Grenztruppen der DDR

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von Maelonn, 17. September 2010.

  1. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Während meiner Dienstzeit an der "grünen Grenze" waren die Grenztuppen im sog. Schutzstreifen eingesetzt. Der wurde vorher relativ stur festgelegt, und zwar 500 m von der eigentlichen Grenze entfernt. Zu meiner Zeit, war er dem Gelände angepasst und war an manchen Stellen nur ca. 200 m breit an anderen vllt. 800 m. Neben diesem Schutzstreifen gab es dann noch das sog. "Sperrgebiet" ab ca. 5 km. Die Bevölkerung war in dem Sperrgebiet Restriktionen unterworfen, deren Einhaltung aber Aufgabe der Polizei war.

    Abfolge der stationären und möglichen mobilen Grenzsicherungsanlagen, Beschreibungsrichtung "freundwärts" => "feindwärts". Ich werde dann sukzessive diese Grenzsicherungsanlagen beschreiben.

    2 m Kontrollstreifen*
    Grenzsignalzaun*
    Hundelaufanlagen**
    Lichtertrassen**
    Signalfelder**
    Beobachtungstürme*
    Minibunker*
    Kolonnenweg*
    12 m Kontrollstreifen*
    Kfz-Sperrgraben*
    Minensperre* (inkl. der sie begrenzenden Streckmetallzäune)

    Der Grenzabschnitt, den eine Kompanie während meiner Zeit und in unserem Grenzabschnitt je Schicht "zu sichern" hatte, betrug bei uns etwa 43 km. Das war der sog. "Battailionsabschnitt". Der Battailonsabschnitt war in vier sog. Kompanieabschnitte unterteilt. Jeder Kompanieabschnitt verfügte über einen Zugführungspunkt. Jeder Kompanieabschnitt wurde von einem Zug der diensthabenden Kompanie "gesichert". Allerdings nicht in etatmäßiger Stärke und Zusammensetzung, sondern nach Einschätzung der "Gefährdungslage". So wurde z.B. der längste Kompanieabschnitt (über ca. 14 km) meist nur von einem Postenpaar (Verbindungsposten zum Nachbarbattailon), der Besatzung des Zugführungspunktes (Zugführer oder stellv. Zugführer + 1 Begleitposten) und einer Grenzstreife "abgesichert". Der Kompanieabschnitte in der die Güst lag, der war recht kurz (ca. 7 bis 8 km), dagegen von meist 6 Postenpaaren "abgesichert", dieser Abschnitt hieß im Jargon "Raum der Hauptanstrengung".

    Der gesamte Battailionsabschnitt war dann nochmals in Postenpunkte aufgeteilt, bei uns ca. 160. Jeder dieser Postenpunkte hatte einen Anschluß an das GMN (Grenzmeldenetz). Darüber hinaus gab es vor dem 12 m Kontrollstreifen sog. Abrieglungspunkte bei uns etwa 450, die spielten bei den Grenzalarmen eine Führungs- und Orientierungsrolle.

    M.

    * stationäre Grenzsicherungsanlagen
    ** mobile Grenzsicherungsanlagen
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Oktober 2010
  2. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    2 m Kontrollstreifen

    Dieser Kontrollstreifen verlief direkt vor dem Grenzsignalzaun. Wurde so ca. alle 1 bis 2 Wochen geeggt* und von dem Postenpaar, welches als Grenzstreife für den Kompanieabschnitt eingeteilt war, einmal pro Schicht auf Spuren abgesucht.

    Grenzsignalzaun

    Zu meiner Zeit gab es zwei Typen. Die militärische Bezeichnung erinnere ich nicht mehr.

    Variante 1

    ca. 3 m hoher Streckmetallzaun und dann drei Reihen Stacheldraht.

    Variante 2

    ca. 1 m Streckmetallzaun und 13 Reihen Stacheldraht, etwa im Abstand von jeweils 15 cm.

