Härteausbildung der SS-Totenkopfstandarte

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von BerndHH, 10. November 2013.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die "Truppenhistorie" der LSSAH hat den Vorgang selbstredend zurückgewiesen und Erklärungen gesucht, in sich in Andeutungen über Anfeindungen durch Wehrmachtsstellen (in "Konkurrenz" zur SS) etc. und taktischen "Erklärungen" ergehen.

    Es handelt sich hier jedoch um ein "ordinäres" Wehrmachtskorps, dass sich mit der unterstellten Elitetruppe (im Selbstanspruch) "unzufrieden" zeigte. Man muss sich das einmal zugespitzt vorstellen: die Kerntruppe des Weltanschauungskrieges wird abgekanzelt, und schlechter eingestuft als polnische Armeeverbände.

    Zum Weiteren: Böhler, Auftakt zum Vernichtungskrieg, hat auch die SS-Verfügungstruppe und die Totenkopfverbände, teils in den "Einsatzgruppe" im Vernichtungskrieg, teils an der Seite von Wehrmachtsverbänden (wie SS-VT, LSSAH, verschiedene Totenkopfstandarten, untersucht (S. 221-231).

    Die im Verband mit Wehrmacht marschierenden und kämpfenden Totenkopfverbände, die SS-VT und die LSSAH unterschieden sich in den Übergriffen und Massaker gegen Zivilbevölkerung und Kriegsgefangene wenig von den Vorfällen im Rahmen der normalen Wehrmachtsverbände. Zum Teil kämpfte diese "Nebenarmee" sogar vermischt, Verbrechen geschahen allerorten, sowohl bei reinen Wehrmachtsverbänden, bei den Durchmischungen, als auch bei LSSAH, SS-VT und Standarten. Ein Beispiel:
    "In Wirklichkeit verhielten sich die Soldaten der LSSAH auf ihrem Vormarsch nach Nordwesten jedoch kaum anders als ihre Kameraden von der 8. Armee."
    (Böhler, S. 223).

    Im Klartext: sie begingen die gleichen Verbrechen. Die Wehrmachtsverbände, die nicht diesen "Schulungen" der SS unterlegen hatten, verhielten sich in den Verbrechen ähnlich, zum Teil lief so etwas sogar "kooperativ" ab (etwa bei der Durchmischung von Infanterieregiment 95 und LSSAH und dem Massaker von Zlosczew). Unterschiedlich war nur der "Ruf" der LSSAH, "keine Gefangenen zu machten", "die radikalste Truppe zu sein", die "jeden Gegner restlos vernichtet".

    Da die gleichen Verbrechen geschahen, sogar überwiegend durch Wehrmachtsverbände, ist ...

    1. die angebliche besondere Wirkung der "Schulungen" und der "besonderen Härte" in der Kausalkette zu Kriegsverbrechen und Genozid zu hinterfragen. Böhlers Studie weist zahlreiche Verbrechen gleichlaufend nach, die ...

    2. damit auch in Frage stellen, hier in angeblich abweichenden "Sozialstrukturen" zwischen SS-VT und Totenkopfstandarten einerseits und dem Wehrmachts-Querschnitt andererseits (im übertragenen Sinne "ganz normaler Männer" Brownings) entscheidende Ursachen zu sehen.

    Zur Frage von Bildung und "Kerntruppe des Genozids" bzw. des Weltanschaungskrieges komme ich noch auf die Studie von Wildt ("Generation des Unbedingten") zurück, Fortsetzung folgt also.
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zum Abschluss und Kontrast die "Tätergruppe" im RSHA, die "Kerngruppe des Genozids" (Ulrich Herbert).

    Im Gegensatz zur Politischen Leitung der NSDAP, höheren Beamten und Generalität: generationelle Homogenität, deutlich jünger und akademisch gebildeter.

    Birns Analyse der Höheren SS- und Polizeiführer (HSSPF) ergab, dass diese dazu im Gegensatz der älteren "Frontgeneration" des Ersten Weltkrieges angehörten. Orths Untersuchung der Konzentrationslager-SS zeigt in der Führung ebenfalls eine ältere Gruppe, an Eicke orientiert, die erst 1941/42 durch jüngere abgelöst wurden. Diese nachfolgende jüngere Generation der KZ-SS weist die größeren Ähnlichkeiten zum RSHA auf. Die Führung ist Eickes Schülergeneration, aber nicht in Bildung und Homogenität dem RSHA vergleichbar. Dann weiter das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt, ältere Generation als RSHa, bürokratisch geprägte Führung, von "hypertrophen ökonomischen Plänen" geleitet, sozusagen ein bürokratischer, ökonomisch orientierter Funktionsapparat (Schulte). Dann wiederum die Polizeigruppen, häufig mit älteren Offizieren der "Frontgeneration" bzw. bis in die 1930er auch ohne NS-Bezug und ohne "Konzentrationslager-SS-Drill".

