2,255)
    Unfallversicherung 6.7.1884 (0,424/0,410)
    Invalidenversicherung 22.6.1889 (1,619/1,315)
    (Zusammenfassung in der Reichsversicherungsordnung 1911)

    Angestelltenversicherung 20.12.1911, Berufsunfähigkeit+Tod (0,496/0,186)
    Knappschaftsversicherung 23.6.1923, Pensionen (0,262/0,232)
    Arbeitslosenversicherung 16.7.1927 (0,996/1,372)


    Vermögenstock 1929 der gesetzlichen SV ohne ALV (verfügt über keinen Vermögensstock, sondern ausschließlich beitragsfinanziert): 4,147 Mrd. RM.


    Arbeitslosenversicherung bewirkt Unterstützung idR für 26 Wochen. Verpflichtung zur Annahme von Arbeitsangeboten; Altersmäßig abgestuft (Stand per 1925) Zahlung von 0,54 bis 1,45 Reichmark pro Tag, idR sollen das 40% der letzten Lohnstufe des Arbeitslosen ausmachen, ansteigend bis auf 65% mit Familienzuschlägen. Zzgl. Unterstützung im Krankheitsfall.
    (Staatslexikon: Band I, Arbeitslosenversicherung)
     
  7. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Wenn die Angabe "1925" zutrifft, dann beziehen sich die Daten auf die Zeit vor Inkrafttreten des Arbeitslosenversicherungsgesetzes vom 16.7.1927. Meine eigenen Daten (aus HWBStaatswiss, Erg.-Bd. [1929], S. 853, 861) zeigen, dass insbesondere die Bemessungsgrundlage (Einheitslohn) später angehoben wurde:

    • Es gibt 11 Lohnklassen, von I (wöchentliches Arbeitsentgelt bis 10 RM) bis XI (... mehr 60 RM).
    • Bemessungsgrundlage der Unterstützung ist ein Einheitslohn, der von 8 RM wöchentlich (Kl. I) bis zu 63 RM (KL. XI) reicht.
    • Die Hauptunterstützung 75 % des Einheitslohns in Kl. I und 35 % in Kl. VIII-XI.; das sind in Kl. I 0,84 RM pro Tag, in Kl. XI 3,15 RM pro Tag zzgl. 5 % des Einheitslohns für jeden zuschlagsberechtigten Angehörigen, wobei die Unterstützung in Kl. I-II nicht mehr als 80 % und in Kl. VII-XI nicht mehr als 60 % des Einheitslohns betragen darf.
    Um konjunkturelle Schwankungen abzumildern, wird ein sog. "Not[vermögens]stock" aufgebaut, der im September 1928 rd. 97 Mio RM betrug.
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    @jschmidt, herzlichen Dank für die Richtigstellung. :winke:

    Die angegebenen Zahlen sollen tatsächlich aus 1925 stammen, naych Reichsarbeitsministerium. Vermutlich demnach ein Zwischenstand. Staatslexikon hat Auflage 1931.

    Dazu dann ein Nachtrag: im Zuge der Wirtschaftskrise wurden die Haushaltslage katastrophal, da u.a. Zuschüsse in das Budget der ALV erforderlich wurden, um wieder deren Defizite auszugleichen.

    In dem Zusammenhang wurde mE
    a) in den Deckungsstock anderer SV hinein gegriffen
    b) die Unterstützung gekürzt, um den Staatszuschuss zu verringern.

    Müßte unter Brüning oder Papen erfolgt sein?

    Weiß da jemand Genaues?
     
  9. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Wie bei Winkler (Weimar 1918-1933) nachzulesen, spielten die Auseinandersetzungen um die Arbeitslosenversicherung eine ganz entscheidende Rolle in der Endphase der ersten Republik.