    Der Stacheldraht war unter Signalstrom (Schwachstrom) gesetzt und löste im Zugführungspunkt Alarm aus, wenn z.B. die Drähte sich berührten. Die Halterung des Stacheldrahtes war aus relativ spröder Plastik, so daß bereits wenig "Gewalt" genügte, daß die Halterungen brachen.

    Der Grenzsignalzaun hatte Tore, deren öffnen ebenfalls im Zugführungspunkt angezeigt wurde. Daher mußte durch uns immer das Öffnen via Grenzmeldenetz, dem zuständigen Zugführungspunkt avisiert werden.

    Varinate 2 war bei uns im Abschnitt eingesetzt.

    Hundelaufanlagen

    Hier wurden die Hunde angeleint und konnten sich meist so 30 bis 50 m an der Anleinung bewegen. Hundelaufanlagen waren so aufgestellt, daß sie z.B. von Straßen aus zusehen waren. Meist waren das zwischen 10 bis 20 Hunde. Ich denke, das sollte eine psychologische Wirkung haben, da die Hunde selbst total ungefährlich waren.

    o.t.

    Ich empfand das als Tierquälerei und hatte darüber auch einige Diskussionen mit unserem Politoffizier. Die Hunde waren 3 Monate rund um die Uhr angeleint und wurden dann für einen Monat, gleichsam zur Erholung, in den Battailionsstab gebracht.

    Zurück zum Thema

    Lichtertrassen

    Im Gegensatz zur Berliner Mauer, war die "grüne Grenze" nachts nicht erleuchtet. Daher wurden an sog. "gefährdeten Abschnitten" mobile Scheinwerfer aufgestellt. Meist so ca. 5 bis 10. Wer das entschieden hat, weiß ich nicht, ich denke der Battailonsstab. Wir mußten selbige nur ein- bzw. ausschalten.

    Signalfelder

    Signalfelder hat auf Befehl des Kompaniechefs und wahrscheinlich in Abstimmung mit dem Battailionsstab der Waffenunteroffizier aufgebaut und gewartet. Die militärische Bezeichnung erinnere ich nicht mehr. Es waren Signalschnüre, etwa in Höhe von 30 bis 40 cm, die bei mechanischem Druck den Schuß einer Signalrakete auslösten. Je nach "Gefährdungslage" waren die Signalfelder einreihig, zweireihig oder auch dreireihig gegliedert. Sie "sicherten" in Gefährdungsräumen ca. 100 bis 500 m. Davon hatten wir 5 bis 6 derartige Grenzsignalfelder.

    Beobachtungstürme

    Die Beobachtungstürme waren im Gegensatz zur Berliner Mauer nicht auf Sichtweite, sondern markierten neuralgische Punkte, die wenigsten waren zu meiner Zeit besetzt. Allerdings gab es Beobachtungstürme, die immer besetzt waren, und zwar die neben der Güst.

    Minibunker

    Welchen Zweck die eigentlich hatten weiß ich nicht. Die wurden in den 60' Jahren in den Schutzstreifen verbracht. Die hatten gerade soviel Platz, daß ein Postenpaar hereinpasste. Die wurden durch uns nur als Unterstellmöglichkeit bei Dauerregen genutzt; ansonsten gab es keine weitere Nutzung.


    M.

    * Ich hoffe, daß das der richtige Ausdruck ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Oktober 2010
  3. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Kolonnenweg

    Der Kolonnenweg verlief parallel zum Grenzverlauf und bestand aus Betonelementen die im Achsenabstand verlegt waren. Es gab Stichkolonnenwegen zu den Toren im Grenzsignalzaun.

    12 m Kontrollstreifen

    Dieser Kontrollstreifen wurde ebenfalls wie der 2 m Kontrollstreifen in unregelmäßigen Abständen geeggt und mußte durch die Grenzstreife einmal pro Schicht auf Spuren kontrolliert werden.

