Glühwürmchen im Haar?

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von El Quijote, 23. Februar 2020.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Heute war auf dem Deutschlandfunk eine Dichterin im Gespräch. Die sprrach über eines ihrer Gedichte, sagte aber sinngemäß*, dass sie die Anregung für eine Idee einer Modeerscheinung des Rokoko zu verdanken habe. Damals habe man Glühwürmchen gefangen und in sehr durchsichtigen Stoffsäckchen in die Haar der Frauen gebunden. Mal abgesehen davon, die Glühwürmchen eines der ersten Insekten sind, anhand denen mir das Insektensterben aufgefallen ist - ich hab seit bestimmt 20 Jahren schon keines mehr gesehen - würde mich interessieren, wie man sich das vorzustellen hat. Gibt es dazu zeitgenöss. Darstellungen?

    *Ich hab nur mit halbem Ohr hingehört.
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich habe noch nie was davon gehört und frage mich auch nach dem Sinn. In Aufschlüsselungen der Ausgaben von Mme. de Pompadour stach die Menge an Kerzen heraus. Von daher frage ich mich wie man die Glühwürmchen hätte sehen sollen. Ist mir in noch keinem Standardwerk zur Modegeschichte untergekommen. Wenn dann würde es mir für die 1770er mit den aufwändigen hohen Frisuren plausibel erscheinen. Die früheren Frisuren waren ja eher flacher und daher konnte man dort kaum was unterbringen. Beim Deutschlandfunk gehe ich jetzt mal eher von einer guten Recherchelage aus. Ich schau mal, ob man was im Podcast oder so dazu findet und höre heute Abend rein, wenn es geht. :)
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das war keine historische Sendung, es ging um eine Dichterin, die zum Gespräch da war.
     
  4. Biturigos

    Biturigos Aktives Mitglied

    Glühwürmchen leuchten erst nach Einbruch der Dämmerung. Die Geschichte halte ich für unwahrscheinlich.
    EQ, geh mal im Juni an einem lauen trockenen Abend auf eine Waldlichtung. Vielleicht siehst du dann Glühwürmchen.
     
  5. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Aber dafür ist sie offenbar sehr originell erfunden. Ein Kompliment der Dichterin!
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es handelte sich um die Zwischentöne und das Gespräch von Monika Rinck mit Joachim Scholl. Das dauert 68 Minuten, ob ich das jetzt alles durchhören möchte, um die Stelle zu finden? Also Rinck hat das nicht erfunden, sie hat ein anderes Bild erfunden, welches sie durch diesen behaupteten Sachverhalt inspiriert wissen wollte.
     
  7. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Umso besser eingefädelt. Auf Glühwurmfrisuren gibt es jedenfalls offenbar keinen einzigen sonstigen Hinweis in der Literatur.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Joachim Scholl: "[...] Mein Lieblingsbild in diesem Gedicht ist Die Friseure binden Kolibris in die Locken der Tenöre - die Friseure und die Tenöre ist natürlich ein wunderbarer Reim [...] Wie kommen Sie auf dieses Bild?"
    Monika Rinck: "[...] Man hat ja beispielsweise kleine durchsichtige Säckchen im Rokoko mit Fire Flys also Glühwürmchen in den großen Frisuren der Damen verbaut, es leuchtet und glitzerte, die Idee man könnte die ganze Frisur eines Tenors durch Kolibris, durch eine Choreographie von Kolibris in Bewegung halten, gefiel mir ganz gut...."

    Es ist also wirklich nur eine Randbemerkung.
     
  9. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Der bislang einzige zeitlich passende Hinweis der mir beim googeln begegnet ist, ist dieser hier:

    “For European trends in the 1700s, the most intricate and grandiose hair arrangements were created to express femininity, grace, and gaud. During France’s Rococo Period in the 1770s, large flowers and dyed feathers known as pompon would be fixed in the towering hair of wealthy women. At the same time in Spain, according to Trautmann, glow worms were fixed by threads in hair to bring a jewel-like luminous effect. These efforts were made to assert social status and garner gossip as the ‘talk of the town.“
    https://www.dismantlemag.com/2019/04/29/brief-history-hair-accessories/

    In der Bezugs-Quelle hierfür, dem Artikel von J. Trautmann, findet sich ein Literaturhinweis:

    “During the rococo period, pink roses were desirable as hair accessories as they exemplified the graceful, feminine curves found in furniture and other decorative arts. Hair was accented with a pompon, or the placement of a few flowers or a feather amidst a hair arrangement (Trasko 1994). In Spain, women "fixed glow worms by threads to their hair, which had a luminous effect" (Trasko 1994, p. 66). These elaborate coiffures were status symbols in courts throughout Europe's fashionable cities, and were meant to be the "talk of the town" (Trasko 1994, p. 64).“
    https://fashion-history.lovetoknow.com/fashion-accessories/hair-accessories-as-fashion-statements

    Demnach könnte zu verglühwurmter Haarpracht während des Rokoko evtl. mehr zu finden sein in dieser Publikation:

    Trasko, Mary. Daring Do's: A History of Extraordinary Hair. Paris and New York: Flammarion, 1994.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Februar 2020
    Maglor, Divico, El Quijote und 2 anderen gefällt das.
  10. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Ich habe beim Sichten von Kalendereinträgen gerade entdeckt, dass hier im Mittelhessischen in Kürze die Glühwürmchenzeit beginnen müsste. Meine Eindrücke der vergangenen Jahre bestätigen deine Wahrnehmung eines entlang von Glühwürmchen beobachtbaren Insektensterbens jedenfalls nicht.
    Am 17. Juni 2017 sind eine Begleitung und mich selbst in der Abenddämmerung zufällig in ein Szenario paarungsfreudiger Leuchtkäfer gelatscht, das uns im wahrsten Sinne des Wortes die Kinnladen runterfallen ließ: “Im Abspann muss doch jetzt gleich so was wie Disney-Studios oder dergleichen eingeblendet werden...“ Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals zuvor ein vergleichbares Spektakel dieser Art gesehen zu haben. In den beiden vergangenen Jahren schwirrten über Wochen hinweg vornehmlich an feuchten buschigen Waldrändern regelmäßig Glühwürmchen, allerdings nicht in der Intensität dieses einen Abends anno 2017.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Juni 2020

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