    Die Aufstellung zeigt, wie unterschiedlich die "Gruppen" des Genozids gesehen werden müssen, und wie sie verbrecherisch im Genozid wieder zusammen wirkten. Die differenzierte Aufstellung zeigt außerdem, dass "Bildung" hier keine Rolle spielte, alle Schichten beteiligt waren, und mehrere Generationen, mit oder ohne Front- und Kriegserfahrungen 1914-18.

    Wildt führt das dann weiter aus, und bringt Aspekte in der Zusammenfassung, die hier aber zu weit führen, ein Profil der Täter im RSHA:
    - Generation
    - Bildung
    - Weltanschauung
    - "Dynamik" der Institution, bzw. das Handeln in der gelenkten Organisation nebst
    - Radikalisierung und Entgrenzung der Gewalt "in der Praxis"
     
    1 Person gefällt das.
  3. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Moin, Moin,

    ich habe noch etwas anderes gefunden:

    Strafvollzugslager der Waffen-SS in Danzig-Matzkau
    https://de.wikipedia.org/wiki/Strafvollzugslager_Danzig-Matzkau

    Interessant ist, dass es bei der SS nur "ganz oder gar nicht" gab. Nichts dazwischen. Entweder zu 100% im Schwarzen Korps und sich auch bedingungslos dem unterwerfen, was der Vorgesetzte befahl oder halt auch ganz schnell die andere Seite kennenlernen. Also der Grad zwischen SS-Mann und KZ-Häftling war anscheinend sehr schmal.

    Gruss,
    Bernd
     
  4. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Da ich noch nie eine Zeile von den Ansichten das Mr. Hobbes gelesen habe, kann ich auch nicht hobbesianisch argumentieren. Ich schreibe lediglich aus Beobachtung und Lebenserfahrung, die auch die Erfahrungen des Lebens in der Diktatur beinhalten.
    Dass der Mensch auch die Fähigkeit zur Hilfeleistung und Uneigennützigkeit besitzt, würde ich nie bestreiten. Aber die finstere Seite ist ein ebensolcher Bestandteil der menschlichen Natur. Auch dass Menschen sich in der Not beistehen, ist eine Eigenschaft des Menschen, die ihn zur erfolgreichsten Art gemacht haben. Allerdings hält dieser Zustand selten sehr lange an. Sobald es Einigen wieder besser geht ist der Zusammenhalt schnell wieder dahin und der Neid gewinnt die Oberhand.

    Das Eine schließt das andere nicht zwingend aus. Auch die brutalsten SS-Männer machten sicher gern ihren Angehörigen oder Bekannten eine Freude oder waren ihnen gegenüber hilfsbereit und empfanden dabei auch Glücksgefühle. Das ist ja auch ein Grund dafür, dass sich viele Angehörige gar nicht vorstellen können, dass der liebevolle Vater, Onkel oder Großvater an solch monströsen Verbrechen beteiligt gewesen sein soll. Sie haben überwiegend die positive Seite dieses Menschen erlebt. Hätte er nie die Gelegenheit bekommen seine dunkle Seite auszuleben, wäre er in seinem Leben wahrscheinlich auch überwiegend positiv gewesen.

    Das Argument, dass Strafen Verbrechen nicht verhindern, trifft m.M. nach nur auf speziell kriminell veranlagte Menschen zu. Die Mehrheit wird durchaus davon abgehalten sich ungesetzlich zu verhalten. Alles was nicht verboten ist aber trotzdem als nicht so ganz ehrehaft gilt, wird von den Meisten auch durchaus betrieben ohne an großen Gewissensbissen zu leiden.
    Jeder Autobahnraser geht davon aus, dass er nicht geblitzt wird. Sobald er weiß, dass an einer bestimmten Stelle kontrolliert wird, fährt er dort natürlich in der erlaubten Geschwindigkeit, um ,sobald er daran vorbei ist wieder aufs Gas zu treten. Weshalb macht er das wohl ? Weil er die Strafe vermeiden will ,wenn er genau weiß wo sie 100-prozentig droht.
     
    1 Person gefällt das.
  5. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @BerndHH

    Erlaube mir bitte ein kurzes Resumee. Sicher gab es ein „System Eicke“ , mit Sicherheit hatte der „Inspekteur der KL“ Einfluß auf die Ausbildung und den Einsatz von Angehörigen der SS-VT und der TKV. Es wurde aber auch gezeigt, dass die Teilhabe an Verbrechen nicht davon abhing, ob die Täter das „System Eicke“ durchliefen oder nicht, oder ob sie einer „Härteausbildung“ bei der SS unterzogen wurden oder auch nicht. Silesia zeigte dieses exemplarisch in Postings zu „Täterprofilen auf, die auch die aktuelle Literaturlage hierzu widerspiegeln.