    Kfz-Sperrgraben

    Den gab es überall dort, wo irgendwelche Stäbe einen Grenzdurchbruch mittels Kfz vermuteten. Breite ca. 3 bis 5 m, Neigung nach unten ca. 30 Grad, endend mit einer ca. 1 m hohen Betonwand (90 Grad). Das überstieg die Steigfähigkeit jedes auch geländegängigen Kfz.

    Minensperre

    Dazu habe ich mich bereits weiter oben geäußert.

    (Quellensicherung: Dienstzeit April 1980 bis April 1981, 1./I./9.GR)

    Fazit

    Der pioniertechnische Ausbau der Grenze (<= Militätjargon) war so perfekt, daß im Zusammenspiel mit der Hinterlandssicherung (VoPo, TraPo, Freiwillige Helfer der GT) ein Grenzdurchbruch faktisch unmöglich war.

    Meine Meinung zur Stellung der Grenztruppen im Repressionssystem der DDR habe ich in #97 dieses Threads dargelegt.


    M.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Oktober 2010
  4. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    @Melchior:

    Wenn ich dass alles so lese, welcher Aufwand betrieben wurde, um die Grenze gegen die eigene Bevölkerung in Richtung West so zu sichern, ist es eigedlich schon erschreckend. Das erinnert einen schwer an einen Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses.

    Was war eigendlich mit der Grenze zu den Ostblockstaaten, an die die DDR angrenzte? Wie sah da der Aufwand aus?
     
  5. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Köbis17

    Ich danke Dir für diese Antwort. Du hast recht, das erinnert nicht nur an einen Hochsicherheitstrakt, es war einer (sic!).

    Im Gegensatz zur Sicherung der "Staatsgrenze West" wurden die beiden Grenzen zu Polen und der CSSR nur überwacht (<= Militärjargon). Da war ich nicht involviert. Es gab keinen pioniertechnischen Ausbau. Ich denke, die sind einfach Streife gelaufen, und zwar in sehr großen Abständen. Hier standen Zollvergehen (schmuggeln von Zahlungsmitteln und Waren) im Vordergrund.

    M. :winke:
     
  6. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Glaubst Du, dass die DDR in dieser Form der Grenzsicherung als Gefängnis bezeichnet werden konnte?

    Immerhin war es möglich, in den Osten und Südosten Europas zu reisen, auch wenn eine gewisse politische Einstellung und/oder Organisierungstalent vorhanden sein musste.
    Doch auch für die Länder wie Jugoslawien oder ab Anfang der 80iger Polen, galten strenge Ausreiseregeln.

    Oder wäre diese Art der "Reisefreiheit" nur ein "scheinheiliges" Argument?
     
  7. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    o.t.

    @Köbis17

    Als Gefängnis sicher nicht (es sei denn, Du möchtest z.B. eine mediale Zuspitzung erreichen), aber als komplett abgeriegelten spättotalitären Staat. Natürlich, Du weißt es, konnten wir Westfernsehen schauen, bei Printmedien sah das schon anders aus. Als Wirtschaftsgeschichtsstudent benötigte ich Genehmigungen meines Profs, um z. B. Literatur zur Pengö-Hyperinflation einsehen zu dürfen.

    Peng? ? Wikipedia

    Die "Reisefreiheit" in die sog. Bruderstaaten ist ein "scheinheiliges Argument"!

    Zurück zum Thema GT.

    Manchmal kommt in Witzen oder vermeintlich coolen Sprüchen (den Ausdruck kannte ich seinerzeit nicht) mehr Wahrheit zu Tage, als in vielen Aufsätzen.

    Ich bitte, daß meine Mitdiskutanten den Zynismus von damals 19'jährigen entschuldigen.

    Nach dem Urlaub:

    "Na, wieder zurück, um die Völkerwanderung zu stoppen".