    Im Februar (!) 1929 bereits war die Zahl der Arbeitslosen vorübergehend auf über 3 Mio gestiegen, was dazu führte, dass der Reichsanstalt die Insolvenz drohte. Zentrum und SPD konnte zwar nach langem Hin und Her eine Verständigung über die Erhöhung der Beiträge erzielen, aber die DVP erzwang eine Verschiebung dieser Maßnahme. Nach dem "Schwarzen Freitag" wurde die Sache wieder akut. Am 5.3.1930 kam nochmals eine Verständigung über eine Erhöhung zustande, die aber auf Betreiben des schwerindustriellen Flügels der DVP wiederum scheiterte und in Verbindung mit anderen Faktoren zum Rücktritt der Großen Koalition am 27.3.1920 führte (S. 371 f.).
    Die Politik der Nachfolgeregierung Brüning lief dann einseitig auf schwerste Leistungskürzungen vor allem in der Arbeitslosenversicherung hinaus; insgesamt übertrafen die "sozialen Härten" der Zweiten Notverordnung zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen" vom 6.6.1931 "die schlimmsten Befürchtungen" (S. 408). Noch stärkere Einschnitte sollten durch eine im Mai 1932 konzipierte neue Notverordnung vorgenommen werden (u.a. Reduzierung der Bezugsdauer der Hauptunterstützung auf 13 Wochen); weil dieses "Paket" aber auch bestimmte Maßnahmen enthielt, die die kostspielige Osthilfe berührten, wurde hinter den Kulissen Hindenburg dazu bewogen, seinem Kanzler den Erlaß der Verordnung zu verweigern - Resultat war der Rücktritt Brünings am 30.5.1932.
    Die Regierung Papen schließlich kürzte mit der Notverordnung vom 14.6.1932 die Unterstützungssätze der AV um 23 % und sah eine Bedürftigkeitsprüfung bereits nach 6 (!) Wochen vor - "Danach erlosch praktisch jeder versorgungsähnliche Anspruch. An seine Stelle trat ein Fürsorgesystem auf einem Niveau weit unterhalb dessen, was man gemeinhin unter unter 'Existenzminimum' verstand" (S. 482)

    Bezüglich des - insoweit "plausiblen" - Hineingreifens in Deckungsstöcke anderer Sozialversicherungszweige habe ich noch nichts Konkretes gefunden; es kann auch sein, dass es 1930/31 schon nichts mehr gab, wo hinein man hätte greifen können. Glootz (Geschichte der Angestelltenversicherung des 20. Jahrhundert, S. 67 f.) verweist insbesondere auf die "Vierte Verordnung des Reichspräsidenten zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen und zum Schutz des Inneren Friedens" vom 8.12.1931, worin auch dieser Zweig "ein bis dato nicht gekanntes Maß an Einschnitten hinnehmen" musste. Auch wurden ständig Kosten verlagert, z. B. indem Arbeitslose ab 60 alls berufsunfähig eingestuft und verrentet wurden (d. h. Entlastung der AV, Belastung der EV - das kommt einem alles irgendwie bekannt vor.)
     
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  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    @jschmidt: einfach Klasse!

    Die derartig hochschäumende Arbeitslosigkeit im Frühjahr 1929 (allerdings gab es damals viel größere saisonale Schwankungen) war mir nicht so bewußt, vielen Dank auch für den Hinweis. Man denkt eben zu sehr in Jahreszahlen.
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dazu habe ich nachgeschaut.

    Die Arbeitslosigkeit (in den Monaten 1928 schwankend zwischen 0,4 und 2,2 Mio., so starke Schwankungen waren in den 20ern durchaus üblich) stieg im Februar 1929 auf rd. 3,3 Mio., um danach wieder stark abzufallen.

    Betrachtet man das nach Sektoren, fällt der Anstieg im Baugewerbe (+0,5 im Vergleich Februar 1929/28) sowie der nicht bestimmten Sektoren zugeordneten Arbeitslosen (+0,8 Mio.) auf. Eine Ursache hierfür sehe ich im extrem harten Winter 1928/29 - ein Jahrhundertwinter, der Teile des Wirtschaftslebens wohl fast zum Erliegen gebracht hat: Küstenbereiche, Schifffahrt, Bau, etc.
    Extremwinter 1928/1929

    Das könnte einen Teil der Erklärung für den Februar 1929 liefern.
     
  12. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Siehe das neue Heft von "Praxis Geschichte" (Praxis Geschichte). Er ist schwer, sich vor solchen Betrügereien vollständig zu schützen.
     

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