Gold gab ich für Eisen (Papier)

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von Repo, 5. November 2005.

  1. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Als ich vor Jahrzehnten die Notgeldsammlung meines Großvaters durchsah, fand ich darin 2 Zwanzigmarkscheine von 1912.

    Ich bemerkte meiner Mutter gegenüber: "Wie kann man so dumm sein, das Papier hebt ihr auf, die Goldstücke habt ihr ausgegeben". Es gab ja Goldstücke im selben Wert von 20 Mark.

    Meine Mutter erklärte mir dann, dass man die Goldstücke im 1.WK gegen Papier getauscht hätte, aber keineswegs aus Dummheit, sondern die Soldaten (in dem Fall mein Großvater) hätten dafür immer ein paar Tage Sonderurlaub bekommen. Und wenn man sich vergegenwärtige, dass er vielleicht nur deshalb den Krieg überlebt hätte, würde sie das noch immer als guten Tausch anschauen.

    Meine Frage dazu: War das tatsächlich gängige Praxis im 1. WK, gebe Gold und kriege Papier und Sonderurlaub?

    Grüße Repo
     
  2. Arne

    Arne Premiummitglied

    Gold für Sonderurlaub ist mir neu, halte ich aber für möglich.
    Gold für Eisen (oder Schuldzettel) war gängig. Ich kenne die Geschichten auch von meinen Großeltern. Das war halt die Möglichkeit "seinen" Beitrag für den Krieg zu leisten, auch ohne im Feld zu sein.

    Übrigens war mir auch das neu, was der Stadtführer in Berlin am Pariser Platz erklärt hat, nämlich daß "Gold gab ich für Eisen" keine Idee des Ersten WK war, sondern daß es schon zur Zeit der Befreiungskriege (1813) entstanden ist. Aus diesem Zusammenhang auch die Stiftung vom Eisernen Kreuz.
     
  3. Repo

    Repo Neues Mitglied

    "Gold gab ich für Eisen" ist ja soweit auch bekannt, das von 1813 habe ich in einer Scharnhorst Bio. schon mal gelesen.

    Wenn mich die Erinnerung nicht täuscht, sagte meine Mutter (ich kann sie leider nicht mehr fragen, sie wurde zwar steinalt, aber Jahrgang 1903 ist mittlerweile doch ausgestorben) dass es für die Goldmünzen den selben Wert als Geldschein gab und den Sonderurlaub.

    Grüße Repo
     
  4. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Inzwischen habe ich gelesen, dass im August 1914 bei der Reichsbank insgesamt ca. 100 Millionen in Gold von der Bevölkerung abgezogen wurde.
    Worauf die Golddeckung faktisch aufgehoben wurde.

    Ein solche Maßnahme würde also schon ins Bild passen. Irgendwie musste man der Bevölkerung das Gold ja "herauskitzeln".

    Andererseits ein handfester Beweis, dass die Bevölkerung schon eine gewisse Ahnung hatte, dass die Sache "schiefgehen" könnte.

    Grüße Repo
     
  5. Arne

    Arne Premiummitglied

    Öhh..?..meinst du jetzt, sie sahen eine große Gefahr der Niederlage, wenn sie nicht spenden?
    Eigentlich wäre es doch aber Dummheit sein Gold zu opfern, wenn man befürchtet, daß es verloren geht. Ich würde eher schätzen, daß die, die spendeten sehr zuversichtlich über den Kriegsausgang waren...:grübel:
     
  6. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Umgekehrt Arne, umgekehrt,

    die sind zur Bank marschiert, haben den Zwanziger oder Zehnmark Schein auf den Tisch gelegt und das entsprechende Goldstück mitgenommen.

    100 Millionen Mark, Goldmark 1914! sind in ein paar Wochen der Reichsbank in Gold verloren gegangen!
    Die Reichsbank musste umgehend die Golddeckung aufheben.

    Grüße Repo
     
  7. Arne

    Arne Premiummitglied

    Uuups, sorry, total falsch gelesen :autsch:

    Erstaunlich, daß man das damals durchgehen ließ, vermutlich weil jede Sperre im Volk so verstanden worden wäre, daß selbst die Regierung am Sieg zweifelt.

    Ich denke sonst ist/war es in solchen Situationen, eher üblich, daß die Staatsbanken Abhebungen einschränken.
     
  8. ning

    ning Gesperrt

    Also ich bin ein finanztechnischer Außerirdischer und nicht so bewandert in diesem Geschichtspunkt, obwohl, dabei könnte es in Österreich-(Ungarn) wohl ähnlich zugegangen sein.

    Aber das, was du hier lose "zusammenklingen" (*klimper*) lässt, klingt ausgesprochen interessant, Repo. Könntest du mir das mal genauer erklären?
     
  9. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Ich habs nochmal nachgelesen, schon im Juli floss diese Menge an Goldstücken ab.
    Am 31.7.1914 wurde von der Reichsbank schon der Umtausch von Gold gegen Papier eingestellt.