    In Einschätzung unserer militärischen Belanglosigkeit:

    "Im Krieg, gibts für uns keine Aufgabe, aber Gefangenenlager bewachen, das können wir".

    Diese Witze/Sprüche sind zynisch, menschenverachtend und die Opfer beleidigend, aber auch das gehört zur Wahrheit.


    M.
     
  8. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Lieber @Melchior, da gehst Du, glaube ich, zu hart mit Dir selbst um. Witz kann zu Ironie werden, Ironie zu Sarkasmus und Sarkasmus zu Satire. Dass Menschen solche Art von Witzen reißen, stimmt mich eher optimistisch, denn es beweist, dass sie - möglicherweise sogar unbewusst - ihre Situation reflektieren und selbst dann noch sachgerecht über sie urteilen können, wenn sie selbst keinerlei persönliche Einflussmöglichkeit haben. Das ist nicht zynisch sondern der Ausdruck von menschlichen Regungen innerhalb eines unmenschlichen Systems. Zynisch wäre es gewesen, wenn sich Euer böser Spott gegen die "Insassen" des "Gefangenenlagers" gerichtet hätte. Die von Dir genannten Sprüche haben aber EUCH SELBST "auf die Schippe genommen".

    Das beweist mir wieder mal, dass mein Daddy Recht hatte, als er sagte, dass so eine Grenze auf Dauer unmöglich bestehen bleiben kann. Er hat das übrigens zu einer Zeit gesagt, als ich selbst die deutsche Teilung noch für unüberwindlich gehalten habe...

    Bei aller berechtigten Kritik an den Verhältnissen im nicht mehr real existierenden Sozialismus mag sich jeder Kritiker fragen, wie er selbst unter solchen Umständen gehandelt hätte. Wir alle wissen, dass wir immer im Leben die Wahl haben, ob wir widersprechen oder schweigen. In der Bundesrepublik war es immer relativ leicht, NICHT zu schweigen. Trotzdem wurde auch hier und wird auch heute noch im wiedervereinten Vaterland viel zu viel geschwiegen - obwohl heute kaum noch jemand mit der "Vernichtung" seiner Existenz rechnen muss, wenn er redet. Wie wäre es wohl unserem Forenkollegen @Melchior ergangen, wenn er damals in einem Moment der Volltrunkenheit oder der geistigen Reinheit seine gefühlte Stimmung lautstark geäußert hätte? Möglicherweise würden wir heute eine Grünanlage in unserem Städtchen nach diesem mutigen Widerstandskämpfer benennen. Die Aussage ist übrigens ebenso zynisch gemeint wie die mit der Völkerwanderung...

    Dazu ein Zitat: "Nichts ist schwieriger und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!" (Kurt Tucholsky)

    Können wir alle garantieren, dass wir so viel Charakter haben, um immer, wenn man NEIN sagen sollte, dies auch zu tun?

    In dem Zusammenhang muss man bedenken, dass wir über die Zeit des "Kalten Kriegs" reden. Da war die "BRD" (ich hasse diese Abkürzung!) die "Speerspitze" der Nato und die DDR (geht mir leichter von den Lippen) der "Musterknabe" des Warschauer Pakts. Weder wir Wessis noch die Ossis konnten da raus. Wir noch eher als die. Aber auch wir nicht wirklich.

    Und man muss bedenken, dass der "Wettkampf der Systeme" sich mitten in unserem Land abgespielt hat. WIR wären die Letzten gewesen, die aus dem "Spiel" entlassen worden wären. Für die DDR-Regierung hieß das, dass die die Grenze zur Bundesrepublik schließen MUSSTE. Damals lief die berümt-berüchtigte "Abstimmung mit den Füßen". Die hat - langfristig - die Existenz des ostdeutschen Staates in Frage gestellt. Damit auch die Existenz des Ostblocks, insbesondere der Sowjet-Macht.