    Zu diesem Themenkreis möchte ich noch eines kurz ins Bewusstsein rufen. Die Aktion T4, hier war die SS und der SD weder planend noch durchführend beteiligt. Hier ist zu konstatieren, die beteiligten gutachterlich tätigen Ärzte brauchten offenbar keine „Härteausbildung“ die die direkt Exekutionen Durchführenden wohl auch nicht.

    Daß beteiligte Täter der Aktion T4 später bei Shoa mitwirkten ist nachgewiesen, die vollständige Wechselwirkung T4 óShoa ist m.E. historisch noch nicht vollständig gesichert.

    M.
     
    1 Person gefällt das.
  6. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Gute Zusammenfassung und mit T4 sehr gute Ergänzung
     
  7. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Hallo Melchior,
    Vielen Dank für Deine Zusammenfassung und auch meinen Dank an Silesia für seine guten Beiträge.

    Es hat sich ja auch eine sehr rege Diskussion mit vielen Hinweisen und Zitaten entwickelt, über die ich mich sehr gefreut habe.

    Kern meiner Frage war eigentlich, ob es irgendwelche speziellen Ausbildungsmethoden zur systematischen “Entmenschlichung” des SS-Wachsturmbanns Dachau (oder exemplarisch für den TV, der für die Bewachung der KZs zuständig war) gegeben hat. Anscheinend ja nicht, denn offenbar gibt es dazu keine bekannten Quellen dazu.

    Die “Entmenschlichung” hat ja schon bereits viel früher begonnen, entstanden vielleicht aus einer rohen Zeit (nennen wir es einmal so), die gewalttätigen 1930er Jahre, die Blutorgien der SA 1933, “Köpenicker Blutwoche”, etc., die dann noch später von der SS übertroffen wurde. Politischer Mord und die brutale Verfolgung Andersdenkender wurde schon sehr früh Programm auch gegen die eigene Bewegung, siehe Röhm-Putsch, die “Nacht der langen Messer”, die Ermordung Röhms durch Michael Lippert und Theodor Eicke, etc.

    All das schuf ein Klima, in dem sich menschliche Perversionen, Sadismus, etc. ideal entfalten konnten.

    Ich versuche mir das nur bildlich vorzustellen, was in einem SS-Mann des TV damals vorging. Sehr schweirig aus der heutigen Sicht. Selbst Erniedrigungen zu erleiden, Opfer von Schinderei und vielleicht auch Schikane zu werden ist eine Sache, aber der Hass muss viel tiefere Wurzeln gehabt haben. Ein Hass, der sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. Hass auf Kommunisten, Männer, Arbeiter aus dem gleichen Stadtviertel, gleicher Bildungshintergrund, nur unter der roten Fahne. Irgendetwas, was nur auf ein äußeres Signal wartete, um loszuschlagen. Ich spreche nicht von den Offizieren, sondern von den einfachen SS-Mannschaftsdienstgraden. Als Beispiel Arbeitslose, gescheiterte Existenzen, all die, die während der 1930er Jahre zu kurz kamen, nie gesellschaftliche Anerkennung gekannt haben und irgendwann hatten sie die schwarze Uniform an, den Totenschädel auf der Schirmmütze und eine nie zuvor gekannte Macht.
    Gruss und schönes WE,
    Bernd
    Und hier noch etwas, was ich gefunden habe, oder habe ich das schon gepostet?
    Konzentrationslager-SS | Nicolaus Raßloffs Blog
    Quellen: Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS. Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien, Göttingen: Wallstein 2000.
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ein aktueller Nachtrag:

    Zur Frage der Befehlsverweigerung in Bezug auf Verbrechen war auch das Thema "Erschießungskommandos" parallel geführt.

    In der neuen MGZ 1/2013, S. 23-50 ist nun folgender Fall (Hintergrund: "Mythos Sponeck" - als Regimegegner und Widerstandskämpfer) besprochen:
    Erik Grimmer-Solem: »Selbständiges verantwortliches Handeln«. Generalleutnant Hans Graf von Sponeck (1888–1944) und das Schicksal der Juden in der Ukraine, Juni–Dezember 1941.

    Sponeck (erschossen am 23.7.1944) ist der Musterfall von Befehlsverweigerung in militärischen Fragen, sozusagen "Musterfall für Mut und selbständigem verantwortlichem Handeln" (Graf Einbeck). Die Erwartungshaltung bei der Untersuchung war, dass solch ein Mann mglw. auch den Mut aufgebracht hätte, den Vernichtungskrieg abzulehnen.

    Das Gegenteil ist der Fall: er machte in vollem Umfang mit, was der Aufsatz untersucht hat.
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Speziell zu unserem älteren Dachau-Thema eine Neuerscheinung, die die Überschrift trifft:

    Christopher Dillon: Dachau and the SS: A Schooling in Violence, 2015.
     

Diese Seite empfehlen