    Da gab es dann zum 4.8.14 schon ein "Ermächtigungsgesetz":

    Gesetz über die Ermächtigung des Bundesrats zu wirtschaftlichen Maßnahmen und über die Verlängerung der Fristen des Wechsel- und Scheckrechts im Falle kriegerischer Ereignisse 4. August 1914



    § 1.
    Wird in Veranlassung kriegerischer Ereignisse die rechtzeitige Vornahme einer Handlung. deren es zur Ausübung oder Erhaltung des Wechselrechts oder des Regreßrechts aus dem Scheck bedarf, durch höhere Gewalt verhindert, so verlängern sich die für die Vornahme der Handlung vorgeschriebenen Fristen um so viel als erforderlich ist, um nach Wegfall des Hindernisses die Handlung vorzunehmen, mindestens aber bis zum Ablauf von sechs Werktagen nach dem Wegfall des Hindernisses.
    Als Verhinderung durch höhere Gewalt gilt es insbesondere,
    1. wenn der Ort, wo die Handlung vorgenommen werden muß, von dem Feinde besetzt ist; es sei denn, daß sie bei Anwendung der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt trotzdem bewirkt werden kann;
    2. wenn die zwecks Herbeiführung der Handlung zu benutzende Postverbindung derart unterbrochen ist, daß ein geregelter Postverkehr nicht mehr besteht.

    § 2.
    Unbeschadet der Vorschrift des § 1 können die dort bezeichneten Fristen im Falle kriegerischer Ereignisse durch Kaiserliche Verordnung mit Zustimmung des Bundesrats für das gesamte Reichsgebiet oder für Teile des Reichsgebiets um einen bestimmten Zeitraum verlängert werden.
    Diese Vorschrift findet auf die Schutzgebiete mit der Maßgabe Anwendung, daß es der Zustimmung des Bundesrats nicht bedarf.

    § 3.
    Der Bundesrat wird ermächtigt, während der Zeit des Krieges diejenigen gesetzlichen Maßnahmen anzuordnen, welche sich zur Abhilfe wirtschaftlicher Schädigungen als notwendig erweisen.
    Diese Maßnahmen sind dem Reichstag bei seinem nächsten Zusammentritt zur Kenntnis zu bringen und auf sein Verlangen aufzuheben.

    § 4.
    Dieses Gesetz tritt mit seiner Verkündung in Kraft. Der Zeitpunkt, in dem das Gesetz außer Kraft tritt, wird durch Kaiserliche Verordnung mit Zustimmung des Bundesrats bestimmt.
    Reichsgesetzblatt 1914, S. 327

    Quelle dhm


    Grüße Repo
     
  10. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Hallo ning,

    ich hatte Deinen Beitrag gestern übersehen, sorry.

    Beim googeln ist mir dieser Link begegnet:
    http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/innenpolitik/inflation/

    Das scheint mir auch sehr interessant zu sein.
    Was man immer wieder übersieht, Krieg kostet Geld, irrsinnig viel Geld. Und die Bevölkerung scheint mir im Juli 1914 durchaus nicht so blauäugig gewesen zu sein, wie das immer dargestellt wird.
    Was vielleicht noch interessant wäre, wie sich die Bevölkerung bei den diversen Krisen Marokko, Balkankrieg usw. monetär verhalten hat.
    Ich denke schon, dass die Entwicklung in ÖU ähnlich war.

    Ich denke, dass es hierzu bestimmt irgendwelche Untersuchungen aus den 20ern gibt, aber die muss man natürlich zuerst mal finden.

    Grpße Repo
     
  11. survivor

    survivor Gast

    Zur Thematik "Gold gab ich für Eisen 1813" und angrenzende Themenbereiche schreibe ich übrigens gerade meine Abschlussarbeit!
    Ausgangspunkt: Schinkel und Eisenguss.

    Diese Aktion wurde dann halt später noch mal wiederholt, im 20. Jahrhundert.
     
  12. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Ich kenne das "Gold gab ich für Eisen" mit einem anderem Hintergrund aus Erzählungen u.a. meiner Großeltern:

    Da Gold ein sehr wichtiger Rohstoff war, die heimische Goldförderung jedoch gering und die Importe aufgrund der Seeblockade unmöglich waren, hatte die Reichsregierung im 1. WK die Idee, die Menschen an ihrer patriotischen Ehre zu packen und sie aufzufordern, das "Unterpfand der Liebe", sprich: ihren goldenen Ehering, der "Liebe zum Vaterland" zu opfern.

    Als "Ausgleich" (ich muss das Wort einfach in Anführungszeichen setzen...) gab es einen Eisenring, in den die Worte "Gold gab ich für Eisen" eingraviert war.

    Andere Zeiten, andere Denkweisen. Jeder, der einen solchen Eisenring mit sich trug war stolz, seinem Vaterland gedient zu haben.

    Die Aktion war freiwillig. Doch war der Gruppenzwang auf die Goldringträger natürlich hoch.

    Ob es diese Aktion auch schon in früheren Kriegen gegeben hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

    Grüße,

    Jacobum
     

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