    Lasst uns nicht schimpfen, dass die Menschen "dort" damals nicht "Nein" gesagt haben! Alle, die es getan haben, sind blutig zusammengeschlagen worden. Man denke nur an 1956. Bis einschließlich Breschnew hätte kein UDSSR-Verantwortlicher irgendeine Verschiebung der Demarkationslinie, geschweige denn ihre Auflösung, hingenommen! Das hätte zum Dritten Weltkrieg geführt. Und den hätte keiner von uns überlebt. So war das alles viel humaner! Das war die erste Revolution in der Weltgeschichte, in der niemand geköpft wurde! Das haben wir (genauer: IHR OSSIS!) gut gemacht.

    Damit mich jetzt niemand für einen Duckmäuser hält, füge ich hinzu, dass ich mit Autorität ganz schlecht umgehen kann. Zum Beispiel taucht im Wachbuch meiner Kaserne vermutlich kein Name häufiger auf als meiner.

    Die Antwort kennst Du doch. Denk mal zurück: Es waren die Ungarn, die ihre Grenze geöffnet und jeden durchgelassen haben. Jeder "Ossi", der raus wollte, ist nach Ungarn gefahren. Botschaftsgärten mit tausenden von Leuten drin. "Genschman", dessen Mittelung im Jubel unterging. Zu dem Zeitpunkt haben die DDR-Oberen wahrscheinlich überlegt, ob sie irgendeine Möglichkeit hatten, ihre Bevölkerung an der Ausreise nach Ungarn zu hindern. Es gab aber keine. Die UDSSR hätte diese Grenze dicht machen können. Die wollte aber nicht. Damit war die Grenze - und damit die DDR - Geschichte.

    Zum Abschluss nochmal: Klagt nicht an! Fragt Euch, wie Ihr unter diesen Bedingungen gehandelt hättet.

    MfG
     
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  9. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Maelonn

    Vllt. hast Du bei dem Lesen meiner Postings bemerkt, daß mein "Ton" immer sachlicher wurde. Warum? Der Grund waren meine Recherchen zum Thema, manche Erinnerung ist nach fast 30 Jahren getrübt. Mein Anspruch war, über ein so sensibles und emotionsgeladenes Thema inhaltlich richtig zu schreiben.

    Die Recherchen führten mich auch zu Foren und Web Sites die ganz offensichtlich von ehemaligen Kameraden unterhalten werden. Nach anfänglichem "Hallo-Effekt", war ich beim lesen der Forenbeiträge und redaktionellen Artikeln entsetzt. Keinerlei Reflektion, Erzählungen von Kameradschaft, "Saufabenden", der Tötung von Grenzsoldaten, bis hin zur Veröffentlichung von Bildern von getöteten Grenzsoldaten, die eher in den Ermittlungsakten bzw. bei der Rechtsmedizin hätten verbleiben sollen.

    Bei der Aufarbeitung der DDR Geschichte besteht, ich schrieb es schon in einem vorangeganenen Posting, eine Fokussierung auf das MfS. Diese Fokussierung wird benutzt, um andere Repressionsinstrumente, wie die Grenztruppen, zu relativieren bzw. zu verharmlosen. Getötete Grenzsoldaten werden benutzt, um das Grenzregime nachträglich zu legitimieren. In meinen Augen ein unsäglicher Versuch. Natürlich sind auch die getöteten Grenzsoldaten Opfer des Grenzregimes, aber sie legitimieren gar nichts.

    M.


    P.S.: Danke für Dein Posting.
     
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  10. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Die Gretchenfrage an der Grenze

    In einer TV Dokumentation PHOENIX - Geheime Treffen zwischen Ost und West wird über eine deutsch- deutsche Grenzflucht von 1982 berichtet.

    Abgesehen davon, dass der DDR Grenzsoldat nach der Flucht von Bauarbeitern aus der DDR an der Grenze zur Verantwortung gezogen wurde und dadurch inhaftiert wurde, macht mich der Satz des Soldaten im TV Interview stutzig.
    Er berichtet, daß die Bauarbeiter eine freie Situation nutzten und über die Grenze Richtung Bayern flohen. Bevor der Grenzsoldat mitbekam was passierte, war es schon zu spät. Seine Worte dazu waren: "In den Rücken schiessen, ist Mord..."

    Huch, jetzt stellt sich mir wieder die Frage, wenn der Republikflüchtling mit dem Gesicht zum bewaffneten Soldaten steht und er schießt im Angesicht nieder, ist es kein Mord?
    Hatte der Grenzsoldat zuviele Western gelesen?

    Letzlich wurde der Grenzsoldat für die Republikflucht anderer mit Zuchthaus bestraft und im militärischen Rang degradiert.

    Wie symptomatisch konfus doch dieses Beispiel für die DDR und ihre Grenze und ihre Gesellschaft steht.

    Ohne Worte.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hat er das damals gesagt, um sich zu rechtfertigen (und heute so wiedergegeben) oder sagt er das in der Rückschau?
     
  12. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Er hat es gesagt, um sich heute zu rechtfertigen, aber so, als ob es seine damaligen Gedanken waren.
    Der wahre Grund, warum er nicht schiessen konnte, war, daß die Bauarbeiter von Bundesgrenzbeamten empfangen wurden. Ein Schiessen in die selbe Richtung, war unmöglich...

    Er saß dafür im DDR Knast und kann heute immernoch nicht die Wahrheit wiedergeben...total geistig "verseucht"?
     
  13. urvo

    urvo Aktives Mitglied

    Hallo,
    ein -nach meiner Meinung - recht realistischer Film zu diesem Theme ist " Drei Stern Rot " aus dem Jahr 2001, den ich vor einigen Tagen erneut gesehen habe. Ein Film der sehr nachdenklich macht und Nachdenken fordert. Es wurde vieles -wenn auch gelegentlich überzeichnet dargestellt - wieder in Erinerung gerufen.
     
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  14. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Ich habe mir die Dokumentation gestern auch angesehen und selbige nach 15 Minuten wieder ausgemacht.

    Der "Sound" der Story ist m.E. nicht stimmig. Richtig ist, aus meiner Erfahrung, daß bei der sog. Absicherung von Arbeiten im Schutzstreifen ("500-Meter-Streifen") manche Dienstvorschriften nicht eingehalten wurden, ganz einfach weil man sich lächerlich gemacht hätte. Die Arbeiter (Forstarbeiter, Bauern) waren einem bekannt, die vorgeschriebene Personenkontrolle beschränkte sich auf einen flüchtigen Blick auf den "Berechtigungsschein" <= den genauen Begriff erinnere ich nicht mehr, noch nicht einmal der Personalausweis wurde kontrolliert. Mit den Arbeitern wurde gequatscht, zusammen gegessen.

    Die Arbeiten wurden während der Vergatterung angekündigt und dem Postenführer die Namensliste der Arbeiter übergeben.

    Aber, 1981, befand sich im Hintergrund immer noch die Minensperre und der Kfz-Sperrgraben.

    Zurück zur Dokumentation.

    Richtig ist, Meliorationsarbeiten waren ein Grund, daß Arbeiter in Abschnitten arbeiteten, die gleichsam offen in den Westen waren. Richtig ist auch, daß Soldaten der GT diese Arbeiten "absicherten". Richtig ist auch, daß Beamte des BGS bzw. der BGP da oft "vor Ort" waren, den Zollgrenzdienst erinnere ich dabei nicht.

    Die Arbeiten erfolgten natürlich im zivilen Rhythmus und nicht im Schichtrhythmus der Grenzkompanien. Entsprechend war die Postenzusammenstellung, ich hatte als Postenführer manchmal das "Vergnügen" solche Arbeiten "abzusichern". Ich jedenfalls hatte nie die selben Kameraden als Posten.

    Kontakt zu den westlichen Grenzschützern gab es, aber mehr als "Hallo" und "Wie lange dauern die Arbeiten?" gab es nicht. "Leberwurstsemmeln", Zigaretten und Zeitschriften unvorstellbar. Da geht wirklich die Phantasie durch. Man stelle sich vor, ich kam von der Schicht zurück, mit der neuen "Bravo" in der Seitentasche. ;)

    Hier wäre eine Recherche sowohl in dem Militärachiv, Postenzusammenstellung, als auch im BStu Archiv angezeigt. Manche Flucht diente auch der Legendierung.

    M.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Februar 2011
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  15. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Ich bin beim Zurücklesen auf diese etwas ältere Frage gestoßen. Nach Polen hin war in den achtziger Jahren die Grenze meist zu, was mit dem Kriegsrecht in Polen zu tun hatte. Ab 1984 konnte man zum Teil rüber, es gab den sogenannten "Kleinen Grenzverkehr", das heißt, man durfte von Frankfurt/Oder zum Beispiel nach Swubice. 1989 gab es strenge Grenzkontrollen und Militärpatrouillen in der Stadt, es war legal für den Einzelnen kaum möglich, über die Grenze zu kommen. Den meisten Teil der Grenzsicherung übernahm allerdings die Oder, deshalb sah man außer Grenzpfosten kaum etwas.
     
  16. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @hjwien

    Ich war 1985 als Austauschstudent an der Hochschule für Ökonomie und Ökonometrie in Warschau. Da gab es keine Restriktionen, die polnischen Grenzbeamten, der Zoll, die Miliz und auch die Militärpolizei (Kriegsrecht), waren äußerst korrekt.

    "Im Gegensatz zur Sicherung der "Staatsgrenze West" wurden die beiden Grenzen zu Polen und der CSSR nur überwacht (<= Militärjargon). Da war ich nicht involviert. Es gab keinen pioniertechnischen Ausbau. Ich denke, die sind einfach Streife gelaufen, und zwar in sehr großen Abständen. Hier standen Zollvergehen (schmuggeln von Zahlungsmitteln und Waren) im Vordergrund."

    Eigenzitat, 12. Oktober 2010, siehe dort.

    M.
     
  17. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Ja, 1985 galt ja auch kein Kriegsrecht mehr, und organisierter Austausch war natürlich üblich, ich war 1984 in den Ferien mit der Schulklasse in einem polnischen Pfadfinderlager an der Ostsee.
     
  18. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @hjwien

    Korrekt. 1985 galt das Kriegsrecht nicht mehr, aber die Präsenz der Militärpolizei war, zumindestens in Warschau, unübersehbar.

    M.:winke:
     
  19. Treibsand

    Treibsand Neues Mitglied

    Die Grenze zur CSSR wurde nur durch Streifentätigkeit überwacht -ausser
    an Strassenkontrollpunkten etwa Zinnwald / Morgenröthe , wo es
    feste Kontrollposten und auch Zoll gab.
    An blossen Feld-und Wanderwegen gab es die üblichen Hinweise ;
    " Achtung Staatsgrenze - Übertreten verboten ! ".

    In Richtung Westen betrieb auch die CSSR eine intensives Grenzregime .
    Wir gerieten mal nachts und bei Nebel in die falsche Richtung :still:....
    Es endete an einen schwarz-gelb schräggestreiften Doppel-T-Träger
    quer über beide Fahrspuren und " Waffenbrüdern " mit angelegten Kalaschnikoffs =)
    Anschliessend 8 Stunden Befragungen und Personalfeststellungen - ehe wir in entgegengesetzte Richtung ( Prag ) weiterfahren durften ....
     
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  20. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Das hört sich ja "abenteuerlich" an.
    Ich vermute, Ihr wart damals DDR-Bürger?
     

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